Trumps Wette auf das Chaos: Wie der Tod des Ayatollahs ein neues Monster erschafft

Illustration: KI-generiert

Es war ein Gesicht, das ein ganzes Land in Geiselhaft hielt. Über Jahrzehnte hinweg blickte Ayatollah Ali Khamenei auf die iranische Bevölkerung herab – von den Wänden der Klassenzimmer, der Krankenhäuser, der Gerichtssäle und der Behördenbüros. Mit dem Alter wandelte sich dieses Gesicht; es wurde nicht wahnsinnig oder verfallen wie das anderer Diktatoren, sondern strahlte eine hochmütige, fast unsterbliche Dominanz aus. Nun, im Alter von 86 Jahren, ist der oberste Führer der Islamischen Republik tot. Als amerikanische und israelische Kampfflugzeuge am helllichten Tag dreißig Präzisionsbomben auf seine Residenz im Herzen Teherans abwarfen, endete eine 37-jährige Ära der theokratischen Gewaltherrschaft abrupt in einer Wolke aus Staub und Trümmern.

Was als chirurgischer, enthauptender Schlag gegen die Spitze eines Terrorregimes konzipiert war, entfaltet nun jedoch eine Dynamik, die weit über die Grenzen des Nahen Ostens hinausreicht. Die amerikanische Strategie, den Kopf der Schlange abzutrennen in der Hoffnung, der restliche Körper würde widerstandslos verenden, erweist sich als riskante Wette auf das Chaos. Anstatt eines demokratischen Frühlings kündigt sich in den rauchenden Ruinen Teherans eine Metamorphose an: Die theokratische Fassade bröckelt, doch dahinter kommt kein Machtvakuum zum Vorschein, sondern eine nackte, hochgerüstete und skrupellose Militärdiktatur.

Die Illusion des sterilen Krieges

Der Weg in diese Eskalation wurde nicht in den Wüsten des Nahen Ostens geebnet, sondern Ende Dezember im luxuriösen Ambiente von Mar-a-Lago. Dort versicherte US-Präsident Donald Trump dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu seine Unterstützung für einen massiven militärischen Waffengang, sollte Teheran keine nuklearen Zugeständnisse machen. Die Geheimdienste hatten ihre Hausaufgaben gemacht: Über Monate hinweg erstellte die CIA ein detailliertes Bewegungsprofil des Ayatollahs, wertete digitale Spuren und Handydaten aus und wusste genau, wann sich der innere Zirkel versammeln würde.

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Doch die politische Logik hinter diesem beispiellosen Akt der gezielten Tötung offenbart eine tiefe amerikanische Zerrissenheit. Washington will Macht demonstrieren, aber um jeden Preis die Gespenster der Vergangenheit ruhen lassen. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth beeilte sich zu versichern, dass Amerika keinen endlosen Krieg anstrebe und keinerlei Ambitionen habe, im Iran Demokratie aufzubauen. „Das ist nicht der Irak“, betonte er mit Blick auf das traumatische Nation-Building vor über zwanzig Jahren.

Die Strategie ist verblüffend simpel, beinahe naiv: Die USA und Israel schwächen den Unterdrückungsapparat aus der Luft, um die Machtbalance zugunsten der unzufriedenen iranischen Bevölkerung zu verschieben. Die Botschaft des amerikanischen Präsidenten an die Iraner war unmissverständlich: „Wenn wir fertig sind, übernehmt ihr eure Regierung“. Trump selbst scheint sich über die Dauer dieses Unterfangens jedoch im Unklaren zu sein. Sprach er zunächst davon, den Konflikt in „zwei oder drei Tagen“ beenden zu können, räumte er wenig später ein, der Krieg könne in seiner derzeitigen Intensität auch „vier bis fünf Wochen“ andauern. Es ist der Versuch, einen sauberen, asymmetrischen Krieg vom Bildschirm aus zu führen – doch Kriege lassen sich selten in zeitliche oder geografische Korsetts zwingen.

Ein „Löwe“ ohne theologische Legitimation

Dass der tiefe Staat der Islamischen Republik nicht mit dem Tod seines spirituellen Führers kollabiert, zeigt sich an der rapiden und rücksichtslosen Reorganisation der Macht. Während die Welt noch die Bilder der zerstörten Kommandozentrale verdaute, trat der 88-köpfige Expertenrat in virtuellen Sitzungen zusammen – das für die Wahl eigentlich vorgesehene Gebäude in der heiligen Stadt Ghom war zuvor von Israel attackiert worden. Der auserkorene Erbe ist eine Figur, die den Westen das Fürchten lehren sollte: Modschtaba Khamenei, der 56-jährige Sohn des getöteten Machthabers.

Modschtaba, der den Angriff auf die Residenz überlebte, dabei jedoch seine Frau Zahra und einen seiner Söhne verlor, gilt als der gefährlichste Mann des Landes. Schon in amerikanischen diplomatischen Depeschen aus dem Jahr 2008, die später von WikiLeaks veröffentlicht wurden, wurde er als die wahre „Macht hinter den Gewändern“ beschrieben, als der gnadenlose Türsteher seines Vaters, der sein eigenes Machtnetzwerk knüpfte.

Mit seiner baldigen Inthronisierung bricht das Regime sein eigenes, sakrosanktes Tabu. Die Islamische Revolution von 1979 verachtete die dynastische Erbfolge des gestürzten Schahs zutiefst; theologische Gelehrsamkeit sollte das einzige Kriterium für die Führung sein. „Ein Meister, nicht der Sohn eines Meisters“, lautete stets die Devise gegen nepotistische Tendenzen. Modschtaba jedoch fehlt jegliche theologische Brillanz. Er besitzt nicht den Rang eines Ayatollahs und gilt nicht einmal als „Hodscchetoleslam“ – eine eklatante Diskrepanz zum Anspruch der Verfassung. Niemand im Land interessiert sich für seine religiösen Auslegungen. Wenn ein Regime, das seine gesamte Daseinsberechtigung aus der göttlichen Rechtsgelehrsamkeit ableitet, einen Mann ohne religiöse Autorität an die Spitze setzt, ist dies der ultimative Akt der ideologischen Selbstentleibung. Es markiert den Übergang von einer religiösen Theokratie zu einer säkularen Mafia.

Der Pakt mit den Pasdaran

Warum also Modschtaba? Die Antwort liegt nicht in den Moscheen von Ghom, sondern in den Kasernen der Revolutionsgarden (IRGC). Die Pasdaran sind längst keine reine Militäreinheit mehr, sondern ein gigantischer Wirtschafts- und Sicherheitskrake, der das Land fest im Griff hat. Über schwer durchschaubare Stiftungen, sogenannte Bonyads, kontrollieren sie schätzungsweise die Hälfte des iranischen Bruttoinlandsprodukts – vom Bauwesen über die Ölindustrie bis hin zu den Banken und der Telekommunikation.

Modschtaba Khamenei ist ihr Garant für den Machterhalt. Seine Verbindungen zu den Militärs sind historisch gewachsen; bereits als 16-Jähriger kämpfte er im Iran-Irak-Krieg im berüchtigten Habib-Bataillon. Genau diese Truppe kontrolliert heute die paramilitärischen Basidsch-Milizen, jenes Millionenheer aus Spähern und Schlägern, das für die brutale Niederschlagung von Protesten und die Ermordung zehntausender Demonstranten verantwortlich ist. Kurz nach dem Tod seines Vaters zirkulierte ein Bild Modschtabas mit schwarzem Turban vor der Flagge der Elitetruppe in den sozialen Netzwerken, versehen mit der martialischen Botschaft: „Der Löwe steht“.

Hinter diesem Turban verbirgt sich jedoch ein Lebensstil, der die Heuchelei der Mullahs auf die Spitze treibt. Recherchen offenbaren, dass Modschtaba als internationaler Finanzjongleur agiert, der ein komplex verschachteltes Immobilienimperium im Wert von rund 400 Millionen Euro orchestriert. Während die iranische Bevölkerung unter Hyperinflation, Stromausfällen und Lebensmittelknappheit leidet, finanzieren abgezweigte Öleinnahmen Luxusvillen in London und Dubai. Für das Establishment aus Militärs und korrupten Geschäftsleuten ist dieser Mann kein Kompromiss, sondern die logische Wahl: Er sichert das Überleben der Plünderungsökonomie.

Asymmetrische Vergeltung und die Geisel Weltwirtschaft

Ein in die Ecke gedrängtes Regime schlägt blindlings um sich, und die Islamische Republik zieht nun alle Register der asymmetrischen Kriegsführung. Anstatt sich in einem konventionellen Krieg aufzureiben, den sie nicht gewinnen kann, zielt Teheran direkt auf die Achillesferse der Weltwirtschaft: die globale Energieinfrastruktur. Es ist der verzweifelte Versuch, die wirtschaftlichen und politischen Kosten für die USA in unerträgliche Höhen zu treiben.

Die Angriffe trafen die Golfmonarchien unvorbereitet, die sich eigentlich aus dem Konflikt heraushalten wollten. Iranische Drohnen setzten im Osten Saudi-Arabiens die Anlage Ras Tanura in Brand – eine Schlüsseleinrichtung des weltgrößten Ölkonzerns Saudi Aramco. In Katar traf es eine Anlage von Qatar Energy, wodurch der weltgrößte Exporteur von flüssigem Erdgas (LNG) seine Produktion vorerst einstellen musste. Die wichtigste Lebensader des globalen Ölhandels, die Straße von Hormus, durch die täglich ein Fünftel des weltweiten Erdöls und LNG verschifft wird, ist de facto blockiert. Schiffe meiden die Meerenge, da Versicherer den Transit nicht mehr decken oder die Prämien drastisch in die Höhe geschraubt haben.

Die Folgen an den Weltmärkten ließen nicht lange auf sich warten. Der Preis für ein Fass der Referenzsorte Brent schoss auf knapp 80 Dollar hoch, ein Anstieg von zehn Prozent, während der Erdgaspreis in Europa sogar um 40 Prozent explodierte. Gleichzeitig kollabiert die internationale Reisebranche. Fluggesellschaften wie die Lufthansa und Swiss mussten den Luftraum über weiten Teilen des Nahen Ostens meiden; Zehntausende Touristen sitzen in Drehkreuzen wie Dubai und Doha oder auf Kreuzfahrtschiffen fest. Wenn Trump glaubte, ein kurzer Waffengang würde sein politisches Kapital im Vorfeld wichtiger Wahlen nicht schmälern, so drohen nun steigende Benzinpreise den amerikanischen Konsumenten massiv zu verärgern. Das Regime hat die Weltwirtschaft als Schutzschild entdeckt.

Die Achse unter Druck und Europas Ohnmacht

Die geopolitischen Schockwellen ordnen das globale Machtgefüge neu. Die autokratische Achse aus Moskau, Peking und Teheran wird einem extremen Stresstest unterzogen. Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin ist der Krieg ein zynisches Geschenk. Zwar verurteilte er die Tötung Khameneis offiziell als „zynische Missachtung des Völkerrechts“, doch wirtschaftlich profitiert der Kreml massiv. Ein Ölpreisschock füllt die leeren Kassen der russischen Kriegswirtschaft; kremlnahe Stimmen bejubeln die Ausfälle in Nahost offen als „großes Plus“ für das eigene Budget. Gleichzeitig fürchtet Moskau jedoch, mit dem Iran einen zentralen Lieferanten von Drohnentechnologie für den eigenen Angriffskrieg in der Ukraine zu verlieren. China wiederum beobachtet die Lage mit tiefer Sorge. Als größter Abnehmer iranischen Öls – insbesondere für die privaten „Teapot“-Raffinerien – sieht Peking seine Energiesicherheit und die Stabilität der Seidenstraßen-Routen massiv gefährdet.

Längst hat die Gewalt auch europäischen Boden erreicht. Eine mutmaßlich iranische Shahed-Drohne schlug auf dem Rollfeld des britischen Luftwaffenstützpunkts RAF Akrotiri auf Zypern ein. Dieser beispiellose Akt zwang den britischen Premierminister Keir Starmer, trotz innenpolitischer Warnungen vor neuen „Fehlern im Irak“, den USA die Nutzung der Stützpunkte zu gestatten. Die Europäische Union, vertreten durch Ursula von der Leyen, bekundete hastig Solidarität, während Griechenland Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge nach Zypern verlegte. Der Krieg entzieht sich jeder Einhegung, erst recht, nachdem die libanesische Hisbollah aus Rache für ihren getöteten „spirituellen Leader“ massiv in die Kämpfe eingegriffen hat – ein Schritt, den Beobachter als militärisch unsinnigen, „selbstmörderischen Akt“ bewerten.

Tränen, Trauma und westliche Verirrungen

Während die Weltpolitik in Aufruhr ist, durchlebt die iranische Bevölkerung eine zutiefst traumatische Zäsur. Als die Nachricht von Khameneis Tod über die Bildschirme flimmerte, war das Gefühl für viele unbeschreiblich. Sein allgegenwärtiges Gesicht auf den Wänden war untrennbar mit den dunkelsten Momenten der staatlichen Ungerechtigkeit verbunden: Dem nächtlichen Überfall auf ein Studentenwohnheim 1999, bei dem junge Menschen aus dem Fenster geworfen wurden; den systematischen Vergewaltigungen im Folterzentrum Kahrizak 2009; und dem massenhaften Schlachten von unschuldigen Demonstranten in den vergangenen Monaten. Sogar lebensrettende westliche Covid-Impfstoffe verwehrte der Diktator seinem Volk, weil er sie als „nicht vertrauenswürdig“ abtat.

Doch auf die spontanen Freudenschreie aus abgedunkelten Teheraner Wohnungen folgte keine Massenerhebung auf den Straßen. Die Menschen wissen zu gut, dass das Morden nicht an eine einzige Person gebunden ist. Der Unterdrückungsapparat funktioniert weiter, er zerschneidet die Gesellschaft bis in den letzten Winkel.

In bizarmem Kontrast zu diesem Leid steht die Reaktion an den Rändern des westlichen Politikspektrums. Die ideologische Verblendung bringt eine Allianz des Grauens hervor, ein politisches Hufeisen, in dem sich Linke und Rechte die Hand reichen. Der neugewählte sozialistische Bürgermeister von New York, Zohran Mamdani, verurteilte den „illegalen Krieg“ aufs Schärfste, was iranische Exil-Aktivisten, die Jahre unter dem Regime gelitten hatten, als puren Zynismus empfanden – von einem Mann, der kurz zuvor noch den „World Hijab Day“ feierte. Auch Alt-Linke wie der Brite Jeremy Corbyn, der einst für das iranische Staatsfernsehen arbeitete, und Sahra Wagenknecht beschwören den Frieden und das vermeintliche Völkerrecht. Sekundiert werden sie von der äußeren Rechten: Die AfD-Führung um Alice Weidel und Tino Chrupalla äußert „große Sorge“ um die Einhaltung des humanitären Völkerrechts. Es ist eine absurde Realitätsverweigerung, die einer totalitären Gewaltherrschaft diplomatische Vernunft andichtet, während ebendiese Herrschaft ihre eigenen Bürger seit 47 Jahren als Geiseln hält.

Es ist eine historische Tragödie, die sich vor unseren Augen entfaltet. Trumps Kalkül, dem Regime durch einen gezielten Enthauptungsschlag ein Ende zu bereiten, verkennt die Überlebensfähigkeit mafiöser Strukturen. Er forderte das iranische Volk auf, die eigene Regierung zu stürzen, doch er übersah, dass dieses Regime in den Jahrzehnten seiner Herrschaft jede organisierte Opposition systematisch ausradiert hat. Ohne einen politischen Unterbau, der das Vakuum füllen könnte, hat das Bombardement lediglich den Weg freigemacht für die nächste Stufe der Diktatur. Das theokratische Mäntelchen ist gefallen. Übrig bleibt eine bis an die Zähne bewaffnete, nackte Militärjunta unter Führung eines Schattenmannes. Die Gefahr, dass dieser Krieg nicht in drei Tagen oder vier Wochen endet, sondern die gesamte Region in einen unkontrollierbaren Abgrund reißt, war noch nie so real wie in diesen Stunden.

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