Eiszeit in Minneapolis: Wie zwei tödliche Schüsse Trumps Agenda zum Wanken bringen

Illustration: KI-generiert

Das Thermometer in Minneapolis zeigt an diesem Montagabend minus neun Grad, doch der Wind, der durch die Häuserschluchten fegt, drückt die gefühlte Temperatur auf lebensfeindliche minus 17 Grad. Auf der Nicollet Avenue spielt diese Januarkälte jedoch keine Rolle. Hier, wo der Schnee den Asphalt bedeckt, haben Menschen einen Halbkreis gebildet. Kerzen flackern gegen die dunkle Nacht an, und jemand hat mit Pinienzapfen einen Namen in den kalten Grund geschrieben: Alex Pretti. Die Stille an diesem improvisierten Gedenkort steht in einem bizarren, fast schmerzhaften Kontrast zu dem Lärm, der nur wenige Meilen entfernt die Luft zerreißt.

Dort, vor einem unscheinbaren Hotel in einem Vorort, inszenieren Dutzende Demonstranten ein ohrenbetäubendes Abschiedskonzert. „Fuck you, bitch!“, hallt es durch ein Megafon, untermalt vom Scheppern von Kochlöffeln auf Töpfen, dem Dröhnen von Trommeln und dem dissonanten Klang einer Posaune. Ein Mann hämmert mit Holzlatten gegen ein Straßenschild. Ihr Ziel ist Gregory Bovino, der hier untergebracht sein soll – jener Mann, der als Gesicht der martialischen Einwanderungspolitik Donald Trumps gilt. Die Botschaft der Straße ist unmissverständlich: Wer Minneapolis terrorisiert, soll keine Ruhe finden, nicht einmal im Schlaf.

Diese Szenen sind mehr als nur lokaler Protest. Sie sind das Symptom einer politischen Kernschmelze, die bis ins Weiße Haus strahlt. Der Tod des 37-jährigen Krankenpflegers Alex Pretti markiert einen Wendepunkt in der zweiten Amtszeit Donald Trumps. Er zwingt den Präsidenten zu einem Manöver, das ihm zutiefst widerstrebt: dem taktischen Rückzug. Was als Demonstration der Stärke geplant war – die „Säuberung“ demokratischer Städte durch Bundesbehörden –, droht nun, genau jene „Law and Order“-Erzählung zu zerstören, die Trumps Machtbasis bildet.

Die Eskalation – Chronik eines angekündigten Todes

Um die politische Sprengkraft dieses Augenblicks zu verstehen, muss man den Blick auf jenen Samstagmorgen richten, an dem Alex Pretti starb. Es war keine zufällige Tragödie, sondern der vorläufige Höhepunkt einer Eskalation, die Kritiker seit Wochen befürchtet hatten. „Niemand von uns war überrascht, dass das passiert ist“, sagt eine Anwohnerin namens Nerissa an der Gedenkstätte. „Wir wussten, dass die Lage eskaliert“. Denn Pretti ist bereits der zweite Tote binnen eines Monats. Erst am 7. Januar war die dreifache Mutter Nicole Renée Good in ihrem Auto von einem Beamten erschossen worden.

Die offizielle Lesart der Ereignisse um Alex Pretti war schnell geschrieben, noch bevor der Leichnam kalt war. Heimatschutzministerin Kristi Noem und Stephen Miller, der architektonische Hardliner von Trumps Migrationspolitik, brandmarkten den Intensivpfleger umgehend als „inländischen Terroristen“. Er habe „maximalen Schaden anrichten“ wollen und versucht, „die Strafverfolgung zu behindern“. Das Narrativ war klar: Ein gewalttätiger Angreifer zwang die heldenhaften Grenzschützer zum ultimativen Mittel.

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Doch die Realität, wie sie sich in zahlreichen Videoaufnahmen darstellt, erzählt eine gänzlich andere Geschichte. Die Bilder zeigen keinen Terroristen, sondern einen Mann, der den Einsatz mit seinem Handy filmte. Sie zeigen, wie Pretti versuchte, einer Frau aufzuhelfen, die von Einsatzkräften rabiaten zu Boden gestoßen worden war. Was dann folgte, gleicht eher einer Hinrichtung als einer Polizeimaßnahme: Bis zu sechs Beamte stürzten sich auf ihn. Einer schlug ihm mit einer Gassprayflasche auf den Kopf. Zwar trug Pretti eine Waffe bei sich – für die er eine Erlaubnis besaß –, doch die Videos legen nahe, dass ihm diese bereits abgenommen worden war, bevor die tödlichen Schüsse fielen. Zehn Kugeln trafen ihn aus nächster Nähe.

Die Diskrepanz zwischen der behördlichen Darstellung eines bewaffneten Angriffs und den visuellen Beweisen eines niedergerungenen Mannes, der einer anderen Person helfen wollte, ist frappierend. Selbst Trump, der sich die Videos mutmaßlich genau angesehen hat, verweigerte kurz darauf – anders als seine Ministerin – eine Antwort auf die Frage, ob die Beamten ordnungsgemäß gehandelt hätten. Es war der erste Riss in der Mauer der Rechtfertigung.

Rochade im Sturm – Trumps taktischer Rückzug

In Washington, wo politische Instinkte über Karrieren entscheiden, erkannte man die Gefahr. Die Bilder aus Minneapolis zeugten von Chaos und Willkür, nicht von der versprochenen Ordnung und Sicherheit. Trump, der sonst jede Kritik als Angriff auf Amerika selbst abwehrt, griff zum Telefonhörer. Er sprach mit dem demokratischen Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, und dem Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey. Beide Gespräche, so ließ er verlauten, seien „sehr gut gewesen“. Eine bemerkenswerte Tonalität für einen Präsidenten, der demokratische Städte oft als Feindesland betrachtet.

Um den politischen Druck aus dem Kessel zu nehmen, benötigte das Weiße Haus ein Bauernopfer. Es traf Gregory Bovino. Der Grenzschutzchef hatte sich mit öffentlichen Auftritten im langen Mantel, bei denen er Rauchbomben warf, als Gesicht der kompromisslosen Härte inszeniert. Nun wurde er abgezogen. Trump selbst lieferte die Begründung in einer für ihn typischen Mischung aus Lob und Distanzierung: Bovino sei zwar „sehr gut“, aber auch „ein ziemlich unkonventioneller Typ“. „In manchen Fällen ist das gut, hier war es vielleicht nicht gut“, so das nüchterne Urteil des Präsidenten.

An seine Stelle tritt nun Tom Homan. Auch er ist ein Hardliner, ein „Grenz-Zar“, der seit 40 Jahren im Apparat arbeitet und Trumps Politik bedingungslos stützt. Doch im Vergleich zum theatralischen Bovino gilt Homan als moderat im Ton und diszipliniert. Seine Entsendung ist das Signal für eine strategische Kurskorrektur: „Wir werden ein bisschen deeskalieren“, verkündete Trump im Sender Fox News. Es sei kein Rückzug, betonte er, nur eine „kleine Änderung“. Doch jedem Beobachter ist klar: Der Präsident blinzelt. Er versucht, die Kontrolle über eine Situation zurückzugewinnen, die durch die Rhetorik seiner eigenen Kabinettsmitglieder zu entgleiten droht.

„Ice Barbie“ im Strafraum – Das Chaos im Heimatschutzministerium

Im Zentrum dieses Sturms steht Heimatschutzministerin Kristi Noem. Ihr Umgang mit der Krise offenbart nicht nur politisches Ungeschick, sondern eine tiefgreifende Dysfunktionalität innerhalb der Behörde. Ihr Versuch, das Opfer Alex Pretti ohne Beweise als Terroristen zu brandmarken, ging selbst dem loyalen Weißen Haus zu weit. Trumps Sprecherin Karoline Leavitt lehnte es demonstrativ ab, Noems Charakterisierung zu verteidigen, und distanzierte den Präsidenten deutlich von ihren Aussagen.

Es folgte eine öffentliche Demütigung: Noem musste im Oval Office antreten – ein Aufenthalt in Trumps „Strafbox“, der zwar nur Stunden dauerte, aber ihre Position nachhaltig beschädigte. Zwar behauptete Trump später öffentlich, ihr Job sei sicher und sie leiste „sehr gute Arbeit“, doch intern bröckelt ihre Autorität massiv. Innerhalb der Einwanderungsbehörde ICE, die ihr untersteht, wird sie inzwischen spöttisch „Ice Barbie“ genannt – ein Spitzname, den sogar die konservative New York Post aufgriff.

Beamte werfen ihr vor, ihren Posten primär als Bühne für eine Präsidentschaftskandidatur 2028 zu missbrauchen. Sie sprechen von „Cosplaying“, wenn Noem sich in schlecht sitzenden schusssicheren Westen für Foto-Termine ablichten lässt, anstatt die Behörde effektiv zu führen. Die Kritik ist nicht nur ästhetischer Natur: Noem hat angewiesen, dass jeder Vertrag im Wert von über 100.000 Dollar persönlich von ihr genehmigt werden muss. Diese bürokratische Engführung führt dazu, dass selbst bestehende Verträge auslaufen und die Behörde Mahngebühren zahlen muss, während sie gleichzeitig versucht, eine massive Abschiebekampagne zu logistisch zu bewältigen. Die Behörde ist gelähmt durch den Narzissmus ihrer Führung. Dass Gregory Bovino direkt an Noem berichtete und von ihr installiert wurde, macht seinen Abzug auch zu ihrer Niederlage.

Die Rhetorik der Spaltung – Iowa vs. Minneapolis

Während Trump in Minneapolis durch Personalwechsel versucht, die Wogen zu glätten, bedient er auf der Wahlkampfbühne in Iowa weiterhin die niederen Instinkte seiner Basis. Die politische Schizophrenie seiner Präsidentschaft trat selten deutlicher zutage als an diesem Dienstag. In Clive, Iowa, sprach er nicht von Deeskalation oder tragischen Todesfällen. Stattdessen verfiel er in eine Tirade, in der er die in Minneapolis Inhaftierten pauschal als „verhärtete, bösartige, schreckliche Kriminelle“ diffamierte.

Er zeichnete das Bild von Migranten, die „unsere Einkaufszentren in die Luft jagen“ wollen, und behauptete, „2 Prozent der Bevölkerung verursachen 90 Prozent der Verbrechen“. Diese Statistik ist eine glatte Lüge. Daten zeigen, dass die meisten der von ICE verhafteten Personen keinerlei Vorstrafen haben; selbst in Washington lag die Quote derer mit gewalttätiger Vergangenheit bei lediglich zwei Prozent. Doch Wahrheit ist in Trumps Wahlkampf eine vernachlässigbare Variable.

Besonders perfide wird die Argumentation jedoch, wenn es um den getöteten Alex Pretti geht. Um das Handeln der Bundesbeamten zu rechtfertigen, greift Trump die Grundfesten der konservativen Ideologie an. „Man darf keine Waffen haben, man darf nicht mit Waffen hereinlaufen, das geht nicht“, erklärte er vor Reportern und kritisierte Pretti dafür, eine Schusswaffe getragen zu haben. Damit widerspricht der Präsident direkt dem zweiten Verfassungszusatz, dem „Second Amendment“, das er sonst wie eine Monstranz vor sich herträgt. Wenn ein Demonstrant, der mutmaßlich linker Aktivist ist, sein verfassungsmäßiges Recht auf Waffenbesitz wahrnimmt, wird er in Trumps Logik zum legitimen Ziel. Das Recht auf Selbstverteidigung scheint in Trumps Amerika politisch codiert zu sein.

Um von diesen Widersprüchen abzulenken, flüchtet sich der Präsident in ökonomische Fantasien. Er behauptet fälschlicherweise, die Steuern auf Sozialversicherungen abgeschafft zu haben und dass die Preise für Lebensmittel fielen – während sie tatsächlich so stark steigen wie seit Jahren nicht mehr. Es ist der Versuch, die Realität durch schiere Lautstärke zu übertönen.

Die Straße schlägt zurück – Der Widerstand formiert sich

Doch die Realität in Minneapolis lässt sich nicht wegreden. Der Widerstand hat sich von den politischen Zirkeln auf die Straße verlagert, und er ist laut. Die Belagerung von Bovinos Hotel war nur ein Vorbote. Die Wut lodert seit dem Tod von Pretti stärker denn je. Überall in der Stadt flammen spontane Demonstrationen auf, organisiert über soziale Medien, unberechenbar und entschlossen.

Es geht dabei längst nicht mehr nur um politische Parolen. Sozialarbeiter wie T.J., die sich um Pflegekinder kümmert, berichten von den verheerenden psychologischen Folgen der ICE-Einsätze. „Viele gehen kaum mehr aus dem Haus und werden zu Hause unterrichtet“, erzählt sie. Migranten trauen sich nicht mehr auf die Straße, Kinder sind traumatisiert, weil ihre Pflegeeltern um ihren Aufenthalt bangen. „Jeder von uns könnte der Nächste sein“, ist das Gefühl, das sich wie ein Virus verbreitet.

Der Konflikt erreicht auch die höchste politische Ebene des Bundesstaates. Demonstranten belagern das Büro von Gouverneur Walz im State Capitol und fordern „ICE out!“. Sie verlangen, dass der Gouverneur den Druck auf Washington erhöht. Walz selbst befindet sich in einem Zangengriff: Die Generalstaatsanwältin Pam Bondi fordert ultimativ die Herausgabe von Medicaid- und Wählerdaten sowie die Abschaffung von „Sanctuary“-Richtlinien. Walz weigert sich und bestreitet die Vorwürfe der mangelnden Kooperation. Die Demokraten im Kongress drohen indes mit einer Haushaltssperre, einem neuen „Shutdown“, sollten die Auflagen für die Einsatzkräfte nicht verschärft werden. Das lokale Trauma von Minneapolis droht, die nationale Regierung lahmzulegen.

Panik in der GOP – Die Angst vor den Midterms

In den Fluren des Kapitols in Washington macht sich derweil Nervosität breit. Die Republikaner wissen, dass die Bilder aus Minneapolis Gift für die anstehenden Midterm-Wahlen im November sind. Eigentlich sollte die Grenzsicherung das goldene Ticket zum Wahlsieg sein – das eingelöste Versprechen einer harten Hand. Doch nun sehen die Wähler Chaos, Blut und Inkompetenz.

Die Umfragen sprechen eine deutliche Sprache: 61 Prozent der Amerikaner und sogar 71 Prozent der unabhängigen Wähler sagen inzwischen, dass ICE „zu weit gegangen“ ist. Nur noch eine kleine Minderheit von 20 Prozent hält die Schüsse auf Pretti für gerechtfertigt. Das sind Zahlen, die Wahlen entscheiden.

Prominente Republikaner beginnen daher, sich öffentlich von Trumps Kurs zu distanzieren. Senator Thom Tillis aus North Carolina nannte Noems Verhalten „amateurhaft“ und forderte ihre Entlassung. Senatoren wie Lisa Murkowski und Ted Cruz verlangen transparente, unabhängige Untersuchungen. Rand Paul forderte sogar, alle beteiligten Einsatzkräfte bis zur Klärung zu beurlauben.

Es ist der Versuch der Partei, sich von den Exzessen der eigenen Regierung reinzuwaschen, ohne den Präsidenten direkt anzugreifen. Verzweifelt versuchen Parteigrößen wie Mike Johnson und Charles Grassley, das Thema zu wechseln. Sie preisen Steuerrückzahlungen und das „Working Families Tax Act“ an, in der Hoffnung, dass der Geldbeutel der Wähler wichtiger ist als die Moral. Doch angesichts der Leichen in Minneapolis wirkt dieser Schwenk auf Steuerpolitik seltsam taub gegenüber der Stimmung im Land.

Der Riss im System

Donald Trump wollte in Minneapolis ein Exempel statuieren. Er wollte zeigen, dass seine Macht bis in die letzten Winkel der demokratisch regierten Städte reicht. Stattdessen hat er die Grenzen dieser Macht aufgezeigt bekommen. Die Entsendung von Tom Homan ist kein Sieg der Ordnung, sondern das Eingeständnis, dass die bisherige Strategie gescheitert ist. Trump musste reagieren, nicht agieren.

Die Demonstrantin T.J. fasste die Stimmung vor dem State Capitol mit einem selbstgebastelten Schild zusammen: „Peaceful but pissed“ – Friedlich, aber sauer. Diese Wut wird nicht verrauchen, solange die Männer, die Nicole Renée Good und Alex Pretti erschossen haben, nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Bislang ist der Schütze von Good nicht angeklagt, und die Identität der Mörder von Pretti wird von der Regierung unter Verschluss gehalten.

Was bleibt, ist ein tiefes Misstrauen. Trump mag kurzfristig taktieren und „deeskalieren“, aber der Riss, der durch die Gesellschaft geht, hat sich vertieft. Wenn der Präsident der „Law and Order“-Partei zulässt, dass Bundesbeamte wie eine Besatzungsmacht auftreten und Bürger auf offener Straße erschießen, dann ist das Versprechen von Sicherheit nichts weiter als eine Illusion. Minneapolis im Januar 2026 ist kalt, dunkel und laut. Und es ist der Ort, an dem Donald Trumps Unbesiegbarkeit zu schmelzen beginnt.

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