
Drei Wochen vor den Zwischenwahlen opfert der US-Präsident das westliche Sanktionsregime und brüskiert Kiew mit Rücktrittsforderungen sowie massiven Drohungen. Während Washington von einer Energiewaffenruhe phantasiert, bombardiert Moskau ungehindert ukrainische Kraftwerke. Hinter dem scheinbaren Wahlkampfmanöver offenbart sich ein kalter Ausverkauf der Ukraine – und ein Geflecht aus lukrativen Geschäftsinteressen.
Wenn das strategische Fundament einer Supermacht erodiert, geschieht dies im Washington des Jahres 2026 binnen 72 Stunden. Am Freitagabend noch hatte US-Präsident Donald Trump seinen Terminkalender umgeräumt, um Wladimir Putin nach dessen Rückkehr aus Turkmenistan nachträglich zum 74. Geburtstag zu gratulieren – ein derart warmherziges Telefonat samt persönlichen Grüßen von Ehefrau Melania, dass am Ende keiner zuerst auflegen wollte und beide Staatschefs gleichzeitig den Hörer senkten. Nur einen Tag später trat derselbe amerikanische Präsident sichtlich aufgebracht vor die Kameras am Weißen Haus und richtete seinen Zorn gegen das Opfer des russischen Vernichtungskrieges: Wolodymyr Selenskyj solle die Angriffe auf russische Ölraffinerien „verdammt noch mal“ einstellen. Der ukrainische Präsident habe zahllose Gelegenheiten gehabt, den Krieg zu beenden, wolle aber stattdessen den amerikanischen Farmern und dem Rest der Welt Probleme bereiten, zürnte Trump. Seine Tirade gipfelte in dem öffentlichen Ratschlag, die Ukrainer sollten sich einen „neuen Anführer suchen, der eine Einigung erzielen kann“. Innerhalb eines einzigen Wochenendes hat der Herr im Weißen Haus nicht nur anderthalb Jahre eigener Diplomatie, sondern Jahrzehnte amerikanischer Bündnispolitik eingerissen – für das vage Versprechen auf ein paar Millionen Tonnen russischen Dieselkraftstoff.

USA Politik Leicht Gemacht: Politik in den USA – einfach erklärt.
Die Fiktion der Energiewaffenruhe und das Schweigen im Weißen Haus
Um den diplomatischen Flurschaden als friedensstiftenden Durchbruch zu inszenieren, griff Trump am Sonntag zu einer vertrauten Methode. Auf seiner Plattform Truth Social verkündete er kurzerhand eine mit sofortiger Wirkung geltende „Energiewaffenruhe“, der angeblich beide Kriegsparteien zugestimmt hätten, versehen mit der herrischen Mahnung, diese nicht zu brechen. Es war die exakte Kopie eines Manövers vom 14. September, als Trump schon einmal einen solchen Stopp gegenseitiger Angriffe auf Energieanlagen ausgerufen hatte, nur damit Russland noch in derselben Nacht Tankstellen in Kiew und die Ukraine eine Raffinerie im russischen Samara bombardierten. Auch diesmal entpuppte sich die Proklamation aus Washington binnen Stunden als Trugbild: Während Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow kühl auswich, die Kontakte dauerten lediglich an, und Selenskyj auf dem Warschauer Sicherheitsforum einräumte, von einer solchen Einigung völlig überrascht worden zu sein, schufen russische Kampfflugzeuge längst blutige Fakten.
Zwar verzichtete Kiew in der Nacht auf Montag tatsächlich einseitig auf Schläge gegen russische Raffinerien, um Washington den eigenen Friedenswillen zu beweisen. Moskau hingegen beantwortete Trumps Vorstoß mit unverminderter Gewalt. Nur wenige Stunden nach der Ankündigung aus dem Weißen Haus schlugen russische Geschosse in ein Heizkraftwerk, eine zivile Tankstelle sowie Gasförderanlagen des Staatskonzerns Naftogaz im nordöstlichen Charkiw ein. Es ist die unerbittliche Fortsetzung jener Strategie, den nahenden Winter als Waffe einzusetzen, um die ukrainische Zivilbevölkerung vor dem Frost von Strom, fließendem Wasser und Wärme abzuschneiden. Allein in der vergangenen Woche attackierte Russland das ukrainische Stromnetz 196-mal sowie zwanzigmal Öl- und Gasanlagen; 153 Zivilisten starben binnen sieben Tagen im Bombenhagel, über 80 davon allein an zwei Tagen des vergangenen Wochenendes.
Die Spur der Verwüstung zieht sich durch das gesamte Land. Fünf russische Gleitbomben trafen Wohnhäuser in Saporischschja, im dicht besiedelten Dorf Pissotschyn bei Charkiw töteten Drohnen am Sonntagabend nahe einem Supermarkt drei Menschen und verletzten neun weitere, darunter Kinder. In der Nacht zum Montag feuerte Russland 121 Drohnen – darunter 76 strahlgetriebene Shahed-Modelle – sowie einen gelenkten Marschflugkörper des Typs Ch-59 auf fünfzehn Ziele in der Ukraine ab. Während die ukrainische Luftabwehr 89 Geschosse abfing und Moskau seinerseits den Abschuss von 151 ukrainischen Drohnen über russischen Regionen, der annektierten Krim und dem Schwarzen Meer meldete, entfachten Trümmerteile am Montag tagsüber in den Kiewer Stadtbezirken Darnyzkyj und Solomjanskyj Brände in Wohnhäusern und Lagerhallen; zugleich trafen Drohnen die Hafeninfrastruktur sowie einen Frachter vor Odessa. Über die getöteten Kinder oder die bombardierten Kraftwerke – selbst solche im Besitz amerikanischer Unternehmen – verlor Trump kein einziges Wort des Mitgefühls. Stattdessen ließ Putins außenpolitischer Berater Jurij Uschakow zynisch verlauten, der Stab von Melania Trump werde sich künftig mit der russischen Menschenrechtsbeauftragten Jana Lantratowa über die russisch besetzte Stadt Oleschky im Gebiet Cherson austauschen – einen Ort, dessen hungernde Bewohner von der Ukraine nur noch per Drohne mit Lebensmitteln versorgt werden können.
Wahlkampfpanik, der Irankrieg und ein ökonomisches Scheinargument
Was treibt den amerikanischen Präsidenten zu einer solch offenen Parteinahme für den Aggressor im Kreml? Die vordergründige Antwort liegt im Wahlkalender: Gut drei Wochen vor den Kongresswahlen verharren Trumps Zustimmungswerte auf einem historischen Tiefstand und ziehen republikanische Kandidaten selbst in bisher sicheren Parteibastionen wie Texas, Nebraska und Kansas mit nach unten. Die hohe Inflation und die explodierenden Energiepreise – genau jenes Thema, mit dem Trump im Präsidentschaftswahlkampf 2024 noch Joe Biden und Kamala Harris vor sich hergetrieben hatte – fallen nun mit voller Wucht auf ihn selbst zurück. Auf Truth Social bekannte er unverblümt, niedrigere Preise für Amerikas Landwirte, Viehzüchter und Lastwagenfahrer hätten für ihn oberste Priorität. Doch der wahre Treiber der globalen Preisexplosion sind keineswegs die ukrainischen Angriffe auf russische Anlagen, sondern der von den USA und Israel begonnene Krieg gegen den Iran und die daraus resultierende Blockade der Straße von Hormus. Dieser Waffengang im Nahen Osten ohne absehbares Ende gilt selbst in Teilen der Republikanischen Partei inzwischen als der schwerste strategische Fehler von Trumps zweiter Amtszeit.
In dieser innenpolitischen Notlage nutzte Putin, der sich seit Monaten als Vermittler im Irankonflikt ins Spiel bringt, die Schwäche des Weißen Hauses eiskalt aus. Das US-Finanzministerium setzte die seit März 2022 geltenden Sanktionen – nach einer ersten befristeten Ausnahmegenehmigung für Tankerexporte von März bis Mitte Juni – erneut bis zum 7. April 2027 aus. Im Gegenzug stellte Moskau laut Trump die unverzügliche Lieferung von 300.000 Tonnen Diesel für den amerikanischen Markt und den Weltmarkt in Aussicht, gefolgt von 500.000 Tonnen im November, einer Million Tonnen kurz darauf und langfristig bis zu drei Millionen Tonnen, sofern der Zustand der russischen Raffinerien dies erlaube.
Doch ökonomisch ist dieses Geschäft eine reine Nebelkerze. Wegen der erfolgreichen ukrainischen Schläge gegen russische Raffinerien leidet Russland im eigenen Land unter empfindlicher Treibstoffknappheit und hat selbst Exportverbote für Benzin, Kerosin und – befristet bis Ende Oktober – für Diesel verhängt. Zwar hatte Putin jüngst auf dem Valdai-Gesprächsforum behauptet, Russland verfüge über ausreichende Reserven und werde nur durch westliche Sanktionen am Export gehindert, doch tatsächlich plante Moskau die Wiederaufnahme der Ausfuhren ohnehin, um endlich von den globalen Rekordpreisen zu profitieren. Putin macht in dieser Vereinbarung also keinerlei echtes Zugeständnis; der Kreml bestätigte in seiner knappen Verlautbarung nicht einmal die von Trump genannten Liefermengen. Überdies ist das russische Exportvolumen im Vergleich zu den Verwerfungen im Nahen Osten viel zu gering, um die Zapfsäulenpreise in den Vereinigten Staaten rechtzeitig vor dem Wahltag spürbar zu drücken.
Erpressung in Miami und der geschäftliche Hinterhof der Macht
Weil das ökonomische Argument einer näheren Prüfung nicht standhält, gleicht Trumps Vorgehen vielmehr einem abrupten Befreiungsschlag zugunsten Moskaus, um die Ukraine zur Kapitulation zu zwingen und die angeschlagene russische Kriegswirtschaft zu stabilisieren. Wie brutal dieser Druck hinter verschlossenen Türen ausgeübt wird, zeigte sich am Freitag bei vorzeitig abgebrochenen Verhandlungen in Miami. Dort drohten Trumps Sondergesandter Steve Witkoff – der schon am Mittwoch den Geburtstagskontakt zu Putin angebahnt hatte – und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner der ukrainischen Delegation unverhohlen damit, Kiew von lebenswichtigen amerikanischen Geheimdienst- und Satelliteninformationen abzuschneiden, sollte die Ukraine ihre Angriffe auf russische Raffinerien nicht einstellen. Washington verlangt von den Angegriffenen also die einseitige Aufgabe ihres wirksamsten militärischen Hebels, ohne von Moskau irgendeine Gegenleistung einzufordern. Die ukrainisch-amerikanischen Beziehungen sind damit wieder auf jenem Gefrierpunkt angelangt, den sie Ende Februar 2025 beim öffentlichen Eklat im Oval Office mit Vizepräsident J.D. Vance – dem im Frühjahr 2025 bereits ein kurzzeitiger Stopp des Geheimdienstaustauschs folgte – sowie beim Alaska-Gipfel im August 2025 auf der Militärbasis Elmendorf-Richardson erreicht hatten, als Außenminister Marco Rubio und die Europäer Trump nur mit größter Mühe von einem Diktatfrieden zulasten Kiews abbringen konnten.
Besonders grotesk wirkt diese Kehrtwende, weil Trump erst vor zwei Monaten seinen CIA-Direktor John Ratcliffe mit einer unmissverständlichen Botschaft nach Moskau geschickt hatte: Zwar herrsche militärisch ein Patt, doch ökonomisch verliere Russland den Krieg und steuere wie einst die Sowjetunion am Ende des Kalten Krieges auf den sicheren wirtschaftlichen Kollaps zu. Auch als Trump im September Putin zum G-20-Gipfel im Dezember nach Miami einlud, wiegten sich westliche Diplomaten noch in der Hoffnung, dies diene ernsthaften Friedensgesprächen. Dass Trump dem Kreml stattdessen nun frische Devisen in die Kriegskasse spült, während Putin im Freitagsgespräch ungerührt seine alten Kriegsziele wiederholte und wahrheitswidrig behauptete, seine Armee besitze auf dem Schlachtfeld die Initiative, verweist auf tiefere Motive.
Zum einen folgt der Präsident einem seiner ältesten Instinkte: Seit seiner ersten Reise ins sowjetische Moskau im Jahr 1987, nach der er in ganzseitigen Zeitungsanzeigen gegen amerikanische Allianzen polemisierte, pflegt Trump eine fast vierzigjährige, unerschütterliche Vorliebe für russische Perspektiven bei gleichzeitiger Verachtung demokratischer Partner wie Kanada oder Europa. Zum anderen offenbart sich eine Administration, in der Geopolitik mit privaten Geschäftsinteressen verschmilzt. Im Umfeld der Unterhändler Witkoff und Kushner wird mit Moskau längst über lukrative Projekte rund um die Nord-Stream-Pipelines, den Rohstoffabbau in der Arktis und die in europäischen Banken eingefrorenen russischen Vermögenswerte gesprochen. Zudem steht die Übernahme von Vermögenswerten des russischen Ölkonzerns Lukoil durch ein Geschäftskonsortium im Raum, an dem neben nahöstlichen Partnern von Kushner und Witkoff auch Trumps Tochter Ivanka sowie Witkoffs Sohn beteiligt sein sollen.
Überparteilicher Aufstand in Washington und Europas neue Realität
Dieser Bruch mit nationalen Prinzipien stößt inzwischen selbst im eigenen politischen Lager auf erbitterten Widerstand. Während treue Parteigänger wie der republikanische Abgeordnete Tom Emmer den Präsidenten mit dem Argument verteidigten, dieser suche eben nach jeder denkbaren Antwort auf die Preissteigerungen, und der Demokrat Donald Norcross von einem „Pakt mit dem Teufel“ sprach, erklärten sieben Senatoren beider Parteien das Diesel-Geschäft am Sonntag in einem gemeinsamen Schreiben für schlichtweg rechtswidrig. Die vier Republikaner Susan Collins, Lisa Murkowski, Thom Tillis und John Curtis warfen dem Weißen Haus gemeinsam mit ihren demokratischen Kollegen Jeanne Shaheen, Ron Wyden und Richard Blumenthal vor, das vom Kongress im Jahr 2022 verabschiedete Importverbot für russische Energieträger direkt zu brechen und das Parlament pflichtwidrig weder konsultiert noch unterrichtet zu haben. Die Vereinigten Staaten dürften Putin keine finanzielle Rettungsleine zuwerfen, solange dieser ukrainische Zivilisten töte; die Regierung müsse ihren Kurs umgehend korrigieren, forderten die Senatoren. Zugleich ignoriert Trump ein erst Mitte September von ihm selbst unterzeichnetes Gesetz, das Sanktionen und Strafzölle gegen Käufer russischen Öls und Gases ermöglicht und das nach der Bestürzung über den plötzlichen Tod seines republikanischen Initiators Lindsey Graham im Sommer endlich verabschiedet worden war.
In Europa zieht man aus dem Washingtoner Schauspiel derweil nüchterne geostrategische Konsequenzen. Während die Bundesregierung über Sprecher Stefan Kornelius gewohnt zurückhaltend erklärte, man nehme die Entscheidung zur Kenntnis und arbeite mit den europäischen Partnern an weiteren Sanktionen, verurteilten Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas den Schritt scharf. Beim Außenministertreffen in Luxemburg betonte Kallas, eine Waffenruhe müsse vor allem das Töten von Menschen beenden, und wies Trumps Forderung nach Neuwahlen in der Ukraine entschieden zurück. Selenskyj selbst stellte klar, dass Wahlen unter permanentem Tag-und-Nacht-Beschuss unmöglich seien und mindestens eine sechzigtägige vollständige Waffenruhe erforderten – woraufhin Kreml-Sprecher Peskow zynisch anbot, die Angriffe lediglich für einen einzigen Wahltag auszusetzen, damit Kiew keine Kräfte sammeln könne.
Doch anders als zu Kriegsbeginn lässt sich die Ukraine durch die extremen Kursschwankungen im Weißen Haus nicht mehr lähmen. Dank einer massiv ausgebauten heimischen Drohnen- und Waffenproduktion, französischer Geheimdienstaufklärung, deutscher Waffensysteme sowie breiter Finanzhilfen aus Skandinavien und Polen kann Kiew den Abwehrkampf aus eigener Kraft und mit europäischer Rückendeckung fortsetzen – und auch russische Raffinerien weiter ins Visier nehmen. Wie tief die Entfremdung zwischen dem Weißen Haus und dem eigenen Sicherheitsapparat inzwischen reicht, offenbarte am Montag in Warschau ausgerechnet Amerikas höchster Militär in Europa: Während sein Oberbefehlshaber in Washington vor Putin einknickte, sicherte NATO-Oberbefehlshaber US-General Alexus Grynkewich den Verbündeten zu, jeder russische Angriff auf das Bündnis werde völlig vergeblich sein und mit überwältigender Gewalt gegen alles, was den Angreifer stütze und steuere, zerschlagen werden. Es ist das paradoxe Bild einer gespaltenen Weltmacht, deren Generäle noch die Sprache der westlichen Abschreckung sprechen, während ihr Präsident längst die Geschäfte des Kremls besorgt – und die Demokratien von Europa über Kanada bis in den Indopazifik zwingt, ihre Freiheit künftig aus eigener Kraft zu verteidigen.


