US-Kapitalismus: Die programmierte Billion

Illustration: KI-generiert

Elon Musk ist reicher als jede historische Persönlichkeit, während Amerikas Reallöhne wieder schrumpfen. Der erste Trillionär ist kein Zufall des Marktes – er ist die Rechnung, die eine ganze Nation seit Jahrzehnten unterschreibt.

Ein Freitag am Times Square

Am 12. Juni 2026 leuchtet auf der Nasdaq-Fassade in Manhattan ein Firmenlogo, das für einen kurzen Moment die Statik der amerikanischen Vermögensgeschichte verschiebt. SpaceX geht an die Börse. Die Aktie öffnet bei 150 Dollar, klettert bis zum Handelsschluss um zwanzig Prozent über den Ausgabepreis von 135 Dollar und schließt bei 161,11. In dieser Sekunde ist Elon Musk der erste Trillionär der Menschheitsgeschichte, sein Nettovermögen liegt bei rund 1,2 Billionen Dollar.

Zwei Tage zuvor hatte das Bureau of Labor Statistics eine Meldung veröffentlicht, die im Schatten des Börsengangs beinahe verpuffte. Ein Schub der Energiepreise, ausgelöst durch den Krieg mit Iran, hatte anderthalb Jahre Reallohnzuwachs des amerikanischen Durchschnittsverdieners ausradiert. Zum dritten Mal in Folge waren die Stundenlöhne, inflationsbereinigt, gesunken.

Vor der Manhattan-Zentrale von JPMorgan Chase, einer der Konsortialbanken hinter dem Börsengang, sammeln sich Demonstranten. Ein paar Straßenzüge weiter läuft eine Kamera durch das Getümmel am Times Square, wo Musks Gesicht auf einem Bildschirm flimmert. Zwei Wirklichkeiten, geographisch nur Meter voneinander entfernt, ökonomisch Lichtjahre.

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Diese Gleichzeitigkeit ist keine Ironie. Sie ist Symptom. Und sie ist der Schlüssel zur eigentlichen Frage dieses Sommers: Wie konnte ein einzelner Mensch reicher werden als jede Persönlichkeit der aufgezeichneten Weltgeschichte – während Millionen amerikanischer Haushalte am Monatsende immer weniger übrig behalten?

Fünf Millionen zu eins

Die Größenordnung entzieht sich der Vorstellung. Ein Turm aus Hundert-Dollar-Scheinen im Wert von einer Billion würde 679 Meilen in den Himmel wachsen. Ein NBA-Star wie Jalen Brunson, der pro Jahr 39 Millionen Dollar verdient, müsste über 25.000 Saisons spielen, um dieses Vermögen zu erreichen. Selbst das obere Zehntel der amerikanischen Haushalte, mit einem Durchschnittsvermögen von 6,5 Millionen Dollar, kommt nicht einmal auf ein Tausendstel eines Prozents dessen, was Musk auf einem einzigen Handelstag zusammenträgt.

Historisch ist die Kurve noch aussagekräftiger. Als John D. Rockefellers Standard-Oil-Imperium 1937 seinen Zenit erreichte, entsprachen seine 1,4 Milliarden Dollar rund anderthalb Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts. Musks Vermögen macht heute mehr als drei Prozent des US-BIP aus – doppelt so viel wie der Ölmagnat auf seinem Höhepunkt. Musk übertrifft damit nicht nur Rockefeller, sondern auch die Medici und den malischen Kaiser Mansa Musa. Kein Mensch der bekannten Weltgeschichte war je so reich.

Robert Morris, Amerikas erster Millionär und Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, endete Ende des 18. Jahrhunderts pleite in einem Philadelphiaer Schuldnergefängnis. Ein Jahrhundert später wurde Rockefeller mit einem Anschubdarlehen von tausend Dollar seines Vaters zum ersten Milliardär der Nation. Weitere hundert Jahre später überholt Musk in einer einzigen Handelssitzung die gesamte Kette – und mit ihr sämtliche Superreichen der aufgezeichneten Menschheitsgeschichte.

Der Rhythmus dieser Kaskade ist eine Warnung. Vom ersten Millionär zum ersten Milliardär: hundert Jahre. Vom ersten Milliardär zum ersten Trillionär: wieder hundert Jahre – aber mit einer Beschleunigung, die den Effekt der Verzinsung längst hinter sich lässt. Vor fünfzehn Jahren besaßen sämtliche Milliardäre der Welt zusammen 4,5 Billionen Dollar. Heute sind es 20,1 Billionen. Ein Fünftel der globalen Jahreswirtschaftsleistung ruht auf den Schultern von rund 3.000 Menschen.

Musks Nettovermögen allein übersteigt inzwischen um rund dreißig Prozent den Gesamtwert, den die vierhundert reichsten Amerikaner im Jahr 1989 vorweisen konnten – zusammen. In nur zwei Jahren wuchs der weltweite Milliardärsbestand um vierzig Prozent. Es ist kein Wachstum mehr, es ist eine Fluchtbewegung nach oben.

Der Baukasten der Milliarden

Die entscheidende Frage ist nicht, warum es Milliardäre gibt. Die entscheidende Frage lautet: Warum wachsen sie so rasend schnell? Die Antwort liegt in einem Baukasten politischer Entscheidungen, den Washington über drei Jahrzehnte hinweg akribisch zusammengesetzt hat – und der bei jeder größeren Steuerreform um ein weiteres Bauteil ergänzt wurde.

Der Spitzensteuersatz auf hohe Einkommen liegt heute weniger als halb so hoch wie in den 1940er und 1950er Jahren, als die amerikanische Mittelschicht wuchs wie in keiner anderen Epoche zuvor. Der Körperschaftssteuersatz ist um vierzehn Prozentpunkte gefallen im Vergleich zum Niveau zwischen 1993 und 2017. Und der Betrag, den eine Familie steuerfrei vererben darf, kletterte vom Amtsantritt George W. Bushs bis heute von 675.000 Dollar auf 15 Millionen. Ein Faktor von zweiundzwanzig – für eine einzige Generation.

Dazu kommt ein Dickicht an Konstruktionen, das die effektive Belastung weiter senkt. Kapitaleinkünfte werden gegenüber Arbeitseinkommen privilegiert. Pass-Through-Gesellschaften schirmen Betriebsgewinne vor der Einkommensteuer ab. Die berüchtigte Carried-Interest-Regel schont Private-Equity-Manager, deren erfolgsabhängige Vergütung wie ein Kapitalgewinn behandelt wird. Right-to-Work-Gesetze schwächen Gewerkschaften. Non-Compete-Klauseln fesseln Beschäftigte an ihre Arbeitgeber. Der Bundesmindestlohn liegt unter der Armutsgrenze. Und die Kartellbehörden greifen nur zaghaft durch, während einige Sektoren sich zu Fast-Monopolen verdichten.

Das ist keine Aufzählung von Zufällen. Es ist ein System. Jede einzelne dieser Weichenstellungen begünstigt Kapitaleigner gegenüber Lohnabhängigen, Konzerne gegenüber Beschäftigten, Erben gegenüber Aufsteigern. Zusammen ergeben sie eine Maschine, die aus Marktrenditen Milliardenvermögen presst – und aus Milliardenvermögen Billionen.

Parallel liefert die künstliche Intelligenz den Turbo. Nvidia, Apple, Microsoft, Alphabet, Meta und der taiwanesische Chipbauer TSMC werden jeweils mit mehr als einer Billion Dollar bewertet. Deren Gründer und Frühinvestoren schöpfen den Löwenanteil der Kursgewinne ab, während die geschaffenen Arbeitsplätze in absoluten Zahlen überschaubar bleiben. Die Rendite der KI-Ära wandert nicht in die Belegschaften, sondern in wenige Depots.

Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von „Superstar-Firmen“: Konzerne, die ihren Sektor derart dominieren, dass sie Preise diktieren und Löhne drücken können, ohne dass ein funktionierender Wettbewerb das noch korrigierte. Steuervermeidungen finanzieren Aktienrückkäufe, Aktienrückkäufe treiben Kurse, Kurse blähen Depots. Am Ende dieser Kette steht ein Mann, der auf X seine Reichtumsplanung mit dem Slogan „zehn Billionen oder gar nichts“ beziffert.

Wenn Löhne fallen und Depots fliegen

Was diese Politik konkret produziert, ist eine Auseinanderentwicklung, die selbst das Vergoldete Zeitalter des späten 19. Jahrhunderts wie ein Vorspiel wirken lässt. Damals besaßen die zwanzig reichsten Amerikaner rund drei Prozent der Jahreswirtschaftsleistung. Heute vereinen dieselben zwanzig Personen zwölf Prozent auf sich – die vierfache Konzentration in derselben demokratischen Ordnung, in der die Milliardäre der Gilded Age einst als Beweis für eine krankende Republik galten.

Der Aktienmarkt ist der Ort, an dem sich diese Alchemie vollzieht. Das oberste eine Prozent der US-Haushalte hält die Hälfte aller Aktien im Land. Die obersten 0,1 Prozent – rund 135.000 Familien – sitzen auf Wertpapieren im Volumen von 13,7 Billionen Dollar. Fast doppelt so viel wie die 7,1 Billionen, die den unteren 90 Prozent gehören, jenen 115 Millionen Haushalten, die den Alltag der Republik prägen. Wer keine Aktien besitzt, ist im Boom nicht dabei. Wer welche besitzt, aber nur wenige, spürt die Rally kaum.

Global fällt die Bilanz noch drastischer aus. Seit 2015 hat das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung 33,9 Billionen Dollar hinzugewonnen – ein Betrag, der ausreichen würde, extreme Armut auf Basis der höheren Weltbank-Schwelle zweiundzwanzig Mal zu beseitigen. Milliardäre allein legten in diesem Zeitraum um 6,5 Billionen zu. Wenn die fünf reichsten Männer der Welt eine Million Dollar am Tag ausgeben würden, brauchten sie 476 Jahre, um ihr Kapital aufzuzehren.

Zugleich sank der Anteil, der amerikanischen Arbeitnehmern vom Volkseinkommen zufließt, im ersten Quartal 2026 auf ein historisches Tief. Reallöhne fielen drei Monate in Folge und löschten die Gewinne aus Präsident Trumps erstem Amtsjahr aus. Die Schwelle, um überhaupt zum obersten einen Prozent zu gehören, ist zwischen 1989 und 2022 um 8,4 Millionen Dollar geklettert. Für den Median der Bevölkerung sind es 83.000 Dollar in derselben Zeitspanne.

Und global vergrößert sich eine weitere Schere: Männer besitzen weltweit über 105 Billionen Dollar mehr als Frauen – ein Unterschied, der die gesamte US-Wirtschaft mehr als vierfach übersteigt. Ungleichheit ist nie eine Zahl. Sie ist ein Beziehungsgeflecht aus Klasse, Geschlecht, Herkunft. Und in diesem Geflecht verdichtet sich Kapital seit einem Jahrzehnt in einer Geschwindigkeit, die in Umfragen jenen dumpfen Grundton der Wut erzeugt, der die amerikanische Politik seit Jahren prägt.

Vermögen wird Macht

Ökonomische Konzentration bleibt selten ökonomisch. In den Vereinigten Staaten hat sie längst die Grenze zur politischen Sphäre durchbrochen. Musk investierte mehr als 250 Millionen Dollar, um Donald Trump ins Weiße Haus zurückzubringen, wurde Präsidentenberater und stand einem „Department of Government Efficiency“ vor, das Behörden methodisch entkernte.

Zu den Opfern zählt die US-Entwicklungshilfeagentur USAID, deren Programme Musk öffentlich in den Schredder warf. Schätzungen zufolge kostete die Abschaltung rund 600.000 Menschen weltweit das Leben, weil Medikamentenlieferungen, Impfprogramme und Nothilfe abrissen. Empathie, so Musk in einem viel zitierten Interview, sei die „fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation“. Es ist ein Satz, den vor wenigen Jahren kein amerikanischer Präsidentenberater öffentlich hätte aussprechen können, ohne sein Amt zu verlieren.

Politologen haben empirisch belegt, was Historiker seit Langem vermuten: Je ungleicher die Einkommensverteilung in einer Demokratie, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen normbrechenden, machtakkumulierenden Regierungschef an die Spitze wählt. Der Zusammenhang ist kein Zufall. Er ist die stille Physik jener „Zwei-Städte-Republik“, die schon Sokrates in Platons „Politeia“ diagnostizierte: die Reichen und die Armen leben auf demselben Territorium, konspirieren aber dauerhaft gegeneinander – und suchen sich am Ende Anführer, die diese Feindschaft in Politik übersetzen.

Selbst konservative Ökonomen, die einst dem Ronald-Reagan- und George-Bush-Konsens gedient haben, warnen inzwischen vor dem Rückschlag. Milliardäre aus Innovationsverdienst seien nicht das Problem, sagen sie, wohl aber deren ungezügelter Einfluss auf Wahlkämpfe, Regulierungsprozesse und die Rechtsprechung. Was einst als linke Ungleichheitskritik galt, ist im Zentrum des ökonomischen Mainstreams angekommen. Der Grund ist banal: Die Zahlen erlauben keine andere Lesart mehr.

Bernie Sanders, mit vierundachtzig Jahren einer der letzten Zeitzeugen der amerikanischen Nachkriegs-Mittelschicht, brachte den Befund im Juni auf eine Formel. Musk gehe es nicht um Inseln oder Megayachten, sagte er. Musk gehe es um Macht. Und mit dem SpaceX-Börsengang sei aus dem reichsten Menschen der Welt der mächtigste geworden.

Platons undichter Krug

Für den amerikanischen Streit über die Billion gibt es eine überraschend alte Analyse. In seinen „Gesetzen“ schlug Platon vor, dass in einer gesunden Republik niemand mehr als das Vierfache des ärmsten Bürgers besitzen dürfe. Alles darüber hinaus sei der Gemeinschaft zurückzugeben. Nicht fünf Millionen Mal – vier Mal.

Der Athener hatte reichlich Anschauungsmaterial. In seiner Jugend erlebte er, wie die Stadt zwischen einer oligarchischen und einer demokratischen Revolution zermahlen wurde, wie drei aufeinanderfolgende Bürgerkriege die Polis in zwei Städte zerlegten, wie das Vertrauen in gemeinsame Institutionen erodierte. Für die Ursache dieser Selbstzerstörung hatte er einen Begriff, den er der Alltagssprache entlehnte: Pleonexia, die unstillbare Gier. Im „Gorgias“ verglich er sie mit einem undichten Krug, in den man endlos Wasser schütten kann, ohne ihn je zu füllen.

Musk, der bereits öffentlich die zehn Billionen als nächstes Ziel ausgerufen hat, liefert die zeitgenössische Bebilderung frei Haus. Es ist eine philologische Ironie, dass der reichste Mensch der Weltgeschichte ausgerechnet jenes Krankheitsbild verkörpert, an dem Platon vor zweieinhalbtausend Jahren die athenische Demokratie scheitern sah. Dass diese Diagnose keine philosophische Nostalgie mehr ist, bestätigt inzwischen sogar die Branche selbst: Der Chef eines der führenden KI-Labors warnte kürzlich, die Vermögenskonzentration habe „historisch beispiellose Ausmaße“ erreicht – und drohe, die Gesellschaft zu zerbrechen.

Und doch bleibt eine Handlungsoption. Was Politik gebaut hat, kann Politik zurückbauen. Ein einmaliger Vermögenssteuersatz von fünf Prozent, wie ihn Kaliforniens Gewerkschaften für die Novemberabstimmung 2026 auf den Wahlzettel gehoben haben, würde die Statik ins Wanken bringen. Ein internationaler Mindestsatz von zwei Prozent auf Milliardärsvermögen, wie ihn ein französischer Ökonom im Rahmen der G20 vorgeschlagen hat, ließe sich jährlich in einen dreistelligen Milliardenbetrag übersetzen – Geld, das derzeit vollständig der Umverteilung entzogen ist.

Ob solche Vorschläge eine Chance haben, ist eine andere Frage. Denn wer die Billion baut, wird sie verteidigen. Wer, wie Musk, das gut Fünfmillionenfache eines Durchschnittshaushalts besitzt, verfügt über sehr viele Möglichkeiten, den eigenen Krug undicht zu halten. Am Ende ist der 12. Juni 2026 daher keine Rekordmeldung aus dem Wirtschaftsteil. Er ist eine politische Zäsur – und eine Einladung an eine Republik, sich zu erinnern, dass die Frage nach der Grenze des Reichtums nie eine Frage der Ökonomie war, sondern immer schon eine Frage der Demokratie.

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