Tödliches Vakuum: Wie der Fall von „El Mencho“ Mexiko in einen neuen Krieg stürzt

Illustration: KI-generiert

Tapalpa ist ein Ort, der für seine idyllische Stille bekannt ist. Touristen schätzen die gepflasterten Straßen, die charmanten Holzhütten und die dichten Wälder in den Bergen des Bundesstaates Jalisco. Doch genau diese malerische Kulisse wurde am frühen Sonntagmorgen zur Bühne für ein historisches und brutales Schauspiel. Nemesio Oseguera Cervantes, der unter dem Namen „El Mencho“ als der wohl gefürchtetste und mächtigste Drogenboss der Welt galt, fand hier in einem Regen aus Blei sein Ende. Es ist ein Moment, der die tektonischen Platten der nordamerikanischen Sicherheitspolitik verschiebt. Der Schock über seinen Tod hallt weit über die Bergketten Jaliscos hinaus. Er zwingt uns, eine unbequeme Frage zu stellen: Ist die Tötung dieses Mannes der ersehnte Befreiungsschlag für den mexikanischen Staat – oder entfesselt sie ein neues, unkontrollierbares Monster, dessen zerstörerische Kraft wir erst noch begreifen müssen?

Kapitel 1: Der Zugriff – Liebhaberinnen, Drohnen und die CIA

Jahrzehntelang glich die Jagd nach Oseguera Cervantes dem Versuch, einen Geist zu fangen. Er baute das Jalisco New Generation Cartel (CJNG) zu einer globalen Supermacht des Verbrechens auf und überlebte dabei Konkurrenten wie „El Chapo“. Doch am Ende war es nicht die komplexe Spur der globalen Drogenrouten, die ihn zu Fall brachte, sondern ein banaler menschlicher Faktor: die Überwachung einer seiner romantischen Partnerinnen. Mexikanische Militärgeheimdienste hefteten sich an die Fersen eines engen Vertrauten dieser Frau, der sie zu einem heimlichen Treffen mit dem Kartellboss in die abgelegene Hütte nach Tapalpa eskortierte.

Doch dieser operative Durchbruch war kein rein mexikanischer Erfolg. Im Hintergrund webten US-Geheimdienste ein unsichtbares, aber unentrinnbares Netz. Die CIA lieferte entscheidende nachrichtendienstliche Erkenntnisse, die es den mexikanischen Kräften überhaupt erst ermöglichten, den exakten Aufenthaltsort von Oseguera Cervantes präzise zu bestimmen. Diese Kooperation baute auf einer massiven Ausweitung der Überwachung auf: Bereits unter US-Präsident Joe Biden hatten unbewaffnete Predator-Drohnen der CIA damit begonnen, verdeckt über mexikanischem Territorium zu kreisen, ein Programm, das unter der Trump-Administration noch weiter intensiviert wurde.

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Als die mexikanischen Spezialeinheiten im Morgengrauen vorrückten, brach die Hölle los. Die Leibwächter des Kartellbosses eröffneten sofort das Feuer, was in einem extrem brutalen Gefecht mündete. Die Kriminellen waren schwerstens bewaffnet; sie führten unter anderem Raketenwerfer mit sich. Es handelte sich um dieselbe Art von Waffe, mit der das Kartell bereits im Jahr 2015 einen Militärhubschrauber vom Himmel geholt hatte. Oseguera Cervantes versuchte, in das dichte Gestrüpp der umgebenden Wälder zu fliehen, wurde jedoch im Schusswechsel schwer verwundet. Zusammen mit zwei ebenfalls getroffenen Leibwächtern sollte er per Hubschrauber in eine medizinische Einrichtung geflogen werden, doch alle drei starben noch auf dem Transport. Am Tatort blieben die Leichen von acht mutmaßlichen Kartellmitgliedern zurück. Der „CEO“ des Verbrechens war gefallen.

Kapitel 2: Vergeltung – Die Narco-Terrorismus-Maschine läuft an

Wenn man einem Leviathan den Kopf abschlägt, stirbt er nicht leise. Das CJNG reagierte auf den Tod seines Anführers mit einem orchestrierten Ausbruch asymmetrischer Kriegsführung, der einem nationalen Trauma glich. Die Vergeltung war nicht spontan, sie war eine logistische Meisterleistung des Terrors. In zwanzig der 32 mexikanischen Bundesstaaten errichteten Kartellanhänger mehr als 250 Straßenblockaden. Maskierte Männer tauchten aus dem Nichts auf, übergossen Fahrzeuge – darunter schwere Lastwagen und Busse – mit Benzin und setzten sie in Brand, um die Lebensadern des Landes zu durchtrennen.

Die Wut der Kriminellen richtete sich gezielt gegen die Symbole des Staates und der Zivilgesellschaft. Landesweit wurden Supermärkte, Convenience-Stores der Kette Oxxo sowie mehr als 20 Filialen der staatlichen Bank „Banco del Bienestar“ allein in Jalisco in Flammen gesetzt. Der Blutzoll dieser ersten Tage der Rache war verheerend: Mehr als 70 Menschen verloren ihr Leben, darunter 25 Mitglieder der mexikanischen Nationalgarde und 34 mutmaßliche Kartellangehörige.

Besonders in Guadalajara, einer stolzen, vibrierenden Metropole mit vier Millionen Einwohnern, gefror das Leben augenblicklich. Die sonst chronisch verstopften Boulevards verwandelten sich in leere, unheimliche Asphaltbänder. Schulen, Märkte und die meisten Tankstellen blieben verrammelt. Wie tief die Lähmung reichte, zeigte sich im städtischen Zoo: Weil brennende Autowracks die Zufahrtsstraßen unpassierbar machten, saßen dort über 1.000 Besucher, darunter viele Familien aus anderen Bundesstaaten, über Nacht fest. Sie mussten, bewacht von Polizisten und Soldaten, in Reisebussen schlafen, während sich mehr als 100 Zoofachangestellte in improvisierte Schlaflager aufteilten, teils in der Krankenstation für Tiere. Eine Millionenstadt verwandelte sich in wenigen Stunden in eine Geisterstadt, diktiert von der Angst vor dem nächsten Angriff.

Kapitel 3: Geopolitisches Schach – Trumps Druck und Sheinbaums Wende

Dieser gewaltsame Exzess ist jedoch nicht nur eine inner-mexikanische Tragödie, sondern das Resultat eines massiven geopolitischen Druckbogens. Die Tötung von „El Mencho“ besiegelt das endgültige Scheitern und Begräbnis der „Hugs not Bullets“-Doktrin. Unter dem früheren Präsidenten Andrés Manuel López Obrador hatte der Staat den direkten militärischen Konflikt gescheut und stattdessen auf Sozialprogramme gesetzt, was den Kartellen den Raum gab, ungehindert zu wuchern und ihre Macht auszubauen.

Die neue Präsidentin Claudia Sheinbaum hat das Ruder dramatisch herumgerissen. Sie orchestriert nun eine der aggressivsten Offensiven gegen die organisierte Kriminalität seit über einem Jahrzehnt. Dieser Kurswechsel geschieht nicht im Vakuum. Die Trump-Administration in Washington hat die Daumenschrauben in beispielloser Härte angezogen. US-Präsident Donald Trump drohte wiederholt mit drakonischen Zöllen und forderte ultimativ die Zerschlagung der Kartelle, die durch den Schmuggel von Fentanyl in den USA Milliarden verdienen. Die rhetorische Eskalation ging so weit, dass Trump gar unilateral militärische Schläge der USA auf mexikanischem Boden ins Spiel brachte.

Die USA hatten ein enormes Interesse an Oseguera Cervantes und eine Belohnung von 15 Millionen US-Dollar auf ihn ausgesetzt. Im Januar etablierte das US-Militärkommandosystem sogar eine spezielle Geheimdienst-Task-Force im US-Bundesstaat Arizona, unweit der Grenze. Rund 300 militärische und zivile Experten sezieren dort die Führungsstrukturen, die Logistik und die Finanzströme der Kartelle, um den mexikanischen Behörden handlungsfähige Zieldaten zu liefern. Präsidentin Sheinbaum nutzt diese amerikanische Intelligenz geschickt, muss aber gleichzeitig den innenpolitischen Schein wahren. Vehement wehrt sie sich gegen den Vorwurf, sich Washington zu beugen, und pocht unermüdlich auf die nationale Souveränität, wobei sie ausdrücklich betont, dass keine US-Truppen auf mexikanischem Boden operierten. Es ist ein gefährliches Schachspiel: Sie nimmt die amerikanische Hilfe an, um den Feind im eigenen Land zu schlagen, muss aber verhindern, dass Mexiko als Vasallenstaat wahrgenommen wird.

Kapitel 4: Kollateralschaden – Gefangene im Paradies

Die Schockwellen dieses Konflikts machten auch vor den Refugien der internationalen Erholungssuchenden nicht Halt. Historisch gesehen galt ein ungeschriebenes Gesetz: Das Narco-Geschäft verschont die Touristenhochburgen, um nicht den Zorn der Regierung und den Kollaps lokaler Wirtschaftskreisläufe zu provozieren. Doch mit dem Tod von „El Mencho“ schmolz diese Sicherheitsgarantie dahin. In Küstenorten wie Puerto Vallarta, einem Magneten für US-amerikanische und kanadische Urlauber, verdunkelten schwarze Rauchsäulen den Himmel. Touristen mussten entsetzt mitansehen, wie Männer auf Motorrädern Krähenfüße auf den Straßen verteilten und Autos direkt in der Nähe von Ferienanlagen in Brand steckten.

Die Reaktionen aus dem Ausland waren drastisch. Das US-Außenministerium gab für mehrere beliebte Reiseziele, darunter Puerto Vallarta, Cancún und Cozumel, temporäre Warnungen heraus und wies amerikanische Staatsbürger an, in ihren Unterkünften Schutz zu suchen („shelter in place“). Die Infrastruktur des Reisens kollabierte: Große US-Fluggesellschaften wie Alaska, American, Delta und United strichen Flüge und gaben Reisewarnungen aus. Gleichzeitig änderten Kreuzfahrtriesen wie Holland America und Princess Cruises hastig ihre Routen und stornierten geplante Stopps in den Konfliktgebieten aus reiner Sicherheitsvorsorge.

Die Panik übertrug sich schnell auf das tägliche Leben. In den touristischen Vierteln von Puerto Vallarta kam es zu Hamsterkäufen, die an die düstersten Tage der globalen Pandemie erinnerten; Menschen schleppten armweise Wasser und Brot aus den wenigen hastig geöffneten Geschäften. Familien kauften Vorräte für den Notfall und packten Fluchttaschen mit ihren Reisepässen. Der Kollateralschaden für Mexikos Image als gastfreundliches Reiseland ist immens. Wenn selbst die scheinbar unantastbaren Strandresorts in den Strudel der Kartellgewalt geraten, offenbart das eine Verwundbarkeit, die Reisende weltweit aufschrecken lässt.

Kapitel 5: Schatten über dem Fußballfest – Die Bedrohung der WM 2026

Dieser Ausbruch an Gewalt trifft Mexiko zu einem Zeitpunkt maximaler internationaler Sichtbarkeit. In nur wenigen Monaten soll das Land gemeinsam mit den USA und Kanada die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2026 ausrichten. Und ausgerechnet Guadalajara, das Epizentrum der aktuellen Unruhen, ist eine der drei mexikanischen Gastgeberstädte. Das imposante Estadio Akron im Bundesstaat Jalisco ist nicht nur als Schauplatz für vier WM-Gruppenspiele im Juni vorgesehen, sondern soll bereits Ende März ein wichtiges Qualifikations-Playoff-Turnier beherbergen.

Die unmittelbaren Auswirkungen des Narco-Terrors machten auch vor dem Sport keinen Halt. Mehrere Fußballspiele in mexikanischen Profiligen, darunter ein hochkarätiges Derby der Frauenliga im Estadio Akron, mussten angesichts der unsicheren Lage und der Straßenblockaden kurzerhand abgesagt oder verschoben werden. Bei einem Spiel kam es sogar zu panikartigen Szenen, weil Motorradlärm fälschlicherweise für Schüsse gehalten wurde.

Die mexikanische Regierung bemüht sich um Schadensbegrenzung. Präsidentin Sheinbaum stellte sich vor die Presse und versprach, dass für die WM „alle Garantien“ vorhanden seien und „kein Risiko“ für anreisende Fans bestehe. Doch hinter den Kulissen beim Fußball-Weltverband FIFA herrscht eine spürbare Nervosität. Offiziell beteuert man „volles Vertrauen“ in die mexikanischen Partner, doch intern sorgt man sich tiefgreifend um die katastrophalen Bilder, die global ausgestrahlt wurden. Analysten spekulieren zwar, dass die Kartelle ein solches Großereignis aufgrund der eigenen lukrativen Nebengeschäfte – wie etwa Prostitution – nicht direkt sabotieren wollen. Doch die bloße Vorstellung, dass eine Metropole während eines globalen Sportfestes durch einen internen Kartellkrieg gelähmt werden könnte, ist ein Albtraum. Der Gouverneur von Jalisco hat bereits angekündigt, den Großraum Guadalajara während des Turniers mit massiven Aufgeboten der Armee und der Nationalgarde förmlich „panzern“ zu wollen.

Kapitel 6: Das Hydra-Prinzip – Der Kopf ist ab, der Krieg beginnt

Wer glaubt, dass mit dem physischen Tod von „El Mencho“ das Krebsgeschwür des CJNG aus dem Körper Mexikos geschnitten sei, verkennt die Anatomie moderner organisierter Kriminalität. Das Jalisco-Kartell ist kein simples Syndikat, es ist ein diversifizierter, transnationaler Konzern. Neben dem Handel mit Fentanyl, Kokain und Methamphetaminen kontrolliert die Organisation den lukrativen Avocado-Anbau, schmuggelt Migranten, betreibt illegalen Goldabbau in Südamerika und zieht Profit aus Treibstoffdiebstahl und Erpressung.

Die Geschichte des Drogenkriegs lehrt ein grausames Gesetz: Die Enthauptung einer solchen Organisation führt selten zu deren Untergang, sondern viel wahrscheinlicher zu deren Fragmentierung. Ohne die eiserne, einigende Hand von Oseguera Cervantes droht das CJNG in miteinander konkurrierende Fraktionen zu zerfallen. Es droht ein brutaler Nachfolgekrieg, ähnlich jenem, der aktuell das rivalisierende Sinaloa-Kartell nach der Festnahme seiner historischen Führer in Blut ertränkt. Experten warnen eindringlich: Jede neue Führungsgeneration von Kartellen ist in der Regel noch gewalttätiger und skrupelloser als die vorherige, um ihre Autorität nach innen und außen zu untermauern. Ihnen fehlt oftmals jegliche emotionale Bindung an ihr Territorium und sie zeigen eine eiskalte Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden der Zivilbevölkerung.

Der wahre Test für den mexikanischen Staat steht also erst noch bevor. Ein nachhaltiger Sieg erfordert weit mehr als das Ausschalten eines „CEOs“. Es bedarf intelligenter, hartnäckiger Ermittlungsarbeit, um die versteckten finanziellen Infrastrukturen zu entflechten und jene mittleren Kommandoebenen systematisch zu zerschlagen, die das strategische Bindeglied zwischen den Kartellbossen und den Fußsoldaten auf der Straße bilden.

Oseguera Cervantes ist tot. Doch die Struktur, die er erschaffen hat, atmet weiter. Die militärische Operation in den Bergen von Tapalpa war unbestritten ein taktischer Triumph und ein klares politisches Signal nach Washington. Dennoch wandelt Mexiko auf einem schmalen Grat. Ob das Land in den kommenden Monaten im Chaos zersplitternder Kartellfraktionen versinkt oder echte, nachhaltige Stabilität gewinnt, entscheidet sich nicht in den Hinterzimmern der US-Politik. Es entscheidet sich auf den Straßen von Jalisco. Der Kopf der Hydra mag abgeschlagen sein, aber der Krieg um die Seele Mexikos beginnt jetzt erst in seiner gefährlichsten Phase.

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