
Ein winziger goldener Hammer saust herab. In Washington, D.C., unter den blauen Vorhängen des frisch umbenannten Donald J. Trump U.S. Institute of Peace, ruft der amerikanische Präsident eine Weltordnung aus, die fortan seinen Namen tragen soll. Es ist eine Szenerie voller beklemmender Widersprüche: Während im Scheinwerferlicht utopische Visionen einer friedlichen Mittelmeer-Riviera im Gazastreifen auf eine Videoleinwand projiziert werden , formiert sich Tausende Kilometer entfernt im Mittelmeer und am Persischen Golf eine gigantische amerikanische Armada. Hochmoderne F-35-Tarnkappenjets und Flugzeugträger bringen sich in Stellung für einen möglichen vernichtenden Schlag gegen den Iran.
Wir erleben in diesen Tagen nicht weniger als den Versuch, die multilaterale Weltarchitektur nach den Regeln eines Immobilienimperiums umzubauen. Unter dem Deckmantel des sogenannten Board of Peace, einem Gremium, das nominell den Wiederaufbau Gazas koordinieren soll, etabliert sich ein privatisiertes, transaktionales Machtzentrum. Es ist ein System, in dem Frieden zur käuflichen Ware wird, Autokraten als verlässliche Geschäftspartner hofiert werden und traditionelle Institutionen wie die Vereinten Nationen systematisch ausgehöhlt und ersetzt werden sollen. Die Welt wird Zeuge der Geburt der Pax Trumpiana – eines Friedens, der durch bedingungslose Unterwerfung unter den Willen eines Einzelnen diktiert wird.
Die Kulisse der Macht – Ein Friedensrat als Ego-Show
Der Ort der Gründungszeremonie hätte symbolischer kaum gewählt sein können. Das modernistische Gebäude in Washington beherbergte einst eine vom Kongress ins Leben gerufene Denkfabrik, bevor die Trump-Administration im vergangenen Jahr die Belegschaft entließ, die Einrichtung faktisch auflöste und den Namen des Präsidenten in großen Lettern an die Fassade montieren ließ. Die Architektur der Diplomatie wurde buchstäblich feindlich übernommen.

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Die Antrittssitzung glich weniger einem ehrwürdigen UN-Plenum als vielmehr einer bizarren Mischung aus Generalversammlung und Wahlkampfveranstaltung. Anstelle von subtiler Staatskunst wurden Kappen im leuchtenden MAGA-Rot an die angereisten Delegierten verteilt. Die diplomatischen Protokolle schienen ausgesetzt: Der albanische Premierminister Edi Rama nutzte seine Redezeit, um den US-Sonderermittler Jack Smith – jenen Mann, der einst Donald Trump anklagte – wegen dessen früherer Arbeit an einem Kosovo-Tribunal als Sicario, als Auftragsmörder, zu verunglimpfen. Trump selbst sprengte jede diplomatische Zurückhaltung, indem er dem in Umfragen strauchelnden, rechtspopulistischen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán seine vollständige und totale Unterstützung für die anstehenden Wahlen aussprach.
Doch über allem schwebte das verletzte Ego des Gastgebers. Ausgiebig klagte der Präsident über das Komitee in Norwegen, das ihm den ersehnten Friedensnobelpreis für die von ihm behauptete Beendigung von acht Kriegen verweigert habe.
Geschäftsmodell Weltfrieden – Die Charta der Allmacht
Wer verstehen will, wie radikal dieser Bruch mit der bestehenden Ordnung ist, muss einen Blick in die Gründungsakte werfen. Die Charta des Board of Peace, im Januar in Davos hastig unterzeichnet, offenbart ein völkerrechtliches Konstrukt, das in der modernen Geschichte beispiellos ist. Es handelt sich um eine multilaterale Organisation, in der alle Macht bei einer einzigen Person zentralisiert ist.
Donald Trump agiert als Vorsitzender – und das nicht etwa in seiner Funktion als US-Präsident, sondern als Privatperson, auf Lebenszeit. Er genießt ein weitreichendes Vetorecht über sämtliche Beschlüsse des Rates, ernennt die Mitglieder des Exekutivkomitees nach Gutdünken und besitzt sogar die groteske Befugnis, seinen eigenen Nachfolger zu bestimmen.
Noch verstörender ist die Finanzierungsstruktur. Um einen permanenten Sitz im Gremium zu erhalten, wird von den Mitgliedsstaaten eine Eintrittsgebühr von einer Milliarde US-Dollar verlangt. Staaten, die nicht zahlen, verlieren nach einer dreijährigen Schonfrist ihren Platz. Wohin diese gigantischen Summen fließen, bleibt im Vagen. Die Charta erlaubt dem Vorsitzenden die Einrichtung von Konten nach eigenem Ermessen, was bei Beobachtern massive Befürchtungen weckt, hier entstehe ein gigantischer Schmiergeldfonds. Ein Sitz am Tisch der globalen Machtentscheidungen ist nicht länger eine Frage von völkerrechtlicher Relevanz oder demokratischer Legitimation, sondern ein schlichtes Pay-to-Play-Modell.
Die Spaltung der Weltgemeinschaft – Autokraten-Club und traditionelle Verbündete
Es überrascht kaum, dass diese archaische Struktur die internationale Staatengemeinschaft tief spaltet. Ein Blick auf die über zwanzig Gründungsmitglieder zeigt eine drastische geopolitische Verschiebung. Den Kern bilden Staaten wie Saudi-Arabien, Katar, die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ungarn und Belarus – eine Allianz, die von autokratischen Systemen und transaktionalen Partnerschaften dominiert wird.
Die Reaktionen der traditionellen westlichen Verbündeten reichen von höflicher Distanz bis zu offener Empörung. Frankreich, Spanien, Großbritannien und Norwegen haben eine Vollmitgliedschaft abgelehnt. Deutschland, dessen Bundeskanzler Friedrich Merz verfassungsrechtliche Bedenken gegen das Gremium äußerte, schickte mit Christian Buck lediglich einen Beobachter auf hoher Beamtenebene nach Washington, um den Kontakt nicht völlig abreißen zu lassen.
Wie gnadenlos das neue System abweichende Meinungen bestraft, zeigte sich an zwei drastischen Beispielen. Als Frankreich sich weigerte, dem Rat in seiner jetzigen Form beizutreten, drohte Washington umgehend mit Strafzöllen von 200 Prozent auf französische Weine und Champagner. Kanadas Premierminister Mark Carney, der in Davos die Bewahrung der regelbasierten Ordnung anmahnte, wurde von Trump kurzerhand wieder ausgeladen. Gleichzeitig erhielt der russische Präsident Wladimir Putin, dessen Truppen einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führen, eine persönliche Einladung – ein diplomatischer Affront, der den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu der fassungslosen Frage trieb, wie sein Land und Russland im selben Friedensrat sitzen könnten.
Luftschlösser im Schutt – Die Illusionen des Gaza-Wiederaufbaus
Das offizielle Testgelände für diese privatisierte Weltordnung ist der Gazastreifen. Die Diskrepanz zwischen der brutalen Realität vor Ort und den Präsentationen in Washington könnte kaum obszöner sein. Während in Gaza 60 Millionen Tonnen Schutt eine dystopische Mondlandschaft bilden, präsentierte Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn und Mitglied des Exekutivkomitees, Hochglanzfolien einer strahlenden Zukunft. Geplant sei eine Mittelmeer-Riviera mit 180 Wolkenkratzern, 200 Hotels, künstlichen Inseln und Tech-Zentren. FIFA-Präsident Gianni Infantino flankierte diese Vision mit einem KI-generierten Video, das lachende Kinder zeigte, und versprach den Bau eines Nationalstadions für 25.000 Zuschauer.
Doch die Finanzierung dieser Luftschlösser steht auf tönernen Füßen. Die Vereinten Nationen schätzen die Kosten für den reinen Wiederaufbau auf schwindelerregende 70 Milliarden US-Dollar. Auf der Konferenz wurden von neun Mitgliedsstaaten jedoch lediglich rund sieben Milliarden Dollar zugesagt. Trump selbst kündigte zwar vollmundig einen amerikanischen Beitrag von zehn Milliarden Dollar an, schwieg sich aber darüber aus, woher dieses Geld in einem zutiefst gespaltenen Kongress kommen soll. Es bleibt der fatale Eindruck einer PR-Blase: Man verkauft das Renderbild einer Luxus-Metropole, während die Überlebenden zwischen den Ruinen ausharren.
Die tickende Zeitbombe – Hamas, Israel und das ungelöste Gewaltmonopol
All diese Pläne zerschellen unweigerlich an einer harten, ungelösten Realität: der Sicherheitsfrage. Trumps 20-Punkte-Plan sieht die vollständige Entwaffnung der Hamas vor, doch dieser Prozess ist vollständig zum Erliegen gekommen. Für die radikalislamische Organisation ist der bewaffnete Kampf essenzieller Teil ihrer Ideologie; ein ranghoher Funktionär erklärte unmissverständlich, den Palästinensern die Waffen zu nehmen, bedeute, ihnen die Seele zu entreißen. Ein hastig anberaumtes Krisentreffen zwischen Nickolay Mladenov, dem Sondergesandten des Rates, und dem Hamas-Chefunterhändler Khalil al-Hayya in Kairo brachte keinen Durchbruch.
Israel wiederum hat eine rote Linie gezogen. Premierminister Benjamin Netanjahu pocht auf die Abgabe sämtlicher Waffen – einschließlich der schätzungsweise 60.000 Kalaschnikow-Sturmgewehre, die sich noch im Besitz der Hamas befinden. Yossi Fuchs, der israelische Kabinettssekretär, formulierte ein unmissverständliches Ultimatum: Entweder die Hamas entwaffnet sich innerhalb von 60 Tagen, oder die israelische Armee werde zurückkehren, um die Mission zu vollenden.
Die Lage wird zusätzlich durch die Expansionsbestrebungen der israelischen Regierung im Westjordanland befeuert. Während man über den Frieden in Gaza spricht, erleichtert Israel jüdischen Siedlern den Landkauf in palästinensischen Gebieten. Außenminister Gideon Saar hielt im UN-Sicherheitsrat provozierend einen 2500 Jahre alten Krughenkel in die Höhe, um historische Besitzansprüche auf Judäa und Samaria abzuleiten und jegliche Räumung von Siedlungen kategorisch auszuschließen. Ein Friedensplan, der diese extremen Spannungen ignoriert und sich auf den Bau von Hotels konzentriert, ist nicht nur naiv, sondern hochgefährlich.
Stiefel im Sand – Die internationale Stabilisierungstruppe
Um diesen brüchigen Waffenstillstand zu erzwingen, plant der Rat die Entsendung einer bewaffneten internationalen Stabilisierungstruppe. Sie soll 20.000 Soldaten und 12.000 Polizisten umfassen und unter dem Kommando von US-Generalmajor Jasper Jeffers stehen.
Doch wer wird sein Leben in diesem geopolitischen Minenfeld riskieren? Bisher hat vor allem Indonesien ein massives Kontingent von bis zu 8.000 Soldaten zugesagt. Weitere Kräfte sollen aus Marokko, Kasachstan, Albanien und dem Kosovo kommen. Die Ausbildung palästinensischer Polizisten übernehmen Ägypten und Jordanien.
Diese Truppen stehen vor einer Herkulesaufgabe. Sie sollen in einem zersplitterten Gebiet operieren, in dem israelische Militärs und hochgerüstete Hamas-Kämpfer jederzeit wieder aneinandergeraten können. Selbst die zivile Übergangsverwaltung, ein Komitee palästinensischer Technokraten unter der Leitung von Ali Shaath, sitzt derzeit noch in Ägypten fest. Israel verweigert dem Gremium bislang die Einreise nach Gaza. Ein Friedensplan, dessen zivile Verwaltung ihr eigenes Territorium nicht betreten darf, offenbart seine eigene Dysfunktionalität.
Der orchestrierte Widerspruch – UN-Demontage und die Drohung gegen den Iran
Die Agenda des Board of Peace geht jedoch längst weit über den Nahen Osten hinaus. Es ist das Werkzeug für eine systematische Demontage der bisherigen Weltordnung. Die USA sind bereits aus 66 internationalen Organisationen ausgetreten. Trump machte aus seiner Verachtung für die Vereinten Nationen, denen er Ineffizienz und linke Voreingenommenheit vorwirft, keinen Hehl. Das neue Gremium soll die UN nicht unterstützen, sondern sich über die Vereinten Nationen stellen und sicherstellen, dass sie richtig funktionieren.
Verzweifelt versuchen UN-Vertreter wie Alexander De Croo, der Direktor des Entwicklungsprogramms, die Relevanz ihrer Institutionen zu verteidigen. Er warnt, dass Prävention die eigentliche ultimative Macht sei und dass globale Herausforderungen nicht im Alleingang gelöst werden können. Doch in Washington verhallen diese mahnenden Worte.
Die perfideste Facette dieser Friedensinszenierung ist jedoch ihr zeitliches Zusammenfallen mit Kriegsvorbereitungen. Während Trump den Weltfrieden ausruft, hat er die massivste militärische Truppenkonzentration der USA im Nahen Osten seit Jahrzehnten befohlen. Ein Flugzeugträgerverband, angeführt von der USS Gerald R. Ford, ist im Mittelmeer eingetroffen. Auf der Sitzung des Friedensrates setzte Trump der iranischen Führung ein unmissverständliches Ultimatum: Man habe zehn bis fünfzehn Tage Zeit für ein neues Atomabkommen, ansonsten würden schlimme Dinge passieren. Rosemary Kelanic, eine Expertin für den Nahen Osten, benennt diesen Irrsinn schonungslos: Mit seiner zusammengezogenen Armada sei Trump derzeit die größte Bedrohung für den Frieden im Nahen Osten.
Der Preis der neuen Weltordnung
Was bleibt von dieser pompösen Inszenierung am Rande des Abgrunds? Trumps Board of Peace ist keine Weiterentwicklung der internationalen Diplomatie, sondern ihr Rückfall in ein archaisches, feudales Zeitalter. Es ist der Glaube, dass komplexe historische Konflikte wie Immobilien-Deals gelöst werden können – durch das Versprechen von Wolkenkratzern und die rohe Drohung mit militärischer Gewalt.
Die liberale Weltordnung, basierend auf Regeln, Konsens und dem Völkerrecht, wird durch ein System der Erpressung und Transaktion abgelöst. Autokraten haben dies erkannt und kaufen sich für eine Milliarde Dollar an den Tisch der Macht ein. Doch am Ende wird sich dieses System nicht in Konferenzräumen in Davos oder Washington beweisen müssen, sondern in den blutigen Trümmern von Gaza. Wenn die Sandburgen der geplanten Riviera auf den unversöhnlichen Überlebenswillen bewaffneter Milizen und israelische Sicherheitsinteressen prallen, wird sich zeigen, ob ein privatisierter Frieden mehr ist als eine gefährliche Illusion. Bis dahin tickt die Uhr – in Gaza, in Teheran und für die Reste jener Institutionen, die einst geschaffen wurden, um die Welt vor genau dieser Art von unberechenbarer Allmacht zu schützen.


