Panzerglas, Potemkin, Populismus: Die Woche, in der Amerika sich selbst feierte — und dabei zerlegte

Illustration: KI-generiert

Zwei Bilder, ein Land

Es gibt Momente in der Geschichte einer Nation, in denen sich alles, was diese Nation über sich selbst zu wissen glaubte, in einem einzigen Bild verdichtet. Diese Woche lieferte gleich zwei davon, und man wusste nicht recht, welches den Betrachter härter treffen sollte. Da war, in den Black Hills von South Dakota, ein Sommerabend unter den vier steinernen Präsidentenköpfen, wie sie starrer und stummer nicht in einen Himmel schauen können, der gleich in Farben explodieren wird. Unter ihnen, auf der Amphitheaterbühne, sprach Donald Trump hinter einer Wand aus dickem Panzerglas. Die Menschen im Rund hatten sich Monate zuvor per Lotterie um einen Platz beworben, und sie jubelten jetzt auch jenem Satz zu, in dem der Präsident seinen politischen Gegnern das Exil androhte.

Zweitausend Kilometer und zweieinhalb Jahrhunderte entfernt liegt ein anderer Sommertag, den man in dieser Woche unwillkürlich mitdenken musste. Am 2. Juli 1776 standen im zweiten Kontinentalkongress zu Philadelphia die Delegierten der dreizehn Kolonien nacheinander auf und gaben ihr Votum ab. Als am Ende die Unabhängigkeit beschlossen war, brach kein Jubel aus. Die Männer schwiegen. Die Last des Beschlossenen lag schwer im Raum.

US Politik Deep Dive: Der Podcast mit Alana & Ben

Zwischen diesen beiden Bildern entfaltet sich die Geschichte einer Demokratie, die in ihrer eigenen Jubiläumsfeier mehr über sich verrät, als ihr lieb sein kann. Denn was diese Woche vor dem 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten geschah, zeigte eine Republik, die sich selbst feiert — während ihre Sehnsuchtskraft gerade die Koffer packt nach Europa. Es war eine Woche, in der auf der National Mall Riesenräder stehen blieben, in der der Supreme Court die letzten Leitplanken der Nachkriegsordnung aus den Angeln hob, in der Washington im Nahen Osten eine diplomatische Niederlage von historischem Ausmaß hinnahm, und in der eine italienische Premierministerin einem amerikanischen Präsidenten in einem Nebensatz beibrachte, wie sich das anfühlt, wenn Größe in Statur umschlägt und nicht in Sprache.

Sechs Fronten, ein Motiv. Man kann diese Tage kaum lesen, ohne die alte Frage zu stellen, die schon Tocqueville gestellt hat: Kann sich diese Republik noch selbst reparieren? Was folgt, ist der Versuch, sich dieser Frage in Etappen zu nähern.

Das Fest, das keins war — die National Mall als Röntgenbild

Beginnen wir dort, wo die Symptome am sichtbarsten sind, an einem Ort, an dem eine Nation eigentlich das Beste von sich selbst zeigen wollte. Auf der National Mall in Washington sollte am 4. Juli die „Great American State Fair“ die Republik vereinen. Was sich dort abspielte, gehört in die Chronik jener seltenen Ereignisse, in denen die Kulisse eines politischen Projekts so eindeutig einstürzt, dass die Metapher jede Beschreibung überflüssig macht.

Schon der Einlass war ein Debakel. Bei achtunddreißig Grad Hitze staute sich eine ungeduldige, schwitzende Menschenmenge vor den stählernen Sicherheitsbarrieren, während hinter den Absperrungen noch immer hastig letzte Baumaterialien aus dem Bild der Fernsehkameras geräumt wurden. Als die Tore endlich öffneten, blieb das Herzstück, ein über dreiunddreißig Meter hohes Riesenrad, nach kurzer Zeit stehen; der Generator kollabierte. In den Kühltruhen schmolz tonnenweise Speiseeis zu einer klebrigen Masse, und Wasser gab es nur noch lauwarm ohne Eiswürfel.

Wer eine Ahnung amerikanischer Provinz suchte, fand eine Preisspirale und kulinarische Trostlosigkeit. Ein simples Sandwich aus Erdnussbutter und Marshmallowcreme wurde als „Original Liberty Sandwich“ für dreizehn Dollar verkauft. Preisgekrönte Zuchtschweine, ikonische Butter-Kühe, herzhafte Corn Dogs — Fehlanzeige. Statt dessen dorische Säulen, lieblos auf flache Holzwände gepinselt, als sollte hier eine Agora simuliert werden, die es nie gab. Im „Sky Tunnel“ konnten Besucher an der Seite autonomer Tarnkappenbomber durch virtuelle Lüfte gleiten. Und im „Faith and Family Pavilion“, der eigentlich als Ort ziviler Besinnung gedacht war, lag Literatur einer radikalen Erweckungsbewegung aus, die den Anschlag von Christchurch als Operation finsterer Geheimdienste umdeutete.

Hinter der Fassade dieser Peinlichkeiten öffnete sich der eigentliche Skandal. Der Kongress hatte für die Feierlichkeiten hundertfünfzig Millionen Dollar bewilligt — ein Budget, mit dem professionelle State Fairs sonst über Wochen hinweg Millionen Gäste unterhalten. Die Fäden liefen bei einer Firma namens Event Strategies zusammen, jener Agentur, die auch die Logistik der Kundgebung am 6. Januar 2021 organisiert hatte. Achtundsechzig Millionen Dollar flossen nicht direkt in die Veranstaltung, sondern über eine undurchsichtige Non-Profit namens „Freedom 250″ — ein rechtliches Schlupfloch, das die strengen Transparenzregeln des Bundes elegant umging. Fast vierzig Millionen Dollar an Bundesaufträgen gingen an dieselbe Firma; über dreizehn Millionen davon in freihändiger Vergabe, ohne jeden Wettbewerb.

Zahlreiche demokratisch regierte Bundesstaaten boykottierten das Fest, und die visuelle Konsequenz war verheerend. In den Pavillons von Hawaii und Alaska standen leere Schaukelstühle, die erschöpfte Besucher als Schattenplätze nutzten. In North Carolina hisste eine private rechte Gruppe unbehelligt eine Konföderiertenflagge — ein historischer Affront im Herzen der Hauptstadt. Kalifornien zeigte einen großen Pappaufsteller seines Bären, Georgia einen KI-Comic zur Hühnerzucht, Alabama Golfplätze.

Und dann, kurz bevor die Nation zu sich kommen konnte, kippte auch noch das Wetter. Eine Sturmwarnung der Stufe drei riss die Stadt aus ihrem Delirium. Der Secret Service ordnete die Evakuierung an. Zehntausende, die stundenlang in den Sicherheitsschlangen ausgeharrt hatten, rannten plötzlich um Trockenheit. Und ein harter Kern der Menge weigerte sich, den Anweisungen zu folgen. Sie reckten die Fäuste in den regenschweren Himmel und brüllten im Chor „U.S.A., U.S.A.“ — als ließe sich ein Sturm durch Patriotismus niederringen. Ein Mann schrie einem Beamten ins Gesicht, dies alles sei nur eine Erfindung „liberaler Meteorologen“. Es war jener Moment, in dem die Rebellion gegen die politische Wirklichkeit vollends in eine Rebellion gegen die Physik überging.

Kurz nach dreiundzwanzig Uhr betrat der Präsident die Bühne, klatschnass und historisch aufgeladen. Auf der Bühne wehte eine Flagge vom D-Day, daneben ruhte ein Tuch, das einst den Sarg Abraham Lincolns bedeckt haben soll. Die Requisiten sollten Kontinuität behaupten, doch die Rede leistete das Gegenteil. Politische Gegner wurden zu „gottlosen Kommunisten“ erklärt, die Opposition zum „Krebsgeschwür“, das man „herausschneiden“ müsse. Der zähe Krieg gegen den Iran wurde zum triumphalen Glanzstück umgedeutet — die iranische Marine sei „restlos versenkt“. Und aus dem Feiertag wurde eine Wahlkampf-Attacke auf das Wahlrecht selbst: der „Save America Act“, das definitive Ende der Briefwahl, drastisch verschärfte Ausweispflichten.

Es passte in dieses Bild einer Republik im Schleudergang, dass zeitgleich die Brooklyn Bridge während des New Yorker Feuerwerks in Flammen aufging. Touristen hielten das brennende Wahrzeichen zunächst für einen Teil der Show. Über Washington wiederum wurde das pompöse Finale von so viel Schwefel und Rauch verschluckt, dass die millionenschweren Raketen unsichtbar in einem grauen Smog erstickten. Wer wollte, konnte sich fragen, ob nicht das Bühnenbild dieser Woche eine prophetische Genauigkeit besaß, die sich mit keinem Skript hätte planen lassen.

Und doch — dies gehört zur Ehrlichkeit dieser Chronik — geschah an den Rändern des Landes an denselben Tagen etwas anderes. Auf den sonnendurchfluteten Anwesen von Monticello und Mount Vernon schworen Hunderte Einwanderer aus über fünfzig Nationen ihren Eid auf die Verfassung. Ein Trommelkorps von Teenagern in Uniformen aus dem Unabhängigkeitskrieg marschierte auf, die Nationalhymne wurde auf einem Banjo aus dem neunzehnten Jahrhundert gezupft. Eine junge Frau aus Indien hatte neun Jahre auf diesen Moment gewartet. Ein Marine-Sergeant aus Guinea stand stramm in seiner blauen Paradeuniform. Und eine marokkanische Mutter presste die frisch gedruckten Papiere an die Brust, um sofort zur Wählerregistrierung zu eilen — angetrieben von der nackten Angst, das politische Zeitfenster könne sich bald für immer schließen. Der feierliche Schwur wurde zur Kampfansage an den Zustand jener Republik, in die man gerade eingetreten war.

Der stille Umbau des Staates — die Richter am Werk

Während oben auf der Mall die Pyrotechnik im Regen ertrank, geschah wenige Straßen weiter, in den ehrwürdigen Marmorkorridoren des Supreme Court, das eigentlich Bedeutsame der Woche. Denn hier vollzieht sich, kühl und bürokratisch, ein architektonischer Umbau der amerikanischen Präsidentschaft, dessen wahre Konsequenzen das Land wohl erst in den kommenden Jahrzehnten spüren wird.

Die konservative Mehrheit des Gerichts hat in dieser Sitzungsperiode ein Präjudiz aus dem Jahr 1935 zerschlagen, das jahrzehntelang als unantastbar galt und in Fachkreisen unter dem Namen „Humphrey’s Executor“ firmiert. Was klingt wie eine trockene Fußnote der Verwaltungsgeschichte, war in Wahrheit das Fundament einer ganzen Staatsphilosophie: die Vorstellung nämlich, dass es Behörden geben darf, die nicht auf Zuruf des Weißen Hauses zu funktionieren haben. Die unabhängige Handelskommission, die Börsenaufsicht, die Sonderermittler — all diese Institutionen waren einst mit Absicht gegen den kurzfristigen Zugriff des Präsidenten abgeschirmt worden. Nach dem Watergate-Trauma hatte man Leitplanken eingezogen, damit der Chef der Exekutive den Staatsapparat nicht wie ein persönliches Werkzeug führen kann. Diese Leitplanken hat der Court jetzt weggeschlagen. Der Präsident darf, so das Urteil, die Leiter unabhängiger Kommissionen nach eigenem Ermessen entlassen.

Man muss die Ironie dieser Entscheidung ausbuchstabieren, weil sie im konservativen Siegestaumel gerne übersehen wird. Das Urteil ist ein zweischneidiges Schwert. Es gibt Donald Trump vollkommen freie Hand, unliebsame Beamte zu feuern; es gibt aber jedem künftigen demokratischen Präsidenten dasselbe Recht. Die Idee eines professionellen, überparteilichen Beamtentums, das Krisen jenseits hitziger politischer Zyklen managt, wurde in dieser Woche zu Grabe getragen.

Zugleich offenbarte das Gericht eine Heuchelei, die selbst wohlwollende Verfassungsrechtler kopfschüttelnd zurückließ. In einer knappen Fünf-zu-Vier-Entscheidung schützte es die Federal Reserve, die amerikanische Notenbank, vor genau jener präsidialen Willkür, die es der Handelskommission zugemutet hatte. Der Rauswurf der Notenbankerin Lisa Cook wurde gestoppt, weil ihr nicht genug Zeit gegeben worden sei, sich zu verteidigen. Chief Justice Roberts konstruierte dafür eine abenteuerliche historische Kontinuität, die bis zur ersten Nationalbank der Gründungsära zurückreichen sollte. Der wahre Grund liegt anderswo. Die Wall Street verlangt eine handzahme Handelsaufsicht, aber sie fordert eiserne Stabilität bei der Fed. Der Court liefert die Maßarbeit.

An einer dritten Front musste der Präsident dagegen eine schmerzhafte Niederlage einstecken. Im Fall Watson gegen RNC bestätigten die Richter ein Gesetz aus Mississippi, das Briefwahlstimmen noch fünf Tage nach dem Wahltag akzeptiert, solange der Poststempel stimmt. Damit sind auch die Regelungen in achtzehn weiteren Bundesstaaten geschützt, darunter Nevada. Für Trump, dessen politische Existenz sich seit Jahren an der Legende einer gestohlenen Wahl entzündet, war das eine schroffe Abfuhr. Seine Reaktion glich einem digitalen Vulkanausbruch: die apokalyptische Forderung nach dem „Save America Act“, eine namentliche Anprangerung republikanischer Senatoren wie Mitch McConnell, Susan Collins und Lisa Murkowski, die dem Vorhaben im Weg stehen.

Hinter diesem Ausbruch tobt ein strategischer Bürgerkrieg innerhalb der Republikanischen Partei. Die radikale Basis glaubt tatsächlich, das Ende der Briefwahl bringe ihr landesweite Erdrutschsiege. Die Pragmatiker im Hintergrund wissen es besser. Sie haben die demografischen Verschiebungen studiert und erkannt, dass gerade jene neuen republikanischen Wählerschichten, um die man mühsam wirbt, besonders bequem auf die Briefwahl zurückgreifen. Ein rigoroses Verbot würde langfristig der eigenen Partei das Genick brechen.

Und dann war da noch die Frage des Geburtsrechts, an der sich das Selbstverständnis Amerikas seit den Reconstruction-Amendments entscheidet. Sechs zu drei stimmten die Richter gegen Trumps Exekutivanordnung, die das automatische Staatsbürgerrecht für Kinder von Einwanderern per Federstrich beseitigen sollte. Doch Brett Kavanaugh fügte in einem separaten Votum den entscheidenden Satz hinzu: Der Kongress dürfe das Geburtsrecht sehr wohl auf gesetzlichem Wege abschaffen. Damit schrumpfte die schützende Mehrheit auf ein hauchdünnes Fünf-zu-Vier. Eine Position, die vor zehn Jahren noch am rechtsradikalen Rand der Debatte lag, steht heute im Vorhof der Verfassungsrealität. Es fehlt nur eine einzige weitere Richterstimme. Und die Basis reagierte auf diese knappe Niederlage nicht mit rechtsphilosophischer Reflexion, sondern mit einer unerbittlichen Hetzjagd auf Amy Coney Barrett, die in den sozialen Netzwerken plötzlich als Verräterin und Quotenkompromiss verspottet wird.

Und schließlich, fast am Rande, kippte der Court einen weiteren Präzedenzfall — die Colorado-II-Entscheidung von 2001, die die Wahlkampffinanzierung noch mit einem letzten Fangnetz versah. Politische Parteien dürfen künftig unbegrenzte Summen in direkter Koordination mit ihren Kandidaten ausgeben. Die letzte Brandmauer im amerikanischen Spendensystem ist damit gefallen. Im aktuellen Kräfteverhältnis ist das ein unschätzbarer Vorteil für die kapitalstarke Republikanische Partei, während die Demokraten unter Schuldenbergen ächzen.

Der Kniefall in Teheran — Chameneis Sarg und Trumps Vertrag

Während in Washington die inneren Umbauten liefen, wurde am 3. Juli am Persischen Golf eine geopolitische Zäsur besiegelt, die man in ihrer Tragweite kaum überschätzen kann. Im Grand Mosalla von Teheran wurde Ajatollah Ali Chamenei beigesetzt, der seit dem 28. Februar tot war und dessen späte Trauerfeier zum diplomatischen Empfangssalon einer neuen multipolaren Ordnung geriet. Über tausend ausländische Würdenträger reisten an. Neben dem Sarg standen der frühere russische Präsident Medwedew, ein Vizechef des chinesischen Volkskongresses, der pakistanische Premierminister mit seinem Feldmarschall und die Taliban-Größen Baradar und Muttaqi.

Zur selben Stunde saßen im katarischen Doha Steve Witkoff und Jared Kushner beim Emir zusammen. Direkt miteinander sprachen Amerikaner und Iraner nicht; Pakistaner und Katarer trugen die Botschaften hin und her. Und der Grund für diese fieberhafte Vermittlungsdiplomatie lag in einem Papier, das man nur mit Mühe als Friedensvertrag bezeichnen kann.

Der zentrale Satz des Memorandums klingt harmlos. Iran solle „mit besten Bemühungen Vorkehrungen treffen“, damit Handelsschiffe die Straße von Hormus sechzig Tage lang sicher passieren könnten. Was diese Vorkehrungen bedeuten, definiert das Dokument nicht. Diese Lücke ist kein Redaktionsversehen — sie ist der Preis, den man für die Unterschrift gezahlt hat. Washington behandelt den gebührenfreien Transit als eherne Regel des Seerechts. Teheran liest denselben Absatz als taktische Atempause. Zwei Deutungen, ein Text, sechzig Tage.

Zwölf Tage nach der Unterzeichnung, am 25. Juni, torpedierten iranische Streitkräfte ein Containerschiff, das die vom Oman und der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation neu ausgewiesene südliche Passage nutzen wollte. Die amerikanische Vergeltung folgte binnen Stunden, iranische Drohnenschläge gegen die US-Basis in Bahrain wiederum binnen Tagen.

Der Preis, den Amerika für diesen brüchigen Frieden zahlt, ist erdrückend. Trump hebt nicht nur die Sanktionen Obamas auf, sondern tilgt siebenundvierzig Jahre alte Strafmaßnahmen, die bis zur Geiselkrise von 1980 zurückreichen. Ein dreihundert Milliarden Dollar schwerer Investmentfonds soll den Iran vom ärmsten in den finanziell übermächtigen Regionalstaat verwandeln. Im Papier findet sich keine Silbe zum iranischen Sponsoring von Terrorismus, keine Begrenzung des ballistischen Raketenprogramms, kein Wort zu Menschenrechten. Der Präsident preist die klerikale Führung Teherans plötzlich als „sehr rationale, kluge und keineswegs radikalisierte Menschen“ — eine Formulierung, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss, um ihre volle diplomatische Wirkung zu ermessen.

Getroffen hat dieser Deal niemanden härter als Israel. Netanyahu hatte über Jahrzehnte das ehernste Prinzip der israelischen Außenpolitik verraten — die überparteiliche Pflege beider Lager in Washington — und stattdessen alles auf die Loyalität Trumps gesetzt. Israel wurde an den Verhandlungen nicht einmal beteiligt und steht nun vor einer grausamen Entscheidung. Amerikanische Beamte fürchten seit dem Frühjahr, Jerusalem plane die Liquidierung genau jener zwei Männer, mit denen Trumps Team am Verhandlungstisch spricht: Außenminister Abbas Aragtschi und Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf. So groß wurde die Sorge, dass Washington über Mittelsmänner die Iraner selbst warnte — man warnt einen Gegner vor dem eigenen Verbündeten.

Auch Saudi-Arabien hat aus dieser Woche seine Lehren gezogen. Als das Pentagon im Mai die Operation „Project Freedom“ startete, um Handelsschiffe durch Hormus zu geleiten, verweigerte Riad kurzerhand den eigenen Luftraum. Trump, Vance, Rubio, Kushner und Witkoff wählten drei Tage lang die Nummer Mohammed bin Salmans. Der Prinz blieb hart. Nach weniger als achtundvierzig Stunden war die Operation Geschichte. In Riad, so beschreiben es die Analysten einer Golf-Denkfabrik, fühlt man sich wie Charlie Brown, dem Lucy immer wieder den Football wegzieht. Der Kronprinz spricht inzwischen über den chinesischen Kanal direkt mit Teheran; Rubio überspringt bei seiner jüngsten Golfreise Riad und trifft stattdessen Bahrain, Kuwait und die Emirate. Amerika liefert also noch die Waffen. Die Regeln schreiben andere.

Melonis Zurechtweisung — und der Zerfall der starken Männer

Wenn die amerikanische Machtstellung an der Grenze der Weltordnung leckt, so lässt sich das an einem persönlichen Detail von fast schmerzhafter Schärfe ablesen. Auf dem jüngsten G7-Gipfel in Italien inszenierte Trump einen seiner klassischen Eklats. In einem Interview mit einem italienischen Medium behauptete er, die italienische Premierministerin Giorgia Meloni habe ihn regelrecht um ein gemeinsames Foto angefleht, und er habe aus reinem Mitleid mit ihr eingewilligt.

Meloni antwortete nicht, wie es das übliche politische Establishment vielleicht getan hätte, mit devotem Schweigen. Sie veröffentlichte ein Video in einem scharfen, zurechtweisenden Tonfall, nannte die Behauptung schlichtweg komplett falsch und riet Trump süffisant, er möge sich doch besser um seine eigenen desaströsen Umfragewerte kümmern. Das ist mehr als eine Anekdote. Meloni war einst die einzige westliche Staatschefin, die Trumps Amtseinführung beiwohnte, jener Feierlichkeit, bei der mehr Milliardäre versammelt waren als bei allen bisherigen Amtseinführungen zusammen. Sie galt als sein europäisches Spiegelbild. Heute ist sie eine knallharte italienische Nationalistin, die sich mit Frankreich und Deutschland abstimmt, an der Seite der Ukraine steht und sich weigert, dem autokratischen Personenkult aus Washington zu huldigen.

Der Vorfall entlarvt eine tragikomische Doppelmoral der MAGA-Bewegung. Da wird eine archaische Männlichkeit gepredigt, ein Kult um Härte, und die männlichen Wortführer dieser Bewegung lassen sich vom Präsidenten regelmäßig entwürdigen. Dass ausgerechnet eine Frau, gestützt auf ihren nationalen Stolz, das Mobbing mit einer kühlen Geste abprallen lässt, macht die Unterwürfigkeit zahlloser amerikanischer Senatoren nur umso erbärmlicher.

Auch das Vereinigte Königreich lieferte in dieser Woche ein Bild eines Verbündeten im fortgeschrittenen Verfall. Das Land steht kurz vor der Kür seines siebten Premierministers innerhalb eines einzigen Jahrzehnts. Keir Starmer wurde von seinen eigenen Labour-Abgeordneten aus dem Amt gedrängt, kaum zwei Jahre nach seinem historischen Wahlsieg. Andy Burnham bereitet sich nun auf den Einzug in die Downing Street vor. Die goldenen Versprechen des Brexits, die Illusion, das Land werde nach dem Bruch mit Europa als wendiges Handelsschiff zu Reichtum segeln, haben sich als giftige Fata Morgana erwiesen. Die Wirtschaft krebst bei einer Wachstumsrate von deutlich unter zwei Prozent dahin, und im Nacken der Labour-Parlamentarier sitzt Nigel Farage mit den extremen Rechten.

Die käufliche Republik — Krypto, Katar-Jet und Milliarden

Die transaktionale Kälte, mit der Trump seine Verbündeten behandelt, hat einen zweiten, weniger sichtbaren Zwilling im Inneren: eine Präsidentschaft, die sich systematisch als Geschäftsmodell begreift. Die jüngsten Finanzberichte legen Einnahmen von über 2,2 Milliarden Dollar offen. Ein massives Krypto-Geschäft mit den Vereinigten Arabischen Emiraten dokumentiert, wie ausländische Akteure direkten finanziellen Einfluss auf das Weiße Haus nehmen. Symbolisch gipfelt diese Entwicklung in einer von Katar überlassenen Präsidentenmaschine, deren aufwendiger Umbau den amerikanischen Steuerzahler hunderte Millionen Dollar kostet.

Der Größenwahn dieser käuflichen Präsidentschaft manifestiert sich auch außerhalb Washingtons. Ivanka Trump und Jared Kushner planen derzeit ein 1,4 Milliarden Dollar schweres Luxusresort auf einer unerschlossenen, bislang geschützten Mittelmeerinsel vor der albanischen Küste. Die Entstehungsgeschichte, wie Ivanka sie in einer Videobotschaft erzählte, wirkt wie die Karikatur elitärer Arroganz. Man habe sich entspannt auf der Yacht eines ungenannten Freundes befunden, sei für ein Bad in den Fluten angehalten, barfuß die unberührten Hügel hinaufgewandert — und habe auf dem Gipfel beschlossen, dieses Land besitzen und transformieren zu müssen. Wie eine absolutistische Herrscherin, die mit dem Finger auf eine Landkarte tippt.

Dass die Insel eine ehemalige U-Boot-Basis aus den Tagen des Kalten Krieges und ein ökologisch sensibles Feuchtgebiet mit nistenden Flamingos ist, scheint in diesem megalomanen Weltbild eine Fußnote. Finanziert wird der Bau durch saudisches und katarisches Kapital. Als angeheuerte Sicherheitskräfte vor laufenden Kameras einen griechischen Demonstranten brutal verprügelten, eskalierte der Vorgang zu einem diplomatischen Konflikt mit Athen. Albanische Anti-Korruptions-Ermittler haben die Konten der katarischen Landeigentümer eingefroren, die Europäische Union droht mit einer Blockade der albanischen Beitrittschancen. Der Premierminister in Tirana jedoch, geblendet von der Aussicht, in die „Champions League der weltweiten Tourismusziele“ aufzusteigen, hält am Projekt fest.

Wenige Blocks vom Weißen Haus entfernt zelebriert eine entkoppelte Kaste ihre eigene Version dieses Feiertags. Auf dem gesicherten Dach des Watergate Hotels perlte in dieser Woche der Champagner in Kristallgläsern. Ein einziger Tisch kostete dreißigtausend Dollar. Kurz vor Mitternacht wurde eine Flasche Veuve Clicquot in der Größe eines Kleinkindes entkorkt. Im Rosewood Hotel bezahlte man 250.000 Dollar für ein Wochenende, das Privatjet, Yacht und Zimmerschlüssel aus massivem achtzehnkarätigem Gold umfasste. Es ist die zelebrierte Flucht einer Finanzelite, die mit dem lauten, schmutzigen Amerika vor ihren Hoteltüren nichts mehr gemein haben will.

Zur selben Zeit veranstaltete das Weiße Haus einen exklusiven Käfigkampf im gemischten Kampfsport auf dem Rasen des Regierungssitzes — sechzig Millionen Dollar für ein Spektakel, bei dem handverlesene Spender ein perfekt organisiertes Vergnügen genossen, während der einfache Bürger auf der Mall am selben Tag mit defekten Karussells und überteuerten Snacks abgespeist wurde.

Der Kulturkampf frisst seine Kinder

Doch bei allem Größenwahn der Spitzen wäre es zu einfach, diese Woche allein als Chronik einer imperialen Selbstinszenierung zu erzählen. Am unteren Ende der Bewegung zerfrisst sich das Milieu selbst, und die Bilder sind kaum weniger verstörend als die Bilder aus dem Ballsaal.

Da ist die konservative Kommentatorin Candace Owens, die eine großangelegte Kampagne gegen Erica Kirk führt, die Witwe des ermordeten Turning-Point-USA-Gründers Charlie Kirk. Um sie aus der Führung der finanzstarken Organisation zu drängen, konstruiert Owens ein bizarres Netz aus vermeintlichen Beweisen, die eine direkte Verwicklung der Witwe in das Attentat auf ihren Ehemann belegen sollen. Als „Indizien“ dienen: eine zweitägige Diskrepanz zwischen Geburtsurkunden und Scheidungspapieren, die angebliche Freimaurer-Vergangenheit schwedischer Vorfahren und ein Jahrzehnte altes Kinderfoto, auf dem die kleine Erica in der Vorschule ein Bienen-Kostüm trägt — für Owens der untrügliche Beweis einer geheimen okkulten Initiation. Darunter mischt sich ein offener Antisemitismus. Der angeheiratete Onkel Kirks leitete einst ein akademisches Zentrum für Jüdische Studien in Utah — für Owens der rauchende Colt in einem globalen Komplott. Der ehemalige Sicherheitschef von TPUSA, Brian Harpole, hat inzwischen Klage wegen Verleumdung eingereicht, vertreten von der prominenten MAGA-Anwältin Harmeet Dhillon. Es ist ein zirkulärer Kannibalismus der Bewegung, in dem es längst nicht mehr um Ideologie geht, sondern um die blutige Währung der Klickzahlen.

In South Carolina treibt die republikanische Kongressabgeordnete Nancy Mace das Prinzip der endlosen Empörung auf eine neue Spitze. Alles begann mit einer profanen Majestätsbeleidigung am Flughafen von Charleston: Der Abgeordneten wurde eine von ihr geforderte VIP-Sicherheitsbegleitung verweigert. Statt sich einzureihen, setzte Mace an einem einzigen Tag hundertfünf Beiträge in den sozialen Netzwerken ab. Als ihr parteiinterner Rivale Alan Wilson den attackierten Flughafenmitarbeitern Fast Food von Chick-fil-A vorbeibrachte, beschimpfte Mace ihn kurzerhand als „Pädophilen-Beschützer“. Ihr ehemaliger Verlobter Patrick Bryant hat unterdessen Gegenklage eingereicht — sie habe sein Telefon gehackt, sein Auto verfolgt, eine Behauptung über eine Gruppenvergewaltigung frei erfunden, um ihn zu erpressen und sich Zugang zu Immobilien im Wert von sechs Millionen Dollar zu verschaffen. In den Umfragen ihres Heimatstaates führt Mace dennoch unangetastet.

Und dann ist da noch Colorado, wo ein Mann namens Victor Marx das Feld der republikanischen Gouverneurskandidaten anführt. Marx, ein ehemaliger Pastor und selbsternannter Meister der von ihm erfundenen Kampfsportart „Cajun Karate“, behauptet allen Ernstes, Dämonen per Telefon zu exorzieren. Er zwingt sie zur Preisgabe ihres wahren Namens, bevor er sie „zu den Füßen Jesu Christi“ verbannt. Er rühmt sich, als Zivilist militärische Luftschläge angeordnet zu haben, die siebzig Kämpfer töteten, und behauptet, eigenhändig 45.000 Frauen und Kinder aus den Fängen von Kriminellen gerettet zu haben. Belege bleibt er schuldig. Selbst diesem Mann werfen manche in der eigenen Basis vor, zu weich zu sein — er teile eben nicht alle obskuren Theorien der radikalen Netzwerke.

Der Kontrast zu diesen Figuren gibt der Woche ein zweites Motiv. In den urbanen Zentren des Landes formiert sich ein Hunger nach ungefilterter politischer Realität. Diskursveranstaltungen im 92nd Street Y in New York und in Seattle waren binnen vierundzwanzig Stunden ausverkauft; die Veranstalter mussten in größere Säle ausweichen. Verkehrsminister Pete Buttigieg, der einstige gemäßigte Bürgermeister aus dem Mittleren Westen, verkörpert einen neuen Typus des Zentristen: einen, der nicht aus Prinzip den Kompromiss sucht, sondern aus der Erfahrung des Regierungsalltags heraus erkannt hat, dass das System in seiner jetzigen Form unbrauchbar geworden ist. Sein Bild vom alten Ballsaal, dessen Wände feucht sind und dessen Elektrik lebensgefährlich veraltet, hat es in dieser Woche in viele Kolumnen geschafft. Man dürfe den Saal weder unverändert lassen noch mit der Abrissbirne zerstören. Die Aufgabe bestehe in der harten, handwerklichen Arbeit, ihn neu zu verkabeln.

Der zweite Riss — Bewusstsein, Silizium und die Grenzen des Menschlichen

Wenn diese Woche eine Meta-Ebene besitzt, dann liegt sie in einer Frage, die auf den ersten Blick fern der Politik zu wohnen scheint und doch mit ihr im tiefsten Grund verwandt ist: Was gilt uns eigentlich noch als Wirklichkeit, und wem schulden wir moralische Rücksicht?

In den Rechenzentren zwischen San Francisco und Seattle werden derzeit Modelle trainiert, denen ihre Erbauer Verständnis, Urteil und womöglich sogar Empfindsamkeit zuschreiben. Und ausgerechnet in dem Moment, in dem die Wissenschaft mit ihrer klassischen Methode am „harten Problem“ des Bewusstseins scheitert — an der Frage nämlich, warum es sich überhaupt nach etwas anfühlt, dieser Mensch zu sein und nicht ein anderer — soll dieselbe Wissenschaft entscheiden, ob eine Maschine empfindet. Ein prominenter Silicon-Valley-Chef erklärte kürzlich, seine Modelle mögen zwar keine Körper, keine Lebensgeschichten und keine Verwandtschaftsbindungen kennen; das sei jedoch „irrelevant“ für Fragen von Fähigkeit, Intelligenz und Verständnis. In diesem einen Nebensatz sitzt ein vierhundert Jahre alter Denkfehler destilliert in Reinform — die Verwechslung von Berechnung mit Intelligenz und die Ausblendung dessen, was ein Leben in der Welt und mit anderen überhaupt ausmacht.

Das KI-Labor Anthropic hat auf diese Ungewissheit inzwischen mit einem eigenen Forschungsprogramm zum Wohlergehen seiner Modelle reagiert. Der leitende Forscher beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass Systeme wie Claude bewusst sein könnten, auf rund fünfzehn Prozent. Nach auffälligen Mustern in bestimmten Konversationen erhielt das Modell die Möglichkeit, Gespräche zu verlassen, die es als übergriffig einordnet. Niemand behauptet, ein empfindendes Wesen geschaffen zu haben. Aber niemand schließt es mehr aus. Man denkt an den Doktoranden im Kellergewölbe eines Tierstalls, der eine kranke Laborratte in beiden Händen hält und sich fragt, ob dieses winzige Wesen so etwas wie ein Innenleben besitzt.

Auch die literarische Öffentlichkeit stolperte in dieser Woche über den zweiten Riss. Eine Kurzgeschichte gewann bei einem globalen Wettbewerb den regionalen Spitzenplatz — und wurde postwendend als synthetische Prosa identifiziert. Die Verteidigungslinie lautete, ein fortgeschrittenes Nervenleiden habe das Tippen unmöglich gemacht; die Sätze seien mühsam diktiert worden, während der Autor auf der Couch lag. Ob authentische Stimme oder geschickter Betrug — die eigentliche Wahrheit ist, dass sich beides nicht mehr sicher unterscheiden lässt. Das jahrhundertelange Vertrauen in die Authentizität des geschriebenen Wortes ist beschädigt.

Es ist derselbe Riss, der auch die Politik durchzieht. Wenn Trump die klerikale Führung Teherans zu vernunftbegabten Partnern erklärt und wenn Millionen Amerikaner die Erzählung einer gestohlenen Wahl als Tatsache verinnerlichen, dann geht es in beiden Fällen um dieselbe Frage: Was gilt uns noch als Wirklichkeit, wenn Algorithmen die öffentliche Rede steuern und maximaler Profit die Rolle des maximalen Arguments übernimmt?

Das Kuriose der Woche — Der FBI-Direktor auf Wrestling-Romanze

Es gibt Woche für Woche jene kleine Geschichte, die für sich allein genommen zu absurd klingt, um wahr zu sein, und die im Ensemble genau deshalb erhellend wirkt. Diese Woche gebührt sie dem Direktor des Federal Bureau of Investigation. Kash Patel, ein Mann, der sein Amt mit dem Habitus eines rächenden Hardliners angetreten hatte, nutzte einen steuerfinanzierten Regierungsjet, um nach State College und Nashville zu fliegen. Der Grund war nicht der Schutz der nationalen Sicherheit, sondern rein romantischer Natur: Patel wollte seiner neunzehn Jahre jüngeren Freundin, der Country-Sängerin Alexis Wilkins, dabei zusehen, wie sie bei einem Wrestling-Match für knapp zwei Minuten die Nationalhymne sang. Als die Flugdaten durch einen Insider und eine gewöhnliche Tracking-Website an die Öffentlichkeit drangen, folgte kein Kommentar, sondern ein Racheakt. Ein siebenundzwanzigjähriger FBI-Veteran namens Steven Palmer, Leiter der Luftfahrteinheit, wurde gefeuert. Es ist die dritte Führungskraft dieser Abteilung, die unter Patels kurzer Herrschaft ihren Hut nehmen musste. Die bittere Pointe: Genau diese Praxis hatte Patel vor seiner Ernennung seinem Vorgänger öffentlich vorgeworfen.

Ausblick: Ein Erbe in fremden Händen

Was bleibt von dieser Woche? Es bleibt das Bild einer Republik, die ihren 250. Geburtstag in getrennten Lagern begeht, deren Feiertag von Bedienungsanleitungen, Sicherheitsbarrieren und Sturmwarnungen zusammengehalten wird, und deren Führung so ostentativ von der Lebensrealität ihrer Bürger entkoppelt ist, dass selbst das Feuerwerk in einem grauen Smog erstickt.

Und doch — und darauf kommt es an — wäre es ein fataler analytischer Fehler, diese maximale Zerrissenheit mit dem endgültigen Untergang gleichzusetzen. Die bloße Tatsache, dass die Bürger auf den Straßen, in den Parlamenten und vor den Denkmälern immer noch derart erbittert und leidenschaftlich um die Seele ihres Staates kämpfen, beweist, dass das demokratische Feuer nicht erloschen ist. Die wütenden Proteste der Veteranen, die panischen Wählerregistrierungen der Einwanderer und der zähe Trotz derer, die im Regen stehen bleiben, sind — paradox genug — der lauteste Beweis für einen unerschütterlichen Glauben an die Institutionen.

Europa wird aus dieser Woche seine eigenen Schlüsse ziehen müssen. Der Kontinent wird sich selbst verteidigen, den amerikanischen Plattformen Grenzen setzen und Wissenschaft wie Pressefreiheit als Kern seiner Identität schützen müssen. Es geht um eine neue Unabhängigkeitserklärung, diesmal in umgekehrter Richtung über den Atlantik — nicht gegen Amerika gerichtet, aber offen für die Möglichkeit, dass die Vernunft dort irgendwann wieder Fuß fasst. Bis dahin muss diese Emanzipation still, aber entschieden vollzogen werden.

Am 4. Juli 1826, dem fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit, starben John Adams und Thomas Jefferson am selben Tag. Adams hatte dem alten Rivalen einst versprochen, sein Freund zu bleiben, solange er atme. Zweihundert Jahre später steigt am Mount Rushmore ein Feuerwerk in die Nacht und beleuchtet die vier Gesichter im Fels, deren Erbe der Mann hinter dem Panzerglas gerade in Auflösung bringt. Vielleicht wird man mit diesem Amerika irgendwann einfach nur so befreundet sein. Nicht mehr Sehnsucht, nicht mehr Vorbild. Aber auch nicht verloren.

Nach oben scrollen