Raketenträume und Demokratie-Trümmer: Warum der Fall der Washington Post weit mehr ist als das Scheitern eines CEO

Illustration: KI-generiert

Der Rücktritt von Will Lewis ist kein Befreiungsschlag, sondern nur das Symptom einer institutionellen Implosion. Während der CEO an seiner eigenen toxischen Führung und ethischen Altlasten scheiterte, vollzieht sich im Hintergrund die wahre Tragödie: Der Eigentümer Jeff Bezos hat die Washington Post von einem demokratischen Schutzschild zu einem vernachlässigten Asset degradiert, dessen journalistische Seele er zugunsten libertärer „Rocket Dreams“ und politischer Opportunität opfert.

Der Schrei aus dem Schützengraben

Es ist eine Szene von fast antiker Tragik, die sich in den digitalen Niederungen von Instagram abspielte, bevor sie in der realen Welt ihr bitteres Ende fand. Vor wenigen Tagen noch flehten diejenigen, die für die Washington Post ihr Leben riskieren, ihren Eigentümer öffentlich an. „Jeff, please, save the Post!“, lautete der verzweifelte Hilferuf. Es waren keine administrativen Angestellten, die dort um ihre Jobs bangten, sondern die Augen und Ohren Amerikas in den dunkelsten Ecken der Welt. Korrespondenten meldeten sich zu Wort, die in Russland waren, als der Krieg begann, die in Venezuela unter Beschuss gerieten und die das Leid ukrainischer Kinder dokumentierten .

Sie wählten den Weg über die sozialen Medien, sie taggten den reichsten Mann der Welt, @jeffbezos, weil sie ihn anders nicht mehr zu erreichen schienen. Die Botschaft war so simpel wie existentiell: Wir sind relevant. Siobhán O’Grady, die Leiterin des Büros in Kyjiw, brachte es auf den Punkt. Sie und ihr Team seien essenziell, um den Amerikanern zu erklären, warum ihr Land in diesem Krieg engagiert ist, einem Konflikt, der die Zukunft der NATO und der Weltordnung bestimmt.

Die Antwort auf diesen Appell war kein Dialog, sondern dröhnendes Schweigen – gefolgt von der Kündigung. O’Grady, die noch kurz zuvor von einem russischen Angriffsversuch durch eine Gaspipeline berichtet hatte, muss gehen. Sie ist Teil jener 30 Prozent der Belegschaft, die nun vor die Tür gesetzt werden. Dass Jeff Bezos in einer anschließenden Stellungnahme behauptete, die Leser würden jeden Tag einen „Fahrplan zum Erfolg“ liefern, wirkt angesichts dieser menschlichen und journalistischen Zäsur wie Hohn. Hier wird nicht saniert, hier wird ein kulturelles Erbe abgewickelt.

Anatomie eines gescheiterten Putschs

Nun ist Will Lewis Geschichte. Der britische Medienmanager, der erst Anfang 2024 antrat, um das Blatt zu wenden, hat seinen sofortigen Rücktritt erklärt. In einem Statement, das an Knappheit kaum zu überbieten war, behauptete er, diesen Schritt zu gehen, um die „nachhaltige Zukunft der Post zu sichern“. Doch wer die Chronologie der letzten Tage betrachtet, erkennt in diesem Abgang weniger eine noble Geste als vielmehr das unvermeidliche Ende einer toxischen Episode.

Lewis‘ Amtszeit war kurz, aber verheerend. Sein Führungsstil zeichnete sich durch eine Mischung aus Abwesenheit und Arroganz aus, die in der DNA einer stolzen Redaktion wie der Post wie ein Fremdkörper wirken musste. Während seine Redaktion in dieser Woche die Nachricht von der Entlassung von über 300 Kollegen verdauen musste – eine Maßnahme, die intern als „Dezimierung“ empfunden wurde –, ließ sich der CEO auf einer Party vor dem Super Bowl in San Francisco ablichten. Die „düsteren Nachrichten“ der Entlassungen überließ er Matt Murray, dem Chefredakteur, der sie via Zoom verkünden durfte. Lewis selbst schaltete sich nicht einmal zu.

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Doch das Misstrauen gegen Lewis saß tiefer und reichte weit in seine Vergangenheit zurück. Schon sein Start war von ethischen Fragezeichen überschattet. Seine Zeit bei britischen Zeitungen und die Verwicklung in den dortigen Abhörskandal holten ihn in Washington ein. Als die New York Times berichtete, dass Lewis versucht hatte, die eigene Chefredakteurin Sally Buzbee an der Berichterstattung über eben jene Vorwürfe gegen ihn zu hindern, war der Bruch irreparabel. Buzbee ging, weil sie sich dem Druck, Nachrichten zu unterdrücken, nicht beugen wollte. Lewis hingegen versuchte es mit einer Art brachialer „Tough Love“ und warf den Journalisten in einem Townhall-Meeting vor: „Die Leute lesen euren Kram nicht. Ich kann es nicht mehr beschönigen“.

Dass er nun geht, nachdem er die Drecksarbeit der Entlassungen erledigt hat, entbehrt nicht einer zynischen Logik. Katie Mettler, eine ehemalige Vorsitzende der Gewerkschaft, fasste die Stimmung treffend zusammen: „Ich bin froh, dass Will Lewis gefeuert wurde. Ich wünschte nur, es wäre passiert, bevor er alle meine Freunde gefeuert hat“. Sein Vermächtnis, so die Gewerkschaft, sei der „versuchte Niedergang einer großen amerikanischen Journalismusinstitution“.

Das „Wednesday Massacre“ – Was wirklich zerstört wurde

Man muss sich die Dimension dessen, was in Washington gerade geschieht, vor Augen führen. Es handelt sich nicht um eine kosmetische Korrektur oder ein gesundes Schrumpfen angesichts roter Zahlen. Es ist ein Kahlschlag, der das Fundament der Zeitung erschüttert. Marty Baron, der legendäre Ex-Chefredakteur, nannte es einen der „dunkelsten Tage in der Geschichte“ des Blattes.

Was Lewis und indirekt Bezos hier exekutierten, ist die Amputation ganzer Gliedmaßen des journalistischen Körpers. Die Sportredaktion wurde faktisch aufgelöst. Das Literaturressort: geschlossen. Die Auslandsberichterstattung: massiv zusammengestrichen. Selbst der populäre Podcast „Post Reports“ wurde eingestellt. Erfahrene Journalisten, die Kriege in Afghanistan, dem Libanon und Kamerun abdeckten, müssen ihre Schreibtische räumen. Es trifft jene, die wie Siobhán O’Grady und Anastacia Galouchka unter Panzern Schutz suchten, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Diese Maßnahmen stehen in krassem Widerspruch zu den vollmundigen Ankündigungen von Lewis, der noch im Sommer 2024 bei Drinks im „Four Seasons“ versprach, er sei für die „lange Strecke“ gekommen und werde seine Kritiker überdauern . Seine Strategien – ein diffuses „Ripple“-Meinungsprodukt, KI-Experimente und das größenwahnsinnige Ziel von 200 Millionen zahlenden Nutzern – entpuppten sich als Luftschlösser. Übrig bleibt eine Redaktion, der nicht nur das Personal fehlt, sondern auch der Glaube an die eigene Mission. Jeff D’Onofrio, der Finanzchef, mag nun als Interims-CEO übernehmen, doch er verwaltet eine Ruine.

Der unsichtbare Elefant: Jeff Bezos’ politische Wende

Es wäre jedoch zu einfach, Will Lewis als alleinigen Sündenbock zu brandmarken. Er war der Vollstrecker, nicht der Architekt des Niedergangs. Der wahre Elefant im Raum trägt den Namen Jeff Bezos. Die finanziellen Verluste der Post sind real, doch sie sind zu einem nicht unerheblichen Teil hausgemacht – verursacht durch die erratischen und politisch motivierten Eingriffe des Eigentümers.

Der Wendepunkt lässt sich präzise datieren: Es war der Moment im Vorfeld der Wahl 2024, als Bezos entgegen der jahrzehntelangen Tradition der Zeitung eine Wahlempfehlung für die demokratische Kandidatin Kamala Harris verhinderte. Seine Begründung, der Journalismus leide an einem Glaubwürdigkeitsproblem und dürfe sich nicht parteiisch zeigen , entpuppte sich als Bumerang. Die Leser, die die Post als Bollwerk gegen den Autoritarismus verstanden, fühlten sich verraten. Die Folge war eine Kündigungswelle historischen Ausmaßes: Bis zu 250.000 Abonnenten kehrten dem Blatt den Rücken.

Bezos hat die finanzielle Basis, die er nun durch Entlassungen zu stabilisieren vorgibt, selbst untergraben. Mehr noch: Er greift ideologisch in die Substanz ein. Dass ein kritischer Cartoon, der ihn kniend bei der Geldübergabe an Donald Trump zeigte, nicht erscheinen durfte, spricht Bände über sein Verständnis von Pressefreiheit. Die Anweisung, im Meinungsressort künftig nur noch Stimmen zuzulassen, die „persönliche Freiheit“ und „freie Marktwirtschaft“ propagieren, klingt weniger nach pluralistischem Diskurs als nach der Durchsetzung einer libertären Agenda per Dekret. Wer widerspricht, muss gehen. Der Mann, der einst als Retter kam und versprach, die Post technisch ins digitale Zeitalter zu führen, ohne sich inhaltlich einzumischen , ist zum Zensor im eigenen Haus geworden.

„Rocket Dreams“ – Warum die Erde (und die Post) egal wurden

Um zu verstehen, warum Jeff Bezos bereit ist, eine amerikanische Institution vor die Wand fahren zu lassen, muss man den Blick von Washington weg und hinauf zu den Sternen richten. Die Prioritäten des Amazon-Gründers haben sich radikal verschoben. In dem Buch Rocket Dreams des Weltraumredakteurs Christian Davenport offenbart Bezos seine wahre Passion. Der Grund für seinen Rücktritt als Amazon-CEO im Jahr 2021 war nicht der Wunsch nach Ruhe, sondern der neu entflammte Wettlauf ins All.

Für Bezos ist der Bau von Raketen mit seiner Firma Blue Origin nicht irgendein Hobby, sondern seine „wichtigste Arbeit“, getrieben von einer „außergewöhnlichen Dringlichkeit“. Er misst sich nicht mehr an der New York Times, sondern an Elon Musk und dem chinesischen Weltraumprogramm. In dieser kosmischen Kalkulation schrumpft die Washington Post zu einem winzigen, fast lästigen Punkt zusammen.

Einst, kurz nach dem Kauf 2013, sagte Bezos, die Post werde das sein, worauf er im Alter von 90 Jahren „besonders stolz“ sein werde. Diese Aussage wirkt heute wie aus einer anderen Epoche. Als im letzten Jahr die Warnungen vor Will Lewis lauter wurden und sogar Legenden wie der langjährige Chefredakteur Leonard Downie und der Veteran Bob Kaiser in Mails an Bezos appellierten, den CEO zu ersetzen, erhielten sie keine Antwort . Bezos schweigt, weil sein Fokus woanders liegt. Er baut Raketen, während auf der Erde die demokratische Infrastruktur zerbröselt.

Der Schatten von Watergate – Ein historischer Verrat

Die Tragweite dieses Desinteresses wird erst im historischen Vergleich schmerzhaft deutlich. Die Washington Post ist nicht irgendeine Zeitung; sie ist ein Mythos, geformt durch Hollywood und harte Realität. Filme wie Die Unbestechlichen und Die Verlegerin haben ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, wofür dieses Blatt steht: den Mut, den Mächtigen die Stirn zu bieten.

Man muss die Figur der Katharine Graham, der legendären Verlegerin, gegen den heutigen Eigentümer stellen, um den moralischen Verfall zu ermessen. Graham, eine Frau der Washingtoner Elite, riskierte ihre Freundschaften und ihre gesellschaftliche Stellung, als sie sich entschied, die Pentagon Papers zu veröffentlichen . Sie wählte die Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit über die Bequemlichkeit ihres sozialen Zirkels. Jeff Bezos hingegen knickt vor Donald Trump ein, noch bevor dieser wieder im Amt ist, und zensiert Karikaturen, um seine Geschäftsinteressen nicht zu gefährden.

Auch der journalistische Gegenpart hat sich gewandelt. Wo früher ein Marty Baron regierte, der – wie im Film Spotlight verewigt – systematischen Missbrauch aufdeckte und die Wahrheit über alles stellte , agierte zuletzt Will Lewis, der versuchte, Untersuchungen gegen sich selbst zu vertuschen. Unter Baron war die Post ein Leuchtturm; unter Lewis und Bezos droht sie zu einem Instrument verkommener Interessenpolitik zu werden. Der Geist von Watergate, jener unbedingte Wille zur Aufklärung, der Richard Nixon zu Fall brachte, scheint aus den Fluren der Redaktion vertrieben worden zu sein.

Die lokale Demontage – Eine Gefahr für die Demokratie

Vielleicht am gefährlichsten, weil am wenigsten spektakulär, ist der Kahlschlag im Lokalen. Die Zahl der Journalisten, die über Washington D.C. berichten, soll von 40 auf ganze zwölf reduziert werden. Wer glaubt, dies sei provinziell und irrelevant für die große Weltpolitik, hat die Lektion von Watergate nicht verstanden.

Der Skandal, der die amerikanische Präsidentschaft erschütterte, begann nicht mit einer hochgeheimen Quelle in einer Tiefgarage. Er begann mit einem Bericht eines lokalen Polizeireporters über einen banalen Einbruch im Watergate-Komplex. Erst danach übernahmen Woodward und Bernstein. Ohne den lokalen Unterbau, ohne die Reporter, die auf Gemeindeebene hinsehen, gibt es keine großen Enthüllungen. Skandale fangen fast immer unten an.

Wenn Ashley Parker, eine langjährige Reporterin, in ihrem Text im Atlantic nun eine „Liebeserklärung“ an diese alte Redaktionskultur schreibt , dann schwingt darin die Angst mit, dass genau dieses Frühwarnsystem der Demokratie nun abgeschaltet wird. Eine Hauptstadtpresse, die nur noch auf Pressemitteilungen des Weißen Hauses reagiert, aber nicht mehr weiß, was in den Straßen der Stadt vor sich geht, ist blind.

Die Ruine einer Institution

Will Lewis ist fort, doch die Trümmer bleiben. Jeff D’Onofrio übernimmt temporär die Führung, doch ohne eine radikale Kurskorrektur des Eigentümers ist das nur Verwaltung des Mangels. Die Gewerkschaft der Washington Post hat recht, wenn sie fordert, die Entlassungen rückgängig zu machen oder das Blatt an jemanden zu verkaufen, der bereit ist, in seine Zukunft zu investieren.

Doch die Hoffnung darauf ist gering. Jeff Bezos hat deutlich gemacht, dass seine Augen auf den Mond und den Mars gerichtet sind. Die Washington Post, dieses 150 Jahre alte Traditionsblatt, ist für ihn nur noch Ballast auf der Startrampe. Wenn Journalisten entlassen werden, die Kriege erklären, und wenn lokale Wächter abgezogen werden, entsteht ein Vakuum, das durch Propaganda und Desinformation gefüllt werden wird. Der Rücktritt von Will Lewis mag eine kurze Genugtuung sein, aber er ändert nichts an der bitteren Realität: Die Post kämpft nicht mehr um Profitabilität, sie kämpft um ihre Seele. Und ihr Besitzer scheint diesen Kampf bereits aufgegeben zu haben.

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