
Es war ein Sonntag, der für die Familien in Salamanca, einer Industriestadt im zentralmexikanischen Bundesstaat Guanajuato, eigentlich der Erholung dienen sollte. Auf dem örtlichen Fußballplatz, einem pulsierenden Zentrum des sozialen Lebens, standen Essensstände bereit, Kinder spielten, und die Gemeinschaft versuchte, für einige Stunden der bleiernen Realität ihres Alltags zu entfliehen. Doch die Realität holte sie mit einer Brutalität ein, die selbst für mexikanische Verhältnisse erschütternd ist. Bewaffnete eröffneten das Feuer in die Menge, töteten elf Menschen und verletzten zwölf weitere, darunter Frauen und Kinder.
Dieses Massaker im Januar 2026 ist mehr als nur eine weitere statistische Kerbe im blutigen Kalender des Drogenkrieges. Es ist das Fanal eines „dunklen Moments“, wie es der Bürgermeister der Stadt, César Prieto, nannte – ein „ernsthafter Zusammenbruch unseres sozialen Gefüges“. Während auf dem staubigen Boden von Guanajuato das Blut trocknet, entfaltet sich auf der geopolitischen Bühne ein zynisches Drama. Denn die Gewalt, die Salamanca und so viele andere Orte im Griff hält, wird durch ein fatales Dreieck befeuert: Den unerbittlichen politischen Druck aus Washington, eine mexikanische Regierung, die im Kampf gegen das Verbrechen zunehmend gegen die eigene Korruption stolpert, und – als wohl bitterste Ironie – durch Munition, die in Fabriken der US-Armee produziert wurde.
Die Diplomatie der Erpressung: Sheinbaums Drahtseilakt
Der Schatten des Weißen Hauses fällt im Jahr 2026 länger und bedrohlicher auf Mexiko als je zuvor. US-Präsident Donald Trump hat seine Rhetorik der Abschottung durch konkrete militärische Drohungen ersetzt. Seit Monaten spricht er von „Land Strikes“, also bodengestützten Angriffen auf mexikanischem Territorium, um die Kartelle auszuschalten, die seiner Meinung nach „das Land regieren“. Diese Drohung ist keine bloße Wahlkampffloskel mehr; die kürzliche Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch US-Kräfte hat in Mexiko-Stadt die Alarmglocken schrillen lassen. Die Angst ist greifbar: Könnte Mexiko das nächste Ziel im Fadenkreuz einer interventionistischen US-Außenpolitik sein?
Präsidentin Claudia Sheinbaum befindet sich in einer unmöglichen Position. Einerseits muss sie die nationale Souveränität wahren und hat wiederholt betont, dass unilaterale Schläge der USA eine Verletzung ebendieser wären. Andererseits weiß ihre Administration, dass sie Ergebnisse liefern muss, um eine Eskalation zu verhindern. Die Antwort aus Mexiko gleicht einer hektischen diplomatischen Opfergabe: Um den Zorn des Nordens zu besänftigen, hat die Regierung eine aggressive Kampagne gestartet. Allein in einer Woche wurden 37 beschuldigte Kriminelle an die Vereinigten Staaten überstellt. Zudem präsentierte man stolz die Festnahme hochkarätiger Ziele, darunter bizarrerweise einen ehemaligen kanadischen Olympia-Snowboarder, der sich zu einem profilierten Kokainhändler gewandelt hatte.

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Diese Aktionen sind ein unmissverständliches Signal an Washington: Wir tun etwas. Wir sind „ernsthaft“. Doch hinter dieser Fassade der Entschlossenheit verbirgt sich die nackte Angst vor dem großen Nachbarn, der nun fordert, US-Streitkräfte direkt auf mexikanischem Boden zuzulassen. Mexiko versucht verzweifelt, die Kartelle härter zu treffen, in der Hoffnung, damit die US-Intervention abzuwenden. Es ist eine Politik der Schadensbegrenzung, getrieben nicht primär durch innere Sicherheitsbedürfnisse, sondern durch den existenziellen Druck von außen.
Die Illusion der Kontrolle: Harfuchs Strategie und ihre Grenzen
Um diesen Spagat zu meistern, setzt Präsidentin Sheinbaum auf ihren Sicherheitschef Omar García Harfuch. Harfuch, der bereits unter Sheinbaum in Mexiko-Stadt die Polizei leitete, steht für einen Paradigmenwechsel. Die Zeiten von „Hugs not bullets“ (Umarmungen statt Kugeln), der viel kritisierten Strategie des Vorgängers López Obrador, sind vorbei. Harfuch setzt auf Geheimdienstinformationen, Koordination und gezielte Schläge gegen die Strukturen. Jeden Morgen um Punkt 6 Uhr leitet die Präsidentin persönlich die Sitzung des Sicherheitskabinetts, prüft Mordraten und weist Maßnahmen an.
Auf dem Papier scheint diese technokratische Effizienz Früchte zu tragen. Die Regierung verweist auf einen Rückgang der Tötungsdelikte um mehr als 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Doch Statistiken sind geduldig, und die Realität auf der Straße spricht eine andere Sprache. Während die Mordraten sinken, steigen Entführungen und Erpressungen an. Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung hat sich nicht erholt, eine Diskrepanz, die Harfuch als bloße Frage der „Wahrnehmung“ abtut, die Zeit brauche, um sich den Zahlen anzupassen.
Das gravierendere Problem ist jedoch der „Hydra-Effekt“ dieser Strategie. Die Regierung hat ihre Feuerkraft massiv auf das Sinaloa-Kartell konzentriert und es erfolgreich geschwächt. Doch im Vakuum der Macht entsteht kein Frieden. Sicherheitsexperten warnen, dass diese Schwächung lediglich dem rivalisierenden Jalisco New Generation Cartel (CJNG) in die Hände gespielt hat, das nun seinen Griff auf andere teile des Landes festigt. Guanajuato, der Schauplatz des jüngsten Massakers, ist das blutige Beispiel für diese Dynamik: Hier tobt ein unerbittlicher Revierkampf zwischen dem expandierenden Jalisco-Kartell und dem lokalen Santa Rosa de Lima-Kartell. Beide Gruppen kämpfen um die Kontrolle über das Territorium, das für Drogenhandel und Treibstoffdiebstahl strategisch vital ist. Der Staat mag einzelne Köpfe abschlagen, doch der Körper des organisierten Verbrechens wächst an anderer Stelle nur umso monströser nach.
Der Feind im eigenen Haus: Korruption als Systemfehler
Wenn Donald Trump behauptet, Präsidentin Sheinbaum werde von den Kartellen „nicht regiert“, sondern habe schlicht „Angst“ vor ihnen, so ist dies eine typische Vereinfachung, die den Kern des Problems verfehlt. Das wirkliche Hindernis im Kampf gegen das organisierte Verbrechen ist nicht Furcht, sondern eine tiefgreifende systemische Komplizenschaft. Über Jahrzehnte hinweg haben sich die Grenzen zwischen Staat und Verbrechen aufgelöst. Kartellbosse agieren heute weniger wie Outlaws, sondern wie Feudalherren, die Territorien kontrollieren und dabei oft Hand in Hand mit lokalen Bürgermeistern und Gouverneuren arbeiten.
Dieses Geschwür der Korruption macht auch vor Sheinbaums eigener Partei, der Morena-Bewegung, nicht halt. Ein besonders illustratives Beispiel liefert der Bundesstaat Tabasco, die Heimat des Ex-Präsidenten López Obrador. Dort fungierte Hernán Bermúdez Requena bis 2024 als oberster Sicherheitsbeamter – während er gleichzeitig, laut militärischen Geheimdienstberichten, eine lokale Verbrechergruppe namens „La Barredora“ leitete. Sein politischer Förderer war niemand Geringeres als Adán Augusto López Hernández, ein enger Vertrauter AMLOs und heutiger Senator der Regierungspartei.
Für Sheinbaum ergibt sich daraus ein unlösbares Dilemma. Ein totaler Krieg gegen die kriminellen Strukturen, wie ihn Trump fordert, würde bedeuten, die Fundamente der lokalen Macht in Mexiko einzureißen – und damit zwangsläufig auch gegen Mitglieder ihrer eigenen Koalition vorzugehen. Doch ihre Kontrolle über die in Fraktionen zersplitterte Partei ist fragil. Ein ernsthafter Säuberungsprozess könnte ihre politische Basis sprengen und das Land in noch größeres Chaos stürzen. Die Kartelle wissen um diese Macht: Sie zwingen Behörden in eine unterwürfige Rolle oder eliminieren Widerstand. Carlos Manzo, ein Bürgermeister, der es wagte, sich aufzulehnen, bezahlte seinen Mut im November mit dem Leben. Vor den Wahlen 2024 wurden rund 30 lokale Kandidaten ermordet. In diesem Klima ist der Staat nicht der Jäger, sondern oft nur ein weiterer Akteur in einem tödlichen Spiel um Einfluss und Pfründe.
Unintended Consequences: Wie ein Verbot das Kartell stärkt
Wie tief die Kartelle bereits in die zivile Ökonomie eingedrungen sind und wie gut gemeinte staatliche Regulierung ins Gegenteil verkehrt werden kann, zeigt sich am absurden Beispiel des E-Zigaretten-Marktes. Unter der Ägide von Ex-Präsident López Obrador und fortgeführt von Sheinbaum, hat Mexiko den Verkauf von Vapes verboten. Die Intention mag der Gesundheitsschutz gewesen sein, das Ergebnis ist ein Konjunkturprogramm für das organisierte Verbrechen.
Durch das Verbot wurde ein Markt im Wert von 1,5 Milliarden Dollar über Nacht in die Illegalität gedrängt – und damit direkt in die offenen Arme der Kartelle. Wo früher regulierte Geschäfte standen, herrscht nun das Gesetz des Stärkeren. Kartelle übernehmen Vape-Shops, entführen Angestellte und diktieren den Besitzern, welche Produkte verkauft werden dürfen. Mehr noch: Sie markieren ihre Ware mit eigenen Stickern und „Brands“, eine Praxis, die man bisher vom Fentanyl-Handel kannte.
Die Konsequenzen sind fatal. Statt den Konsum einzudämmen, floriert der Schwarzmarkt. Das Jalisco New Generation Cartel hat begonnen, eigene „Repackaging“-Unternehmen für asiatische Vapes zu betreiben. Händler, die sich weigern, mit den Kartellen zu kooperieren, werden bedroht oder zur Geschäftsaufgabe gezwungen. Das Verbot hat somit nicht nur eine Einnahmequelle für den Staat vernichtet, sondern den kriminellen Organisationen eine weitere, lukrative Einnahmequelle erschlossen, die sie nutzen, um ihren Krieg gegen den Staat zu finanzieren. Es ist ein Lehrbuchbeispiel für die unbeabsichtigten Folgen einer Politik, die die ökonomische Anpassungsfähigkeit des organisierten Verbrechens unterschätzt.
Tödliche Ironie: Der Feind schießt mit US-Munition
Doch die vielleicht bitterste Pointe dieses Konflikts liegt nicht in Mexiko-Stadt, sondern in Independence, Missouri. Hier, in der Lake City Army Ammunition Plant, der größten Fabrik für Gewehrmunition der US-Armee, wird der Treibstoff für Mexikos Blutvergießen produziert. Es ist eine Ironie, die kaum zu überbieten ist: Während Washington die Kartelle als Terroristen brandmarkt, stammt ein signifikanter Teil der Munition, mit der diese „Terroristen“ mexikanische Polizisten und Zivilisten töten, aus Produktionslinien, die der US-Regierung gehören.
Die Beweise finden sich an den Tatorten. Als Kartellkämpfer 2019 die Stadt Villa Unión stürmten und das Rathaus durchlöcherten, hinterließen sie Hülsen des Kalibers .50 mit der Stanzung „L.C.“ – Lake City. Diese Munition ist kein Spielzeug für Hobby-Schützen. Es sind geschosshohe Patronen, entwickelt, um Fahrzeuge und leichte Flugzeuge zu zerstören. In den Händen der Kartelle werden sie zum „Game Changer“, der es ihnen erlaubt, Polizei und Militär aus über einer Meile Entfernung niederzuhalten und gepanzerte Fahrzeuge zu durchschlagen.
Besonders perfide ist der Fluss von panzerbrechender Brandmunition („Armor-Piercing Incendiary“). Obwohl der Kongress den Verkauf solcher Munition an Zivilisten eigentlich untersagt hat, finden diese Patronen über Recycling-Verträge und obskure Online-Händler ihren Weg auf den Markt – und von dort über die Grenze. Private Betreiber der Armeefabrik dürfen Überschüsse kommerziell vertreiben, um die Kosten für das Pentagon zu senken. Für eine Ersparnis von rund 50 Millionen Dollar pro Jahr nimmt die US-Regierung in Kauf, dass ihre eigene Munition gegen ihre Verbündeten eingesetzt wird.
Brenda Aparicio Villegas, die Witwe eines mexikanischen Polizisten, der in einem Hinterhalt des Jalisco-Kartells starb, bringt es auf den Punkt: Ihr Mann hatte gegen die .50-Kaliber-Gewehre keine Chance. Er starb durch einen Brustschuss, während seine Kollegen in ihren Fahrzeugen verbrannten. Dass die Patronenhülsen am Tatort aus einer US-Armeefabrik stammten, macht ihren Tod zu einem politischen Skandal ersten Ranges. „Viele von uns zahlen den Preis“, sagt sie. Es ist der Preis für ein System, in dem der Profit der US-Waffenindustrie schwerer wiegt als die Sicherheit des südlichen Nachbarn.
Der Justiz-Krieg: Selektive Gerechtigkeit
Auch auf der Ebene der Justiz zeigt sich die Doppelmoral der nordamerikanischen Kooperation. Jahrelang weigerten sich die USA, Damaso Lopez Serrano, bekannt als „Mini Lic“, an Mexiko auszuliefern. Der Sohn eines mächtigen Sinaloa-Bosses wird in Mexiko als Auftraggeber des Mordes an dem renommierten Journalisten Javier Valdez gesucht. Doch für die US-Behörden war er vor allem eines: ein nützlicher Informant. Als geschützter Zeuge genoss er in den USA Narrenfreiheit, während Mexikos Justiz vergeblich auf Zugriff wartete.
Erst als „Mini Lic“ seine Privilegien missbrauchte und – noch unter US-Aufsicht stehend – versuchte, Fentanyl-Deals zu koordinieren, wendete sich das Blatt. Nun, da er in den USA straffällig geworden ist und seine Nützlichkeit als Zeuge ausgespielt scheint, könnte er endlich ausgeliefert werden. Es offenbart eine Justizpolitik, die mexikanische Interessen – selbst bei der Aufklärung von Journalistenmorden – systematisch den eigenen geheimdienstlichen Zielen unterordnet.
Gleichzeitig eröffnet das US-Justizministerium eine neue Front: den Kampf gegen die Finanzströme. Man hat erkannt, dass die bloße Jagd nach Drogen nicht ausreicht. Der Fokus verschiebt sich auf „Money Brokers“, die Kartellgelder mithilfe von Kryptowährungen waschen und über die Grenze verschieben. Es ist der Versuch, den Kartellen den finanziellen Sauerstoff abzudrehen – ein „Choke Point“, wie es ein US-Beamter nennt. Doch solange die physischen Waffenströme nicht ebenso konsequent unterbunden werden wie die digitalen Geldströme, bleibt dies Sisyphusarbeit.
Ein Kreislauf ohne Ausweg
Betrachtet man das Gesamtbild im Frühjahr 2026, so ergibt sich das Bild eines tödlichen perpetuum mobile. Die USA fordern von Mexiko einen totalen Krieg gegen die Kartelle und drohen mit militärischer Intervention, während sie gleichzeitig durch laxe Waffengesetze und kommerzielle Gier genau jene Hochleistungsmunition liefern, die diesen Krieg erst möglich macht. Mexiko wiederum, gefangen zwischen der Angst vor Trump und der eigenen inneren Zersetzung, simuliert Stärke durch Auslieferungen und Verbote, die das Problem oft nur verschlimmern oder verlagern.
Solange die politische Elite in Mexiko-Stadt nicht den Mut aufbringt, die Verflechtungen zwischen Partei und Verbrechen durch echte „Transitional Justice“ aufzuarbeiten, und solange Washington nicht anerkennt, dass die Kugeln der „Terroristen“ aus den eigenen Fabriken stammen, wird das Sterben weitergehen.
Am Ende bleiben Menschen wie der Bürgermeister von Salamanca zurück, die in Videobotschaften das Ende des sozialen Friedens beklagen. Und Menschen wie der Ladenbesitzer Sergio Cárdenas in Villa Unión, der sich hinter seinem Gefrierschrank versteckte, während draußen die .50-Kaliber-Geschosse die Luft zerrissen. Er hat keine Illusionen mehr über die Herkunft der Gewalt. „Die Drogenhändler kriegen alles in die Finger“, sagt er resigniert. „Und sie bekommen die besten Waffen aus den Vereinigten Staaten“. Es ist eine Bankrotterklärung für zwei Nationen, die vorgeben, Partner zu sein, und doch gemeinsam den Motor der Zerstörung am Laufen halten.


