Die Geister, die sie riefen: Wie der Verschwörungs-Kapitalismus die amerikanische Rechte auffrisst

Illustration: KI-generiert

Es ist ein fataler Triumph, ein politischer Pyrrhussieg, der sich in diesen Tagen in den Vereinigten Staaten entfaltet. Donald Trump ist zurück an der Macht. Doch der Einzug ins Weiße Haus markiert nicht das Ende eines erbitterten Kulturkampfes, sondern den Beginn einer neuen, unkontrollierbaren Eskalationsstufe. Die Bewegung, die ihn getragen hat, fordert nun ihren Tribut – und offenbart dabei die fundamentale Heuchelei ihrer eigenen Ideologie.

Nirgendwo wird dies sichtbarer als in der demonstrativen Begnadigung von rund 1.500 Straftätern, die am 6. Januar 2021 das Kapitol stürmten. Unter ihnen befindet sich David Nicholas Dempsey, ein Mann, der in einer taktischen Weste Polizisten mit Pfefferspray attackierte, einen Beamten mit einer Metallkrücke blutig schlug und schreiend mit Möbelstücken um sich warf. Dempsey war zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Dass der Präsident ihn und hunderte andere Gewalttäter begnadigt, entlarvt die viel beschworene Erzählung der MAGA-Bewegung, die unerschütterliche Bastion von „Recht und Ordnung“ zu sein, als bloße Illusion. Es ist der Moment, in dem die Maske fällt. Die amerikanische Rechte hat einen Pakt mit der Paranoia geschlossen – und die Geister, die sie rief, lassen sich nicht mehr vertreiben.

Die Institutionalisierung des Wahnsinns

Was einst als obskures Rauschen in den dunklen Ecken des Internets begann, ist längst in die höchsten Ebenen der staatlichen Macht vorgedrungen. Der wohl beunruhigendste Beleg dafür ist die Nominierung von Kash Patel für das Amt des FBI-Direktors. Patel, der eine tiefe Skepsis gegenüber Regierungsbeamten hegt, pflegt ein Mantra, das wie ein Echo aus den Echokammern der Verschwörungsideologen klingt: Es gebe „keine Zufälle“. Er diffamiert langjährige Beamte pauschal als „Regierungsgangster“ oder als Teil eines ominösen „Deep State“, der das amerikanische Volk systematisch betrügen wolle.

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Diese Weltanschauung wurzelt offenbar tief in seiner eigenen Biografie. Als ehemaliger Pflichtverteidiger in Florida fühlte er sich von Staatsanwälten betrogen, die seiner Ansicht nach entlastendes Beweismaterial zurückhielten. Aus dieser persönlichen Frustration erwuchs ein tiefes Misstrauen, das er nun in die mächtigste Ermittlungsbehörde der Welt tragen soll. Er flirtet ganz offen mit der QAnon-Bewegung und sieht deren Anhängerschaft weniger als ideologische Verirrung, sondern als lukratives Publikum, dessen Weltsicht – insbesondere die Verklärung von Donald Trump als Opfer dunkler Mächte – schlichtweg nützlich ist.

Patel nutzte in der Vergangenheit seine mediale Präsenz, um etwa ein unbestätigtes FBI-Dokument, das sogenannte Formular 1023, zu bewerben, welches angebliche Bestechungsgelder an Joe Biden und dessen Sohn Hunter thematisierte. Dass der betreffende Informant, Alexander Smirnov, später zugab, über diese Schmiergelder gelogen zu haben, tangiert das geschlossene Weltbild kaum. Unter amtierenden und ehemaligen FBI-Agenten löst diese Entwicklung blankes Entsetzen aus. Sie warnen eindringlich, dass eine Behörde, deren Daseinszweck die strikte Trennung von Fakt und Fiktion ist, von innen heraus zerstört wird, wenn ihr Direktor an verborgene Strippenzieher und diabolische Kabalen glaubt.

Vom Nischen-Kult zur Milliarden-Industrie

Wie konnte eine Bewegung, die behauptet, eine globale Elite trinke das Blut gequälter Kinder, eine derartige gesellschaftliche Durchschlagskraft entwickeln? Die Antwort liegt in der gnadenlosen Kommerzialisierung der Angst. Als die großen Technologiekonzerne begannen, konspirative Inhalte von ihren Plattformen zu verbannen, verschwand die Szene nicht – sie passte sich an. Die Anhänger wichen auf unregulierte Netzwerke wie Telegram, Gab oder Parler aus.

Gleichzeitig entstand ein massives ökonomisches Ökosystem. Verschwörungstheorien sind heute ein florierendes Geschäftsmodell. Über Plattformen wie Amazon werden tausende thematisch gebrandete Produkte, von T-Shirts bis hin zu Büchern, vertrieben. Figuren wie Jim Watkins, der Betreiber des Message-Boards 8kun, monetarisieren die Paranoia durch den Verkauf von Kaffee oder nutzen politische Aktionskomitees wie „Disarm the Deep State“. Andere, wie der Influencer Dustin Nemos, verknüpfen den Verkauf von Verschwörungsliteratur nahtlos mit dem Vertrieb von Notnahrung für sogenannte Prepper, die sich auf den gesellschaftlichen Zusammenbruch vorbereiten. Es ist ein Kreislauf aus Panikmache und Profit.

Ein besonders bizarres Beispiel für diese Kulturindustrie ist die wundersame Wiederauferstehung des Magazins George. Ursprünglich in den 1990er Jahren von John F. Kennedy Jr. gegründet, wird es nun von einem QAnon-Theoretiker als Chefredakteur geführt. Die Käuferschaft wird von der wahnwitzigen Idee getrieben, Kennedy Jr. sei gar nicht bei einem Flugzeugabsturz gestorben, sondern lebe im Verborgenen, um sich eines Tages mit Donald Trump gegen die dunklen Mächte zu verbünden.

Dass solche Narrative auf derart fruchtbaren Boden fallen, ist kein Zufall. Die Popkultur hat die Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg auf diese Art des Denkens vorbereitet. Fernsehserien wie Akte X oder 24 haben einem Millionenpublikum beigebracht, dass die offizielle Geschichte immer eine Lüge ist, dass Verdacht ein Zeichen von Intelligenz darstellt und dass eine komplexe, nie endgültig gelöste Verschwörung weitaus fesselnder ist als die oft banale Realität. Der Konsument wird zum Mitautor eines eigenen, interaktiven Thrillers.

Die kognitive Dissonanz im Oval Office

Doch jede Fiktion kollidiert unweigerlich mit der Realität, sobald sie die Hebel der Macht übernimmt. Jahrelang klammerten sich QAnon-Gläubige an die Verheißung des „Storm“ – eines apokalyptischen Tages, an dem der Präsident den Sumpf trockenlegen, politische Feinde inhaftieren und die Kinderretter glorreich siegen würden. Ein zentraler Fixpunkt dieser Fantasie war der verstorbene Sexualstraftäter Jeffrey Epstein.

Als nun die brisanten Epstein-Akten endlich an die Öffentlichkeit drängten, rechnete die Basis mit der ultimativen Bestätigung ihres Weltbildes. Im Wahlkampf hatten Figuren wie der heutige FBI-Direktor Patel noch lautstark die Veröffentlichung der ominösen Kundenliste gefordert. Die Ernüchterung hätte brutaler nicht sein können. Das Justizministerium verkündete lapidar, es gebe keine solche Kundenliste, und bekräftigte, dass Epstein in seiner Gefängniszelle Suizid begangen habe. Noch verheerender für den Kult: In den Millionen veröffentlichten Dokumenten taucht der Name des Präsidenten, seiner Firmen und Weggefährten über 38.000 Mal auf.

Die Reaktion der Parteibasis ist ein toxisches Gemisch aus Wut und Verwirrung. Um die schreiende kognitive Dissonanz – wie der angebliche Retter der Kinder mit einem verurteilten Sexualstraftäter befreundet sein konnte – aufzulösen, verbiegen die Anhänger nun die Realität bis zur Unkenntlichkeit. Der Präsident, der selbst die Veröffentlichung der Dokumente lange verzögerte und die Untersuchungen als „Hoax“ abtat, wird blindlings verteidigt. Plötzlich, so die neue, zynische Sprachregelung innerhalb der Bewegung, sei Epstein gar nicht mehr so wichtig und die Akten würden den Präsidenten vollumfänglich entlasten. Man lässt die Fakten fallen, um den Anführer zu schützen.

Der rechte Bruderkrieg

Wenn der äußere Feind verschwimmt und die Heilsversprechen unerfüllt bleiben, richtet sich die destruktive Energie nach innen. Die amerikanische Rechte zerfleischt sich zunehmend selbst. Ein bezeichnendes Fanal dieser Selbstzerstörung ist die Ermordung des konservativen Aktivisten Charlie Kirk in Utah. Die Fakten deuten auf Tyler Robinson als Täter hin, einen Mann, dessen transsexueller Partner ihn offenbar radikalisierte und der durch Kirks Hetze gegen sexuelle Minderheiten motiviert war.

Für eine strategisch denkende politische Bewegung hätte dies ein Moment der geschlossenen Empörung sein müssen, eine perfekte Gelegenheit, den politischen Gegner zu dämonisieren. Doch der Verschwörungsmaschinerie genügt eine solch simple, tragische Realität nicht mehr. Influencer und Agitatoren suchten sofort nach den wahren, dunklen Hintermännern. Die populäre Podcasterin Candace Owens spann öffentlichkeitswirksam absurde Netze: Sie halluzinierte von Verstrickungen der französischen Fremdenlegion, dämonischen Zionisten und der US-Regierung. Schließlich bot sie gar einem Gast eine Plattform, der unterstellte, Kirks eigene Witwe, Erika, sei in das Attentat verwickelt gewesen. Ein Vermittlungsversuch durch die Moderatorin Megyn Kelly in Nashville scheiterte krachend.

Der Fall Kirk zeigt die Ohnmacht des traditionellen konservativen Establishments. Wortführer wie Ben Shapiro prangern „Scharlatane“ wie Owens, Tucker Carlson oder Steve Bannon zwar öffentlich an und warnen vor einer Bewegung, die im Sumpf von Unwahrheiten versinkt. Doch sie stehen auf verlorenem Posten. Die Algorithmen belohnen das Extreme. Owens erreicht ein Millionenpublikum auf Spotify und TikTok, ihre Videos werden millionenfach geklickt. In einer Welt, in der die traditionellen Wächter der Diskurse entmachtet sind, regieren die Influencer. Und da der Präsident nun wieder an der Macht ist und das Narrativ der heldenhaften Patrioten, die im Hintergrund die Fäden ziehen („Patriots are in control“), Risse bekommt, sucht sich die Paranoia ein klassisches, historisches Ventil: Sie mündet in reinem, unverhohlenem Antisemitismus.

Die menschliche Tragödie hinter den Klickzahlen

Hinter den lauten Schlagzeilen, den bizarren Mythen und dem zynischen Geschäftemachen verbirgt sich jedoch ein Ozean aus menschlichem Leid. Verschwörungsideologien sind kein abstraktes politisches Phänomen; sie zerschneiden die zartesten Bande der Gesellschaft, sie zerstören Familien und ruinieren Biografien.

Da ist das Schicksal von Emily Porter, einer ehemals erfolgreichen Anwältin und alleinerziehenden Mutter. Nach dem Suizid ihres Mannes und dem Auszug ihrer Kinder geriet sie in eine tiefe Isolation. Sie fand Trost in der QAnon-Erzählung, die ihr Halt und Struktur in einer Welt bot, die für sie aus den Fugen geraten war. Dieser Kult verzehrte sie so vollständig, dass sie sich schließlich gegen ihren eigenen, jüngsten Sohn Adam wandte – den Sohn, mit dem sie früher eine innige Verbindung teilte. In hasserfüllten E-Mails drohte sie ihm, er solle ihre DNA ablegen, und warnte ihn vor den Strafen, die über ihn hereinbrechen würden. Adam verlor sich fast selbst in dem verzweifelten Versuch, seine Mutter mit Fakten aus dem Wahn zu befreien, bis er kapitulieren musste, um sein eigenes Leben zu retten.

Solche Schicksale offenbaren die brutale Mechanik der Radikalisierung. Sie trifft Menschen, die auf tief unbefriedigte Bedürfnisse blicken, die Traumata erlitten haben oder vom System schlichtweg im Stich gelassen wurden. Es ist der Verlust einer gemeinsamen gesellschaftlichen Erzählung, der Menschen in die Arme von Heilsversprechen treibt. Wenn Gemeinschaften erodieren und traditionelle Bindungen zerreißen, wird die Teilnahme an einer fiktiven, kosmischen Schlacht zwischen Gut und Böse zu einem toxischen Ersatz für echte Zugehörigkeit.

Und während die einen leiden, bereichern sich andere schamlos daran. Während der Familienvater Matt das Ersparte seiner Familie für Edelmetalle opfert, um für den herbeigesehnten „Storm“ und den Zusammenbruch der Währung gerüstet zu sein, flüchtet sich seine von ihm entfremdete Frau Andrea in die falschen Versprechungen eines Multi-Level-Marketing-Unternehmens namens LuLaRoe. Beide suchen verzweifelt nach Autonomie und Erlösung – und beide enden vor Kisten voll unverkäuflicher Ware im heimischen Keller. Es ist eine Tragödie der vollkommenen Entfremdung.

Die Republikaner am Scheideweg

Der Blick in die Geschichte zeigt, dass die Anfälligkeit für solche Wahnwelten kein gänzlich neues Phänomen ist. Bereits 1967 veröffentlichte das Magazin Esquire Auszüge aus dem „Report From Iron Mountain“. Dieses Dokument, verfasst von einer angeblichen Geheimgruppe, behauptete eiskalt, dass Krieg als wirtschaftlicher Stabilisator unverzichtbar sei und Regierungen bei Bedarf außerirdische Bedrohungen oder Blutspiele erfinden müssten, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Obwohl das Ganze eine brillante, linksgerichtete Satire war, wurde es von weiten Teilen der amerikanischen Rechten als absolute, bittere Wahrheit adaptiert. Es war eine frühe Manifestation jenes „paranoiden Stils“, der das Misstrauen gegenüber Autoritäten mit einer erschreckenden Leichtgläubigkeit gegenüber dunklen Verschwörungen paart.

Heute jedoch hat dieser paranoide Stil das Zentrum der Macht erreicht. Die Republikanische Partei hat die Kontrolle über ihre eigenen Narrative weitgehend eingebüßt. Das Vakuum, das durch den Kollaps traditioneller politischer Institutionen und Leitmedien entstanden ist, wurde von Tech-Plattformen und deren Algorithmen gefüllt, die nicht für einen demokratischen Diskurs, sondern für maximale emotionale Erregung programmiert sind.

Die amerikanische Rechte steht an einem historischen Abgrund. Sie muss sich entscheiden. Auf der einen Seite steht das Bekenntnis zur Verfassung, zu einer faktenbasierten Realität und zum mühsamen, oft unbefriedigenden Prozess demokratischer Politik. Auf der anderen Seite lauert der totale Absturz in die Fieberträume der Internet-Trolle, die von Figuren wie Marjorie Taylor Greene oder Candace Owens bewirtschaftet werden.

Man kann nicht den heldenhaften Polizisten ehren, der das Kapitol beschützt, und gleichzeitig mit dem Mob sympathisieren, der ihn jagen wollte. Wer glaubt, er könne den Verschwörungs-Kapitalismus bloß als nützliches Werkzeug für den Machterhalt nutzen, irrt gewaltig. Die Geister, die sie riefen, sind längst keine dienenden Geister mehr. Sie sind zu den Herren im Haus geworden – und sie sind dabei, das Fundament der amerikanischen Republik restlos aufzufressen.

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