Geopolitischer Systemwettbewerb | Gefangen im eigenen Gestern: Amerikas schleichende Kapitulation vor Chinas Jahrhundertplan

Illustration: KI-generiert

Zum 250. Jahrestag ihrer Gründung blicken die Vereinigten Staaten nostalgisch zurück und verlieren dabei die Zukunft aus den Augen. Während Washington in kurzfristigen Wahlzyklen und politischer Spaltung verharrt, baut Peking systematisch an den globalen Infrastrukturen des 21. Jahrhunderts. Wer heute die Weltordnung formen will, braucht mehr als nur die besten Erfindungen aus dem Silicon Valley.

Machtausübung ist für Weltmächte im Kern immer eine Frage der Zeitbeherrschung. Doch ausgerechnet im geschichtsträchtigen 250. Jahr ihres Bestehens bieten die Vereinigten Staaten das Bild einer Nation, die in den Strömungen der Gegenwart orientierungslos treibt. Zwar beschwört das Land feierlich seine revolutionäre Vergangenheit, doch es fehlt jeder erkennbare Wille, einen klaren Entwurf für das eigene Morgen zu entwickeln. Während Präsident Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit lautstark die Muskeln amerikanischer Macht spielen lässt, ist das Verständnis für die wahren Quellen nationaler Stärke verloren gegangen. Das einst selbstverständliche Sendungsbewusstsein früherer Generationen ist tiefer Verwirrung, innerer Zerrissenheit und dem Verlust moralischer Klarheit gewichen. Der wahre Wettkampf mit dem strategischen Rivalen China entscheidet sich jedoch weder im oberflächlichen Getöse um Strafzölle noch bei militärischen Kräfteverschiebungen oder einzelnen Durchbrüchen in der künstlichen Intelligenz, sondern an der Frage, wer das überzeugendere Modell für die Zukunft entwirft und über Jahrzehnte hinweg materiell verwirklicht.

USA Politik Leicht Gemacht: Politik in den USA – einfach erklärt.

Chronische Gegenwart und die Flucht in die Nostalgie

Eines der auffälligsten Merkmale der heutigen Vereinigten Staaten – und des Westens insgesamt – ist eine tiefgreifende zeitliche Entwurzelung. Während des Kalten Krieges speiste sich die amerikanische Tatkraft aus dem festen Glauben an ein besseres Morgen und dem Bewusstsein einer generationenübergreifenden Mission. Washington griff mit staatlich gelenkten technologischen Großprojekten nach den Sternen, errichtete die Institutionen einer liberalen Weltordnung und prägte mit der Durchsetzungskraft seines Wirtschaftsmodells Städte und Verkehrsnetze rund um den Globus. Doch mit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 riss dieser historische Faden auf unerwartete Weise ab: Statt des erhofften dauerhaften Triumphs erlebte der Westen eine Kette von Krisen, in denen der Sinn für geschichtliche Kontinuität abhandenkam. Der seltene Moment unipolarer Allmacht in den 1990er-Jahren verstrich ungenutzt, weil kein äußerer Rivale die schleichende Selbstzufriedenheit störte.

Symptomatisch für diese Lähmung ist die „Make America Great Again“-Bewegung, die Donald Trump erneut ins Weiße Haus getragen hat. Ursprünglich als Aufstand gegen die gebrochenen Versprechen der Globalisierung und das Versagen der Eliten gegenüber den Sorgen einfacher Bürger entstanden, verrät schon ihr Name eine tiefe Rückwärtsgewandtheit. Ihr Blick richtet sich nicht nach vorn, sondern verharrt in der wehmütigen Sehnsucht nach einer mythischen, kaum greifbaren Vergangenheit. Doch das Unvermögen, eine tragfähige Zukunft für die eigene Gesellschaft wie für die Staatengemeinschaft zu formulieren, reicht weit über das Trump-Lager hinaus. Die gesamte politische und ökonomische Kultur Amerikas steckt in einer ewigen Gegenwart fest. Zweijährige Kongresswahlzyklen, vierjährige Regierungswechsel, bei denen die Gesetze des Vorgängers sofort wieder eingerissen werden, das starre Quartalsdenken der Börsen, atemlose 24-Stunden-Nachrichtenkanäle und die im Sekundentakt konsumierten Videoclips der sozialen Medien haben den Zeithorizont radikal verkürzt.

Diese kulturelle Erschöpfung der Spätmoderne hat dazu geführt, dass sich der Glaube an gesellschaftliche Utopien in einem Säurebad aus flüchtigen Konsumwünschen aufgelöst hat und Geschichte nur noch als beliebiges Mosaik der Mächtigen erscheint. Der Westen hat das Denken in langen historischen Entwicklungslinien schlicht aufgegeben. Während europäische Staaten selbst im Verbund der Europäischen Union kaum das Gewicht besitzen, diesen Bedeutungsverlust allein umzukehren, wiegt er für die Gestaltungsmacht USA existenziell. Denn zwei gewaltige Herausforderungen dulden keinen Aufschub mehr: der Machtanspruch Pekings und die fortschreitende Erderwärmung. Das Erdzeitalter des Anthropozäns, in dem menschliches Handeln und natürliche Ökosysteme untrennbar verflochten sind, zwingt eigentlich dazu, den Blick weit in Vergangenheit und Zukunft auszudehnen und über Generationengerechtigkeit nachzudenken. Während Amerika in selbstbezogener Trägheit verharrt, hat der Einparteienstaat in Peking diese Dimension längst besetzt. Unbeeindruckt von demokratischen Wahlkämpfen oder kurzfristigen Konjunkturstürmen treibt China unter dem Leitbild einer „ökologischen Zivilisation“ den Bau neuer Technologien, Versorgungsnetze und Städte voran, um die Umweltfrage mit seinem langfristigen geopolitischen Führungsanspruch zu verschmelzen.

Der Irrtum des Silicon Valley und die Macht der Verbreitung

Zum Verlust des Zeitgefühls gesellt sich in Washington ein Schwund des räumlichen Denkens. Zwar verschaffte die geografische Lage zwischen zwei Ozeanen den Vereinigten Staaten historisch enorme Vorteile, doch ihre wahre Weltmachtstellung nach dem Zweiten Weltkrieg beruhte darauf, weit über die eigenen Landesgrenzen hinauszuwirken. Zwei strategische Vorteile trugen dieses System: die enge Verzahnung von innenpolitischer Erneuerung mit internationaler Ordnung – wie einst Franklin D. Roosevelts „New Deal“ der 1930er- und 1940er-Jahre direkt in die Gründungsarchitektur der Vereinten Nationen einfloss – sowie ein dichtes globales Bündnisnetzwerk. Die kurzsichtige Außenpolitik der aktuellen Trump-Regierung, die das Verhältnis zu Partnern als reines Nullsummenspiel betrachtet, hat beide Trümpfe aus der Hand gegeben. Wer Verbündete vor den Kopf stößt, beraubt sich genau jener transnationalen Reichweite, die im 21. Jahrhundert über Wohlstand und Sicherheit entscheidet. Denn die entscheidenden Ressourcen der Zukunft – von Lieferketten für kritische Mineralien und Seltene Erden über nachhaltige Energiequellen bis hin zu globalen Wissensreserven für künstliche Intelligenz und Biotechnologie – liegen weit verstreut jenseits der amerikanischen Küsten.

In Washington herrscht noch immer der gefährliche Irrglaube, es genüge, an der Spitze der technologischen Forschung zu stehen. Zwar führen die USA weiterhin bei bahnbrechenden Erfindungen in der künstlichen Intelligenz, bei fortschrittlichen Halbleitern, Cloud-Rechenzentren, in der Biotechnologie, bei Trägerraketen und in der Quantenforschung. Doch die Technikgeschichte beweist, dass Machtkämpfe zwischen Großmächten nicht durch den ersten Geniestreich im Labor entschieden werden. Den Sieg trägt jene Gesellschaft davon, die geduldig über Jahrzehnte hinweg die Verbreitung und Anwendung neuer Technologien in der Breite organisiert – durch den Aufbau von Infrastrukturen, die Ausbildung von Fachkräften, starke Institutionen und die Neuordnung der industriellen Produktion.

Genau hier liegt Chinas strategischer Vorsprung. Eine Auswertung chinesischer Parteidokumente, Militärschriften und Reden aus drei Jahrzehnten offenbart keinen plötzlichen Kurswechsel unter Präsident Xi Jinping, sondern einen bemerkenswert beständigen Langzeitplan, um die amerikanische Vorherrschaft erst abzustumpfen und schließlich abzulösen. Der materielle Kern dieses Plans ist die vor 13 Jahren gestartete Neue Seidenstraße. Von Tiefseehäfen im Indischen Ozean über Eisenbahnkorridore durch Zentralasien bis nach Europa, von Glasfaserkabeln durch Pakistan nach Ostafrika bis hin zu geplanten transkontinentalen Stromtrassen zieht Peking ein dichtes Geflecht aus Handels-, Energie- und Datenleitungen um den Globus. Im jüngst vorgelegten 15. Fünfjahresplan verdoppelt die Führung in Peking diesen staatswirtschaftlichen Einsatz noch einmal, um Produktion, Skalierung und die Kontrolle über kritische Lieferketten ins Zentrum ihrer Außenpolitik zu rücken.

China exportiert dabei nicht nur Kapital, Arbeitskraft und technisches Wissen, sondern das Modell seiner eigenen radikalen Urbanisierung, die binnen kürzester Zeit hochmoderne Metropolen wie Shanghai, Shenzhen und Chongqing hervorgebracht hat. Da Städte stets die Gesellschaften widerspiegeln, von denen sie errichtet wurden, verankert Peking seinen Einfluss dauerhaft in Eurasien und Afrika. Selbst die großen Labore im Silicon Valley blicken inzwischen voller Sorge nach Osten: Während US-Konzerne auf geschlossene Lizenzsysteme setzen, öffnet China seine KI-Modelle gezielt für internationale Partner und untergräbt so die amerikanische Dominanz im digitalen Raum. Zudem kontrolliert Peking genau jene weiterverarbeiteten Seltenen Erden, ohne die weder Batterien noch Roboter oder Rechenzentren gebaut werden können – globale Druckpunkte, an denen bereits Trumps Zollpolitik wirkungslos abprallte. Zwar kämpft auch China mit einer alternden Bevölkerung, wachsenden Schuldenbergen, einer schweren Immobilienkrise, fehlenden Bündnispartnern und den Risiken einer übermäßigen Zentralisierung, doch es hat die Gesetze von Raum und Zeit im globalen Maßstab begriffen.

Die Rückkehr des Projektstaats und das kalifornische Labor

Um in diesem Jahrhundertwettbewerb wieder Tritt zu fassen, müssen die Vereinigten Staaten ihre historische Amnesie überwinden. Der Sieg über die Sowjetunion im Kalten Krieg war keineswegs das alleinige Werk entfesselter Marktkräfte, sondern das Ergebnis massiver bundesstaatlicher Investitionen im In- und Ausland. Historisch entscheidend war dabei die Gestalt des sogenannten „Projektstaats“: Gemeinwesen, die von einer tiefen historischen Mission angetrieben werden und ihre Ressourcen bündeln, um weitreichende soziale, politische und ökonomische Transformationen durchzusetzen. Im 20. Jahrhundert trat dieser Typus sowohl in totalitärer Form im faschistischen Italien, im nationalsozialistischen Deutschland oder in der Sowjetunion auf als auch in demokratischer Gestalt unter Roosevelts „New Deal“. Ein solcher Projektstaat braucht zwingend einen langen Atem. Heute gleicht ausgerechnet China diesem geschichtsmächtigen Modell, während die USA – ausgehöhlt durch blinde Marktgläubigkeit, wachsenden Populismus und den Verlust des inneren Zusammenhalts – verlernt haben, sich als gemeinsames, generationenübergreifendes Vorhaben zu begreifen.

Ansätze für eine strategische Korrektur gab es durchaus. Die vorangegangene Regierung unter Joe Biden versuchte mit dem „Inflation Reduction Act“ von 2021, Innen- und Außenpolitik wieder miteinander zu verknüpfen: Grüne Investitionen sollten das postindustrielle Herzland des amerikanischen Rostgürtels in einen „Kobalt-Korridor“ mit neuen Industriearbeitsplätzen verwandeln und gleichzeitig die internationale Führungsrolle im Klimaschutz erneuern. Auch im globalen Raum begann Washington umzudenken. Als Biden im Dezember 2024 als erster US-Präsident seit fast einem Jahrzehnt in das Afrika südlich der Sahara reiste, stand in Angola das Vorzeigeprojekt der von den G7-Staaten ins Leben gerufenen Infrastrukturpartnerschaft im Mittelpunkt: der Lobito-Transafrika-Korridor. Diese Bahnlinie sollte die Hafenstadt Lobito mit den rohstoffreichen Regionen im Kongo und in Sambia verbinden, um Kobalt und Kupfer für die Energiewende und die KI-Industrie zu sichern. Zusammen mit dem ehrgeizigen Wirtschaftskorridor zwischen Indien, dem Nahen Osten und Europa ahmten die USA und ihre Verbündeten damit Teile der chinesischen Strategie nach – allerdings gestützt auf privates Kapital statt auf direkte Staatsinvestitionen. Doch mit dem Regierungswechsel zu Trump wurden diese Ansätze rasch wieder abgebrochen.

Dennoch formieren sich jenseits der aktuellen Regierung bereits die geistigen Grundlagen für eine Ära nach Trump. Unter dem Leitbild einer Politik des Überflusses – der sogenannten „Abundance Agenda“ – wächst die Erkenntnis, dass das halbe Jahrhundert der reinen Deregulierung erschöpft ist. Das latente produktive Potenzial Amerikas ist zwar vorhanden, wird aber durch bürokratische Hürden, eine übersteigerte Klagekultur, politische Polarisierung und den Verlust staatlicher Steuerungskapazität erstickt. Es mangelt nicht an Durchbrüchen in der Biomedizin oder der sauberen Energie, sondern an den Übertragungsnetzen für Solar-, Wind-, Geothermie- und Kernkraft sowie an staatlichen Institutionen, die Forschung in die breite Anwendung bringen. Gefordert wird eine neue Politik des Bauens – etwa durch einen staatlichen strategischen Investitionsfonds, der zögerliches Privatkapital für langfristige Großprojekte im In- und Ausland freisetzt, um mit Chinas Seidenstraße gleichzuziehen.

Wie eine solche Verknüpfung von technologischem Fortschritt und sozialem Ausgleich konkret aussehen kann, lässt sich derzeit in Kalifornien beobachten, das heute eine ähnliche Vorreiterrolle einnimmt wie einst der Bundesstaat New York für Roosevelts Reformen. Der scheidende Gouverneur Gavin Newsom, der als möglicher demokratischer Präsidentschaftskandidat für das Jahr 2028 gehandelt wird, verfolgt aus nächster Nähe den KI-Boom im Silicon Valley und treibt mit progressiven Unterstützern die Idee eines „AI New Deal“ voran. Um die sozialen Erschütterungen durch künstliche Intelligenz abzufedern, hat Newsom per Erlass Behörden, Wissenschaft und Industrie angewiesen, Sicherheitsnetze für verdrängte Arbeitskräfte zu entwickeln. Dazu gehören staatliche Zuschüsse für Unternehmen, die Beschäftigte halten und weiterbilden, sowie die Prüfung eines „universellen Grundkapitals“, das Arbeitnehmern über Anteile an Vermögensfonds einen Ausgleich für KI-bedingte Lohnverluste verschafft.

Die Vermessung des nächsten Jahrhunderts

Am Ende stehen die Vereinigten Staaten vor der Wahl zwischen Erneuerung und Abstieg. Schlagen sie den falschen Pfad ein, wird die Epoche amerikanischer Vorherrschaft nach rund hundert Jahren enden – ein durchaus vertrautes Muster in der Geschichte großer Imperien. Der außergewöhnlichere Weg bestünde darin, ein überzeugendes, sozial gerechtes Gesellschaftsmodell im Inneren neu zu schmieden und es wieder mit einer internationalen Ordnung zu verbinden, die auf gegenseitigem Nutzen statt auf Abschottung beruht. Weltmächte werden von der Geschichte letztlich weder nach dem Reichtum beurteilt, den sie anhäufen, noch nach den Waffen, die sie besitzen, sondern nach der Anziehungskraft der Zukunft, die sie anderen Völkern als gemeinsamen Lebensraum anbieten können. Alle großen Menschheitsfragen dieses Jahrhunderts – von der Steuerung künstlicher Intelligenz über die grüne Energiewende bis zur Neuordnung der Weltwirtschaft – münden in diese eine Aufgabe. Für Amerikas künftige Führungsgeneration geht es nicht um ein bloßes Jubiläum der Vergangenheit, sondern um die Entscheidung, in wessen Zukunft die Bürger der Vereinigten Staaten in den kommenden 250 Jahren leben werden: in der, die sie selbst errichten – oder in der eines anderen.

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