Die Demontage des Schutzes: Wie Amerikas Regierung die Impf-Infrastruktur zerschlägt

Illustration: KI-generiert

Es ist, als würde man dabei zusehen, wie bei einem gigantischen, fein justierten Gefährt mutwillig die Bremsen gelöst werden – und niemand in der Fahrerkabine scheint sich darum zu sorgen, wie schnell und zerstörerisch die Fahrt bergab gehen wird. Die Vereinigten Staaten erleben derzeit einen beispiellosen, ideologisch getriebenen Rückbau ihrer staatlichen Gesundheitsinfrastruktur. Einst besiegte Krankheiten kehren mit alarmierender Wucht zurück: Das Land verzeichnet aktuell die größten Masernausbrüche seit über drei Jahrzehnten. Allein im Bundesstaat South Carolina wütet ein Ausbruch mit mittlerweile über 875 erfassten Fällen. Bereits im April könnten Masern in den USA wieder offiziell als endemisch eingestuft werden – 26 Jahre, nachdem die Krankheit auf amerikanischem Boden eigentlich als ausgerottet galt.

Doch während die Fallzahlen steigen, vollzieht sich in Washington ein radikaler Paradigmenwechsel. Unter der Ägide von Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. wird die Gesundheitspolitik nicht länger von jahrzehntelanger wissenschaftlicher Evidenz diktiert, sondern von einer neuen politischen Doktrin. Es ist die Geschichte einer Frakturierung, in der medizinische Wahrheit zu einer parteipolitischen Glaubensfrage degradiert wird und der Staat seine Rolle als Beschützer der kollektiven Gesundheit aktiv ablegt.

Der persönliche Feldzug gegen die Grippeimpfung

Um die Tiefe dieses Umbaus zu verstehen, muss man den Blick auf die persönliche Motivation an der Spitze richten. Gesundheitsminister Kennedy macht aus seiner Abneigung gegen Impfungen kein Geheimnis, doch bei der Grippeimpfung offenbart sich eine fast intime Feindschaft. Kennedy macht den Piks öffentlich für seine eigene neurologische Stimmstörung verantwortlich, eine sogenannte spasmodische Dysphonie, und gibt an, sich seit 2005 nicht mehr gegen Grippe impfen zu lassen.

Es ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie persönliche Überzeugungen – losgelöst von wissenschaftlichen Fakten – zu Regierungspolitik mutieren. Führende Mediziner und Stimmspezialisten betonen unmissverständlich, dass es keinerlei wissenschaftliche Grundlage für Kennedys Behauptung gibt. Zwar findet sich der Begriff „Dysphonie“ – was schlichtweg eine abnormale Stimme oder Heiserkeit bedeutet – auf dem Beipackzettel eines bestimmten Grippeimpfstoffs. Die spasmodische Dysphonie jedoch ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, die die Muskeln des Kehlkopfs betrifft, und wird in keinem Zusammenhang mit dem Impfstoff gelistet.

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Dennoch ließ Kennedy am Tag nach seiner Vereidigung als Gesundheitsminister umgehend eine jahrzehntelange, von der Regierung getragene Werbekampagne für Grippeimpfungen stoppen. Die sogenannte „Wild to Mild“-Initiative der Gesundheitsbehörde CDC, die eindrücklich veranschaulichte, wie Impfungen die Schwere einer Grippeinfektion abmildern, wurde mitten in einer der verheerendsten Grippesaisons der letzten 15 Jahre – die das Leben von 289 Kindern forderte – ersatzlos gestrichen. Die internen Warnungen vor einem „erheblichen Reputationsrisiko“ für die Behörde verhallten ungehört. Es reichte ein einziges Dekret, um eine zentrale Säule der öffentlichen Gesundheitskommunikation einzureißen.

Die feindliche Übernahme der Gesundheitsbehörden

Dieser Akt war jedoch nur das Vorspiel für eine weitaus systematischere Entmachtung etablierter Institutionen. Die Art und Weise, wie die Bundesregierung im Januar die Liste der routinemäßig für Kinder empfohlenen Impfungen zusammenstrich, gleicht einem institutionellen Handstreich. Der amtierende CDC-Direktor Jim O’Neill – im Gegensatz zu all seinen Vorgängern kein Wissenschaftler – unterzeichnete im Alleingang ein Memo, das die Zahl der empfohlenen Routineimpfungen von 17 auf 11 reduzierte.

Mit einem Federstrich entfielen die breiten Empfehlungen für Impfungen gegen Grippe, Rotavirus, Hepatitis A und bestimmte lebensbedrohliche Meningokokken-Erkrankungen. Für diese Präparate gilt nun lediglich die schwammige Vorgabe einer „gemeinsamen klinischen Entscheidungsfindung“ zwischen Arzt und Patient. Karriere-Wissenschaftler der CDC zeigten sich „überrumpelt“ und wütend; sie erfuhren von dem radikalen Schritt erst, als Presseeinladungen verschickt wurden. Eine fachliche Konsultation der hausinternen Experten fand de facto nicht statt.

Noch eklatanter ist die Umgehung des Beratungsausschusses für Immunisierungspraktiken (ACIP). Dieses Gremium, das historisch in monatelangen, öffentlichen Sitzungen akribisch Daten wälzte, bevor es Empfehlungen aussprach, wurde schlichtweg ignoriert. Der Schritt entbehrt nicht einer gewissen Ironie, hatte Kennedy doch zuvor bereits alle 17 ursprünglichen Mitglieder des Ausschusses entlassen und durch eine Riege handverlesener Impfskeptiker ersetzt. Zu den Neuzugängen zählt etwa Dr. Kimberly Biss, die fälschlicherweise behauptet, COVID-Impfungen würden Fehlgeburten und Unfruchtbarkeit verursachen, und Impfstoffhersteller als „ekelhaft“ diffamiert.

Autonomie als oberstes Dogma – Die Rückkehr der Seuchen

Was hier geschieht, ist mehr als nur eine bürokratische Umstrukturierung; es ist die Erhebung einer radikalisierten Idee von individueller Autonomie über den kollektiven Seuchenschutz. Dr. Kirk Milhoan, der neue Vorsitzende des ACIP, machte dies unlängst in einem Podcast unmissverständlich klar. Er stellte selbst die elementarsten Impfungen gegen Polio und Masern infrage und regte an, diese womöglich rein optional anzubieten. Zwar bedauere er, wenn Menschen an impfpräventablen Krankheiten sterben, doch sei dies vergleichbar mit Menschen, die an den Folgen von Alkoholismus zugrunde gehen: „Entscheidungsfreiheit und schlechte gesundheitliche Ergebnisse“.

Diese Haltung negiert das grundlegende Wesen von Infektionskrankheiten. Wer sich gegen eine Impfung entscheidet, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch Säuglinge und immungeschwächte Menschen in seinem Umfeld. Doch für die neuen Architekten der US-Gesundheitspolitik ist jede Form von gesellschaftlichem Druck autoritär.

Die Konsequenzen dieses Dogmas sind bereits tödlich real. Seit Anfang 2025 sind drei ungeimpfte Menschen an Masern gestorben, darunter zwei kleine Kinder. Doch anstatt mit massiven Impfkampagnen gegenzusteuern, reagieren Bundesbeamte mit erschreckender Gleichgültigkeit. Ralph Abraham, der stellvertretende CDC-Direktor, bezeichnete die Aussicht auf endemische Masern in den USA lapidar als „die Kosten des Geschäfts“.

Noch düsterer wirken diese „Kosten“, wenn man auf die Geschichte der Kinderlähmung blickt. Polio ist für die meisten Amerikaner heute nur noch eine verblassende Erinnerung an eiserne Lungen und Beinprothesen. Der letzte große Ausbruch im Jahr 1952 tötete 3.000 Menschen und lähmte mehr als 20.000. Impfexperten warnen eindringlich: Würde die Polioimpfung in den USA ausgesetzt oder drastisch reduziert, wie es in Regierungskreisen diskutiert wird, würde das Land unweigerlich eine signifikante Rückkehr der paralytischen Polio erleben.

Der Angriff auf die mRNA-Technologie und die Biotech-Wirtschaft

Der ideologische Feldzug der Regierung macht auch vor den Laboren und Bilanzen der Pharmaindustrie nicht halt. Insbesondere die mRNA-Technologie – jene Innovation, die während der COVID-19-Pandemie noch als „Wunder der Moderne“ gefeiert wurde – ist zum Hauptfeindbild der neuen Administration avanciert.

Diese Feindseligkeit hat direkte regulatorische Konsequenzen. In einem beispiellosen Schritt weigerte sich die US-Arzneimittelbehörde FDA unter ihrem obersten Impfregulator Vinay Prasad im Februar zunächst, den Zulassungsantrag von Moderna für den weltweit ersten mRNA-basierten Grippeimpfstoff überhaupt zu prüfen. Erst nach einem gewaltigen Aufschrei der Industrie und Krisengesprächen revidierte die Behörde diese Entscheidung eine Woche später. Doch der Schaden für das Vertrauen in verlässliche Zulassungsprozesse ist immens.

Die sprunghaften, politisch motivierten Regeländerungen verschrecken Investoren tiefgreifend. Die Investmentfirma Blackstone, die 750 Millionen Dollar in die Entwicklung des Moderna-Impfstoffs investiert hatte, sah ihr Kapital plötzlich existenziell bedroht. Gleichzeitig hat die Regierung unter Minister Kennedy Verträge für mRNA-Technologie in Höhe von Hunderten Millionen Dollar schlichtweg storniert, darunter 500 Millionen Dollar der biodefensiven Agentur BARDA.

Die einst hochgelobte Biotech-Nation demontiert sich selbst, und die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind gravierend. Moderna musste bereits mehr als 800 Mitarbeiter – ein Zehntel seiner Belegschaft – entlassen und hat Forschungsarbeiten an Impfstoffen gegen Herpes, Windpocken, Epstein-Barr und Gürtelrose auf Eis gelegt. Kleinere Unternehmen trifft es noch härter: NTx Bio sagte Pläne für eine neue Fabrik in Texas ab, was 170 Arbeitsplätze kostete. Firmen wie Vaxcyte in San Francisco pausierten die Entwicklung wichtiger neuer Impfstoffe gegen Streptokokken, während andere wie TriLink BioTechnologies in San Diego Entlassungen ankündigen mussten.

Die trügerische Jagd auf Aluminium

Als wäre der Krieg gegen mRNA nicht genug, öffnet die Regierung nun eine weitere Front, die die gesamte Versorgung mit Kinderimpfstoffen ins Wanken bringen könnte. Präsident Trump selbst wies die FDA an, die Verwendung von Aluminium in Impfstoffen zu überprüfen, nachdem er auf einer Pressekonferenz Behauptungen aufstellte, das Metall sei schädlich. Gesundheitsminister Kennedy pflegt seit Jahren Verbindungen zu umstrittenen Forschern wie Christopher Exley, der Aluminium fälschlicherweise als „Ursache für tiefgreifenden Autismus“ bezeichnet.

Der wissenschaftliche Konsens sieht völlig anders aus. Aluminiumsalze werden seit den 1920er Jahren sicher als essenzielle Wirkverstärker in Impfstoffen eingesetzt. Die winzigen Mengen – oft nur ein Millionstel Gramm – gelten als absolut sicher. Eine gigantische Studie aus Dänemark, die die Daten von 1,2 Millionen Kindern über 24 Jahre auswertete, fand nicht den geringsten Beweis dafür, dass die Exposition gegenüber Aluminium in Impfstoffen das Risiko für Autismus, Asthma oder Allergien erhöht.

Sollte die Regierung dennoch ein Verbot dieser Adjuvantien erzwingen, wären die Folgen katastrophal. Laut Experten würde dies etwa die Hälfte der landesweiten Versorgung mit Kinderimpfstoffen – darunter Präparate gegen Keuchhusten, Polio und Grippe – sofort auslöschen. Eine Neuformulierung aller betroffenen Impfstoffe würde Hunderte Millionen Dollar kosten, Jahre dauern und das Land in dieser Zeitspanne wehrlos gegen potenziell tödliche Erreger machen.

Die Spaltung der Nation – Der Widerstand formiert sich

Die Demontage der föderalen Gesundheitsinfrastruktur bleibt jedoch nicht unwidersprochen. Da die einstigen Leitlinien der CDC als korrumpiert und unzuverlässig wahrgenommen werden, bauen Wissenschaft und medizinische Fachverbände hastig ein Parallelsystem auf. Die American Medical Association (AMA) – der größte Ärzteverband der USA – hat sich mit dem Vaccine Integrity Project zusammengetan, um fortan eigene, wissenschaftlich fundierte Analysen zu Impfstoffen zu erstellen. Sie tun dies, weil der ursprüngliche Evaluierungsprozess der CDC ihrer Einschätzung nach „faktisch kollabiert“ ist.

Gleichzeitig formiert sich juristischer und politischer Widerstand. Mehr als 100 Organisationen der öffentlichen Gesundheit haben sich hinter eine Klage der American Academy of Pediatrics gestellt, um die Änderungen der Regierung am Impfplan gerichtlich zu kippen. Auf politischer Ebene verweigern sich zahlreiche demokratisch regierte Bundesstaaten – darunter Illinois, Maryland, Pennsylvania und ein Bündnis der Westküstenstaaten (Kalifornien, Washington, Oregon, Hawaii) – den neuen CDC-Richtlinien gänzlich. Sie rufen ihre Bürger dazu auf, die Empfehlungen aus Washington zu ignorieren, und halten eisern am bewährten, umfassenderen Impfplan fest.

Es ist das finale Bild dieser Krise: Die Vereinigten Staaten zerfallen zusehends in ein Zwei-Klassen-Gesundheitssystem. Der Schutz eines Kindes vor einer eigentlich leicht zu verhindernden, tödlichen Krankheit hängt nicht mehr nur vom Stand der Medizin ab, sondern von der Postleitzahl und der politischen Farbe seines Wohnortes. Während Experten im Verborgenen um die Integrität der Forschung ringen und Ärzte verunsicherten Eltern gegenüberstehen, löst die Regierung weiter die Bremsen. Und unten im Tal, kaum noch aufzuhalten, warten die Seuchen der Vergangenheit auf ihre Rückkehr.

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