US-Außenpolitik: Ein Krieg ohne Ziel, ein Land ohne Wahrheit

Illustration: KI-generiert

Seit einundzwanzig Wochen führt Donald Trump seine „Operation Epic Fury“ gegen den Iran. Was als schneller Sturz eines Regimes gedacht war, mutiert nun zur Zerreißprobe für die amerikanische Wirtschaft, die Verfassung und das globale Atomregime. Und über allem liegt ein Schweigen, das lauter dröhnt als jede Bombe.

Der Krieg an der Zapfsäule

Ein Fernfahrer im Rasthof an der Interstate 80 starrt auf die Anzeige der Dieselpumpe, während der Zähler klackernd nach oben springt. Fünf Dollar achtzehn pro Gallone. Vor einem halben Jahr hätte er für dieselbe Tankfüllung fast vierzig Prozent weniger bezahlt. Es ist der Moment, in dem ein Krieg, den Washington gern in der Straße von Hormus verortet, auf einem Parkplatz in Nebraska ankommt – als konkrete, in Dollarnoten messbare Realität.

Die Zahlen erzählen eine Geschichte, die keine Truth-Social-Meldung übertönen kann. Die Nordseesorte Brent stemmt sich innerhalb weniger Handelstage über die Marke von siebenundneunzig Dollar je Fass, ein Aufschlag von rund einem Drittel seit dem Kriegsbeginn Ende Februar. Das amerikanische Referenzöl WTI folgt auf knapp neunzig Dollar. An der Zapfsäule schlagen sich diese Bewegungen mit Verzögerung durch: vier Dollar sechs pro Gallone Benzin, sechsunddreißig Prozent teurer als vor dem ersten Marschflugkörper.

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Doch der Rohölpreis erklärt nur die halbe Verwerfung. Die eigentliche Katastrophe spielt sich in den Raffinerien ab. Am Persischen Golf stehen Anlagen still, weil ihre Türme im Schatten der Kampfhandlungen verletzlich geworden sind. Zeitgleich haben ukrainische Drohnen tief in Russland Verarbeitungskapazitäten in Trümmer gelegt, und die weltweiten Ölvorräte sind heute dünner als an jenem Tag im späten Winter, an dem die ersten amerikanisch-israelischen Angriffsflüge starteten. Wer Diesel oder Kerosin braucht, spürt diesen Engpass in jedem Frachtbrief.

Die Reederei-Riesen ziehen deshalb bereits eine neue Preisebene ein. CMA CGM aus Marseille kündigt ab dem ersten August einen Notzuschlag von fünfundsiebzig bis einhundertfünfundsechzig Dollar auf einzelne Containerklassen an. Der dänische Konzern Maersk legt für den nordischen Landtransport pauschal vier bis fünfzehn Prozent obendrauf, mit sofortiger Wirkung. Es sind Zahlen aus einem trockenen Frachtbrief – und doch das Sprengmittel für jeden Warenkorb vom Bautzener Möbelhaus bis zur Elektronikkette in Ohio.

An den Finanzmärkten spiegelt sich der Zangengriff seltsam gedämpft. Der S&P 500 dreht orientierungslos um die Nulllinie, in Europa hält der Stoxx 600 leicht die Balance, und selbst der südkoreanische Kospi legt tapfer zu. Aber die Währungen der ölimportierenden Volkswirtschaften Asiens ächzen: Der japanische Yen fällt gegenüber dem Dollar auf einhundertdreiundsechzig, ein Wert, wie ihn kaum ein aktiver Händler je gesehen hat. Vor diesem Preisschock steht Trump im Herbst zur Zwischenwahl an – und niemand in seinem Kabinett scheint eine Antwort darauf zu haben, was passiert, wenn amerikanische Wähler beim Tanken den Preis eines Krieges lesen, dessen Ziele ihnen niemand mehr erklärt.

Die Meerengen brennen

Neun Schiffe. Das ist die Zahl, auf die sich die einst geschäftigste Ölautobahn der Welt an einem einzigen Dienstag im Juli zusammenschrumpft. Wo in Friedenszeiten ein Fünftel des globalen Öl- und Gashandels durch das Nadelöhr zwischen dem iranischen Bandar Abbas und der omanischen Halbinsel Musandam floss, tastet sich jetzt eine Handvoll Tanker durch dunkles Wasser, jedes Radarecho ein potentielles Todesurteil. Der Krieg hat die Straße von Hormus nicht geschlossen – er hat sie in eine Falle verwandelt.

Wie diese Falle zuschnappt, zeigt der Morgen des dreiundzwanzigsten Juli. Iranische Revolutionsgarden verkünden, einer von drei Öltankern habe auf einer „verminten Route“ südlich der Meerenge nach einer Detonation Feuer gefangen. Die beiden anderen Schiffe drehen ab, bevor sie ins Kielwasser der Explosion geraten. Es ist genau die Art asymmetrischer Nadelstich, gegen die zwölf aufeinanderfolgende Nächte amerikanischer Luftschläge des Central Command bislang nichts ausrichten konnten. Die Botschaft aus Teheran ist unmissverständlich: Wer diese Wasserstraße durchqueren will, zahlt einen Preis.

Das saudische Königshaus hatte auf diese Erpressung längst reagiert und Millionen Barrel pro Tag über die Pipeline nach Yanbu am Roten Meer umgeleitet. Ein eleganter Ausweg – solange die Fahrrinne durch das Bab al-Mandab offen blieb. Doch dann melden sich die jemenitischen Huthi zurück. Sie greifen zwei saudische Tanker im Roten Meer an, kündigen die Blockade aller Häfen der Königsfamilie an, und binnen Stunden vollführen sechs Schiffe eine Kehrtwende. Der Umweg über den Suezkanal, den Kapitäne nun einschlagen, kostet Wochen und verschlingt Marge. Der Schifffahrtsmakler Clarksons kalkuliert nüchtern: Fällt Yanbu aus, schießen die Notierungen weiter nach oben.

Der Konflikt verlässt an dieser Stelle das militärische Skript und wird zu einem regionalen Flächenbrand mit ziviler Zielrichtung. Kuwait meldet Abwehrkämpfe gegen iranische Drohnen. Entsalzungsanlagen in den Golfstaaten, jene metallenen Herzkammern, aus denen sechs Millionen Menschen ihr Trinkwasser beziehen, geraten ins Fadenkreuz. Sogar das emiratische Kernkraftwerk in Barakah wird angegriffen; ein Rechenzentrum von Amazon in Bahrain soll ebenfalls getroffen worden sein. Wer hier noch von einem lokal begrenzten Feldzug spricht, hat die Landkarte nicht mehr aufgeschlagen.

Die politische Rhetorik überholt die militärische Realität mit jedem Tag ein Stück weiter. Außenminister Marco Rubio warnt beim Gipfel des südostasiatischen Staatenbundes in Manila vor dem Sog eines gefährlichen Präzedenzfalls: Wenn ein Küstenstaat eine internationale Seestraße mautpflichtig mache und säumige Zahler versenke, sei die Weltordnung erledigt. Doch aus Teheran antwortet Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf lakonisch, in den Vorkriegszustand kehre die Meerenge nicht mehr zurück. Sein Außenminister Abbas Araghtschi ruft eine Doktrin des „Aug‘ um Aug'“ aus. Zwei Positionen, ein einziges Ergebnis: die schleichende Militarisierung jedes Öltropfens, der von der Arabischen Halbinsel exportiert werden soll.

Blankoschecks aus dem Capitol

Im holzgetäfelten Plenarsaal des Repräsentantenhauses fällt an einem Julimittag eine Entscheidung, die den Krieg zementiert – und über sie wird kaum ein Wort verloren. Vierundneunzig Milliarden Dollar sollen bereitgestellt werden, dreiundsiebzig davon für das Pentagon, zwölf für die notleidenden Farmer, zehn schließlich für ein Wahlrechtspaket, das Millionen Amerikaner an der Urne aussperren könnte. Am Rednerpult verteidigt der texanische Haushaltsvorsitzende Jodey Arrington das Paket mit einem einzigen Satz über „Kugeln und Bomben, damit die Truppen heil nach Hause kommen“. Das Wort Iran fällt nicht ein einziges Mal.

Die knappe Mehrheit von zweihundertsechzehn zu zweihundertvierzehn Stimmen offenbart die Nervosität einer Partei, die ihren eigenen Präsidenten fürchtet. Nur drei Abweichler – Thomas Massie aus Kentucky, Warren Davidson aus Ohio, der Unabhängige Kevin Kiley aus Kalifornien – halten dem Fraktionsdruck stand. Die übrigen Skeptiker schlucken ihre Bedenken, weil der Deal für die konservativen Hardliner eine Beute enthält: das umstrittene SAVE-Gesetz, das Wählern künftig einen Staatsbürgerschaftsnachweis abverlangen und die Briefwahl weitgehend abschaffen soll. Krieg gegen Wahlbeschränkungen – ein perverser Tauschhandel im Herzen der Demokratie.

Der eigentliche Trick liegt im parlamentarischen Kleingedruckten. Weil die Demokraten geschlossen gegen Kriegsmittel votieren, greifen die Republikaner zum dritten Mal binnen achtzehn Monaten nach dem sogenannten Reconciliation-Verfahren. Es ist ein Werkzeug, das der Kongress einst erfand, um Haushaltsdefizite zu reduzieren – jetzt wird es zum Ersatz für eine Kriegsermächtigung umfunktioniert, weil im Senat die Sechzig-Stimmen-Hürde des Filibusters unerreichbar bleibt. Was formal ein Budgetbeschluss ist, wird materiell zur stillen Ermächtigung eines Präsidenten, der die verfassungsmäßige Zustimmung des Kongresses zum Krieg nie eingeholt hat.

Nur einen Tag zuvor hatte dasselbe Haus einen Verteidigungshaushalt von einem Komma fünfzehn Billionen Dollar durchgewinkt, den größten jährlichen Sprung der modernen Militärgeschichte. Zweihundertsiebenundzwanzig Milliarden mehr als im Vorjahr, garniert mit der symbolischen Umbenennung des Pentagons in „Ministerium für Krieg“ und der Kodifizierung von über fünfundsechzig Trump-Erlassen im Gesetzestext. Adam Smith, der ranghöchste Demokrat im Streitkräfteausschuss, ringt am Mikrofon nach Fassung: Man kürze bei Medicaid und der Gesundheitsversorgung, um Milliarden in einen Krieg zu pumpen, dessen Strategie niemand mehr erklären könne. „Die Rechnung geht schlicht nicht auf“, sagt er. Ein Satz, der wie ein Fremdkörper im Protokoll steht.

Im Senat schwant den Vorsichtigen bereits, wohin die Reise geht. Der republikanische Mehrheitsführer John Thune lässt den Entwurf lieber liegen, um ihn im September gegen einen drohenden Regierungsstillstand einzutauschen. Roger Wicker aus Mississippi verlangt gleich die volle Kriegskasse von eineinhalb Billionen Dollar. Und Lisa Murkowski stellt Verteidigungsminister Pete Hegseth im Ausschuss die entscheidende Frage: Ob eine Bewilligung von Kriegsmitteln denn eine ausdrückliche Kriegsermächtigung ersetzen könne. Hegseth verweist auf seine Juristen. Eine Antwort, die keine ist – und die genau deshalb alles über den Zustand der amerikanischen Gewaltenteilung im Sommer 2026 sagt.

Der Reaktor, der die Regeln zerreißt

Während im Persischen Golf die Tanker brennen, legt das Weiße Haus an einem Mittwoch im Juli den Grundstein für eine ganz andere Explosion – eine, deren Schockwelle sich in Zeitlupe ausbreitet. Energieminister Chris Wright und sein saudischer Amtskollege Prinz Abdulasis bin Salman unterzeichnen einen Vertrag, der dem Konzern Westinghouse den Bau zweier Kernreaktoren auf saudischem Boden zusichert. Der Text bleibt zunächst unter Verschluss, ebenso zwei Geheimbriefe, die dem Abkommen beiliegen. Öffentlich wird nur, was der Deal preisgibt: Riad darf nach zwei Jahren mit der eigenen Anreicherung von Uran beginnen und muss sich keinem verschärften Inspektionsregime unterwerfen.

Die Ironie sitzt tief. Wegen genau dieser beiden Zugeständnisse führt Washington seit fünf Monaten Krieg gegen Teheran. Dass ein Land Uran anreichern darf und internationale Kontrolleure nur begrenzten Zutritt gewähren muss, gilt gegenüber den Mullahs als Kriegsgrund. Gegenüber dem Kronprinzen Mohammed bin Salman wird es zur Handelsware. Der Präzedenzfall der Emirate, deren Vereinbarung von 2009 unter Bush ausgehandelt und unter Obama besiegelt einst als goldene Messlatte galt, ist damit entwertet. Abu Dhabi hatte auf jede eigene Brennstoffproduktion verzichtet und dem Zusatzprotokoll der Wiener Atomaufsichtsbehörde zugestimmt – als Gegenleistung stehen dort heute vier zivile Reaktoren, ohne dass irgendjemand einen Verdacht schöpft.

In den Denkfabriken Washingtons klingelt die Alarmglocke. James Acton von der Carnegie-Stiftung nennt die Entscheidung kurzsichtig und warnt, ein späteres Regime in Riad könne die Anlage jederzeit nationalisieren und in eine Waffenschmiede verwandeln. Robert Einhorn, der als Diplomat im Außenministerium ein halbes Leben lang solche Verträge verhandelt hat, konstatiert nüchtern, die Saudis seien nie bereit gewesen, für alle Zeiten auf die Anreicherung zu verzichten. Heather Williams vom Center for Strategic and International Studies bringt die Bilanz auf eine Formel: Man habe die Partnerschaft gewonnen, aber die Leitplanken verloren. Und Henry Sokolski, einst im Verteidigungsministerium für Nichtverbreitung zuständig, greift zum schärfsten Bild – wer den Saudis das Anreichern erlaube, während der Iran ebendafür bombardiert werde, lösche ein Feuer mit Kerosin.

Die Geschichte der Bombe kennt solche Momente. Ein Forschungsreaktor, den Washington einst dem Schah schenkte, landete nach 1979 bei den Ayatollahs. Ein kanadisches Geschenk lieferte Indien das Plutonium für den ersten unterirdischen Test. Ein europäisches Ingenieurbüro verlor Konstruktionspläne an einen Mann namens Abdul Qadeer Khan, der Pakistan zur Atommacht machte. Taiwan und Südkorea, treueste Verbündete Washingtons, wurden nur durch die Aufmerksamkeit amerikanischer Nachrichtendienste in letzter Sekunde von eigenen Bombenprogrammen abgehalten. Der Kronprinz in Riad hatte bereits 2018 unverblümt angekündigt, im Fall eines iranischen Atomsprengsatzes nachzuziehen. Der Vertrag vom Juli legt den Zünder für genau dieses Versprechen.

Und dann ist da noch der Berg, der über allem hängt. Kuh-e Kolang Gaz La, „Spitzhackenberg“, südlich der Anlage Natans, ausgebreitet über zwei Komma sieben Quadratkilometer arider Hochebene, geschützt durch Flugabwehrgürtel und Wachtürme der Revolutionsgarde. Auf achtzig bis hundert Meter Tiefe soll dort eine neue Zentrifugenhalle entstehen; Fachleute halten inzwischen sogar größere Bohrtiefen für möglich. Amerikas mächtigste bunkerbrechende Waffe, die GBU-57, dringt nach Angaben des Militärs rund sechzig Meter tief ein. Trump lässt am Truman-Balkon des Weißen Hauses fallen, man werde diesen Berg „sehr bald und sehr heftig“ treffen. Ob eine Kaskade konventioneller Sprengsätze überhaupt bis zu den Zentrifugen vordringt, weiß niemand. Was ein Fehlschlag politisch bedeutet, umso besser.

Das Schwarze Loch im Pentagon

Ein Reporter der Washington Post erhält Ende Juli einen Anruf. Ein Regierungsbeamter, der nur unter dem Schutz der Anonymität sprechen will, bringt es auf einen Satz: Man habe nicht genügend Munition, um den Einsatz sicher fortzuführen, und im Weißen Haus wisse das offenbar niemand. Es ist der Moment, in dem der Vorhang für einen Augenblick fällt und den Blick freigibt auf ein Ausmaß der Selbsttäuschung, das kein Truth-Social-Post mehr überdecken kann.

Die Öffentlichkeit erfährt seit Wochen kaum noch Belastbares über den Krieg, den ihr Präsident führt. Seit dem fünften Mai hat weder Verteidigungsminister Pete Hegseth noch Generalstabschef Dan Caine eine reguläre Lagebriefing gehalten. Journalisten der etablierten Blätter wurden aus dem Pentagon-Gebäude verbannt, an ihre Stelle traten Datenbanken, in denen Verluste erst mit spürbarer Verspätung nachgetragen werden. Wer nachfragt, wird von Pressesprechern wie Sean Parnell oder Joel Valdez auf offenen Kanälen als „Handlanger“ oder „verbitterter Wichtigtuer“ beschimpft. Die einzige Frage, die dabei offenbleibt: Was genau soll dieses Klima der Einschüchterung eigentlich verbergen?

Die Antwort liegt in einer Chronik der Widersprüche. Rund dreißig Mal hat Trump seit Kriegsbeginn den Sieg als greifbar nahe beschrieben, fast vierzig Mal einen Deal mit Teheran als unmittelbar bevorstehend verkauft. Der Iran sei „ausgelöscht“, „dezimiert“, die Straße von Hormus wieder geöffnet – zuletzt am siebzehnten April. Sein eigener Außenminister soll ihn früh gewarnt haben, ihm werde Unsinn verkauft, aber der Präsident hatte sich bereits auf das Szenario eines schnellen Regimewechsels eingelassen, das ihm Benjamin Netanjahu skizziert hatte. Als der Sturz der Ayatollahs ausblieb, verschwand das Ziel geräuschlos aus dem Wortschatz des Weißen Hauses, und Trump erklärte kühn, er habe einen Regimewechsel nie beabsichtigt.

Am schärfsten entlarvt sich der Mechanismus im Kreuzverhör. Als Senator Jon Ossoff dem Verteidigungsminister dessen eigene Siegesparolen vom achten April vorliest – „einen Sieg im Format eines Großbuchstaben V“, eine „jahrelang kampfunfähige“ iranische Armee – flüchtet Hegseth sich in leere Formeln über die Größe des amerikanischen Militärs. Selbst die Wirtschaftsjournalistin Maria Bartiromo, gewiss keine Kritikerin des Präsidenten, wundert sich vor laufender Kamera, wieso ein angeblich zerstörter Gegner nach Belieben Tanker angreifen, Drohnen abfeuern und Datenzentren treffen könne. Für diese Diskrepanz gibt es nur drei Erklärungen, und keine davon ist beruhigend: Der Präsident begreift die Lage nicht, seine Berater halten sie ihm vor, oder er lügt.

Was am Ende bleibt

Es ist die Kombination, die diesen Sommer historisch macht. Ein Präsident, der Brücken und Kraftwerke in Teheran zur Vergeltung für jedes beschädigte Schiff zu bombardieren droht – eine Ankündigung, die den Rand des humanitären Völkerrechts streift. Ein Kongress, der Kriegsmittel durch die Hintertür der Haushaltsordnung durchreicht, weil die verfassungsmäßige Vordertür zu sperrig geworden ist. Ein Bündnispartner am Golf, der zum Preis eines Reaktors die Regeln des Atomsperrvertrags aushebeln darf. Und ein Verteidigungsministerium, das seine eigenen Journalisten wie feindliche Aufklärer behandelt.

John F. Kennedy fürchtete kurz vor seinem Tod, bis in die siebziger Jahre könne es zwei Dutzend Atommächte geben. Er lag mit der Zahl daneben – heute sind es neun. Doch die Ereignisse dieses Julis lassen den Verdacht aufkommen, dass er lediglich das Datum falsch schätzte. Wenn Ankara, Kairo oder Seoul die Bedingungen des saudischen Vertrags studieren und sich fragen, warum ihnen weniger zusteht als dem Kronprinzen, ist der Damm bereits durchlässig. Achtzehn tote Amerikaner, siebenunddreißig Komma fünf Milliarden Dollar Kriegskosten allein bis zur Sommerpause, ein Ölpreis, der sich der Hundertermarke nähert: Das ist die Zwischenbilanz nach einundzwanzig Wochen einer Operation, die den Namen „Epic Fury“ trägt und deren einziger epischer Zug inzwischen ihre Ziellosigkeit ist.

Der Fernfahrer an der Interstate wird das Wort „Nichtverbreitung“ nicht in den Mund nehmen, wenn er zurück in seine Kabine steigt. Er wird nur den Kassenzettel falten und weiterfahren. Aber der Preis, den er heute an der Zapfsäule bezahlt hat, ist die kleinste Rechnung dieses Krieges. Die größere wird noch gestellt – im November, wenn die Wähler abstimmen, in den Sitzungssälen des Kongresses, wenn eine Ermächtigung nachgeholt werden muss, die längst überfällig ist, und in den Kontrollräumen der Wiener Atombehörde, wenn irgendwann eine neue Zentrifugenkaskade in einem saudischen Wüstenreaktor anläuft. An welchem dieser Tresen die Amerikaner die größten Kosten begleichen, entscheidet nicht ihr Präsident. Es entscheidet die Wahrheit, die er ihnen bis heute schuldig geblieben ist.

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