
Zwischen Feuerwerk am Mount Rushmore und verwaisten Pavillons auf der National Mall zeigt sich, was 1776 in Philadelphia begann – und wohin es geraten ist. Die Republik feiert sich selbst. Ihre Sehnsuchtskraft aber packt gerade die Koffer nach Europa.
Ein Sommerabend in South Dakota, in den Black Hills. Vier Präsidentenköpfe starren aus dem Fels in einen Himmel, der gleich in Farben explodieren wird. Unter ihnen, auf einer Amphitheaterbühne, spricht ein Mann hinter einer Wand aus dickem Panzerglas. Die Menschen im Rund haben sich Monate zuvor auf einen Platz beworben, per Lotterie, und jubeln jetzt auch dem Satz zu, in dem der Präsident seinen politischen Gegnern das Exil androht.
Zweitausend Kilometer und zweieinhalb Jahrhunderte entfernt liegt ein anderer Sommertag. Am 2. Juli 1776 stehen im zweiten Kontinentalkongress zu Philadelphia die Delegierten der dreizehn Kolonien nacheinander auf und geben ihr Votum ab. Als am Ende die Unabhängigkeit beschlossen ist, bricht kein Jubel aus. Die Männer schweigen, die Last des Beschlossenen liegt schwer im Raum. Zwei Bilder, ein Land. Zwischen ihnen entfaltet sich die Geschichte einer Demokratie, die in ihrer Jubiläumsfeier mehr über sich verrät, als ihr lieb sein kann.

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Der Riss im Marmor der Erklärung
Es beginnt mit einem der schönsten Sätze der politischen Moderne. Alle Menschen seien gleich erschaffen, ausgestattet mit unveräußerlichen Rechten auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit. Verfasst hat den Entwurf Thomas Jefferson, Plantagenbesitzer aus Virginia, der mit seiner Sklavin Sally Hemings sechs Kinder zeugte, während er die Freiheit erfand.
Der Widerspruch war kein Betriebsunfall, er war die Statik des Gebäudes. Die weißen Gründungsväter dachten nicht an alle Menschen, sondern an ihresgleichen. Nicht an die Versklavten auf den Feldern des Südens, nicht an freie Schwarze, nicht an Indigene, nicht an die eigenen Ehefrauen. Um mit dem Menschenraub im Reinen zu bleiben, erklärten die Plantagenherren die Verschleppten kurzerhand zur minderwertigen Rasse. Das ist die hässliche Fratze eines Kapitalismus, der von Anfang an Menschen zu Kapital erklärte.
Dieser Riss zieht sich durch die Jahrhunderte. Nach den Anschlägen des 11. September wurde in Abu Ghraib gefoltert, in Guantanamo verwahrt man Gefangene bis heute weitgehend rechtlos. Unter dem gegenwärtigen Präsidenten jagen die Beamten der Einwanderungsbehörde Migranten in Lager und trennen Kinder von ihren Eltern. Die Sätze der Erklärung stehen weiter im Museum, an ihrem Anspruch reibt sich niemand mehr.
Auf der National Mall in Washington läuft in diesen Tagen ein Film, der die Nation erzählt. Unabhängigkeitskrieg, Erschließung des Westens, dann ein Sprung, und man landet bei Edison und der Glühlampe. Sklaverei, Bürgerkrieg und die Feldzüge gegen die Ureinwohner sind einfach weg. Und weil der Präsident selbst auf jeden moralischen Anspruch verzichtet, kann man ihm die Doppelmoral nicht einmal mehr vorwerfen. Eine bittere Pointe der Geschichte: Die Heuchelei schrumpft, weil die Werte verdunsten.
Vom Duell zur Ausbürgerung
Streit gehörte immer dazu. Föderalisten gegen Antiföderalisten, Nord gegen Süd, Sklaverei ja oder nein. Alexander Hamilton starb 1804 im Duell mit Aaron Burr, dem amtierenden Vizepräsidenten. Ein halbes Jahrhundert später klärte ein Bürgerkrieg mit blutiger Präzision, was die Verfassung offengelassen hatte. Amerika hat seine Konflikte selten leise ausgetragen.
Was heute anders ist, hat einst Vizepräsident Spiro Agnew zynisch benannt: Sein Hauptbeitrag zur nationalen Politik sei die Spaltung des Volkes gewesen. Aus diesem Handwerk wurde eine Industrie. Meinungsforscher, Lobbyisten und Kommentatoren verdienen an der Verhärtung, weil der Kompromiss ihr Geschäftsmodell zerstören würde. Hillary Clinton nannte 2016 einen Teil der Trump-Wähler „deplorables“ und schnitt sich mit einem einzigen Wort ins eigene Fleisch.
Die sozialen Netzwerke, technisch geboren im entfesselten Silicon Valley, verstärken diese Verachtung ins Unendliche. In den Filterblasen wird der Gegner nicht mehr überzeugt, sondern verlacht. Auf der rechten Seite träumt man sich ein weißes Amerika zurück, auf der linken zerteilt man das Land in unzählige Identitäten. Zusammenhalt entsteht auf keiner der beiden Seiten mehr.
Unter dem gegenwärtigen Präsidenten ist aus dem Gegner der Feind geworden. Kugeln streiften den Kandidaten Trump im Wahlkampf, Bundesbeamte erschossen einen Aktivisten in Minneapolis. Am Fuß des Mount Rushmore droht derselbe Mann seinen Gegnern nun die Verbannung an, und die Menge klatscht. Selbst eine konservative Besucherin aus Chicago sagt in einer Nebenbemerkung, ja, es liege am Präsidenten, er sei nun einmal ein Spalter. Schön sei das nicht.
Der König, vor dem Adams warnte
John Adams misstraute dem Volk, Thomas Jefferson misstraute den Regierenden. Wahlen betrachte er mit Schrecken, schrieb Adams einmal seinem Rivalen. Aus diesem doppelten Misstrauen entstand die amerikanische Verfassung mit ihren fein austarierten Gewichten, ihren Kammern, Gerichten und Vetorechten. Ein System, das langsam ist – und genau deshalb lange funktionierte.
Doch das Misstrauen kehrte sich um. Als Andrew Jackson 1829 vereidigt wurde, sprach ein Richter am Supreme Court angewidert von der Herrschaft eines Königs namens Mob. Der Populismus war geboren. George Washington hatte sein Land vor dem Königtum bewahrt, indem er auf eine dritte Amtszeit verzichtete und damit einen Standard setzte, den bis auf Franklin D. Roosevelt jeder achtete. Nach dem Krieg schrieb man das Maximum von zwei Amtszeiten in das Gesetz.
Donald Trump ist der Präsident, vor dem Jefferson gezittert hätte. Einer, der die Macht nicht aus der Hand geben will, wie der versuchte Umsturz nach der verlorenen Wahl 2020 zeigte. In Washington plant er nun einen Triumphbogen und einen goldenen Ballsaal; ein Plastikmodell steht bereits am Rand der Festmeile und wirkt, als sei es aus einem Golfstaat eingeflogen. Auf der Hauptbühne bittet ein breitschultriger Prediger im engen Poloshirt die Menge, Jesus ins Herz zu lassen, so als kenne dieses Vielvölkerland nur eine einzige Religion.
Im Kabinett sitzt derweil ein impfskeptischer Gesundheitsminister namens Robert F. Kennedy Jr. Wissenschaft, einst der Stolz der Aufklärer Franklin und Jefferson, wird zur Ansichtssache. Harvard und Yale werden mit Klagen überzogen, große Medienhäuser mit aberwitzigen Verfahren eingeschüchtert. Das Korrektursystem der Demokratie, das Vietnam-Lügen und die Fiktion irakischer Massenvernichtungswaffen am Ende noch entlarvte, ächzt hörbar.
Wenn die Glücksmaschine sich gegen ihre Kinder wendet
Am Anfang stand ein ökonomischer Zorn. „No taxation without representation“ – aus einer harten Rechnung erwuchs die weiche Rhetorik der Freiheit. Als Präsident Harry Truman Mitte der vierziger Jahre eine Krankenversicherung plante, warnten Lobbyisten, damit rutsche das Land unweigerlich in den Sozialismus. Diesen Ton hat Amerika bis heute nicht abgelegt. Ronald Reagan entfesselte in den Achtzigern die Finanzwelt, die 2008 in einer Immobilienkrise kollabierte, deren Glutkern zwischen New York und Nevada lag.
Später ließ Washington die Digitalkonzerne wachsen wie Unkraut, ohne Google, Meta oder die Plattform des heutigen Präsidenten je ernsthaft zu regulieren. Aus dem Bündnis von Kapitalismus und Demokratie wurde eine Herrschaft der Ersteren über die Letztere. Der Algorithmus steuert die öffentliche Rede, wo einst der Redakteur saß, und der maximale Profit übernimmt die Rolle des maximalen Argumentes. Mit der künstlichen Intelligenz kommt jetzt ein Instrument, das die Menschheit dereinst beherrschen könnte, entfesselt nach denselben Regeln.
Und doch: Nichts hat die Welt so verführt wie die andere Seite dieses Systems. Jefferson hatte das Streben nach Glückseligkeit fast beiläufig in seinen Entwurf geschmuggelt, und aus dem philosophischen Halbsatz wurde eine planetarische Industrie. Coca-Cola und Pepsi, Disney und Hollywood, McDonald’s und Levi’s, Elvis und Taylor Swift. Für ganze Generationen in der Bundesrepublik war Amerika ein zweites Zuhause im Kopf, angelegt durch „Ein Colt für alle Fälle“, „E.T.“ und „Zurück in die Zukunft“, durch Rocky Balboa und Tom Cruise in „Top Gun“. Bill Clinton spielte 1992 Saxofon in einer Late-Night-Show, mit einer Ray-Ban Wayfarer auf der Nase, während in Bonn Helmut Kohl regierte.
Der bittere Witz der Gegenwart lautet: Diese Regierung wendet sich gerade gegen ihre eigenen Sehnsuchtsprodukte. Gegen Hollywood, gegen Springsteen, Beyoncé und Taylor Swift, gegen die Einwanderer, aus denen so viele Ikonen wurden, sogar gegen die Halbzeitshow des Super Bowl. Der Doppelturbo aus Digitalkapitalismus und präsidialer Selbstbereicherung frisst genau jene Softpower, die den Aufstieg dieser Nation überhaupt erst getragen hat.
Wer feiert – und wer wegbleibt
Der Ausschluss ist so alt wie die Erklärung selbst. Abigail Adams schrieb ihrem Mann John im März 1776, er möge bitte an die Frauen denken und großzügiger mit ihnen umgehen als die Vorfahren. Sein Kommentar war Gelächter. Erst 1920 durften Frauen auf Bundesebene wählen, und die Gleichstellung im Verfassungsrang steht bis heute aus. Die konservative Aktivistin Phyllis Schlafly blockierte das Equal Rights Amendment jahrzehntelang und schwor die Rechte am Ende ihres Lebens auf Trump ein. Ihre Enkelinnen firmieren heute als Tradwives.
Der Nativismus zog sich als roter Faden durch die Republik. Mal traf es Franzosen, mal Chinesen, mal Deutsche, mal Japaner, mal Latinos, mal Muslime. Der Schmelztiegel hat immer auch Menschen ausgespuckt, die er zuvor angezogen hatte. Heute jagen Beamte der ICE Migranten durch die Straßen, während in den Klassenzimmern Bücher aus Bibliotheken verschwinden, weil sie den neuen Sittenwächtern nicht mehr gefallen.
Der Mount Rushmore, an dessen Fuß gerade gefeiert wird, ist selbst ein Denkmal des Landraubs. 1868 hatte die Regierung den Berg im Vertrag von Fort Laramie der Nation der Sioux zugesprochen, im Goldrausch nahm sie ihn wieder. Eine spätere Milliardenentschädigung lehnte die Nation ab. Sie besteht auf ihrem Land, bis heute. Vor dieser Kulisse spricht nun ein Präsident zu einem Publikum, das fast durchgehend weiß und eher jenseits der sechzig ist.
Auf der National Mall in Washington herrscht derweil gähnende Leere. Die Pavillons der Bundesstaaten wirken wie eine Jobmesse für Neuntklässler: Alabama zeigt Golfplätze, Georgia einen KI-Comic zur Hühnerzucht, Kalifornien immerhin einen großen Pappaufsteller seines Bären. Prominente hatten kurzfristig abgesagt, sie wollten sich nicht instrumentalisieren lassen. So sieht sie aus, die Selbstfeier eines Landes, in der die eine Hälfte der Bevölkerung erst gar nicht mehr auftaucht.
Ein Erbe in fremden Händen
Die imperiale Sehnsucht, die einst Alaska von Russland und Louisiana von Frankreich in die Union brachte, richtet sich heute in Miniaturformat gegen Grönland und Kanada, gegen Iran und Venezuela. Ein Imperialismus im Verkleinerungsformat, der komisch wirken könnte, wäre er nicht so gefährlich. Mal verhängt der Präsident Strafzölle astronomischer Höhe, mal biedert er sich in Peking an. Der Kalte Krieg, an dessen Ende diese Nation als Hegemon dastand, ist einem Wettlauf mit einem kapitalistisch gewordenen kommunistischen China gewichen, für den Washington keine Strategie kennt.
Europa wird daraus seine eigenen Schlüsse ziehen müssen. Der Kontinent wird sich selbst verteidigen, den amerikanischen Plattformen Grenzen setzen und Wissenschaft wie Pressefreiheit als Kern seiner Identität schützen müssen. Es geht um eine neue Unabhängigkeitserklärung, diesmal in umgekehrter Richtung über den Atlantik – nicht gegen Amerika gerichtet, aber offen für die Möglichkeit, dass die Vernunft dort irgendwann wieder Fuß fasst. Bis dahin muss die Emanzipation still, aber entschieden vollzogen werden.
Die Idee Amerika ist nicht tot, aber sie zieht um. Sie wohnt zunehmend in der Erinnerung derjenigen, die mit ihr aufgewachsen sind – in Frankfurter Wohnzimmern, in Berliner Clubs, in den Playlists der Millennials, in einem alten Rumpelbus am Flughafen von Los Angeles, in dem eine Fahrerin durch ihre Maske Aretha Franklin mitsingt. Das alte Amerika lebt in der Diaspora weiter, während der neue Staat sich gegen die Leuchttürme seiner eigenen Kultur richtet.
Am 4. Juli 1826, dem fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit, starben Adams und Jefferson am selben Tag. Adams hatte dem alten Rivalen einst versprochen, sein Freund zu bleiben, solange er atme. Zweihundert Jahre später steigt am Mount Rushmore ein Feuerwerk in die Nacht und beleuchtet die vier Gesichter im Fels, deren Erbe der Mann hinter dem Panzerglas gerade in Auflösung bringt. Vielleicht wird man mit diesem Amerika irgendwann einfach nur so befreundet sein. Nicht mehr Sehnsucht, nicht mehr Vorbild. Aber auch nicht verloren.


