Die systematische Demontage der amerikanischen Allianzen

Illustration: KI-generiert

Washingtons aktuelle Außenpolitik gleicht einem diplomatischen Amoklauf, einem fiebrigen Rausch, in dem alte Gewissheiten über Nacht auf dem Altar des politischen Egoismus geopfert werden. Während sich die Vereinigten Staaten in einem zermürbenden, nunmehr sechsmonatigen bewaffneten Konflikt mit dem Iran befinden, erleben wir nicht etwa den erwartbaren Schulterschluss mit der freien Welt. Stattdessen zersägt der amtierende amerikanische Präsident systematisch und mit fast schon stoischer Gleichgültigkeit das tragende Gebälk unserer historisch gewachsenen Allianzen. Es ist eine toxische Melange aus Impulskontrollverlust und strategischer Kurzsichtigkeit, die das globale Machtgefüge in seinen Grundfesten erschüttern wird. Man agiert im Oval Office nicht mehr als unangefochtene Führungsmacht, sondern wie ein erratischer Akteur, der aus Frustration über die Komplexität der Welt einfach das Spielbrett umwirft.

Es bedurfte nur eines kurzen Moments in einem Fernsehinterview mit dem Sender Fox News, um Jahrzehnte diplomatischer Feinarbeit mit dem sprichwörtlichen Vorschlaghammer zu zertrümmern. Auf die Frage des Reporters Trey Yingst nach den laufenden, hochsensiblen Verhandlungen über die Kontrolle der strategisch immens wichtigen Straße von Hormus reagierte Donald Trump mit einer Beiläufigkeit, die einem schlichtweg den Atem raubt. Sollte der Oman bei diesen Gesprächen „im Weg stehen“, werde man das Land schlichtweg „in Grund und Boden bombardieren“. Eine solche Rhetorik markiert einen beispiellosen Tiefpunkt im Umgang mit internationalen Partnern. Es ist, als würde man dem eigenen Wachmann ins Knie schießen, weil einem sein Gang nicht gefällt.

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Man muss sich die historische und geopolitische Absurdität dieses Moments auf der Zunge zergehen lassen, um die Tragweite zu begreifen. Der Oman ist nicht irgendein unbedeutender Fleck auf der Landkarte, sondern der älteste Verbündete Washingtons im Nahen Osten. Es ist ein Land, mit dem die Vereinigten Staaten seit 1833 offizielle Beziehungen pflegen und seit 1980 durch einen weitreichenden Freundschaftsvertrag eng verbunden sind. Wir sprechen hier von einem Staat, der dem amerikanischen Militär uneingeschränkten Zugang zu tiefen Gewässern und hochmodernen Luftwaffenstützpunkten gewährt – jenen infrastrukturellen Lebensadern, ohne die jede militärische Operation in der Region, geschweige denn ein offener Krieg mit dem Iran, logistisch sofort zum Scheitern verurteilt wäre.

Noch gravierender wiegt jedoch der Verlust an diplomatischem Kapital. In dem hochkomplexen Schachspiel um die Straße von Hormus verwaltet der Oman die südliche Route, während der Iran die nördliche Passage kontrolliert. Die Hauptstadt Maskat fungiert traditionell als unersetzlicher Brückenbauer, als eines der wenigen Zentren in der Region, das sowohl mit den Golfstaaten als auch mit dem theokratischen Regime in Teheran offene, verlässliche Kommunikationskanäle aufrechterhält. Den Oman grundlos ins Fadenkreuz zu nehmen, spiegelt auf tragische Weise exakt jene paranoide und selbstzerstörerische Strategie wider, die den Iran isoliert hat: die wahnwitzige Idee, man könne sich folgenlos mit jedem einzelnen seiner Nachbarn gleichzeitig anlegen. Wer den Unterschied zwischen Freund und Feind nicht mehr erkennt, steht am Ende auf dem internationalen Parkett völlig allein im Dunkeln.

Ein Geschenk für Pjöngjang

Während man im Nahen Osten langjährige Freunde zu Feinden deklariert, inszeniert man am anderen Ende der Welt, auf der koreanischen Halbinsel, ein geradezu groteskes diplomatisches Schauspiel. Per Social-Media-Post wies Präsident Trump seinen Kriegsminister Pete Hegseth kurzerhand an, das anlaufende, traditionsreiche Militärmanöver in Südkorea drastisch zusammenzustreichen. Die offizielle Begründung für diese sicherheitspolitische Vollbremsung gleicht einem Hohn: Man pflege eine angeblich „sehr gute Beziehung“ zu Kim Jong-un, den das Weiße Haus allen Ernstes als „unbedrohlich und respektvoll“ glorifiziert.

Dass Südkorea zuvor höflich, aber überaus bestimmt abgelehnt hatte, sich an Washingtons eskalierendem Krieg gegen den Iran zu beteiligen, lässt diesen drastischen Schritt weniger wie wohlüberlegte Diplomatie, sondern vielmehr wie einen infantilen, impulsgesteuerten Racheakt wirken. Die Realität auf der asiatischen Bühne sieht gänzlich anders aus, als es die rosarote Brille der Administration suggeriert. Nordkorea baut seine militärische Bedrohungskulisse massiv aus, feuert weiterhin in bedrückender Regelmäßigkeit ballistische Raketen ab und stellt eine immer akutere Gefahr für US-Truppen, asiatische Verbündete und zunehmend auch für das amerikanische Festland dar.

Genau diese unbequeme Wahrheit bestätigte unlängst auch der damalige Direktor der Defense Intelligence Agency (DIA), General Jeffrey Cruz, unmissverständlich vor dem US-Kongress. Doch Cruz‘ nüchterne Einschätzung der Lage war unerwünscht. Er wurde in den Ruhestand gedrängt, weil er es zuvor gewagt hatte, Trumps absurde Falschbehauptung zu korrigieren, man habe im Zuge der dramatischen „Operation Midnight Hammer“ alle iranischen Nuklearanlagen restlos ausgelöscht. Die ungeschminkte Wahrheit ist im aktuellen politischen Klima der Hauptstadt zu einer Karrierekiller-Vokabel verkommen; die Loyalität zur präsidialen Illusion wiegt schwerer als nachrichtendienstliche Fakten.

Der logistische, finanzielle und taktische Flurschaden dieser kurzfristigen Manöverabsage ist derweil immens. Wir sprechen hier von monatelangen, hochkomplexen Vorbereitungen, um eine komplette Heeresbrigade mit 9.000 Soldaten und fast 1.000 Stück schwerstem Gerät, darunter 70 Tonnen schwere Kampfpanzer, aus dem heimischen Seattle über den Pazifik zu verschiffen. Diese Armada landet in Busan an und bewegt sich in Richtung der demilitarisierten Zone. All dieser gewaltige Aufwand wird nun zunichtegemacht. Doch der wahre Verlust ist das unersetzliche taktische Wissen. Das zerklüftete Terrain Koreas, die bitterkalten Winter und die Eigenheiten des gemeinsamen Kampfes mit den koreanischen KATUSA-Truppen lernt man nicht aus Lehrbüchern. Wer diese Übungen streicht, opfert die Einsatzfähigkeit seiner eigenen Soldaten auf dem Altar der außenpolitischen Showeffekte.

Die Geisterflotte im Pazifik und die stumme Krise der Marine

Dieser gefährliche isolationistische Reflex zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Sicherheitsarchitektur und reicht bis tief in die Flottenplanung der amerikanischen Marine. Weil die Ressourcen im endlosen, sechsmonatigen Nahost-Konflikt zusehends schwinden, sieht sich das US-Militär gezwungen, strategische Lücken mit drastischen Mitteln zu stopfen. Der Flugzeugträger USS George Washington wird kurzerhand aus seinem japanischen Heimathafen Yokosuka abgezogen, um die erschöpfte Kampfgruppe der USS Abraham Lincoln im Arabischen Golf abzulösen.

Die bittere und hochgefährliche Konsequenz dieser hastigen Rochade: Der gesamte Pazifikraum, das eigentliche geopolitische Herzstück der globalen Machtverteilung, bleibt vorübergehend ohne jegliche amerikanische Trägerpräsenz. Es ist eine eklatante Entblößung der eigenen Flanke, ein strategisches Vakuum, das in Peking mit wohlwollender Aufmerksamkeit registriert wird. Dieser Abzug ist zudem ein kaum zu rechtfertigender Widerspruch zur eigenen Nationalen Sicherheitsstrategie, die den Fokus unmissverständlich auf Asien legen sollte – auch wenn man den Begriff „Nordkorea“ in Trumps aktuellstem sicherheitspolitischen Grundlagendokument ohnehin völlig vergebens sucht.

Doch während man auf der weltpolitischen Bühne einen strategischen Blindflug hinlegt, ignoriert man gleichzeitig mit eiskalter Schulter eine massive innere Krise der Truppe. Auf der USS Abraham Lincoln und den begleitenden Schiffen brodelt seit Monaten eine handfeste moralische und psychische Notlage. Die Belastung des andauernden Kriegseinsatzes zollt ihren zerstörerischen Tribut, und erste Warnsignale über schwindende Einsatzmoral und mentale Zusammenbrüche lassen sich bereits seit dem Frühjahr nicht mehr verbergen. Anstatt sich dieser menschlichen Tragödie mit Transparenz und Fürsorge zu widmen, flüchtet sich die zivile und militärische Führungsebene in arrogante Abwehrhaltungen. Die Spitze des Verteidigungsministeriums tut die lauten Hilferufe schlicht als „Fake News“ ab.

Der hastig arrangierte Truppenbesuch von Centcom-Kommandeur Admiral Brad Cooper auf der Lincoln geriet folgerichtig zu einem deprimierenden PR-Desaster. Auf den Social-Media-Kanälen seines Kommandos ließ er nach dem Besuch verkünden, die Crew der Lincoln weise im landesweiten Vergleich der elf aktiven US-Flugzeugträger immerhin noch „eine der niedrigsten Raten“ an mentalen Problemen auf. Eine zynischere Bankrotterklärung der Fürsorgepflicht lässt sich kaum formulieren. Wenn die offizielle Beruhigungspille für eine am Limit operierende Besatzung darin besteht, darauf hinzuweisen, dass es auf den restlichen Schiffen der Flotte noch desaströser aussieht, dann hat das System seinen moralischen Kompass endgültig auf dem Grund des Ozeans versenkt.

Das strategische Vakuum

Fügt man all diese scheinbar isolierten Episoden zu einem großen Ganzen zusammen, offenbart sich ein zutiefst erschütterndes Bild. Es ist der systematische, geradezu mutwillige Ausverkauf einer globalen Ordnung, die von Generationen mühsam und unter großen Opfern aufgebaut wurde. Die Vereinigten Staaten tauschen das historisch gewachsene Vertrauen loyaler Verbündeter gegen die absolut wertlosen, tagesaktuellen Versprechungen autoritärer Despoten. Das ist kein diplomatisches Meisterstück unkonventioneller Staatskunst, es ist ein geopolitisches Verlustgeschäft historischen Ausmaßes. Es ist, als würde man dabei zusehen, wie bei einem gigantischen Gefährt leichtfertig die Bremsen gelöst werden – und niemand in Washington weiß genau, wie schnell die Fahrt bergab gehen wird.

Wenn Partnernationen wie Japan, Australien, Neuseeland oder Südkorea schmerzhaft erkennen müssen, dass echte Verlässlichkeit in Washington zu einer rein verhandelbaren Währung geworden ist, die jederzeit einem impulsiven Fernsehinterview zum Opfer fallen kann, werden sie unausweichlich damit beginnen, ihre eigenen sicherheitspolitischen Optionen neu zu bewerten. Sie werden nicht tatenlos darauf warten, vom nächsten strategischen Schwenk des Weißen Hauses überrollt zu werden.

Das massive strategische Vakuum, das die USA durch ihre irrationale Politik hinterlassen, wird auf der Weltbühne nicht lange leer bleiben. Systemische Rivalen stehen längst bereit, um genau jenen Raum einzunehmen, den ein zutiefst verunsichertes, von innen heraus erodierendes Amerika derzeit völlig freiwillig räumt. Wer seine ältesten Freunde konsequent wie lästige Bittsteller behandelt und gleichzeitig die eigene Truppe zermürbt, wird bald in einer unerbittlichen Welt aufwachen, in der er tatsächlich isoliert ist.

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