US-Zwischenwahlen | Rote Bastionen im freien Fall und Trumps drohende Lähmung

Illustration: KI-generiert

Vor den Kongresswahlen erodiert die Machtbasis der Republikaner selbst in tiefkonservativen Kernlanden. Hohe Dieselpreise infolge des Iran-Krieges und drückende Zölle treiben die Wähler in die Arme ungewöhnlicher Herausforderer. Verliert Donald Trump die Mehrheit auf dem Kapitol, drohen seinen letzten beiden Amtsjahren erbitterte Untersuchungsausschüsse – und die unberechenbare Wut eines in die Enge getriebenen Präsidenten.

Als der Bundesstaat Kansas zum letzten Mal einen Demokraten in den amerikanischen Senat entsandte, schrieb man das Jahr 1932: Franklin D. Roosevelt besiegte damals Herbert Hoover im Kampf um das Weiße Haus, die Flugpionierin Amelia Earhart überquerte im Alleinflug den Atlantik, und die Entführung des Lindbergh-Babys hielt die Welt in Atem. Ganze 94 Jahre ist es her, dass dem Demokraten George McGill dieses historische Kunststück gelang, bevor der Staat im Herzen der Vereinigten Staaten zum Inbegriff einer uneinnehmbaren konservativen Festung erstarrte. Doch wenige Wochen vor den richtungsweisenden Zwischenwahlen des Jahres 2026 wankt ausgerechnet dieses republikanische Stammland. In Washington vollzieht sich derzeit eine politische Verschiebung, die selbst erfahrene Strategen fassungslos zurücklässt. Wahlmodelle beziffern die Wahrscheinlichkeit, dass die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückerobern, inzwischen auf 93 Prozent, während selbst für die Übernahme des Senats eine Chance von 74 Prozent veranschlagt wird. Dabei ist Kansas längst kein isolierter Ausreißer mehr, denn von Alaska über Iowa und Ohio bis nach Texas und Nebraska geraten Mandate in Gefahr, die noch vor anderthalb Jahren als unantastbarer Besitzstand für die Partei von Präsident Donald Trump galten.

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Das Wunder von Kansas und die Flucht des Amtsinhabers

Dass das Senatsrennen in Kansas mittlerweile als völlig offen eingestuft wird, gleicht einer politischen Zäsur. Für die Demokraten scheint ein Sieg im Mittleren Westen derzeit sogar greifbarer als im traditionell weitaus liberaleren Bundesstaat Maine an der Ostküste. Das liegt zum einen daran, dass in Kansas bereits eine demokratische Gouverneurin regiert, das Parteikürzel auf dem Stimmzettel dort also keineswegs ein automatisches Todesurteil bedeutet. Zum anderen haben die Demokraten mit Pastor Adam Hamilton einen Kandidaten aufgeboten, der wirkt, als sei er am Reißbrett speziell für diesen Wahlkampf entworfen worden.

Hamilton besitzt keinerlei politische Vergangenheit, war die längste Zeit seines Lebens als Republikaner registriert und leitet die größte Kirchengemeinde des Bundesstaates. Wer einer solchen Großkirche vorsteht, beherrscht die Kunst der aufrichtigen, nahbaren Ansprache meisterhaft. Hamilton inszeniert sich als moderater Brückenbauer, verweist gerne darauf, dass der geografische Mittelpunkt der 48 zusammenhängenden US-Staaten in Kansas liegt, und bezeichnet sich selbst gleichermaßen als Liberalen wie als Konservativen.

Dieser geschickte Kommunikator trifft auf einen republikanischen Amtsinhaber, der von der Wucht des Wahlkampfs in völliger Arglosigkeit erwischt wurde. Senator Roger Marshall mied über anderthalb Jahre hinweg fast jede öffentliche Bürgerversammlung und kritische Presseanfrage. Auslöser dieser Flucht vor den eigenen Wählern war ein denkwürdiger Auftritt nach der Verabschiedung des großen, prestigeträchtigen Gesetzespakets der Regierung vor anderthalb Jahren: Als Marshall bei einer Bürgerfragestunde ausgebuht wurde, verlor er die Fassung, warf dem Publikum Unhöflichkeit vor und verließ wutentbrannt den Saal. Erst in diesen Tagen wagte er sich erstmals wieder auf eine öffentliche Bühne – ein untrügliches Indiz dafür, dass die internen Umfragen der Republikaner Alarm schlagen.

Wie prekär die Lage für Marshall ist, beweist der Blick auf die Finanzströme beider Parteien. Die Republikaner müssen plötzlich Millionenbeträge nach Kansas umleiten, um ihren strauchelnden Senator vor dem Absturz zu bewahren. Abgezogen wurden diese Gelder ausgerechnet aus North Carolina – einem eigentlich hochgradig umkämpften Schlüsselstaat, den die Parteiführung faktisch bereits abgeschrieben hat, nachdem den Demokraten dort die Rekrutierung eines extrem zugkräftigen Kandidaten mit früherer Amtserfahrung gelang. In Kansas hingegen dringt Herausforderer Hamilton mit einer vernichtenden Kampagne durch, die Marshalls frühere Tätigkeit als Gynäkologe ins Visier nimmt. Dessen Arztpraxis hatte über 700 Patientinnen wegen offener Rechnungen vor Gericht gezerrt; 81 der Betroffenen sahen sich sogar mit Haftbefehlen konfrontiert. In einer Ära, in der zahllose Familien unter den täglichen Lebenshaltungs- und Gesundheitskosten ächzen, entfalten Werbespots, in denen Bürgerinnen direkt in die Kamera schildern, wie ihnen wegen einer Arztrechnung von 50 Dollar das Gefängnis drohte, eine verheerende Wirkung.

Tarnkappen-Strategie in der Prärie und das Rätsel von Maine

Während die Republikaner im Agrargürtel unerwartet in die Defensive geraten, offenbart der Blick nach Maine die ganze Widersprüchlichkeit dieses Wahljahres. Obwohl Joe Biden den Staat einst mit neun Prozentpunkten Vorsprung gewann und auch Kamala Harris dort überzeugend triumphierte, beißen sich die Demokraten an der republikanischen Amtsinhaberin Susan Collins erneut die Zähne aus. Zwar hängt ihr weiterhin die Kritik nach, einst für einen konservativen Verfassungsrichter gestimmt zu haben, der ihr vorab versichert hatte, das landesweite Abtreibungsrecht nicht anzutasten. Doch Collins erweist sich einmal mehr als politische Überlebenskünstlerin.

Nachdem sich der ursprüngliche demokratische Hoffnungsträger Graham Platner im Wahlkampf selbst demontierte, tritt sie nun gegen den als zweitklassig geltenden Herausforderer Troy Jackson an. Im scharfen Kontrast zum abgetauchten Roger Marshall sucht Collins die direkte Konfrontation und stellt sich allein vier Fernsehdebatten. Selbst wenn Erhebungen sie derzeit knapp im Rückstand sehen, liegt ihre wahre Lebensversicherung in einem bemerkenswerten Detail: 70 Prozent der wahrscheinlichen Wähler in Maine haben in der Vergangenheit bereits mindestens einmal für Collins gestimmt. Ihr universeller Bekanntheitsgrad und eine über Jahrzehnte gepflegte Wahlkreisarbeit bilden einen Schutzschild, der für Jackson kaum zu durchbrechen ist.

Im konservativen Westen des Landes greifen die Demokraten derweil zu einem radikalen Manöver. Weil der eigene Parteiname in Staaten wie Nebraska, Idaho, South Dakota und Montana als geradezu giftig gilt, setzen die Strategen auf unabhängige Kandidaten. In Nebraska, Montana und Idaho zogen die Demokraten ihre eigenen Bewerber sogar kurzerhand zurück, um das Feld komplett parteilosen Herausforderern zu überlassen. Die größten Erfolgsaussichten hat dieses Modell in Nebraska, wo der Unabhängige Dan Osborne antritt. Schon vor zwei Jahren hatte Osborne die unvorbereitete republikanische Senatorin Deb Fischer an den Rand einer Niederlage gebracht und war nur um sechs Prozentpunkte gescheitert. Nun warnen republikanische Werbespots die Wähler eindringlich davor, dass Osborne in Washington mit den Demokraten stimmen würde – ein verzweifelter Versuch, diesen Tarnkappen-Effekt im zweiten Anlauf zu neutralisieren.

Wie stark die nationale Großwetterlage die lokalen Rennen diktiert, zeigt sich ebenso in den Industriestaaten Michigan und Ohio. In Ohio kämpft der republikanische Amtsinhaber Jon Husted mit seiner eigenen Profillosigkeit, während sein demokratischer Herausforderer Sherrod Brown nach einem halben Jahrhundert im öffentlichen Dienst eine derart hohe Bekanntheit genießt, dass viele Wähler ihn noch immer für den amtierenden Senator halten. Brown besetzt dort frühzeitig populistische Themen wie den Widerstand gegen den Bau gigantischer Rechenzentren. In Michigan wiederum, einem klassischen Wechselwählerstaat, den Trump vor zwei Jahren noch für sich entschied, schlagen die Zölle des Präsidenten mit einer durchschnittlichen Belastung von über 5.000 Dollar pro Haushalt erbarmungslos durch. Das öffnet die Tür für einen demokratischen Kandidaten, dessen Positionen zwar abseits der politischen Mitte liegen, der das rechte Zerrbild eines gefährlichen Extremisten und Dschihadisten jedoch geschickt kontert: Ganz in der Tradition von Pete Buttigieg tritt er regelmäßig beim konservativen Sender Fox News auf und scherzt dort gelöst mit Moderatoren wie Jesse Watters. Der republikanische Kandidat Mike Rogers, eigentlich ein außenpolitischer Falke, sieht sich in Michigan bereits gezwungen, öffentlich auf Distanz zum Weißen Haus zu gehen: In einem Werbespot trinkt er demonstrativ kanadisches Labatt-Bier, bezeichnet Kanada als Freund, verurteilt den Handelskrieg und bricht zugleich mit Trumps Kriegskurs im Nahen Osten.

Die Straße von Hormus und das russische Diesel-Geschenk

Dass Kandidaten wie Rogers die Flucht nach vorn antreten, hat einen präzisen Grund: Diese Zwischenwahlen sind zu einem unerbittlichen Volksentscheid über Donald Trumps Politik der vergangenen zwei Jahre geworden. Konnte das Weiße Haus die Teuerung lange Zeit auf die Vorgängerregierung von Joe Biden abwälzen, hat der Krieg gegen den Iran diese Ausrede endgültig zunichtegemacht. Noch im Januar 2025 hätten die wenigsten Amerikaner gewusst, wo die Straße von Hormus überhaupt liegt; heute spüren sie die Blockade dieser Meerenge direkt an der Zapfsäule und an der Supermarktkasse.

Hinter vorgehaltener Hand herrscht im republikanischen Lager blanke Panik. Parteistrategen mit engsten Verbindungen ins Weiße Haus warnen bereits seit März intern mit drastischen Worten, dieser Krieg werde die Partei bei den Wahlen Kopf und Kragen kosten. Die Analyse der Insider ist schonungslos: Die Republikaner hätten die wirtschaftlichen Folgen der Zölle und selbst die zunehmend unpopulären Einwanderungsrazzien, die Trump seine einstigen Zugewinne unter hispanischen Wählern kosten, politisch überstehen können. Doch die Kombination aus dem militärischen Konflikt und der Explosion der Dieselpreise trifft das Rückgrat der eigenen Koalition ins Mark. Gerade in Agrarstaaten wie Kansas und Iowa treibt der teure Treibstoff die Produktions- und Lebensmittelkosten in schwindelerregende Höhen.

Trumps hastige Gegenmaßnahmen wirken wie das offene Eingeständnis dieser Notlage. Einerseits unterzeichnete er ein Dekret zu rot gefärbtem Agrardiesel, das die Landwirte vor Ort jedoch als völlig wirkungslos abtun. Andererseits hob der Präsident kurzerhand Sanktionen gegen Moskau auf, um den Import kleiner Mengen russischen Diesels zu ermöglichen. Während dieser Schritt auf dem amerikanischen Markt innerhalb weniger Wochen keinerlei Preisentlastung bringen dürfte, erweist er sich geopolitisch als fatales Signal: Ausgerechnet jenem Russland, das nordkoreanische Soldaten im Kampf gegen die von den USA unterstützte Ukraine einsetzt, wirft Washington eine wirtschaftliche Rettungsleine zu – ein Manöver, das beim ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj umgehend für schärfste Empörung sorgte.

Das Fetterman-Kalkül und der Präsident im Schützengraben

Sollte die blaue Welle die Republikaner tatsächlich erfassen, richten sich in Washington alle Augen auf ein brisantes Gedankenspiel. Erobern die Demokraten im Senat eine hauchdünne Mehrheit von 51 zu 49 Sitzen, könnte ein einziger Überläufer das Machtgefüge sofort wieder umstürzen: John Fetterman aus Pennsylvania. Würde er die Seiten wechseln, stünde es 50 zu 50, womit Vizepräsident JD Vance die ausschlaggebende Stimme zufiele. Zwar hat Fetterman auf rund fünf Dutzend Nachfragen stets kategorisch ausgeschlossen, die Partei zu wechseln, doch die Parallelen zum Jahr 2001, als der damalige republikanische Senator Jim Jeffords aus Vermont in einem exakt gespaltenen Senat die Seiten wechselte, liegen auf der Hand. Wegen seines Abstimmungsverhaltens und seiner kompromisslosen Haltung in der Israel-Frage gilt Fetterman in demokratischen Vorwahlen als chancenlos. In seinem Heimatstaat ist er mittlerweile bei Republikanern beliebter als in der eigenen Partei, auf dem Kapitol pflegt er demonstrativ die Nähe zu konservativen Senatoren wie Katie Britt oder Dave McCormick, und beim republikanischen Parteitag in Dallas trat er sogar als Redner auf. Der Druck – und die politischen Verlockungen der Republikaner – wären im Ernstfall immens.

Und Donald Trump selbst? Nach außen hin pflegt der Präsident seine gewohnte Sprunghaftigkeit und erklärte am Donnerstag auf seiner Plattform Truth Social kurzerhand jeden zum „Feind“ des Weißen Hauses, der weiterhin den Begriff „Künstliche Intelligenz“ statt der angeblich präziseren Wortschöpfung „Superintelligenz“ verwende. Doch hinter den Kulissen hat er den Ernst der Lage längst erkannt. Für den kommenden Monat plant Trump eine massive Wahlkampfoffensive, die ihn bis nach Alaska führen wird, um die eigene Basis an die Urnen zu treiben. Im Weißen Haus klammert man sich an die Hoffnung, dass die Zweifler schon 2016 falsch lagen, die Rennen auf tiefkonservativem Terrain stattfinden, die Umfragen sich auf der Zielgeraden verengen werden und die prall gefüllten republikanischen Wahlkampfkassen am Ende den Ausschlag geben.

Geht dieses Kalkül jedoch nicht auf, steht Trump vor zwei extrem ungemütlichen letzten Amtsjahren. Eine demokratische Kongressmehrheit würde seine gesetzgeberische Agenda sofort einfrieren und das Weiße Haus mit einer Welle von Untersuchungsausschüssen und Amtsenthebungsverfahren gegen Kabinettsmitglieder – wie es sich kurz vor der Sitzungspause bereits gegen Verteidigungsminister Pete Hegseth abzeichnete – sowie gegen den Präsidenten selbst überziehen. Wie ein Donald Trump agiert, der mit dem Rücken zur Wand steht, hat die jüngere Geschichte hinlänglich bewiesen: Nach der Wahlniederlage 2020 trieb er die Konfrontation bis zum Sturm auf das Kapitol am 6. Januar, und im Ringen mit dem Kongress verantwortete er einst den längsten Regierungsstillstand der amerikanischen Geschichte. Ihm bleiben nach einem Machtverlust im Kongress nur zwei Wege: Entweder die totale Selbst-Radikalisierung im institutionellen Stellungskrieg – oder die überraschende Flucht in die Rolle des pragmatischen Verhandlers, der nach dem Vorbild seiner bislang erfolglosen Bemühungen im Iran-Konflikt plötzlich den Pakt mit dem unversöhnlichen politischen Gegner sucht.

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