Die Tyrannei der Stümper: Wenn der Staat zum Vandalen wird

Illustration: KI-generiert

Minneapolis ist nicht nur das Opfer politischer Härte, sondern einer viel gefährlicheren Kraft: der institutionalisierten Inkompetenz einer Bundespolizei, die das Chaos nicht bekämpft, sondern verkörpert.

Der Bankrott des staatlichen Versprechens

Es ist ein seltener und erschütternder Vorgang, wenn der Staat, jene abstrakte Entität, die wir für gewöhnlich mit Ordnung, Bürokratie und einer gewissen Kälte assoziieren, plötzlich sein Gesicht verliert und zur Fratze des reinen Chaos wird. Wer in diesen Januartagen auf die vereisten Straßen von Minneapolis blickt, sieht dort nicht die harte Hand des Gesetzes, von der die Administration in Washington so gerne schwadroniert. Er sieht etwas weit Beunruhigenderes: Er sieht die Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols durch den Staat selbst.

Der Tod von Alex Jeffrey Pretti, jenem Krankenpfleger, der am helllichten Tag von einer Behörde erschossen wurde, die eigentlich Grenzen schützen soll, ist der blutige Exzess einer Entwicklung, die tiefer reicht als jeder politische Streit um Migration. Während der forensische Blick die Details dieser Exekution und die juristischen Blockaden beleuchten mag, müssen wir hier den Blick auf das soziologische Phänomen lenken. Was wir erleben, ist der Einzug einer performativen Anarchie in die Regierungsführung. Die Bundesregierung entsendet keine Ordnungshüter mehr, sie entsendet Vandalen in Uniform. Minneapolis ist zum Testlabor für eine neue Form der Herrschaft geworden, in der Inkompetenz kein Unfall ist, sondern Methode. Wenn maskierte Agenten ohne Namensschilder Bürgerrechte ignorieren, Magazine mit scharfer Munition auf der Straße verlieren und Rauchgranaten werfen wie Partygags, dann ist das nicht Law and Order. Es ist der staatlich inszenierte Zusammenbruch der Zivilisation.

Die 42-Tage-Armee – Masse statt Klasse

Um zu begreifen, warum die Lunte in amerikanischen Städten so kurz geworden ist, darf man nicht nur auf die Befehle aus dem Oval Office starren. Man muss sich jene ansehen, die diese Befehle ausführen. Die Tragödie von Minneapolis ist untrennbar verbunden mit einer Personalpolitik, die Zynismus mit Fahrlässigkeit paart. Die Trump-Administration regiert mit der brutalen Ästhetik großer, runder Zahlen: Eine Million Abschiebungen pro Jahr, so lautet das Mantra, und um dieses logistische Ungeheuer zu füttern, werden 10.000 neue Offiziere benötigt.

Doch woher nimmt man eine Armee von Deportationsoffizieren in Friedenszeiten? Man stampft sie aus dem Boden, indem man Standards pulverisiert. Es ist ein beispielloser Vorgang in der Geschichte der amerikanischen Strafverfolgung: Die Ausbildungszeit an der Akademie, einst fünf Monate lang, wurde im letzten Sommer auf 47 Tage gekürzt – eine symbolische Verbeugung vor dem 47. Präsidenten – und liegt nun bei gerade einmal 42 Tagen. In kaum sechs Wochen verwandelt der Staat Zivilisten in bewaffnete Bundesagenten mit der Macht, über Freiheit und Leben zu entscheiden.

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Das Resultat ist eine Truppe, die intern bereits für Entsetzen sorgt. Veteranen der Behörde, die für diese Offensive aus dem Ruhestand zurückgeholt wurden, blicken fassungslos auf ihre neuen Kollegen. Sie beschreiben Rekruten, die athletisch allergisch sind, die physischen Anforderungen nicht gewachsen und in einem normalen Auswahlprozess längst ausgesiebt worden wären. Das sind Leute, die in unserem Büro nichts verloren haben, urteilt ein hochrangiger Beamter. Doch in der Logik der Quote zählt nicht die Eignung, sondern die bloße Anwesenheit.

Noch gravierender als die körperlichen Defizite ist die geistige Unausgerüstetheit für das urbane Pulverfass. Während die neuen Rekruten lernen, wie man verhaftet und schießt, wird dem wichtigsten Werkzeug moderner Polizeiarbeit – der Deeskalation – nur ein homöopathischer Platz im Lehrplan eingeräumt. Gerade einmal vier Stunden verbringen die Anwärter damit, zu lernen, wie man Konflikte ohne Gewalt löst. Vier Stunden. Das ist weniger Zeit, als mancher für einen Erste-Hilfe-Kurs aufwendet. Und mit diesem Rüstzeug werden sie in aufgeheizte Metropolen geschickt, konfrontiert mit Protesten, Kameras und einer feindseligen Öffentlichkeit. Es ist, als würde man einem Kind ein Streichholz geben, es in ein Munitionsdepot schicken und hoffen, dass es dunkel genug bleibt, damit nichts passiert. Die Katastrophe ist hierbei kein Risiko; sie ist fest programmiert.

Das Theater der Macht und die Ästhetik der Einschüchterung

Diese Truppe aus hastig rekrutierten und kaum ausgebildeten Agenten agiert nun auf einer Bühne, die für maximale Sichtbarkeit ausgelegt ist. Anders als bei früheren Operationen, bei denen erfahrene Beamte versuchten, Verhaftungen diskret und sicher durchzuführen, gleicht der aktuelle Einsatz einer militärischen Besatzung. Die Bundesagenten tragen Sturmhauben und schwere taktische Ausrüstung, sie bewegen sich wie Soldaten durch eine feindliche Hauptstadt, nicht wie Polizisten in einer amerikanischen Stadt.

Doch hinter der martialischen Fassade verbirgt sich oft eine gefährliche Unprofessionalität. Die Bilder, die aus Minneapolis dringen, zeugen nicht von präziser Härte, sondern von einer furchteinflößenden Schlampigkeit. Da ist der Agent, der auf dem vereisten Asphalt ausrutscht und unter dem Gespött der Menge flieht, wobei er ein Magazin voller scharfer Munition ungesichert auf der Straße zurücklässt. Da ist Gregory Bovino, ein leitender Beamter der Border Patrol, der dabei gefilmt wird, wie er eine grüne Rauchgranate in eine Gruppe von Demonstranten wirft – mit der lässigen Körpersprache eines Mannes, der auf einer Grillparty einem Nachbarn ein Dosenbier zuwirft.

Diese Szenen offenbaren das Wesen der Operation: Es geht nicht um Sicherheit. Die Anwesenheit der Bundeskräfte ist, wie Beobachter treffend bemerken, ein Vektor des Chaos. Sie haben kein Interesse daran, Ordnung aufrechtzuerhalten; ihre Aufgabe ist die Produktion von Bildern der Dominanz. Sie feuern Tränengas und sogenannte Sting Balls in Wohngebiete, ohne Rücksicht auf Anwohner, die aus ihren Fenstern im zweiten Stock schauen. Sie behandeln die Stadt wie ein Videospiel, in dem Kollateralschäden nur Punkte auf dem Highscore der politischen Basis sind.

In diesem Nebel des Krieges verschwimmen die Realitäten. Journalisten werden von paranoiden Bürgern für ICE-Spitzel gehalten, Autos von unbeteiligten Zivilisten werden demoliert, weil sie aussehen wie die SUVs der Behörden . Die Agenten selbst, oft unfähig, die Situation zu lesen, reagieren auf diese Verwirrung mit Gewalt. Wenn Macht als reiner Selbstzweck demonstriert wird, losgelöst von Protokoll und Verantwortung, verwandelt sich der öffentliche Raum in eine Zone der totalen Unberechenbarkeit. Der Bürger weiß nicht mehr, ob er vor einem Gesetzeshüter steht oder vor einem bewaffneten Laiendarsteller in Uniform, dessen Finger zu locker am Abzug sitzt.

Das Leben im Schatten – Existenz hinter Decken

Während auf der Straße das laute Theater der Macht aufgeführt wird, vollzieht sich hinter den Fassaden der Stadt ein stiller Rückzug aus dem Leben, der an dystopische Romane erinnert. Es ist eine Realität, die in den offiziellen Verlautbarungen über kriminelle Aliens keinen Platz findet: die Realität der Familien, die sich selbst eingemauert haben.

In einem unscheinbaren Apartmentkomplex in einem Vorort von Minneapolis, weit weg von den Kameras der Journalisten, lebt eine ecuadorianische Familie in einem selbstauferlegten Gefängnis . Die Fenster sind mit Decken und floralen Bettlaken verhängt. Kein Lichtstrahl darf nach außen dringen, kein Blick nach innen fallen. Den Kindern, kleinen Mädchen, wurde eingeschärft, niemals den Vorhang zu heben, denn die Drohnen könnten hineinsehen. Es ist eine Erziehung zur Paranoia, eine Kindheit, in der der Blick aus dem Fenster als existenzielle Bedrohung gilt.

Der Vater, ein Mann, der früher Rasen mähte und Schnee schaufelte, verlässt die Wohnung nur noch für die unvermeidbarsten Verrichtungen: Müll rausbringen, das Auto umparken, wenn der Schneepflug kommt. Mehr ist nicht möglich. Als die Vorräte zur Neige gingen und der Gang zum Supermarkt einem Himmelfahrtskommando glich, aß die Familie tagelang nur Kartoffeln, bis die Kirche Lebensmittelpakete lieferte .

Diese Menschen sind keine Kriminellen im landläufigen Sinne; sie sind Asylbewerber, deren Verfahren laufen, Menschen mit Arbeitserlaubnis und Sozialversicherungsnummer. Doch in der pauschalen Jagd der Operation Metro Surge spielt dieser Status keine Rolle mehr. Die Schule warnt die Eltern: Geht nicht einkaufen. Macht das Licht nicht an .

Die psychologische Zerstörung, die hier angerichtet wird, ist immens. Eltern müssen ihre Kinder anlügen, ihnen versichern: Ihr seid nicht in Gefahr, wohl wissend, dass sie diese Sicherheit nicht garantieren können . Sie bereiten ihre Töchter auf das Unaussprechliche vor: Was passiert, wenn Papa und Mama nicht mehr nach Hause kommen? Schulen drängen Eltern dazu, Vollmachten zu unterschreiben, die das Sorgerecht auf Dritte übertragen – eine bürokratische Vorbereitung auf das Verschwindenlassen. Und die Angst ist berechtigt: Es gibt Berichte von Eltern, die beim Schultransport aus ihren Autos gezerrt wurden, während die Kinder allein auf dem Rücksitz zurückblieben . Die Agenten, so erzählt es eine Zeugin unter Tränen, gehen einfach weg. Es ist ihnen egal. Es ist, als wären wir alle Menschen zweiter Klasse.

Der Verrat am Second Amendment – Waffenrecht nur für die „Richtigen“

In dieser Atmosphäre der totalen Verunsicherung bröckelt ein weiterer Grundpfeiler des amerikanischen Selbstverständnisses. Das Second Amendment, jenes fast sakrale Recht auf Waffenbesitz, das von Konservativen stets als ultimatives Bollwerk gegen staatliche Tyrannei gepriesen wurde, entpuppt sich im Angesicht der realen Tyrannei als leere Hülse.

Der Tod von Alex Pretti und der vorangegangene Fall von Renee Nicole Good – beide weiße, legale Waffenbesitzer – führen das Paradoxon vor Augen . Das Recht, eine Waffe zu tragen, gilt faktisch nicht, wenn man dem Staat Angst macht. Tyler Austin Harper, ein schwarzer Waffenbesitzer und Autor, beschreibt die beklemmende Logik dieser Tage: Er lässt seine legal getragene Glock 19 zu Hause, schneidet sich Haare und Bart kurz, um weniger wie jemand auszusehen, den die ICE interessant finden könnte . Er weiß: Wenn ein schlecht ausgebildeter, nervöser Agent bei einer Kontrolle die Waffe unter seinem Sweatshirt spürt, könnte das sein Todesurteil sein .

Die Heuchelei ist atemberaubend. Während Organisationen wie die NRA schweigen oder die Schuld bei den Opfern suchen, feiern Regierungsvertreter wie Verteidigungsminister Pete Hegseth die Agenten als Patrioten, die das Land retten . Dass diese Retter gerade einen gesetzestreuen Bürger erschossen haben, der seine Waffe nicht einmal in der Hand hielt, wird ausgeblendet. Die Botschaft an alle Waffenbesitzer, ob links oder rechts, ist klar: Wenn ihr euer verfassungsmäßiges Recht ausübt, können euch maskierte Bundesagenten erschießen, schlicht weil ihr sie nervös macht. Ohne den Schutz vor staatlicher Willkür ist die Verfassung nur ein Stück Pergament. Die Freiheit, die Amerika so hochhält, endet dort, wo die Paranoia der Exekutive beginnt.

Das Vakuum der Ordnung und die Selbstjustiz der Bürger

Wenn der Staat nicht mehr schützt, sondern bedroht, und wenn die lokale Polizei sich in die Unsichtbarkeit zurückzieht, entsteht ein gefährliches Vakuum. Minneapolis hat darauf mit einer Art zivilem Überwachungssystem reagiert. Die Stadt ist zu einem gigantischen Augapfel geworden; Bürger nutzen Signal-Chats und Trillerpfeifen, um jede Bewegung der ICE-Trupps zu melden. Es ist ein Akt der digitalen Selbstverteidigung: Wer beschützt uns? Wir beschützen uns! .

Doch diese Selbstorganisation hat eine dunkle Kehrseite. Die Grenzen zwischen Dokumentation, Protest und Lynchjustiz verschwimmen. Als der rechte Provokateur und Kapitol-Randalierer Jake Lang in der Stadt auftauchte, um in Little Somalia den Koran zu verbrennen, entlud sich die aufgestaute Wut der Straße an ihm. Ein Mob jagte ihn durch die Innenstadt, prügelte ihn zu Boden, trat ihm gegen den Kopf.

Das Erschreckende an dieser Szene war nicht nur die Gewalt selbst, sondern die Abwesenheit jeglicher Ordnungsmacht. Während Lang fast zu Tode geprügelt wurde, war keine Polizei zu sehen. Erst als alles vorbei war, rollte ein Mannschaftswagen heran. Bürgermeister Jacob Frey mag behaupten, die Polizei sei da gewesen, doch für den Augenzeugen fühlte es sich an, als habe man zugesehen, wie ein Mann auf offener Straße fast getötet wurde.

Dieses Ereignis zeigt, wie fragil die Zivilisation ist, wenn das Vertrauen in die Institutionen kollabiert. Wenn Bürger das Gefühl haben, allein gelassen zu sein – sei es gegenüber der brutalen Bundespolizei oder gegenüber Provokateuren –, nehmen sie das Recht selbst in die Hand. Das Resultat ist keine Gerechtigkeit, sondern rohe Gewalt, bei der die politischen Lager nur noch durch die Farbe ihrer Sturmhauben zu unterscheiden sind.

Das Ende der amerikanischen Idee?

Was in Minneapolis geschieht, ist weit mehr als eine aggressive Einwanderungspolitik. Es ist die Demontage der amerikanischen Idee von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Die Trump-Administration hat bewiesen, dass sie bereit ist, das staatliche Gewaltmonopol in ein Instrument des Terrors zu verwandeln, ausgeführt von einer hastig rekrutierten Prätorianergarde, die weder das Gesetz kennt noch das Leben achtet.

Die Tragödie liegt nicht nur in den Toten, so schmerzhaft jeder einzelne Verlust ist. Sie liegt in der Erkenntnis, dass die Institutionen, die das Land zusammenhalten sollten, nun dazu benutzt werden, es zu zerreißen. Wenn somalische Einkaufszentren wie die Karmel Mall verwaist liegen und Händler auf das Ende der Razzien wie auf das Ende eines Krieges warten ; wenn konservative Latinos, die für Trump stimmten, nun bitter bereuen, weil ihre Existenz vernichtet wird ; wenn der Staat seine eigenen Bürger als Feinde behandelt – dann ist etwas fundamental zerbrochen.

Minneapolis ist das Menetekel. Wenn diese Form der Regierungsführung zur Norm wird, wenn Inkompetenz und Brutalität die Währung der Macht werden, dann steht Amerika vor einer Zukunft, in der niemand mehr sicher ist – weder der Migrant im Schatten noch der Bürger mit dem falschen Pass oder der falschen Meinung. Der Feind steht nicht an der Grenze. Er trägt Uniform und patrouilliert bereits in der Nachbarschaft.

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