
Wenn man in diesen Tagen durch die von Geschichte durchtränkten Straßen von Mailand bis hinab in den tiefen Süden nach Neapel oder ins sizilianische Syrakus schlendert, begegnet einem nicht nur eine zeitlose europäische Lebendigkeit. Neben den unvermeidlichen Straßenschildern, die an Helden des Risorgimento wie Garibaldi, Cavour oder Mazzini erinnern, stößt man unweigerlich auf Aristoteles und Sokrates. Es sind stumme, steinerne Zeugen einer antiken, geistigen Nähe zu Griechenland, die den aufmerksamen Flaneur auf Schritt und Tritt umgeben. Doch der unheilvolle Schatten, der sich heute über die beiläufigen Gespräche in den lebhaften Straßencafés legt, kommt nicht aus der Antike, sondern direkt von der anderen Seite des Atlantiks. Es ist das Bild der Vereinigten Staaten von Amerika, das sich in den Augen der Alten Welt auf fast schon schmerzhafte Weise gewandelt hat.
Vor vier Jahrzehnten, als Ronald Reagan im Weißen Haus saß, schlug einem als Amerikaner in Florenz oder Rom noch lauter, ungestümer Antiamerikanismus entgegen. Man konnte in den Gassen hitzig streiten, seine Heimat leidenschaftlich verteidigen und politische Gegner intellektuell provozieren. Wer sich heute als genauer Beobachter der US-Politik zu erkennen gibt, erntet keinen politischen Zorn mehr, sondern eine mitleidige, stille Nachdenklichkeit. Es ist eine fast schon ehrfürchtige Resignation, ein aufrichtiges Bedauern, das einem aus den leisen Gesprächen entgegenschlägt. Man wird vorsichtig, beinahe rücksichtsvoll und behutsam gefragt, was eigentlich mit diesem einst so stolzen Land passiert sei. Der einstige europäische Schock über die absurden amerikanischen Verhältnisse ist längst verflogen, geblieben ist stattdessen eine abgrundtiefe, kollektive Melancholie.

US Politik Deep Dive: Der Podcast mit Alana & Ben
Europas mitleidiger Blick und die dreiste Lüge auf dem Gipfel
Es entbehrt nicht einer gewissen bitteren Ironie, wenn ausgerechnet das historisch geplagte Europa den moralischen Kompass für die amerikanische Würde nachjustieren muss. Erst kürzlich offenbarte sich diese groteske Verschiebung der politischen Statik am Rande des G7-Gipfels in Italien in ihrer vollen, verstörenden Deutlichkeit. Der aktuelle amerikanische Präsident Donald Trump ließ dort vollkommen ungeniert die Behauptung fallen, die italienische Premierministerin Giorgia Meloni habe ihn geradezu angefleht, ein gemeinsames Foto mit ihm machen zu dürfen. Der vorgeschobene Grund für diese angebliche Bittstellung war die Behauptung, Meloni sei in den Umfragen abgerutscht und habe verzweifelt ein wenig präsidialen Glanz aus den USA benötigt. Es war eine jener typischen, aus der Luft gegriffenen Erzählungen, die man aus dem gegenwärtigen Weißen Haus mittlerweile ermüdend gut kennt.
In der harten politischen Realität verhält es sich jedoch exakt umgekehrt. Meloni, deren politische Sterne derzeit äußerst günstig stehen und deren Umfragewerte kontinuierlich steigen, entlarvte diese absurde Erzählung trocken und öffentlich als glatte Lüge. Während Trumps Ansehen in weiten Teilen der europäischen Öffentlichkeit ruiniert ist und am Boden liegt, erfreut sich die italienische Regierungschefin wachsender, stabiler Zustimmung. Diese Episode ist symptomatisch für ein transatlantisches Verhältnis, in dem die klassische Rollenverteilung von amerikanischer Souveränität und europäischer Ehrfurcht vollkommen auf den Kopf gestellt wurde. Europa blickt nicht mehr zu einem strahlenden Anführer der freien Welt auf, sondern schüttelt verständnislos den Kopf über einen Mann, der die Wahrheit nach Belieben beugt.
Dass der amtierende amerikanische Präsident auf internationalem Parkett derart ungeniert und offenkundig die Unwahrheit verbreitet, wird von weiten Teilen der politischen Eliten in Washington nur noch mit einem müden, zynischen Achselzucken hingenommen. Man hat dort vor den toxischen Auswüchsen dieses unbändigen Narzissmus längst bedingungslos kapituliert und versucht lediglich, den täglichen Schaden irgendwie pragmatisch zu verwalten. Es wird ununterbrochen getanzt, relativiert und beschwichtigt, um den offensichtlichen moralischen Verfall des höchsten politischen Amtes der Welt zu kaschieren. Die ständige, feige Ausrede der etablierten Kräfte lautet, man müsse eben irgendwie durch diese komplizierte Ära navigieren, alles sei doch am Ende bloß eine oberflächliche, rhetorische Verwerfung.
Doch der moralische und diplomatische Schaden ist tiefgreifend, fundamental und lässt sich nicht mit billigen Ausreden oder taktischem Schweigen wegwischen. In der italienischen Sprache gibt es für dieses Phänomen den wunderbar präzisen Begriff der „brutta figura“ – wenn jemand ein so erbärmliches öffentliches Bild abgibt, dass man sich beim bloßen Zusehen in Grund und Boden schämt. Die gegenwärtige amerikanische Administration hat genau diese „brutta figura“ gewissermaßen in den Rang einer inoffiziellen Staatsräson erhoben. Das Land macht sich vor den Augen der verbündeten Welt systematisch klein und verliert rasant jene würdevolle Ausstrahlung, die es über Jahrhunderte hinweg als globale Führungsmacht ausgezeichnet hat.
Die toxische Wende in der Einwanderungsdebatte
Wie tief diese „brutta figura“ bereits in die inneramerikanische gesellschaftliche DNA eingesickert ist, zeigt ein schonungsloser Blick auf jenes Thema, das wie kein zweites das Fundament der Nation bildet: die Einwanderung. Betrachtet man die blanken biografischen Daten der derzeitigen Machtarchitekten, so scheint die amerikanische Normalität eigentlich völlig intakt zu sein. Blickt man auf die beiden politischen Schwergewichte der Präsidentschaftswahlen, Donald Trump und Kamala Harris, so stellt man fest, dass drei ihrer vier Elternteile direkte Einwanderer waren. Der vierte Elternteil, Trumps Vater, war immerhin der leibliche Sohn von Einwanderern. Es ist eine durch und durch amerikanische Geschichte, klassisch, gewöhnlich und zutiefst in der Historie des Landes verankert.
Doch der politische Diskurs über genau dieses Erbe ist mittlerweile bis zur völligen Unkenntlichkeit vergiftet und hysterisiert worden. In vertraulichen Fokusgruppen und ungeschönten Gesprächen mit Wählern zeigt sich längst, dass die unnachgiebige, abwertende Rhetorik des Trumpismus bis tief in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft gesickert ist. Sogar bei Wählern, die dem Präsidenten und seinen Hardlinern eigentlich kritisch gegenüberstehen, verfängt die kalte Logik der Ausgrenzung zusehends. Wo Einwanderer einst als essenzieller, unverzichtbarer und treibender Bestandteil des nationalen Erfolgs gefeiert wurden, macht sich nun ein giftiger, pauschaler Unmut breit.
Migranten werden in diesen Debatten bestenfalls noch als lästige Last wahrgenommen, die man zähneknirschend und widerwillig tolerieren muss. Jeder Sinn für Wertschätzung, jede aufrichtige Dankbarkeit für den Mut und die harte Arbeitskraft derer, die das Land einst unter immensen Opfern aufbauten, ist aus dem politischen Vokabular gnadenlos getilgt worden. Es ist, als würde eine Nation systematisch ihr eigenes Fundament mit dem Vorschlaghammer bearbeiten, ohne zu begreifen, dass das Dach bereits gefährlich knirscht. Die einstige Erzählung des amerikanischen Traums wurde durch eine Erzählung der reinen, panischen Abschottung ersetzt.
Man muss nicht lange in den verstaubten Geschichtsbüchern blättern, um den bestürzenden, fast schon schmerzhaften Kontrast zur eigenen Vergangenheit zu erkennen. Am 5. Juli 1976, inmitten der patriotischen Feierlichkeiten zum zweihundertjährigen Bestehen der Nation, präsidierte Präsident Gerald Ford mit feierlichem Ernst über eine Einbürgerungszeremonie in den altehrwürdigen Hallen von Monticello. Damals war die präsidentielle Botschaft an das Volk und die Welt glasklar: Amerika sollte Einwanderer nicht nur widerwillig willkommen heißen, sondern schuldet ihnen unendlichen, historischen Dank. Heute gleicht das laute Aussprechen einer solchen historischen Selbstverständlichkeit in weiten Teilen der politischen Landschaft fast schon einem Verrat an der nationalen Identität.
Präsidiale Würde im Schatten der großen Jubiläen
Wenn die Vereinigten Staaten im Jahr 2026 auf den 250. Jahrestag ihrer hart erkämpften Unabhängigkeit blicken, wird dies unweigerlich der ultimative Lackmustest für den zerrütteten Zustand der amerikanischen Seele sein. Bereits jetzt geht in aufmerksamen, intellektuellen Kreisen die berechtigte Sorge um, dass die offiziellen Feierlichkeiten zu einem beispiellosen kulturellen und geistigen Tiefpunkt verkommen könnten. Man fürchtet ein grelles Spektakel der billigen Effekte, in dem laute, provokante Figuren wie der Musiker Kid Rock den patriotischen Takt angeben, anstatt dass eine ernsthafte historische Reflexion stattfindet. Anstelle von ehrfurchtsvollem Gedenken droht ein parteipolitisch ausgeschlachteter Zirkus, den die amtierende Administration noch über Monate hinweg rücksichtslos melken wird.
Vergleicht man diese düsteren Aussichten mit der echten präsidentiellen Größe während des Bicentennials im Jahr 1976, wird die rasante Talfahrt der politischen Kultur noch weitaus schmerzhafter greifbar. Gerald Ford stand damals im Grunde vor einem lodernden, toxischen Trümmerhaufen der amerikanischen Geschichte. Das Land war schwer traumatisiert vom blutigen Verlust in Vietnam, gezeichnet von einer brutalen wirtschaftlichen Rezession und moralisch erschüttert durch die Nachwehen des Watergate-Skandals. In seiner eigenen Partei tobte zudem ein erbitterter Vorwahlkampf, in dem ihm Ronald Reagan mit voller Härte zusetzte.
Trotz dieses immensen Drucks und der fehlenden politischen Komfortzone schob Ford an jenem 4. Juli 1976 alle persönlichen und parteipolitischen Differenzen entschlossen beiseite. In Valley Forge sprach er schonungslos, aber mit tief empfundener Würde über das Blutvergießen und die enormen Opfer der Patrioten – ohne hohles, luftiges Pathos, sondern ehrlich geerdet in der brutalen Realität des Krieges. Vor der Independence Hall in Philadelphia agierte er völlig selbstlos und rein im Dienste der Republik. Nicht ein einziger Hauch von Parteipolitik, keine vergiftete Erwähnung von politischen Gegnern verunreinigte seine historischen Worte.
Dieser tiefe, unauslöschliche Respekt vor dem Gründungsgedanken war einst ein unumstößliches politisches Dogma, dem sich selbst die kühlsten Taktiker im Oval Office bedingungslos beugten. Calvin Coolidge, ein Präsident, der seine Worte stets mit chirurgischer Präzision wählte, lieferte zum 150. Jubiläum im Jahr 1926 eine der intellektuell schärfsten Analysen des amerikanischen Experiments. Er stellte unmissverständlich klar, dass es absolut keinen Fortschritt gibt, der über die Ideale der Gründerväter hinausführt. Wer sich von diesen fundamentalen Prinzipien der Freiheit abwendet, der stolpert unweigerlich zurück in die Dunkelheit der Klassengesellschaft und der Leibeigenschaft.
Die universelle Idee Amerikas und die dunklen Echos Europas
Das historische Drama dieses schleichenden amerikanischen Niedergangs beschränkt sich keineswegs auf die eigenen, von Ozeanen begrenzten Landesgrenzen. Es ist eine tektonische Erschütterung, die in der ganzen Welt, insbesondere aber im feinfühligen Europa, tief zu spüren ist. Die amerikanische Revolution und ihre philosophischen Ausläufer waren nie bloß ein isoliertes, lokales Ereignis, sondern entfalteten eine immense, prägende Anziehungskraft. Den liberalen Revolutionären im Europa des 19. Jahrhunderts, auch und gerade in Italien, galt die Unabhängigkeitserklärung als das leuchtende Fanal schlechthin für universelle Menschenrechte, Redefreiheit und Meinungsfreiheit.
Auch Abraham Lincoln erkannte diese gewaltige globale Strahlkraft und definierte den amerikanischen Zweck weit über die Geografie hinaus. Im Jahr 1852 lobte er den großen Staatsmann Henry Clay in einer Eulogie mit Worten, die heute wie eine brennende, mahnende Anklageschrift klingen. Clay, so analysierte Lincoln messerscharf, liebte sein Land nicht primär deshalb, weil es rein zufällig das seine war, sondern weil es ein freies Land war. Sein tiefster Wunsch und sein unermüdlicher politischer Eifer zielten darauf ab, der ganzen zweifelnden Welt unmissverständlich zu beweisen, dass freie Menschen in der Lage sind, in dauerhaftem Wohlstand und Frieden zu leben.
Dieses feine, intellektuelle Bewusstsein für den eigenen moralischen Stellenwert in der Welt droht aktuell vollends unter dem Lärm populistischer Parolen zu erodieren. Der ehemalige Präsident George H.W. Bush fragte einst rhetorisch spitz, ob die USA wirklich nur eine weitere beliebige, nette Nation auf der Namensliste der Vereinten Nationen irgendwo zwischen Albanien und Simbabwe sein wollten. Die Antwort war über Generationen hinweg ein donnerndes Nein. Doch heute lassen jene radikalen Kräfte, die sich am lautesten und schrillsten als absolute Patrioten inszenieren, die ideelle amerikanische Flagge sehenden Auges in den politischen Schlamm fallen.
Europa betrachtet dieses selbstzerstörerische Schauspiel mit einer dichten Mischung aus bitterer historischer Erfahrung und stillem, paralysiertem Grauen. Wer durch die alten Gassen von Ferrara wandelt und an das literarische Meisterwerk „Die Gärten der Finzi-Contini“ denkt, dem springen die fatalen gesellschaftlichen Parallelen geradezu ins Gesicht. Dieser Roman, der meisterhaft Populismus, ungestillte Wut und den blinden Klassengroll seziert, liest sich heute wie eine prophetische Autopsie des gegenwärtigen amerikanischen Diskurses. Die Architekten der Macht in Washington haben jenes toxische Gemisch aus Ressentiments reaktiviert und dem Populismus einen noch weitaus schlechteren Namen eingebracht, als er durch die düstere europäische Geschichte ohnehin schon verdient hätte.
Der Populismus, der in Europa einst zu den dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte führte, findet in der heutigen amerikanischen Politik ein beklemmendes, fast schon unheimliches Echo. Bekanntlich ruht sowohl in jedem überzeugten Konservativen als auch in jedem glühenden Liberalen ein gewisser, allzu menschlicher Hang zum Populismus, ein gefährliches Verlangen nach einfachen Antworten auf hochkomplexe Fragen. Doch die gegenwärtigen Architekten der Macht in Washington haben dieses ohnehin heikle, politische Instrument bis zur völligen Unkenntlichkeit pervertiert und radikalisiert. Sie haben dem Populismus im Grunde einen noch weitaus schlechteren Namen eingebracht, als er durch die düstere europäische Geschichte ohnehin schon verdient hätte. Wenn man dieses toxische Spiel mit den Urängsten der Massen aus der sicheren, aber besorgten Distanz Italiens beobachtet, wirkt das amerikanische Schauspiel weniger wie eine vitale Demokratie, sondern vielmehr wie ein tragisches, historisches Lehrstück über den Verfall politischer Sitten.
Mehr als ein Land, eine Verpflichtung
Die amerikanischen Institutionen galten für viele aufmerksame Beobachter im Ausland lange Zeit als das absolute, leuchtende Paradebeispiel für verlässliche Beständigkeit und demokratische Resilienz. Man belächelte auf dem alten Kontinent oft das vermeintlich junge Amerika mit seinen kurzen historischen Wurzeln, doch kluge europäische Geister heben bis heute immer wieder hervor, über welch unglaublich alte, gefestigte und stabile Regierung dieses Land in Wahrheit verfügt. Aus exakt dieser bemerkenswerten, jahrhundertelangen Stabilität erwuchs jene beispiellose moralische Autorität, mit der beispielsweise ein Ulysses S. Grant nach seiner Präsidentschaft auf seiner Weltreise selbstbewusst dem abgebrühten deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck entgegentreten konnte. Bismarck, der Inbegriff des kühl kalkulierenden europäischen Realpolitikers, hielt den grausamen amerikanischen Bürgerkrieg lediglich für ein furchtbares, aber strategisch notwendiges Übel, um das bloße staatliche Überleben der Union sichern zu können. Grant hingegen widersprach ihm resolut mit einem unerschütterlichen, tief verwurzelten moralischen Kompass, der den reinen außenpolitischen Pragmatismus weit überstieg.
Für Grant ging es bei diesem blutigen inneramerikanischen Konflikt eben nicht nur um den schnöden, mechanischen Erhalt der territorialen Union, sondern zwingend darum, die unmenschliche Institution der Sklaverei endgültig und kompromisslos auszulöschen. Erst mit diesem radikalen, schmerzhaften reinigenden Schritt, so lautete Grants tiefe, unverrückbare Überzeugung, sei die zerrissene Nation wirklich ganz geworden und die großartige amerikanische Revolution habe sich endlich wahrhaftig vollendet. Dieser Mann besaß, allen rauen Kanten, seiner Trinkfestigkeit und seinen persönlichen Schwächen zum Trotz, einen echten, untrüglichen moralischen Sinn für die historische Bestimmung seines Landes. Vergleicht man diese imposante historische Klarheit mit dem ohrenbetäubenden Lärm der gegenwärtigen Washingtoner Polit-Arena, so offenbart sich eine aggressive, offenkundig gewollte intellektuelle Taubheit. Die systematische Weigerung der aktuellen politischen Klasse, historische Realitäten anzuerkennen, und das schamlose Ausschlachten einer bis aufs Blut gespaltenen Gesellschaft zeugen von einem tiefen, fast unumkehrbaren Verfall des politischen Charakters.
Wenn die Republikanische Partei denselben Mann nun zum dritten Mal in Folge als Präsidentschaftskandidaten nominiert und dieser das höchste Amt der Nation weiterhin bekleidet, dann ist das weit mehr als ein vorübergehender politischer Betriebsunfall. Es ist ein beispielloser historischer Tabubruch, der die Fundamente der amerikanischen Traditionen bis ins Mark erschüttert, denn niemals zuvor wurde eine Figur von der ehemals stolzen Partei Lincolns dreimal hintereinander auf den Schild gehoben. Der Präsident mag zwar nicht das gesamte amerikanische Volk in seiner Breite hinter sich wissen, aber er repräsentiert einen gewaltigen, unübersehbaren und fanatischen Teil der amerikanischen Wählerschaft, der sich von den traditionellen Eliten rachsüchtig abgewandt hat. Diese fundamentale, fast sektenhafte Treue seiner Anhänger macht es faktisch völlig unmöglich, den gegenwärtigen, zerrütteten Zustand der amerikanischen Nation von der Person des Präsidenten und seinem alles durchdringenden Trumpismus zu trennen. Es ist eine symbiotische, hochgradig toxische Beziehung geworden, die den Charakter der gesamten Republik wohl auf unbestimmte Zeit völlig neu definiert.
Es wäre jedoch ein fataler, unentschuldbar kurzsichtiger Irrglaube, dieses dröhnende politische Phänomen isoliert hinter verschlossenen nationalen Grenzen betrachten zu wollen. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind und waren immer weitaus mehr als nur ein geografischer Ort auf der Landkarte, der einst bei den frommen Pilgervätern in Plymouth seinen bescheidenen Anfang nahm und sich dann über einen Kontinent ausbreitete. Sie waren stets auch eine Nation „in der Luft“, eine grenzenlose, immaterielle Idee und ein verlässlicher, strahlender Verbündeter für den weltweiten Freiheitsgedanken, der die Dunkelheit der Unterdrückung erhellen sollte. Wenn dieser intellektuelle und moralische Anker nun durch systematische Lügen, billige, aufgestachelte Ressentiments und einen schamlosen Narzissmus im Oval Office leichtfertig gekappt wird, betrifft das nicht nur die frustrierten Wähler in den amerikanischen Vorstädten. Es entzieht all jenen mutigen Menschen auf der ganzen Welt die dringend benötigte Hoffnung, die sehnsüchtig auf dieses eigentümliche, großartige Land blickten, um sich immer wieder aufs Neue beweisen zu lassen, dass freie Gesellschaften in der Lage sind, Tyrannei zu widerstehen und zu florieren.
So bleibt am Ende dieser melancholischen, europäischen Bestandsaufnahme nur das drängende, fast körperlich schmerzhafte Warten auf eine tiefgreifende politische und gesellschaftliche Heilung dieser ins Wanken geratenen Supermacht. Die leise, zerbrechliche Hoffnung ruht paradoxerweise darauf, dass die breite amerikanische Öffentlichkeit oft ein wesentlich feineres, intuitives Gespür für demokratischen Anstand und historische Verantwortung besitzt als ihre zynisch gewordenen und feige kapitulierenden Eliten. Es ist die verbleibende Zuversicht, dass die wachen Bürger diesem verkommenen, ressentimentgeladenen Populismus in den kommenden, entscheidenden Wochen und Jahren aus eigener, demokratischer Kraft eine heilsame Lektion erteilen werden. Bis dieser reinigende Moment jedoch endgültig eintritt, wird der besorgte Blick aus den alten Gassen Europas unweigerlich von ungläubigem Mitleid geprägt sein. Es ist das stille Grauen darüber, dass eine einst so beispiellos strahlende Supermacht scheinbar völlig ungerührt dabei zusieht, wie ihr historisches, freiheitliches Vermächtnis Stück für Stück in der Trivialität des Narzissmus versinkt.


