Operation Epischer Wahnsinn: Wie der Irankrieg die Weltordnung sprengt

Illustration: KI-generiert

Kriege lassen sich auf zweierlei Weise vermessen: Man kann ihre rechtfertigenden Motive sezieren oder ihre unausweichlichen Folgen betrachten. Die israelisch-amerikanische Offensive gegen das Regime in Teheran begann mit einem Paukenschlag, der die Illusion chirurgischer Präzision erweckte. Gleich zu Kriegsbeginn legten Geheimdienste und Kampfflugzeuge den Aufenthaltsort des obersten Revolutionsführers Ali Chamenei in Schutt und Asche. Es war ein Triumph der nachrichtendienstlichen Durchdringung, ein Fanal der Überlegenheit. Doch zwei Wochen nach den ersten Raketen auf Teheran weicht der Rausch des schnellen Erfolgs einer brutalen Ernüchterung. Für militärische Interventionen, die vorgeben, ein größeres Übel in der Welt abzuwenden, existiert eine eiserne, unerbittliche Regel: Mach es nicht schlimmer.

Blickt man heute auf die Trümmerlandschaften im Nahen Osten und die panischen Ausschläge an den globalen Märkten, zeigt sich ein erschütterndes Bild. Dieser Krieg nähert sich nicht nur dem Schlimmeren, er entfaltet sich als ein beispielloses Worst-Case-Szenario, das humanitäre, ökonomische und geostrategische Gewissheiten pulverisiert. Was in den Planungsstäben Washingtons pompös als „Operation Epische Wut“ getauft wurde, entpuppt sich in der Realität als „Operation Epischer Wahnsinn“. Es ist ein Wahnsinn, der seine Wurzeln nicht zuletzt in den schockierend banalen, fast schon pathologischen Beweggründen der beiden Männer hat, die diesen Flächenbrand entfesselt haben. Auf der einen Seite ein US-Präsident, der die Entfesselung militärischer Zerstörungskraft als narzisstischen Ausweis seiner eigenen historischen Größe begreift. Auf der anderen Seite ein israelischer Premierminister, Benjamin Netanjahu, der sich nach eigenen Worten „seit 40 Jahren“ nach diesem finalen Schlag gesehnt hat – und der nun hoffen darf, dass der Lärm der fallenden Bomben seine heimischen Wähler bei den anstehenden Herbstwahlen hinter ihm vereint und ihn vor einer drohenden Gefängnisstrafe wegen Korruption bewahrt. Der Preis für dieses politische Überleben wird derzeit in Blut, Öl und globaler Instabilität bezahlt, und es ist der Rest der Welt, dem die Rechnung präsentiert wird.

Die Illusion des schnellen Schlags und die asymmetrische Falle

Wenn man die Motive Washingtons und Jerusalems für diesen Feldzug betrachtet, gleicht die Argumentation einem chamäleonhaften Versteckspiel. Die Rechtfertigungen wurden beinahe im Wochentakt durchbuchstabiert: Mal war es die Abwehr einer angeblich unmittelbaren Bedrohung, mal die längst überfällige Zerstörung des iranischen Nuklearprogramms, dann wieder die Herbeiführung eines Regimewechsels oder der paternalistische Schutz der iranischen Opposition. Dass sich diese Begründungen teils widersprechen und US-Präsident Donald Trump sie je nach Tagesform anpasst, offenbart das Fehlen einer kohärenten strategischen Vision. Vor allem aber offenbart es eine fatale Arroganz gegenüber der asymmetrischen Reaktionsfähigkeit des theokratischen Regimes.

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Es war in Expertenkreisen hinlänglich bekannt, dass die Mullahs nicht in einem symmetrischen Kräftemessen untergehen würden. Wenn die konventionellen Verbündeten in der Region – Proxies wie die Hisbollah im Libanon oder die Huthi-Miliz im Jemen – geschwächt sind , und wenn das eigene Raketenprogramm durch vorherige Konflikte massiv zurückgeworfen wurde, greift Teheran zur ultimativen wirtschaftlichen Erpressung. Warnungen, der Iran werde einen asymmetrischen Wirtschaftskrieg entfesseln, indem er die Lebensader der globalen Energieversorgung, die Straße von Hormus, blockiert, wurden im Weißen Haus mit einer Mischung aus Ignoranz und Überheblichkeit vom Tisch gewischt. Noch wenige Tage vor Kriegsbeginn dozierte Trumps Energieminister Chris Wright in beruhigendem Tonfall, man sei nicht besorgt. Schließlich hätten sich auch vergangene Krisen nicht nachhaltig auf die Märkte ausgewirkt; die Preise seien „kurzzeitig gestiegen und dann wieder gefallen“.

Es ist genau diese erschütternde Naivität, die der Trump-Administration nun auf die Füße fällt. Die Regierung wirkt überrumpelt und operativ überfordert. Allein die bloße Androhung, zivile Frachter in der Meerenge zu attackieren, reichte aus, um den globalen Schiffsverkehr an dieser neuralgischen Stelle beinahe zum Erliegen zu bringen. Es brauchte keine Armada, um die Weltwirtschaft in Geiselhaft zu nehmen. Und das iranische Arsenal birgt noch weit dunklere Szenarien: US-Schätzungen zufolge verfügen die Revolutionsgarden über etwa 6000 Seeminen. Zwar mag die konventionelle iranische Marine zerschlagen sein, doch die kleinen, wendigen Schnellboote der Revolutionswächter operieren weiterhin aus einem unübersichtlichen Netzwerk von unterirdischen Tunneln entlang der Nordküste und auf den iranischen Inseln. Sollte Teheran sich entscheiden, die Meeresstraße tatsächlich flächendeckend zu verminen, stünde das US-Militär vor einem logistischen Albtraum. Es müsste mit Minenräumern in das Nadelöhr eindringen und im schlimmsten Fall sogar Bodentruppen an Land schicken – ein Szenario, für das die Trump-Regierung, wie entsetzte Kongressabgeordnete nach Geheimdienstbriefings berichten, nicht den Hauch eines Plans besitzt. Die Internationale Energieagentur fasst die Lage in drastischen Worten zusammen: Wir erleben die „größte Versorgungsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarktes“. Der Preis für ein Barrel Rohöl schoss in den ersten Tagen um 50 Prozent in die Höhe und durchbrach mühelos die Marke von 100 Dollar.

Die globalen Schockwellen: Von der Zapfsäule bis in den Schützengraben

Die Druckwelle dieser wirtschaftlichen Detonation macht vor nationalen Grenzen nicht halt. Was als vermeintlich begrenzter Präventivschlag im Nahen Osten begann, mutiert zu einem globalen Geschoss, das die Fundamente der Weltwirtschaft zum Beben bringt. Teures Benzin an den Zapfsäulen in Texas oder Bayern ist dabei nur das oberflächlichste Symptom einer viel tiefer gehenden Verwerfung. Energie ist das Blutkreislaufsystem der globalisierten Ökonomie. Steigende Energiepreise infizieren unweigerlich alle anderen Sektoren, treiben die Herstellungskosten in die Höhe und erzwingen eine Preisspirale, die Notenbanken panisch mit Zinserhöhungen beantworten müssen. Die makroökonomischen Prognosen lesen sich wie der Prolog einer drohenden Rezession: Die Deutsche Bank kalkuliert kühl, dass bei einem anhaltenden Ölpreis von 120 Dollar pro Fass das Wirtschaftswachstum in Europa um empfindliche 0,72 Prozentpunkte einbrechen und die Inflation gleichzeitig um mehr als einen Prozentpunkt ansteigen wird. Der zarte Aufschwung, auf den man in Deutschland so inständig gehofft hatte, wäre damit Makulatur.

Doch während Europa um Wohlstandsverluste bangt, blickt der globale Süden in den Abgrund. Durch die Straße von Hormus fließt nicht nur schwarzes Gold, sondern auch das Lebenselixier der globalen Landwirtschaft: Ein Drittel des weltweiten Nachschubs an Düngemitteln passiert diese Meerenge. Wenn diese Schiffe nicht ankommen, drohen in Ländern wie Bangladesch oder Pakistan, die noch immer unter den Spätfolgen des russischen Überfalls auf die Ukraine leiden, massive Ernteausfälle und katastrophale Hungerkrisen. Hinzu kommt eine tickende soziale Zeitbombe: Hunderttausende Arbeitsmigranten aus diesen armen Staaten schuften in den Golfstaaten, die nun gegen ihren Willen in den Sog des Konflikts gezogen werden. Sollten die wirtschaftlichen Verwerfungen dort zu Massenentlassungen führen, bricht den Familien in der Heimat die einzige Existenzgrundlage weg – und den fragilen Volkswirtschaften ein essenzieller Teil ihres Bruttoinlandsprodukts.

Nirgendwo jedoch offenbart sich der geostrategische Irrsinn dieser „Operation Epic Fury“ so kristallklar wie in Moskau. Der Mann, der am lautesten über diesen Krieg lacht, sitzt im Kreml. Dass ausgerechnet Wladimir Putin der größte Profiteur eines Angriffs auf seinen eigenen Verbündeten in Teheran ist, mag auf den ersten Blick wie ein absurdes Paradoxon erscheinen. Doch Putin saugt aus dem Chaos gleich mehrfach geopolitischen Nektar. Der brennende Nahe Osten lenkt die moralische und politische Aufmerksamkeit des Westens geschmeidig von den täglichen russischen Raketenangriffen auf Kyjiw und Odessa ab. Militärische Ressourcen, die dringend in der Ukraine benötigt würden, versickern nun in den Wüsten und am Himmel der Levante. Die perverseste Pointe dieser Tragödie liefert jedoch Washington selbst: Um die panischen Energiemärkte zu beruhigen und die eigenen Wähler an den Zapfsäulen nicht zu verärgern, sah sich die US-Regierung gezwungen, Sanktionen gegen Russland klammheimlich zu lockern. Staaten wie Indien dürfen nun wieder ungestört russisches Öl aufkaufen. Die Berechnungen der Financial Times sprechen eine verheerende Sprache: Allein durch dieses verzweifelte Manöver der Amerikaner spülen täglich 150 Millionen Dollar frisch in Putins Kriegskasse. Trump hat, um seinen eigenen Krieg zu finanzieren, den Krieg seines größten Rivalen subventioniert.

Israels technologischer Triumph und sein unerbittliches Kalkül

Während die US-Administration erratisch zwischen Drohgebärden und hastigem Krisenmanagement schwankt und Donald Trump bekennt, er wolle den Krieg erst beenden, wenn er es „in seinen Knochen fühle“ – eine geradezu infantile Bankrotterklärung diplomatischer Strategie –, agiert Jerusalem mit der Kälte eines Chirurgen. Israel weiß genau, was es will. Die Widersprüchlichkeit der Kommunikation aus Washington verdeckt nicht die stählerne Entschlossenheit der israelischen Führung. „Wir wollen die Zeit, in der der Iran uns bedrohen kann, hinauszögern“, formuliert es Sima Shine vom Institute for National Security Studies in Tel Aviv unmissverständlich. Aus israelischer Perspektive ist dieser Krieg bereits jetzt eine Aneinanderreihung taktischer Triumphe: Man bombardierte jene geheimen Anlagen, an denen Teheran nukleare Explosionen simulieren wollte, und zerschlug gezielt die Kommandozentren der Revolutionsgarden tief im iranischen Hinterland.

Doch das eigentliche Wunder, das sich am israelischen Himmel abspielt, ist technologischer Natur. Zwar heulen in den Städten weiterhin die Sirenen, zwar feuert der Iran in seiner Verzweiflung perfide Streumunition ab, die beim Aufprall in tödliche kleine Sprengsätze zerfällt, um maximalen Schaden unter der Zivilbevölkerung anzurichten. Doch die Intensität des iranischen Beschusses nimmt spürbar ab. Das theokratische Regime musste erkennen, dass es die israelische Abwehrarchitektur nicht durch schiere Masse überlasten kann, und beschränkt sich nun zermürbt darauf, den Alltag der Israelis zu stören. Der Grund für diese israelische Resilienz ist ein militärhistorischer Gamechanger: Zum ersten Mal in der Geschichte der Kriegsführung kommt flächendeckend das Lasersystem „Iron Beam“ zum Einsatz. Dieser „eiserne Strahl“ pulverisiert feindliche Drohnen und Raketen buchstäblich in Lichtgeschwindigkeit. Im Gegensatz zu den etablierten Abfangraketen des „Iron Dome“, die sich physikalischen Gesetzmäßigkeiten der Erdkrümmung beugen und abwarten müssen, bis das Ziel in den Sinkflug übergeht, verbrennt der Laser die Bedrohung exakt dort am Himmel, wo der Operator es entscheidet – oft noch weit über feindlichem Territorium.

Diese technologische Dominanz verleiht Israel eine Atempause, die im starken Kontrast zum brennenden Rest der Region steht. Die Armee ist derart von der Wirksamkeit ihres neuen Schutzschildes überzeugt, dass in den Kommandozentralen bereits Pläne zirkulieren, die Notstandsstufen herabzusetzen und die Schulen schrittweise wieder zu öffnen. Das Land demonstriert Stärke und ein funktionierendes Gemeinwesen, während auf der Gegenseite die Mullahs um ihr Überleben kämpfen. Es ist ein Beweis militärischer Asymmetrie, der die israelische Führung glauben lässt, sie könne diesen Feldzug „entscheidend gewinnen“. Ohne kompromisslose Zugeständnisse Teherans in Bezug auf sein Atom- und Raketenprogramm wird Israel den Druck nicht mindern – ganz gleich, was im fernen Washington in wessen Knochen gefühlt wird. Und weil Teheran historisch schwach ist wie selten zuvor, richtet Jerusalem den Lauf seiner überlegenen Waffen nun auf jenen Feind, der direkt an seinen nördlichen Grenzen lauert.

Libanon im Fadenkreuz: Israels vierstufige Vernichtungsstrategie

Während der Iran im Würgegriff der eigenen asymmetrischen Eskalation und der amerikanischen Sanktionspolitik taumelt, wendet sich der israelische Blick gen Norden. Die strategische Schwäche Teherans präsentiert sich Jerusalem als ein historisches, vielleicht unwiederbringliches Fenster, um das drängendste Sicherheitsproblem an der eigenen Haustür zu lösen. Die Hisbollah, einst die hochgerüstete Speerspitze des iranischen Einflusses in der Levante, ist nach jahrelangen Scharmützeln und dem gezielten Ausschalten ihrer Führungselite ein Schatten ihrer selbst. Ihre Kampfkraft ist auf ein Fünftel der ursprünglichen Stärke implodiert. Israel nutzt diesen Moment der Verletzlichkeit nicht für diplomatische Annäherung, sondern für eine erbarmungslose, vierstufige Vernichtungsstrategie, die den Zedernstaat an den Rand der völligen Auslöschung drängt.

Erstens zielt die israelische Militärmaschinerie auf die systematische Zerstörung der zivilen und finanziellen Infrastruktur der Miliz. Bomben regnen auf die Filialen der Al-Qard al-Hassan Banken im gesamten Land, um die wirtschaftliche Lebensader der Terrororganisation zu kappen und die Geldnot der ohnehin darbenden Truppe zu maximieren. Zweitens erleben wir eine fast schon chirurgische, unerbittliche Jagd auf die verbliebenen Kommandeure. Das ständige, nervenzerreißende Surren israelischer Aufklärungsdrohnen über Beirut ist der Soundtrack dieser Operation. Die Geschosse schlagen präzise in Hotelzimmer im Zentrum der Hauptstadt oder in christlichen Vierteln ein, wo sich hochrangige Hisbollah-Kader und Kommandeure der iranischen Revolutionsgarden wähnen.

Drittens rollt die lange angekündigte Bodenoffensive an. Es handelt sich nicht um kleine Grenzscharmützel, sondern um den Versuch, das gesamte Territorium südlich des Litani-Flusses einzunehmen und zu besetzen. Die 98. Division rückt gemeinsam mit der legendären Golani-Brigade vor, um eine massive Sicherheitszone tief in den Südlibanon zu treiben. Viertens orchestriert Israel eine gezielte Kampagne der inneren Destabilisierung durch massenhafte Evakuierungsbefehle. Die Aufforderungen zur Flucht lösen Panik und Chaos aus und haben bereits eine humanitäre Lawine von fast 800.000 Vertriebenen im Land produziert. Die begleitende Rhetorik aus der Regierung in Tel Aviv ist dabei von apokalyptischer Deutlichkeit: Hochrangige Minister drohen offen damit, das schiitische Beiruter Viertel Dahieh dem Erdboden gleichzumachen und in ein zweites Gaza, ein „neues Chan Junis“, zu verwandeln.

Der zerfallende Zedernstaat: Zwischen Hisbollah-Terror und Ohnmacht

In Beirut offenbart sich parallel der vollkommene Kollaps der staatlichen Souveränität. Die libanesische Regierung gleicht einem hilflosen Zuschauer, der dem eigenen Untergang auf den Fernsehbildschirmen in den Ministerien beiwohnt. Zwar proklamiert die politische Führung, allen voran Justizminister Adel Nassar, mutig die absolute Notwendigkeit, das staatliche Gewaltmonopol wiederherzustellen und die Hisbollah endgültig zu entwaffnen. Doch die Diskrepanz zwischen politischem Wollen und operativer Realität ist grotesk. Der libanesische Staat verfügt über keinerlei ernstzunehmende Machtmittel; seine Polizei patrouilliert in klapprigen, verbeulten Dodge-Limousinen durch eine Stadt, über der ein hochtechnisierter Krieg tobt.

Das zentrale Instrument der Staatsgewalt, die reguläre libanesische Armee, ist heillos überfordert. Sie hätte laut dem grandios gescheiterten Waffenstillstandsabkommen vom November 2024 die Miliz entwaffnen sollen. Stattdessen zieht sie sich bei jedem Vorrücken der israelischen Panzer stillschweigend nach Norden zurück. Man kann es den Soldaten kaum verübeln: Für einen von der Inflation zerfressenen Monatslohn von etwa 600 Dollar riskiert niemand sein Leben in einem aussichtslosen Kampf gegen die bis an die Zähne bewaffnete Schiitenmiliz. Ein militärisches Einschreiten der Armee würde zudem die ohnehin fragile multikonfessionelle Zusammensetzung der Truppe zerreißen und den Libanon geradewegs in den nächsten Bürgerkrieg stürzen.

Diese tiefe, institutionelle Ohnmacht treibt Teile der politischen Elite zur Verzweiflung. Der sunnitische Milliardär und Parlamentsabgeordnete Fouad Makhzoumi formuliert aus seinem gut bewachten Beiruter Büro eine radikale, fast schon fatalistische Konsequenz: Man müsse die Hisbollah nun notfalls mit roher Gewalt entwaffnen, selbst wenn dies bedeutet, die Wunden der Vergangenheit aufzureißen und die Gräben eines blutigen Bruderkriegs neu auszuheben. Das alte System, in dem sich Mafiastrukturen, korrupte Politiker und Milizen den Staat als Beute teilten, müsse fallen. Was, so lautet die bittere rhetorische Frage in den Straßen Beiruts, könnte eigentlich noch schlimmer sein als der jetzige Zustand der permanenten existenzialistischen Geiselhaft?

Die vergessenen Opfer: Double Taps und das Leid der Christen im Südlibanon

Während die Generäle in den klimatisierten Räumen von Tel Aviv und Washington die Landkarten neu zeichnen, spielt sich an der Basis eine humanitäre Tragödie ab, die von der Weltgemeinschaft achselzuckend hingenommen wird. Die globalen Hilfsnetzwerke sind bereits bis zum Zerreißen gespannt, nachdem wichtige Geberländer ihre Budgets im Vorfeld dieses Krieges zynisch gekürzt haben. Allen voran die USA, die dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR im vergangenen Jahr 60 Prozent der Mittel zusammenstrichen, lassen die Region nun mit bald vier Millionen Inlandsflüchtlingen allein. Das Welternährungsprogramm muss in ohnehin krisengeschüttelten Ländern die Überlebensrationen kürzen, weil die Aufmerksamkeit und das Geld im Nahen Osten verdampfen.

Im Mikrokosmos des Südlibanons verdichtet sich dieses Drama auf herzzerreißende Weise. In kleinen Enklaven und Dörfern wie Kalajaa harren christliche Gemeinden trotz des unaufhörlichen Artilleriefeuers aus. Sie weigern sich, ihr angestammtes Land zu verlassen, und fühlen sich dabei von ihrer eigenen Regierung und der Armee, die sie eigentlich beschützen sollte, vollkommen im Stich gelassen. Ihr kollektives Schicksal und ihre Verzweiflung fanden ein Gesicht im gewaltsamen Tod ihres Dorfpriesters, Pierre al-Raï.

Als eine israelische Granate aus einem Merkava-Panzer das Haus eines alten Ehepaares im Dorf traf, zögerte der 50-jährige Geistliche nicht eine Sekunde und eilte in die Trümmer, um zu helfen. Kaum hatte er die verletzten Alten aus den Ruinen geborgen, schlug ein zweites Geschoss exakt an derselben Stelle ein und verletzte den Priester tödlich. Diese als „Double Tap“ bekannte, perfide Taktik – ein zweiter Angriff auf ein bereits getroffenes Ziel, der explizit darauf kalkuliert ist, die herbeigeeilten Ersthelfer auszulöschen – kannte die Weltöffentlichkeit bislang primär aus den finsteren Lehrbüchern der russischen Luftwaffe in Syrien oder von Terrorgruppen wie al-Qaida. Dass nun eine westliche, demokratisch legitimierte Armee derart vorgeht, ist das blutige Fanal einer asymmetrischen Kriegsführung, die im Rausch der Auslöschung jegliches Maß, jede Verhältnismäßigkeit und ihre moralische Kompassnadel verloren hat.

Die Anatomie eines globalen Desasters

Wenn sich der Pulverdampf über der Levante eines Tages lichten sollte, bleibt die bohrende Frage nach der politischen und moralischen Verantwortung für diese beispiellose Eskalationsspirale. Die Strategie des Westens, insbesondere der USA, strotzt vor Zynismus und Widersprüchen. Wenn hochrangige Politiker aus Washington und Jerusalem die iranische Zivilbevölkerung pathetisch dazu aufrufen, das theokratische Regime der Mullahs nun selbst zu stürzen, so gleicht das einer bizarren Verhöhnung der Opfer. Man kann Menschen, die gerade in panischer Angst vor Luftangriffen in die Keller fliehen und sich nach der Bombardierung von Treibstofflagern buchstäblich schwarzen Ölregen aus den Gesichtern wischen müssen, keinen Demokratieaufstand verordnen. Eine tief verwurzelte Diktatur lässt sich nicht einfach aus der Luft wegbomben, und die Idee, nun bewaffnete Splittergruppen aufzurüsten, öffnet lediglich die Tore zur Hölle eines unkontrollierbaren Bürgerkriegs im Iran.

Inmitten dieser moralischen Bankrotterklärung versagt Europa, und hier insbesondere die deutsche Bundesregierung, auf ganzer Linie. Anstatt eine klare, friedensstiftende Position zu beziehen und die Auswüchse dieses völkerrechtswidrigen Präventivschlags beim Namen zu nennen, lavierte Berlin lange Zeit ängstlich. Gefangen zwischen der historisch zwingenden Solidarität zu Israel, den vagen diplomatischen Sorgen über eine Ausweitung der Kämpfe und dem geradezu neurotischen Bemühen, den unberechenbaren Donald Trump bloß nicht zu verärgern, machte sich Deutschland zum stillen Komplizen.

Doch es ist eben jener amerikanische Präsident, der dieses Chaos mit zu verantworten hat, der die Welt nun mit der grimmigsten aller Pointen zurücklässt. Auf die drängende Frage von Journalisten nach einer Exit-Strategie, nach einem Plan, wie und wann er diesen Flächenbrand zu beenden gedenke, entgegnete Trump kürzlich, er werde den Krieg beenden, wenn er es „in seinen Knochen fühle“. Es ist der definitive Schlusspunkt eines diplomatischen und intellektuellen Armutszeugnisses. Eine globale Ordnung, deren Schicksal und Frieden vom orthopädischen Bauchgefühl eines einzelnen Narzissten abhängen, hat aufgehört zu existieren. Wir nähern uns nicht länger einem Worst-Case-Szenario – wir haben uns bereits tief in seinem dunklen Herzen eingerichtet.

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