Roter Planet: Die Maschine hört zu, der Mensch verschwindet

Illustration: KI-generiert

Während Milliardäre, Präsidenten und greise Ingenieure den vierten Planeten erneut zur Bühne ihrer Selbstvergewisserung erklären, offenbart er seine eigentliche Botschaft: Wer dort siedelt, lebt in einer hermetisch verriegelten Kapsel – körperlich versehrt, politisch entmündigt, ästhetisch ausgelöscht. Die letzte Frontier könnte sich als das Gegenteil eines Aufbruchs entpuppen.

Im gelben Backsteinhaus

An einer lärmenden Kreuzung im Süden Londons, eine Bushaltestelle entfernt von der Brücke über die Themse, steht ein unscheinbarer Bau aus gelbem Backstein. Ein Schild zwischen den Fenstern verkündet, was darin verwaltet wird: die älteste Lobby für interplanetare Träume der Welt, gegründet 1933. Im Foyer wuchten zwei ältere Herren das Modell eines britischen Raumgleiters aus den achtziger Jahren über die Schwelle, während ein dritter, einundsiebzig Jahre alt und mit der ruhigen Geduld eines Apollo-Veteranen, in der Bibliothek einen Stapel Bücher zusammenträgt. „Next Stop Mars“, „Why Mars“, „Martian Outpost“. Ein Band aus der Vor-Sputnik-Ära zeigt den Roten Planeten noch als nebulösen grauen Klecks – Bilder, die heute jeder Hobbyastronom im Vorgarten besser hinbekommt.

Die Männer hier zählen sich zur Generation, die mit den Mondlandungen aufwuchs und seither auf den nächsten großen Sprung wartet. Sie sind höflich, leicht melancholisch und seit zwei Wochen sichtlich irritiert. Denn ihr prominentester Verbündeter, ein südafrikanischstämmiger Raketenunternehmer, hat eben öffentlich verkündet, der Mond sei nun doch der schnellere Weg zur Sicherung der Zivilisation. Die Heimkehr der Vision in das Reich des Übermorgen.

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Es ist ein kleiner Moment, kaum mehr als ein Post in einem sozialen Netzwerk, und doch entlarvt er ein größeres Muster. Seit über einem Jahrhundert speist sich die Faszination für den vierten Planeten weniger aus dem, was dort ist, als aus dem, was Menschen darin sehen wollen. Die Geschichte beginnt mit einer Übersetzungspanne und endet, vorerst, im Stoffwechsel der Marketing-Imperative kalifornischer Konzerne.

Die Kanäle, die nie existierten

Ein Mailänder Astronom richtete 1877 sein Teleskop auf den fernen Nachbarn und zeichnete ein Gitter feiner Linien. Er nannte sie schlicht „Rinnen“. In der englischsprachigen Presse mutierte das italienische Wort zu „canals“ – ein Begriff, der Konstruktion implizierte. Ein Bostoner Textilerbe nahm den Wink auf, errichtete am Rand von Flagstaff in Arizona ein eigenes Observatorium und beschrieb der Welt zwanzig bis dreißig Meilen breite Bewässerungsadern, die im Schnitt eintausendfünfhundert Meilen lang waren und polare Eismassen in äquatoriale Oasen leiteten. Marsianer, dozierte er 1895 vor begeistertem Publikum, seien dank geringerer Schwerkraft fünfzigmal effizienter als Erdbewohner.

Spätere Wissenschaftshistoriker vermuten, der besessene Beobachter habe in seinen langen Nächten am Okular nichts gesehen als die Reflexionen seiner eigenen Augenkapillaren. Diese Pointe ist nicht zufällig anschlussfähig an die Gegenwart. Wer das aktuelle Marketing der Mars-Bewegung studiert, findet dieselbe Bewegung wieder: ein Auge, das in den eigenen Wunsch hineinblickt und Strukturen erkennt, die im Himmelskörper selbst nicht existieren.

Sechs Jahrzehnte später lieferte eine amerikanische Sonde zweiundzwanzig körnige Schwarz-Weiß-Bilder einer kraterzerfressenen Kugel und beendete formell die Hoffnung auf einheimisches Leben. Die Sehnsucht jedoch wechselte bloß das Subjekt. War der Planet vakant, konnte er besiedelt werden. Aus den Kanälen wurden Habitate, aus den Marsianern Kolonisten. Das Drehbuch blieb, nur der Hauptdarsteller wurde ausgetauscht.

Das billige Kilo und die zögernde Vision

Materiell trägt der neue Schwung der Bewegung einen handfesten Grund. In der Ära der amerikanischen Raumfähren in den achtziger Jahren kostete der Transport eines Kilogramms in den Orbit mehr als vierundfünfzigtausend Dollar. Wiederverwendbare Trägerstufen haben den Preis auf rund fünfzehnhundert gedrückt. Eine logistische Revolution, die plötzlich Pläne realistisch erscheinen lässt, die zuvor in das Reich der Pulpmagazine verbannt waren.

Die staatliche Rhetorik zog mit. Im Januar 2025 erklärte der amerikanische Präsident in seiner Antrittsrede, seine Verwaltung werde die Sternenbanner auf dem Mars hissen und eine kosmische Manifest Destiny einlösen. Die nationale Raumfahrtbehörde plante das Startfenster für 2033, in dem die Bahnen der beiden Planeten den kürzesten Hin- und Rückweg erlauben. Chinesische Ingenieure zielten auf dasselbe Datum. Ein südafrikanischstämmiger Raketenunternehmer wiederum kündigte einen verdächtig zur eigenen Lebenserwartung passenden Zeitplan an: unbemannt in weniger als fünf Jahren, bemannt in unter zehn, eine Stadt in zwanzig, eine gesicherte Zivilisation in dreißig.

Dann der Rückzieher. Mit einem einzigen Post verlegte derselbe Unternehmer den Schwerpunkt auf den Mond, weil dieser „schneller“ sei. Es war eine kleine Geste, doch sie ließ den Präsidenten der Londoner Vereinigung resigniert konstatieren, der Mars liege seit jeher zwanzig Jahre in der Zukunft – und bleibe genau dort.

Was als kühner kommerzieller Durchbruch beworben wird, offenbart bei näherem Hinsehen eine bemerkenswerte Volatilität. Die Bewegung ist abhängig von der Laune einzelner Milliardäre, deren Ankündigungen so leicht wiegen wie ihre Kursdiagramme. Die Vision der unbedingten Erweiterung der menschlichen Reichweite hängt am Ego einzelner Männer, die ihre Lebensspanne zur Maßeinheit der Geschichte erheben.

Eine Liturgie aus Kevlar und Genialität

Der lauteste Apostel der Bewegung sitzt seit fast drei Jahrzehnten in Boulder, Colorado, und hat den Lebensplan einer Stadt auf dem Mars in technischer Tiefenschärfe niedergeschrieben. Sein Entwurf sieht eine Erstbesatzung von fünfzig bis hundert Pionieren vor, die in der nördlichen Hemisphäre niedergehen, nahe dem ausgedehnten Permafrostgürtel, ihre Habitate aus kannibalisiertem Raumschiffmaterial zusammenfügen, Ziegel aus tonhaltigen Ablagerungen brennen und Eisen aus dem omnipräsenten Ferrioxid schmelzen. Aus dem nördlichen Eisspeicher, dessen Volumen jenes der nordamerikanischen Großen Seen übertreffen soll, ziehen sie Wasser. Protein liefern Würmer, Insekten und Spirulina.

Energie liefern kleine Spaltreaktoren, bis sich, in einer Wendung von beachtlichem epistemologischem Komfort, die Fusion eben dort zwangsläufig einstellen werde, wo Notwendigkeit herrsche. Treibstoff entsteht in einer chemischen Reaktion aus atmosphärischem Kohlendioxid und elektrolytisch gewonnenem Wasserstoff. Eine fünfeinhalbtausend Kilometer lange Kevlar-Schnur, an einem Marsmond befestigt, schleudert Schiffe ins All. Ein Markt für tiefroten Kunstdiamantschmuck und Sportübertragungen, in denen Basketballer dreimal so hoch springen wie auf der Erde, finanziert das Ganze. Eine kommende Stadt von fünfzigtausend Bewohnern soll auf rund achthundert Fußballfeldern unter Druck stehen, umgeben von der dreifachen Fläche an Ackerland.

Hinter den Formeln und Kalkulationen verbirgt sich eine Erzählung, die nicht aus der Physik stammt, sondern aus der amerikanischen Gründungsmythologie. Die Analogie zur Eroberung Nordamerikas wird in fast jedem Kapitel bemüht, allerdings sorgfältig befreit von Skrupeln gegenüber den dort Vertriebenen und Getöteten. Der eigentliche Brennstoff dieses Entwurfs ist nicht Methan, sondern eine ungebrochene Wette auf die Genialität des Menschen.

Die politische Schlussfolgerung wird dabei selten verschwiegen. Das Argument für den Mars sei zugleich ein Argument für die Freiheit. Die Erde gelte als verkrustet, bürokratisch, dekadent. Auf dem fremden Planeten sollen Menschen leben, die schlicht „besser“ sind, weil sie eine Sache haben. Eine Heilsformel, in der die Schwächen der irdischen Gesellschaft nicht behoben, sondern hinter sich gelassen werden.

Der Körper als Verbrauchsmaterial

Der Planet selbst hört nicht zu. Seine Atmosphäre besteht zu fünfundneunzig Prozent aus Kohlendioxid, ihr Druck entspricht jenem in zweiunddreißig Kilometern Erdhöhe. Wer ohne Schutzanzug die Tür öffnet, erstickt binnen Sekunden, während Wasser im Gewebe verdampft und der Körper zur freigetrockneten Hülle wird, die mangels Bakterien niemals verwest. Die Durchschnittstemperatur liegt bei minus sechsundzwanzig Grad Celsius, an den Polen bei minus hundertdreiundvierzig, und sie kann innerhalb eines Tages um über fünfzig Grad schwanken.

Der fehlende Magnetschild lässt geladene Teilchen aus Sonne und Supernovae ungebremst auf die Oberfläche prasseln. Die Strahlenbelastung liegt fünfzigmal über jener auf der Erde. Mäuse, die in kalifornischen Laboren marsanalogen Dosen ausgesetzt wurden, zeigten dauerhafte Schäden am Zentralnervensystem, deren Gewebebild jenem von Alzheimer-Patienten ähnelte. Auch die Erfahrung der bisher knapp siebenhundert Menschen, die je im All waren – allesamt die Fittesten ihrer Art –, fällt ernüchternd aus: vorzeitige Alterung, flackernde Entzündungsmarker, episodische Blindheit und geschwächte Exekutivfunktionen.

Der Staub ist die nächste Plage. Fein wie Talkum und mit Perchloraten durchsetzt, attackiert er die Schilddrüse. Intermittierend erhebt er sich zu kontinentgroßen Wänden, alle fünfeinhalb Erdjahre verhüllt er den gesamten Planeten für Monate. Die Werbeseite des bekanntesten Raumfahrtkonzerns kommentiert die Polartemperaturen mit der heiteren Versicherung, man werde den Planeten schon aufwärmen – ein Satz, der die Diskrepanz zwischen Marketing und Materie schöner einfängt als jede Polemik.

Hinzu kommen biologische Leerstellen, die in keinem Werbevideo erwähnt werden. Eine sich selbst tragende Siedlung erfordert Geburten, und niemand weiß, was Mikrogravitation in der Schwangerschaft anrichtet oder wie sich vierzig Prozent Schwerkraft auf das Vestibularsystem eines Neugeborenen auswirken. Eine sarkastische Pointe macht die Lücke sichtbar: Auf den einschlägigen Kongressen bilden sich nie Schlangen vor der Damentoilette.

Eine Spezies, die vier Milliarden Jahre lang mit ihrer Biosphäre koevolviert ist, kann nicht erwarten, in einer Wüste aus Eisenoxid unbeschädigt zu bleiben. Generationen marsianischer Anpassung dürften, so die plausibelste Vorhersage, nicht den Übermenschen hervorbringen, sondern eine Gestalt, die eher an das Wesen aus Spielbergs Kinoklassiker erinnert. Und falls Mikroben unter der Oberfläche existieren, läuft die Mission Gefahr, dass das Leben auf dem Mars die Menschheit findet, bevor sie es findet.

Freiheit im Schraubstock

Wer die Physik überlebt, scheitert an der Politik. Das einzige internationale Abkommen, das das All regelt, stammt aus dem Jahr 1967, umfasst zweieinhalbtausend Wörter und erklärt den Weltraum zur „Provinz der Menschheit“. Es kennt keinen Mechanismus zur Durchsetzung. Eine Ergänzung aus dem Jahr 2020 öffnet die Tür für privatwirtschaftliche Ressourcennutzung mit der eleganten Klausel, dass Extraktion nicht automatisch nationale Aneignung sei. China, mittlerweile aufsteigende Raumfahrtmacht, hat nicht unterzeichnet.

Die Raumfahrt ist seit ihren Anfängen militärisch. Die ersten Menschen im Orbit wurden auf Interkontinentalraketen befördert, gestartet im Schatten des Kalten Krieges. Wenn Ingenieure heute lernen, Asteroidenbahnen zu manipulieren, ist der Schritt zur „Planetoidenbombe“ technisch klein. Wenn künftige Marsbewohner durch Bioengineering oder Speziation zu einer eigenen Variante der Spezies werden, ist die Frage offen, ob sie als Geschwister oder als Bedrohung wahrgenommen werden.

Die schärfste Pointe trifft jedoch die Rhetorik der Freiheit selbst. In einer Siedlung, in der jede einzelne Person durch Manipulation der Lebenserhaltung alle anderen töten kann, in der selbst die Atemluft zentral kontrolliert werden muss und Ausstieg keine Option ist, drängt die Logik der Sicherheit zwangsläufig zum Totalitarismus. Was als ultimativer Raum für Selbstbestimmung verkauft wird, wäre in der Umsetzung das engste Regime, das die Menschheit je erprobt hat.

Die Reaktionen aus der Bewegung sind aufschlussreich. Skeptische Bücher werden mit dem Vokabular religiöser Häresie belegt, eine Skeptikerin sah sich auf einer Konferenz mit dem zornigen Ausruf konfrontiert, sie könne diesen Aufbruch nicht aufhalten. Wer die Risiken benennt, gilt als Apostat. Das ist kein wissenschaftlicher Diskurs mehr, sondern eine Glaubensgemeinschaft, die ihren Erlösungsplan verteidigt.

Das Echo im Butterscotchhimmel

Ein amerikanischer Rover landete 2021 am Rand eines uralten Seebodens. Seine hochauflösenden Kameras können einen Softball aus mehr als eineinhalb Kilometern erkennen. Beinahe eine Million Bilder hat er bislang gesendet. Wer durch das Archiv scrollt, sieht endlose Geröllfelder unter einem trüben, eisenoxidgelben Himmel, der das Licht in einem Verfahren streut, das man auf Erden nur aus den Untiefen schmutziger Industrieabgase kennt.

Der Planet war nicht immer so. Vor dreieinhalb Milliarden Jahren erstarrte sein flüssiger Kern, der Dynamo erlosch, das Magnetfeld brach zusammen. Die Atmosphäre verdünnte sich, und die Ozeane, die einst bis zu einem Drittel der Nordbecken bedeckten, zogen sich zu den Polen zurück. Übrig blieb der größte Vulkan des Sonnensystems mit der Fläche Frankreichs, dessen Hänge jedoch so flach abfallen, dass eine Bergsteigerin den Gipfel vom Tal kaum unterscheiden könnte. Eine erhabene Geologie ohne dramaturgischen Reiz.

Die Folgen für die Psyche sind kaum kalkulierbar. Ein Begriff hat sich in der Raumfahrtmedizin durchgesetzt: der „Erd-Verlust“ – die bohrende Erkenntnis, dass der Heimatplanet aus der Marsperspektive nur noch ein unbedeutender Punkt im Himmel ist. Die irdischen Simulationen in Hawaii, Utah und Peking, in denen Freiwillige Marsanzüge tragen und Gestein einsammeln, sind ein extravagantes Kostümspiel. Niemand ist dort weiter entfernt als einen Telefonanruf.

Es bleibt das Bild des einsamen Astronauten auf einer Marsebene, begleitet vom Brummen seines Lebenserhaltungsgerätes und dem Pochen des eigenen Pulses, in einer Atmosphäre, die zu dünn ist, um Schall zu tragen. Die Maschine hört zu. Der Mensch verschwindet aus dem, was ihn zum Menschen macht: aus dem Echo der Welt, aus der Reibung mit Wetter, Stimmen und Stille.

Vor einem Dreivierteljahrhundert imaginierte ein amerikanischer Erzähler eine dritte Expedition, in der die Pioniere auf eine grüne Wiese und ein Städtchen aus dem Mittleren Westen treffen, in dem sie ihre verstorbenen Verwandten wiedersehen. Am Morgen darauf werden sechzehn Särge in die Erde gesenkt. Eine Blaskapelle spielt einen Trauermarsch. Vielleicht liegt darin die ehrlichste Vorausschau auf die marsianische Zukunft: Die größte Gefahr liegt nicht in der Härte des Planeten, sondern in der Fruchtbarkeit der eigenen Einbildungskraft.

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