Imperium im Blindflug: Wie Trumps Kriege die Weltordnung zertrümmern und die eigene Wirtschaft würgen

Illustration: KI-generiert

Es ist ein surrealer Kontrast, der das Wesen dieser amerikanischen Präsidentschaft auf unheimliche Weise einfängt. Während im Nahen Osten die Bomben fallen und amerikanische Soldaten ihr Leben lassen, residiert der Oberbefehlshaber in einem Oval Office, das mit Goldkitsch förmlich überzogen ist. Die spiegelnden Oberflächen und goldenen Trophäen auf dem Kaminsims werfen das Licht derart stark zurück, dass der gesamte Raum in einen matten, goldenen Schimmer getaucht wird. Doch dieser fast byzantinische Glanz vermag die fundamentale Planlosigkeit nicht zu überstrahlen, die das politische Zentrum Amerikas derzeit fest im Griff hält. Der selbsternannte Friedenspräsident, der das Land noch im Wahlkampf eigentlich vor fernen Konflikten bewahren wollte, hat einen Krieg entfesselt, dessen Dimensionen und Endpunkt niemand mehr abzusehen vermag.

Wir blicken auf eine Woche, in der die sogenannte amerikanische Ordnung mit brachialer Härte durchgesetzt werden sollte. Es ist eine Weltanschauung, die keine diplomatischen Zwischentöne mehr duldet, sondern lächelnd das gesamte geopolitische Schachbrett umwirft. Vom Iran wird offen die „bedingungslose Kapitulation“ gefordert. Doch der Preis für diesen Anspruch auf absolute Unterwerfung ist ruinös: Die Doktrin zerstört die Grundlagen der globalen Stabilität, entfesselt einen asymmetrischen Flächenbrand und schlägt in Form von rasanten Wirtschaftskrisen erbarmungslos auf die eigene, schwindende Kernwählerschaft zurück.

Der entfesselte Krieg im Nahen Osten

Die Eröffnung dieses Krieges wird in die Annalen der Diplomatie als ein Akt der beispiellosen strategischen Täuschung eingehen. Noch wenige Stunden bevor der amerikanisch-israelische Feuersturm über dem Iran wütete, saßen Unterhändler beider Seiten im fernen Genf am Verhandlungstisch. Der omanische Außenminister Badr Albusaidi, der voller Überzeugung als ehrlicher Vermittler fungierte, wähnte einen diplomatischen Durchbruch in greifbarer Nähe und reiste in letzter, verzweifelter Minute nach Washington. Doch er traf dort lediglich auf Vizepräsident JD Vance, während Präsident Donald Trump bereits auf dem Weg nach Florida war, um von Mar-a-Lago aus den finalen Angriffsbefehl zu erteilen. Verhandlungen dienen in dieser Ära nicht mehr als Brücke zum Frieden, sondern werden als zynische Finte missbraucht, um den Gegner im Vorfeld von Bombardierungen in falscher Sicherheit zu wiegen.

Als die „Operation Epic Fury“ anlief, entlud sich die technologische Wucht einer Supermacht. Nahezu 200 strategische Ziele tief im Iran, inklusive des Umkreises von Teheran, wurden attackiert. Amerikanische Tarnkappenbomber warfen zentnerschwere 2000-Pfund-Bunkerbrecherbomben ab, um tief verborgene ballistische Raketenanlagen zu pulverisieren, und zerschlugen sogar das iranische Äquivalent zum Weltraumkommando. Im Zentrum dieses militärischen Infernos stand ein präziser, chirurgischer Enthauptungsschlag: Der 86-jährige Ayatollah Ali Chamenei, der das Land 37 Jahre lang als theokratischer Diktator in Geiselhaft hielt, wurde durch dreißig Präzisionsbomben auf seine Residenz getötet.

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Doch wer die politische Führung eines enorm komplexen Landes ausradiert, ohne auch nur den Hauch eines Bauplans für den Tag danach zu besitzen, erzeugt kein Aufblühen der Zivilgesellschaft, sondern ein unkontrollierbares Vakuum. Die bittere Absurdität dieses Vorgehens offenbarte der Präsident unfreiwillig selbst: Auf die drängende Frage von Journalisten, wer das zerrüttete Land nun regieren solle, gab er mit entwaffnendem Zynismus zu, dass die meisten Personen, an die man als potenzielle Führungskräfte gedacht habe, durch die eigenen amerikanischen Bomben leider bereits tot seien.

Die theokratische Fassade des Irans bröckelt, doch dahinter steigt eine nackte, hochgerüstete Militärdiktatur empor. Als wahrscheinlichster Erbe der Macht hat sich eilig der 56-jährige Sohn des Getöteten, Modschtaba Khamenei, in Stellung gebracht. Modschtaba fehlt jedoch jegliche theologische Legitimation; er besitzt nicht den Rang eines Ayatollahs und seine religiösen Auslegungen interessieren im Land niemanden. Er fungiert vielmehr als der skrupellose Garant der mächtigen paramilitärischen Revolutionsgarden (IRGC) – ein Mann, der den Übergang von einer ideologischen Theokratie zu einer rein säkularen, plündernden Mafia verkörpert.

Während die militärische Maschinerie auf Hochtouren läuft, herrscht in Washington derweil ein kommunikativer Blindflug. Innerhalb von nur sechs Tagen feuerte die Administration zehn völlig unterschiedliche, sich teils fundamental widersprechende Begründungen für diesen epochalen Krieg in den Raum. Die Rechtfertigungen reichten von einer angeblich notwendigen Zuvorkunft vor einer israelischen Offensive bis hin zu apokalyptischen Warnungen vor einer unmittelbar bevorstehenden Atombombe, für deren Existenz selbst amerikanische Geheimdienste nicht den geringsten Beweis vorlegen konnten. Der Krieg entgrenzt sich zudem zusehends auf den Weltmeeren: Vor der Küste Sri Lankas versenkte ein US-U-Boot die iranische Fregatte IRIS Dena mit einem Torpedo – eine historische Eskalation, die es so seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gab und die über 80 Seeleuten das Leben kostete.

Die Geiselnahme der Weltwirtschaft

Ein in die Enge getriebenes Regime schlägt blindlings um sich. In Teheran hat man längst begriffen, dass sich ein symmetrischer Luftkrieg gegen die amerikanisch-israelische Übermacht nicht gewinnen lässt. Die Antwort der Mullahs ist eine radikale asymmetrische Ausdauer, deren perfide Logik denkbar simpel ist: Den Schmerz des Krieges schonungslos über den gesamten Globus zu verteilen. Die wichtigste Waffe in diesem Arsenal ist nicht aus Sprengstoff, sondern flüssig. Das Regime blockiert faktisch die Straße von Hormus, jenes fragile Nadelöhr der Weltwirtschaft, durch das für gewöhnlich ein Fünftel des global gehandelten Rohöls und Flüssigerdgases (LNG) fließt.

Zusätzlich attackiert der Iran gezielt die zivile und wirtschaftliche Infrastruktur amerikanischer Verbündeter. Drohnenschwärme trafen die gigantische Gasverflüssigungsanlage Katars in Ras Laffan, was die weltweiten LNG-Exporte des Emirats abrupt zum Erliegen brachte. Auch die strategisch essenzielle Ölraffinerie Ras Tanura in Saudi-Arabien stand nach einem präzisen Drohnenangriff in Flammen. Es ist, als würde man hilflos dabei zusehen, wie jemand methodisch die Sicherungen der Weltwirtschaft herausdreht.

Die ökonomischen Seismographen schlugen sofort und unerbittlich aus. In Asien schossen die Spot-Preise für LNG um atemberaubende 40 Prozent in die Höhe, während sich die Terminkontrakte in Europa gar um 70 Prozent verteuerten. Der Preis für die Referenzölsorte Brent kletterte rasch über die Marke von 80 Dollar und kratzte zeitweise an 89 Dollar. Die Schockwellen dieses globalen Energie-Bebens treiben paradoxe und zerstörerische Blüten: Um den plötzlich explodierenden Energiehunger zu stillen, sehen sich Staaten wie Bangladesch und Taiwan gezwungen, hochgradig klimaschädliche Kohlekraftwerke wieder hochzufahren.

Besonders absurd entfaltet sich die Lage, wenn man auf die Reaktionen der amerikanischen Sanktionspolitik blickt. Erst vor wenigen Wochen hatte Washington das Schwellenland Indien durch drückende Zölle gezwungen, auf den Kauf von billigem russischem Öl zu verzichten. Nun, da die traditionelle Golf-Versorgung kollabiert, musste das US-Finanzministerium eine demütigende diplomatische Kehrtwende vollziehen: Die USA sahen sich gezwungen, Strafzölle von bis zu 50 Prozent gegen Indien eilig fallen zu lassen und dem Land den Kauf von sanktioniertem russischen Öl zu erlauben, um den globalen Ölmarkt überhaupt noch vor dem finalen Preis-Kollaps zu bewahren. Amerika finanziert durch diese Notmaßnahme nun paradoxerweise indirekt die russische Kriegsmaschine in der Ukraine mit.

Dieser Krieg feuert als ökonomischer Bumerang direkt in das Herz der amerikanischen Gesellschaft zurück. Die heimische Wirtschaft sendet dröhnende Alarmsignale. Anstatt der von Experten prognostizierten 59.000 neuen Stellen wurden im Februar in den USA schockierende 92.000 Arbeitsplätze vernichtet, und die Arbeitslosenquote stieg auf 4,4 Prozent. Gleichzeitig explodieren die Lebenshaltungskosten für die amerikanische Durchschnittsfamilie: Selbst ohne Berücksichtigung geplanter neuer Zölle zahlt ein Haushalt heute 800 Dollar mehr pro Jahr als noch Anfang 2025. Die Wähler der unteren Mittelschicht, denen eigentlich ein wirtschaftlich prosperierendes und isolationistisches Land versprochen wurde, wenden sich zunehmend fassungslos und verbittert ab.

Der Krieg der Algorithmen

Während am Persischen Golf die Ölterminals brennen, tobt an der amerikanischen Westküste ein weitaus stillerer, aber nicht minder fundamentaler Konflikt. Es ist der historische Moment, in dem der moderne amerikanische Staat schmerzhaft erkennen muss, dass die ultimativen Werkzeuge seiner Machtentfaltung nicht mehr in geheimen militärischen Laboren geschmiedet werden, sondern in den verglasten Bürotürmen privater Technologiekonzerne im Silicon Valley.

Das unsichtbare Gehirn hinter den präzisen Zielkoordinaten im Iran, jene Instanz, die Satellitenbilder in Sekundenbruchteilen auswertete und Ziele nach Relevanz für das Pentagon priorisierte, war ein kommerzielles KI-Modell namens „Claude“, geschaffen von dem aufstrebenden Start-up Anthropic. Auch bei der spektakulären Festnahme des venezolanischen Machthabers war diese Software tief im Hintergrund in das militärische „Maven Smart System“ integriert. Doch die Schöpfer dieser technologischen Naturgewalt zogen moralische rote Linien: Anthropic weigerte sich standhaft, dem Militär die Technologie für völlig autonome, tödliche Waffensysteme freizugeben, und untersagte die Integration für die massenhafte, inländische Überwachung ziviler Daten von US-Bürgern.

Für Verteidigungsminister Pete Hegseth glich dieser Widerstand einer unerträglichen Anmaßung. Seine unmissverständliche Doktrin lautet: Das Militär entscheidet über den Einsatz, nicht zivile Software-Entwickler. Als das Unternehmen kompromisslos bei seinen ethischen Prinzipien blieb, griff das Pentagon zur ultimativen bürokratischen Nuklearoption: Anthropic wurde per Dekret faktisch verbannt, als hochgradiges „Risiko für die Lieferkette“ der nationalen Sicherheit stigmatisiert und von allen Regierungsaufträgen ausgeschlossen.

Doch wo Prinzipien zu harten Marktbarrieren werden, blüht der Opportunismus in voller Pracht. OpenAIs CEO Sam Altman verhandelte im Eiltempo und bot dem Militär exakt das an, was der Konkurrent verweigerte: die unbeschränkte Nutzung der KI für „alle rechtmäßigen Zwecke“. Dieser opportunistische Pakt löste jedoch ein politisches Beben in der gesamten Technologiebranche aus. Vor dem Hauptquartier von OpenAI formierte sich offener Protest, Hunderte Ingenieure von Google und OpenAI selbst schrieben offene Briefe und bekundeten demonstrativ ihre Solidarität mit den ethischen Leitplanken von Anthropic.

Der Rachefeldzug der Administration gegen Anthropic entpuppte sich als einer der spektakulärsten Bumerangs der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Anstatt in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, erlebte das Start-up eine Metamorphose zum absoluten Liebling der Massen. Die Konfrontation mit dem Verteidigungsministerium verlieh der Technologie einen strahlenden Nimbus der Unbestechlichkeit; Millionen von Nutzern katapultierten die Claude-App binnen kürzester Zeit an die Spitze der Download-Charts in sechzehn Ländern. Auf dem nackten Parkett der Finanzmärkte verfehlte die Drohkulisse aus Washington ihre Wirkung völlig: Die prognostizierte Jahresumsatzrate von Anthropic verdoppelte sich atemberaubend auf 19 bis 20 Milliarden Dollar. Die Investoren verstanden die Botschaft sofort: Wer sich dieser ethischen und technologischen Naturgewalt politisch in den Weg stellt, wird schlichtweg hinweggefegt.

Der globale Basar

Die Schockwellen dieser neuen amerikanischen Unberechenbarkeit zerschlagen derweil nicht nur den Nahen Osten, sondern erzwingen auch auf den Schlachtfeldern Osteuropas eine bemerkenswerte geopolitische Metamorphose. Wladimir Putin, der in den Fluren der Diplomatie einst hoffte, der amerikanische Präsident sei ein leicht manipulierbares Werkzeug, muss schmerzhaft erkennen, dass Washington längst rücksichtslos und ohne Zögern die russischen Einflusssphären demontiert. Die USA drängen Moskau an zahlreichen Fronten vehement zurück: Sie bieten dem formal mit Russland verbündeten Armenien plötzlich amerikanische Atomanlagen an und verhängen die bisher härtesten westlichen Sanktionen gegen die gigantischen russischen Ölkonzerne Rosneft und Lukoil, um Putins wichtigste Einnahmequelle kompromisslos trockenzulegen.

Gleichzeitig durchlebte die Ukraine einen vierten Kriegswinter des beispiellosen Terrors. In nur drei Monaten ließ Moskau fast 19.000 Kampfdrohnen und über 14.670 Gleitbomben auf ukrainische Städte und die fragile Energieinfrastruktur herabregnen. Doch die ukrainische Gesellschaft brach unter dieser Last nicht zusammen. Aus der blanken Not des Überlebenskampfes heraus entwickelte Kyjiw eine hochinnovative „kleine Luftabwehr“ aus selbst produzierten Abfangdrohnen, die im Februar allein über der Hauptstadt mehr als 70 Prozent der feindlichen Schwärme effektiv vom Himmel holte.

Diese in Blut und Eis erprobte technologische Resilienz gebiert nun eine völlig neuartige Form der Diplomatie. Da wohlhabende Staaten wie Katar, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate derzeit von exakt jenen iranischen „Shahed“-Drohnen terrorisiert werden, die Russland auch gegen ukrainische Kraftwerke einsetzt, eröffnet die Ukraine einen geopolitischen Basar. Kyjiw bietet den verzweifelten Golfstaaten sein weltweit einzigartiges Abwehr-Know-how ganz pragmatisch an. Der geforderte Preis in diesem existenziellen Tauschgeschäft ist hart: Die Ukraine verlangt im Gegenzug dringend benötigte PAC-3-Luftabwehrraketen für ihre eigenen Patriot-Systeme. Solidarität weicht dem knallharten, transaktionalen Tauschhandel um das nackte Überleben. Moskau antwortet auf die amerikanischen Demütigungen derweil mit eiskalter Rache: Russische Geheimdienste liefern dem Iran nun hochpräzise Zieldaten, um amerikanische Stützpunkte, Kriegsschiffe und Radaranlagen im Nahen Osten effektiv anzugreifen.

Die innere Zerrüttung und der Fall der „ICE Barbie“

Wenn der Druck von außen wächst, kollabiert das Kartenhaus meist im Inneren zuerst. Die amerikanische Heimatfront bietet in diesen Tagen das erschütternde Bild einer Regierung, in der performative Ästhetik die harte, nüchterne Realität des Regierens fast vollständig verdrängt hat. Der prominenteste politische Absturz dieser Woche ist der von Heimatschutzministerin Kristi Noem, die nach einer beispiellosen Serie von Skandalen am 5. März durch einen simplen Social-Media-Post von Donald Trump entlassen und zügig durch Markwayne Mullin ersetzt wurde.

Noem, von den eigenen Grenzschutzbeamten aufgrund ihrer stark inszenierten Auftritte bei Razzien spöttisch „ICE Barbie“ genannt, verbrannte atemberaubende 220 Millionen Dollar an Steuergeldern für eitle Werbekampagnen, in denen sie sich selbst als strahlende Retterin inszenierte. Als sie im Kongress unter Eid behauptete, der Präsident habe diese astronomischen Ausgaben genehmigt, wurde sie von Trump öffentlich und eiskalt der Lüge überführt. Doch die wahre Tragödie ihrer kurzen Amtszeit spielte sich auf den Straßen ab. Ihre rigorose Quotenjagd bei Deportationen führte zu blindem Profiling und gipfelte in Minneapolis in der brutalen Erschießung zweier amerikanischer Staatsbürger durch Bundesagenten. Anstatt Konsequenzen zu ziehen oder Fehler aufzuarbeiten, diffamierte Noem die Erschossenen ohne jeden Beweis als „inländische Terroristen“.

Gleichzeitig legte sie die wichtigste Krisenbehörde des Landes, die Federal Emergency Management Agency (FEMA), durch ein völlig absurdes Mikromanagement systematisch lahm. Sie verordnete, dass jede Katastrophenhilfe über 100.000 Dollar persönlich von ihr genehmigt werden müsse. Die Folge war ein vorhersehbarer administrativer Kollaps: Lebenswichtige Hilfsgelder für Waldbrandopfer auf Maui oder Flutopfer in North Carolina stauten sich über Wochen, während verzweifelte Beamte begannen, Verträge künstlich auf 99.999 Dollar zu stückeln, um das Nadelöhr der Ministerin überhaupt umgehen zu können.

Der Furor der Exekutive richtete sich jedoch nicht nur gegen Migranten und Katastrophenopfer, sondern zielte auf das Herz des Rechtsstaates selbst. Die Administration führte einen beispiellosen Rachefeldzug gegen „Big Law“ – jene elitären Großkanzleien, die politische Gegner der Regierung vertraten oder Diversitätsinitiativen förderten. Mit Dekreten versuchte man, unliebsamen Anwälten die existenziell wichtigen Sicherheitsfreigaben zu entziehen und sie von lukrativen Regierungsaufträgen auszuschließen. Zwar musste das Justizministerium die Berufungsverfahren gegen wehrhafte Kanzleien im März nun kleinlaut und ohne Fanfaren einstellen, doch der ethische Schaden ist gewaltig. Neun Großkanzleien – darunter Giganten wie Paul Weiss und Skadden – kapitulierten vor dem wirtschaftlichen Druck und schlossen Deals mit dem Weißen Haus. Sie kauften sich buchstäblich frei, indem sie sich verpflichteten, kostenlose Rechtsdienstleistungen im astronomischen Wert von fast einer Milliarde Dollar für regierungsnahe, konservative Zwecke zu erbringen. Die moralische Last, die fundamentalen Bürgerrechte in den USA zu verteidigen, ruht nun fast ausschließlich auf den schmalen Schultern völlig überlasteter Klein- und Mittelkanzleien.

Mexikos blutiger Tribut

Auch jenseits der eigenen Landesgrenzen hinterlässt die amerikanische Erpressungsdiplomatie eine Spur der Verwüstung. In Mexiko tobt ein asymmetrischer Krieg, der den Staat selbst in die Knie zwingt. Präsident Trump hatte dem südlichen Nachbarn unmissverständlich gedroht: Sollte der Drogenstrom in die USA nicht sofort stoppen, würden sofortige Strafzölle von 25 Prozent verhängt oder gar mexikanische Drogenlabore durch US-Militär bombardiert.

Unter diesem erdrückenden wirtschaftlichen und militärischen Diktat vollzog Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum einen radikalen Kurswechsel. Mit der Hilfe amerikanischer Drohnenaufklärung wurde der mächtige Kartellboss Rubén Oseguera Cervantes, genannt „El Mencho“, im beschaulichen Tapalpa aufgespürt und bei einem Zugriff getötet. Der Fall dieses Phantoms brachte jedoch keinen Frieden auf die Straßen, sondern entfesselte die pure Hölle. Das Jalisco Nueva Generación Kartell (CJNG) reagierte mit blutigem „gewaltsamem Lobbying“. In 20 der 32 mexikanischen Bundesstaaten brannten Autos, Busse und Supermärkte; Söldner jagten gezielt Sicherheitskräfte und ließen die durchsiebten Körper von 25 Mitgliedern der Nationalgarde als blutige Warnung auf den Straßen zurück.

Diese brutale Realität kollidiert auf groteske Weise mit einer nahenden globalen Illusion. In weniger als hundert Tagen ist Mexiko Mitgastgeber der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft. Um die Millionen erwarteten Touristen in einer glänzenden Blase der Sicherheit zu wiegen, mobilisiert das Land ein beispielloses Aufgebot von 100.000 Einsatzkräften. Doch die Regierung geht noch wesentlich weiter: Um das visuelle Gewissen der Nation für die internationalen Gäste rechtzeitig zu bereinigen, werden Gesetze vorbereitet, die das Aufhängen von Suchplakaten für die über 131.000 verschwundenen Menschen verbieten sollen. Der Schmerz der Opfer und ihrer Familien soll systematisch aus dem Stadtbild radiert werden, damit das lukrative Narrativ eines modernen, sicheren Gastgeberlandes nicht getrübt wird.

Das Kuriose am Rande

Wenn die Fassade der archaischen Macht Risse bekommt, offenbart sich oft eine fast infantile, absurde Hilflosigkeit. Während Zehntausende Amerikaner im Inland ihre Jobs verlieren, flüchtete sich US-Arbeitsministerin Lori Chavez-DeRemer in Ausflüchte, die an politische Realsatire grenzen. Für den katastrophalen Verlust von 92.000 Arbeitsplätzen im Februar machte sie allen Ernstes schlechtes Wetter und ominöse „KI-Wetter-Dinge“ (AI weather things) verantwortlich.

Auch an der Spitze des Pentagon verschwimmen die Grenzen zwischen tödlichem Ernst und bizarrem Entertainment auf verstörende Weise. Inmitten eines explodierenden Krieges im Nahen Osten, in dem amerikanische Soldaten sterben, postete Verteidigungsminister Pete Hegseth in den sozialen Medien das Bild einer Zeichentrick-Schildkröte, die auf Narco-Terroristen zielt, und garnierte dies mit dem flapsigen Kommentar, dies sei für seine Weihnachts-Wunschliste. Und im altehrwürdigen Rosengarten des Weißen Hauses demonstrierte der Präsident seine erlesene Bösartigkeit: Dort, wo einst das Porträt seines demokratischen Vorgängers Barack Obama hing, prangt nun an der Wand lediglich das Foto eines profanen Unterschriftenautomaten.

Fazit: Das Kartenhaus im Gegenwind

Die gefährliche Illusion des schnellen, asymmetrischen Sieges, den man wie einen harten geschäftlichen Deal einfach abschließen und danach vergessen kann, ist spektakulär an der Realität zerschellt. Die Doktrin der totalen amerikanischen Dominanz erzeugt keine ordnende Stabilität, sondern reißt ein rasendes Vakuum auf, das umgehend von Extremisten, globalen Wirtschaftskrisen und asymmetrischen Allianzen gefüllt wird.

Wir stehen an einem historischen Scheideweg, an dem das Pendel der Geopolitik mit brachialer Gewalt angestoßen wurde, ohne zu wissen, wo es zurückschlagen wird. Die Weltwirtschaft hängt derzeit am seidenen Faden einer blockierten Wasserstraße am Persischen Golf, während im Inneren der USA die drückende Inflation und der massive Jobverlust das Vertrauen der einst so loyalen Wähler tief erodieren lassen. Die drängendste Frage der kommenden Wochen wird nicht sein, wie viele feindliche Kommandozentralen die amerikanische Luftwaffe noch zerstören kann, sondern ob das zutiefst gespaltene, eigene Land dem gewaltigen Druck dieser globalen und nationalen Multikrisen überhaupt standhält. Es bleibt das beklemmende Bild eines gigantischen amerikanischen Kartenhauses, das im stürmischen Gegenwind seiner eigenen, unauflösbaren Widersprüche unaufhaltsam in sich zusammenfällt.

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