Die Amnestie der Gewalt: Wie die Begnadigung des 6. Januar die amerikanische Realität umschreibt

Illustration: KI-generiert

Fünf Jahre nach dem Sturm auf das Kapitol kehrt Donald Trump ins Weiße Haus zurück und löst sein Versprechen ein. Eine Rekonstruktion der totalen Umkehrung von Recht und Unrecht.

Es gibt zwei Amerikas im Januar 2026, und sie könnten unterschiedlicher kaum sein. Sie werden nicht durch geografische Grenzen getrennt, sondern durch zwei Männer, deren Schicksale untrennbar mit einem einzigen kalten Wintertag fünf Jahre zuvor verknüpft sind.

In den tiefen Wäldern von Mississippi lebt Thomas Webster. Er ist ein Mann, der sein Leben lang Uniformen trug – erst die der Marines, dann die der New Yorker Polizei. Heute trägt er die unsichtbare Last einer Geschichte, die er selbst kaum wiedererkennt. Er saß im Gefängnis, weil er am 6. Januar 2021 einen Polizisten am Kapitol mit einer Fahnenstange attackierte, ihn würgte und ihm ins Gesicht griff. Doch Webster sieht sich nicht als Täter. In seiner Welt, verstärkt durch die Echokammern des Internets und die Rhetorik des zurückgekehrten Präsidenten, ist er ein Patriot, der in eine Falle gelockt wurde. Die Begnadigung durch Donald Trump hat ihn aus der physischen Zelle befreit, aber sie hat ihm keinen Frieden gebracht. Er wartet noch immer auf eine „Wahrheit“, die ihn reinwäscht – eine offizielle Bestätigung, dass er das eigentliche Opfer war.

Tausend Kilometer nordöstlich, in Washington D.C., steht Daniel Hodges. Er ist jener Polizist, dessen schmerzverzerrtes Gesicht weltberühmt wurde, als er in einer Türöffnung des Kapitols von der Menge fast zerquetscht wurde. Nun, fünf Jahre später, bei der zweiten Amtseinführung von Donald Trump, steht er wieder im Dienst. Er blickt in ein Meer von roten Kappen, getragen von Menschen, die jenen applaudieren, der die Angreifer von damals nun freilässt. Für Hodges ist dieser Moment surreal, eine Dissonanz, die kaum zu ertragen ist: Die Menschen, die ihn töten wollten, werden rehabilitiert, während er und seine Kollegen, die die Demokratie verteidigten, als Verräter gebrandmarkt werden.

Diese beiden Männer stehen symbolisch für einen Riss, der nicht mehr heilt. Der 6. Januar 2026 markiert nicht, wie viele hofften, den Abschluss eines dunklen Kapitels. Er markiert den Moment, in dem die Realität offiziell auf den Kopf gestellt wurde.

Der Pakt der Gesetzlosigkeit – Trumps Tag eins

Es war ein Akt von atemberaubender Geschwindigkeit und symbolischer Wucht. Noch bevor sich der Staub der Inaugurationsfeiern gelegt hatte, setzte Donald Trump am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit seine Unterschrift unter ein Dokument, das die juristische Aufarbeitung des größten Angriffs auf die amerikanische Demokratie seit dem Bürgerkrieg mit einem Federstrich auslöschte. Es war keine selektive Gnade für einige wenige, die vielleicht nur unbedacht eine Absperrung übertreten hatten. Es war eine pauschale Amnestie, ein Freibrief für fast alle 1.600 Angeklagten.

Die Dimension dieses Vorgangs lässt sich kaum in Worte fassen. Unter den Begnadigten befinden sich nicht nur harmlose Mitläufer. Es sind Männer und Frauen, die Polizisten mit Bärenspray, Taser, Hockey-Schlägern und Fahnenstangen attackierten. Es sind die Anführer extremistischer Milizen wie der „Proud Boys“ und „Oath Keepers“, die wegen aufrührerischer Verschwörung verurteilt wurden – ein Tatbestand, der den Kern des Verrats berührt. Sie alle verließen die Gefängnisse, nicht weil neue Beweise ihre Unschuld belegten, sondern weil der Präsident beschlossen hatte, ihre Taten politisch umzudeuten.

US Politik Deep Dive: Der Podcast mit Alana & Ben

Die Begründung der Administration ist so simpel wie gefährlich: Diese Menschen seien keine Kriminellen, sondern „Geiseln“ einer politisierten Justiz gewesen. Doch was bedeutet das für den Rechtsstaat? Mit einem Schlag wurden Millionen von Steuergeldern, die in jahrelange Ermittlungen flossen, und über 1.000 Schuldbekenntnisse wertlos. Es ist, als hätte man die Geschichte zurückgespult und neu aufgenommen, diesmal mit vertauschten Rollen. Die Botschaft, die von diesem „Tag eins“ ausgeht, ist unmissverständlich: Gewalt ist ein legitimes Mittel der Politik, solange sie dem richtigen Mann dient. Wer das Gesetz bricht, um den Führer zu schützen, wird belohnt. Wer das Gesetz verteidigt, um ihn einzuschränken, wird bestraft.

Diese Amnestie ist mehr als ein juristischer Akt; sie ist eine kulturelle Neudefinition. Sie signalisiert, dass Treue zur Person über der Treue zur Verfassung steht. Für Männer wie James Grant, der einen Polizisten angriff und nun auf seine vollständige Rehabilitierung hofft, ist dies der Moment der Erlösung. Für den Rest der Welt ist es das Signal, dass in Amerika ab sofort andere Regeln gelten.

Revisionismus per Webdesign – Die neue offizielle Geschichte

Wenn Geschichte von den Siegern geschrieben wird, dann erleben wir nun die digitale Version dieses alten Sprichworts. Pünktlich zum fünften Jahrestag des Aufstands ging auf der Website des Weißen Hauses eine neue Seite online, die nichts weniger versucht, als das kollektive Gedächtnis der Nation zu überschreiben. Es ist ein Dokument des staatlich verordneten Gaslightings, eine offizielle Proklamation alternativer Fakten.

In dieser neuen Erzählung sind nicht die Randalierer die Aggressoren. Nein, die Schuld wird, in einer atemberaubenden Volte, den Verteidigern zugeschoben. Die Website behauptet allen Ernstes, die Kapitol-Polizei habe die Gewalt initiiert, indem sie friedliche Demonstranten grundlos angegriffen habe. Die Polizisten, die stundenlang im Nahkampf ihre Stellung hielten, werden zu den eigentlichen Provokateuren umgedichtet.

Noch zynischer ist der Umgang mit den Opfern. Die Seite listet akribisch die Namen der Randalierer auf, die an jenem Tag oder in dessen Folge starben, und stilisiert sie zu Märtyrern. Doch die Polizeibeamten? Sie existieren in dieser Version der Geschichte schlicht nicht. „Kein Strafverfolgungsbeamter verlor sein Leben“, behauptet die Zeitleiste kühn. Die Realität – die 140 verletzten Beamten, die Knochenbrüche, die Hirnverletzungen, die verlorenen Augen, die späteren Suizide aus Verzweiflung über das Erlebte – all das wird ausradiert. Es ist eine bewusste Auslöschung menschlichen Leids, um das Narrativ der sauberen, patriotischen Erhebung nicht zu gefährden.

Auch politisch wird abgerechnet. Mike Pence, der Mann, der sich weigerte, die Verfassung zu brechen, wird auf der offiziellen Regierungsseite der „Feigheit“ bezichtigt. Die Demokraten werden beschuldigt, eine „Gaslighting-Erzählung“ erfunden zu haben, um unschuldige Amerikaner zu verfolgen. Es ist eine totale Inversion der Realität: Diejenigen, die die Institutionen schützten, sind nun die Verräter; diejenigen, die sie stürmten, sind die Helden.

Diese Website ist kein bloßes PR-Manöver. Sie ist das Fundament einer neuen Staatsideologie. Sie gibt den Millionen Anhängern, die an die Lüge der gestohlenen Wahl glauben, den offiziellen Segen des höchsten Amtes. Sie macht aus einer Verschwörungstheorie Regierungspolitik.

„Back the Blue“? – Der Verrat an der Polizei

Es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass ausgerechnet die Partei, die sich jahrelang das Mantra „Back the Blue“ – Unterstützung für die Polizei – auf die Fahnen schrieb, nun die Architekten ihres größten Verrats sind. Für die Beamten, die am 6. Januar ihren Kopf hinhielten, ist die Begnadigungswelle nicht nur eine politische Entscheidung. Es ist ein persönlicher Angriff, ein Dolchstoß in den Rücken durch jene, die sie zu schützen geschworen hatten.

Aquilino Gonell, ein ehemaliger Kapitol-Polizist, der im Kampf gegen den Mob schwer verletzt wurde, findet dafür drastische Worte: Es sei ein „Stich ins Herz“. Er hat seine Gesundheit verloren, seine Karriere, seine Freunde. Und nun muss er zusehen, wie der Staat, für den er alles gab, seinen Peinigern den roten Teppich ausrollt.

Das Schweigen der großen Polizeigewerkschaften zu diesem Vorgang ist dröhnend. Die „Fraternal Order of Police“, die größte Vertretung der Branche, unterstützte Trump 2024 erneut – wissend, was er plante. Es scheint, als habe die politische Loyalität zum starken Mann die Solidarität mit den eigenen Kollegen in Uniform verdrängt. Officer Hodges steht mit seiner Verwirrung nicht allein da. Er fragt sich, wie Kollegen, die dabei waren oder die Videos sahen, weiterhin diesen Mann unterstützen können.

Die psychischen Wunden sind tief. Harry Dunn, ein weiterer Veteran jenes Tages, beschreibt das Gefühl, die Wiederwahl Trumps und die folgenden Begnadigungen mitzuerleben, als würde man dem Untergang der Titanic zusehen – man weiß, was kommt, und doch schmerzt es. Vier ihrer Kollegen haben sich in den Monaten nach dem Angriff das Leben genommen, zerbrochen an dem Trauma und der fehlenden Unterstützung.

Für Männer wie Hodges bleibt die bittere Erkenntnis, dass ihre Opferbereitschaft in der neuen politischen Währung nichts mehr wert ist. Er hat akzeptiert, dass er in der Geschichte, die Trump schreibt, keine Rolle als Held spielen darf. Aber er weigert sich, die Lüge zu akzeptieren. „Es gibt kein Narrativ“, sagt Dunn oft. „Spielt einfach das Band ab“. Doch in Washington wird das Band gerade überspielt.

Die Entfesselung der „Zombie-Armee“

Wer glaubte, die Begnadigungen würden Frieden bringen oder die Gemüter beruhigen, hat die Dynamik der Radikalisierung unterschätzt. Statt Dankbarkeit und Demut zu zeigen, kehren viele der Begnadigten mit einer neuen, gefährlichen Anspruchshaltung in die Gesellschaft zurück. Experten sprechen von einer „Zombie-Armee“, einer Masse von Menschen, die jahrelang mit der Erzählung gefüttert wurden, sie seien Opfer, und die nun nach „rotem Fleisch“ hungern.

Am fünften Jahrestag des Aufstands marschierten sie wieder durch Washington. Doch diesmal war es kein Marsch der Reue. Es war ein Triumphzug der Unbelehrbaren. „Vergeltung ist das, was wir suchen“, verkündete Enrique Tarrio, der ehemalige Anführer der Proud Boys, der dank Trump wieder auf freiem Fuß ist. Für ihn und viele andere ist die Freiheit nicht genug. Ohne Rechenschaft, so ihre Logik, gibt es keine Gerechtigkeit. Und Rechenschaft bedeutet für sie: Bestrafung ihrer einstigen Ankläger.

Die Szenen am Rande dieses Marsches waren bezeichnend. Begnadigte Straftäter umringten Polizisten, beschimpften sie als „mörderischen Abschaum“ und „Untermenschen“. Es ist eine Welt, in der jede Norm des zivilen Umgangs gefallen ist. Die Begnadigung hat ihre Taten nicht nur strafrechtlich getilgt, sondern moralisch validiert.

Doch die Wut dieser Gruppe richtet sich inzwischen auch gegen die eigenen Idole. Da sie fest an die Verschwörungstheorie glauben, dass das FBI den Sturm inszeniert hat (die sogenannte „Fedsurrection“), erwarten sie nun von der Trump-Regierung Taten. Sie verstehen nicht, warum FBI-Direktor Kash Patel oder Justizministerin Pam Bondi nicht sofort Hunderte von angeblichen Deep-State-Agenten verhaften lassen. Die Logik der Verschwörung frisst ihre eigenen Kinder: Wenn Trump an der Macht ist und die „Wahrheit“ kennt, warum handelt er nicht? Diese Dissonanz treibt die Radikalisierung weiter voran und schafft ein Pulverfass, das auch für die Regierung Trump gefährlich werden könnte.

Der Preis des „Patriotismus“ – Forderung nach Restitution

In dieser verdrehten neuen Welt ist es nur konsequent, dass aus Tätern Opfer werden, die entschädigt werden wollen. Die Begnadigung wird in den Kreisen der „J6er“, wie sie sich selbst nennen, nur als erster Schritt gesehen. Was folgt, ist die Forderung nach finanzieller Wiedergutmachung für die Jahre im Gefängnis, die verlorenen Jobs, die zerbrochenen Ehen.

Jeffrey Grace, der seinen Job als Fernfahrer verlor, von seiner Frau verlassen wurde und nun in seinem Lkw lebt, bringt es auf den Punkt: Er hat seine Karriere verloren, weil er für das einstand, woran er glaubte. Nun erwartet er, dass der Staat ihm das zurückgibt, was er verloren hat. „Ich baue jetzt aus dem Nichts auf“, sagt Guy Reffitt, das erste Mitglied einer Miliz, das verurteilt wurde. „Ich fühle persönlich, dass wir etwas zurückbekommen sollten“.

Es formiert sich eine juristische Front. Anwälte wie Mark McCloskey, bekannt geworden durch das Schwenken eines Gewehrs auf Black-Lives-Matter-Demonstranten, bereiten Klagen gegen das Justizministerium vor. Ihr Ziel ist kühn: Ein Entschädigungsfonds, ähnlich jenem für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September. Man muss sich diese historische Perversion vor Augen führen: Der Staat soll jene bezahlen, die versuchten, ihn gewaltsam zu stürzen.

Die Trump-Administration zögert noch. Offiziell gibt es „keinen Appetit“ auf direkte Zahlungen, wohl wissend, wie explosiv dieses Thema politisch wäre. Doch die Büchse der Pandora ist geöffnet. Indem Trump diese Menschen jahrelang als Patrioten und Opfer bezeichnete, hat er eine Erwartungshaltung geschaffen, die sich nicht einfach mit einer Unterschrift unter ein Begnadigungsdekret befriedigen lässt.

Die institutionelle Waffe – Das Justizministerium schlägt zurück

Während die Fußsoldaten nach Geld rufen, nutzt die Führung im Weißen Haus das Justizsystem für eine andere Art der Abrechnung. Das Ministerium, einst Stolz der unabhängigen Strafverfolgung, wird systematisch zur Waffe gegen politische Gegner umgebaut. Schlüsselpositionen wurden mit Loyalisten besetzt: Kash Patel als FBI-Direktor, Pam Bondi als Justizministerin. Ed Martin, ein Mann, der Spenden für die J6-Angeklagten sammelte, leitet nun eine Arbeitsgruppe, die explizit die Aufgabe hat, die Ermittler von damals zu untersuchen.

Die Jäger sind zu Gejagten geworden. Staatsanwälte, FBI-Agenten und sogar Richter, die lediglich ihren Job machten und das Gesetz anwandten, sehen sich nun internen Untersuchungen und der Androhung von Anklagen gegenüber. Es ist eine Säuberungswelle, die darauf abzielt, jede institutionelle Erinnerung an den Rechtsstaat auszulöschen. Karrierebeamte, die auf Unparteilichkeit pochten, wurden entlassen oder degradiert.

Doch selbst in diesem Klima der Rache gibt es Risse. Dan Bongino, ein ehemaliger Podcaster, der zum stellvertretenden FBI-Direktor ernannt wurde, stolperte über die eigenen Verschwörungstheorien. Als er öffentlich erklärte, dass die Geschichte von den FBI-gepflanzten Rohrbomben Unsinn sei, geriet er in Konflikt mit der Basis und musste zurücktreten. Es zeigt, wie fragil das Konstrukt aus Lügen ist, wenn es auf die Realität der Regierungsverantwortung trifft. Die Revolution frisst ihre Kinder, und die Wahrheit bleibt das erste Opfer.

Leben in der alternativen Realität – Webster in Mississippi

Zurück in Mississippi sitzt Thomas Webster in seinem Haus, das er erst nach seiner Entlassung beziehen konnte, und versucht, die Scherben seines Lebens zusammenzusetzen. Er ist umgeben von einer Gemeinschaft, die ihn schützt, indem sie nicht fragt. „Es steht uns nicht zu, zu urteilen“, sagen die Leute im örtlichen Laden. Es ist eine wohlwollende Ignoranz, die es Webster ermöglicht, in seiner Blase zu leben.

Doch tief im Inneren herrscht Chaos. Webster leidet an einer tiefen kognitiven Dissonanz. Er weiß, was er getan hat – die Videos lügen nicht –, aber er kann es nicht in sein Selbstbild als „Beschützer“ integrieren. Also flüchtet er sich in die Konstruktion der Provokation: Der Polizist habe angefangen, er habe sich nur verteidigt. Er klammert sich an die Lüge der gestohlenen Wahl wie an einen Rettungsring, denn wenn die Wahl nicht gestohlen war, dann war sein Opfer sinnlos, sein Gefängnisaufenthalt eine Schande und seine Gewalt ein Verbrechen.

Er hat Angst vor dem Urteil der Geschichte. Wenn er vor Publikum spricht, überkommen ihn die Emotionen, nicht aus Reue, sondern aus der Angst, als Verbrecher in Erinnerung zu bleiben. Er wartet auf den Tag, an dem die „ganze Wahrheit“ ans Licht kommt – eine Wahrheit, die ihn bestätigt. Doch diese Wahrheit existiert nicht. Und so bleibt Webster, trotz Begnadigung, ein Gefangener seiner eigenen Realitätsverweigerung. Er glaubt immer noch, dass Trump der einzige ist, der den „Deep State“ reinigen kann. Er ist bereit, diesem Mann alles zu glauben, weil die Alternative – die Einsicht in die eigene Verfehlung – ihn zerbrechen würde.

Demokratie am Kipppunkt – Eine Warnung

Was wir erleben, ist mehr als eine Episode politischer Turbulenzen. Es ist ein Stresstest für die Fundamente der Republik, und das Gebäude zeigt bedenkliche Risse. Experten warnen, dass die massenhaften Begnadigungen einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen: Sie normalisieren politische Gewalt.

Wenn der Angriff auf das Kapitol, das Herzstück der friedlichen Machtübergabe, straffrei bleibt, ja sogar glorifiziert wird, was hindert zukünftige Akteure daran, noch weiter zu gehen? Wir steuern auf eine Situation zu, in der paramilitärische Gruppen loyal zur Regierungspartei stehen, aber nicht zur Verfassung – in der Gewissheit, dass der Führer sie schützen wird, solange sie ihm dienen.

Der Konsens darüber, was Realität ist, ist zerbrochen. Für die eine Hälfte Amerikas war der 6. Januar ein Putschversuch, für die andere ein „Tag der Liebe“ und des legitimen Widerstands. Diese Spaltung lässt sich nicht mehr durch Fakten heilen, denn die Fakten selbst sind zur Verhandlungsmasse geworden. Trump bereitet bereits den Boden für die nächste Eskalation vor, indem er warnt, dass die Republikaner bei einer Niederlage bei den Zwischenwahlen 2026 sofort ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn starten würden. Der Zyklus aus Drohung, Gewalt und Lüge dreht sich weiter.

Die offenen Wunden

Fünf Jahre danach sind die physischen Barrikaden am Kapitol längst verschwunden. Der Marmor ist gereinigt, die Fenster sind repariert. Doch die unsichtbaren Gräben, die sich durch das Land ziehen, sind tiefer und breiter denn je. Die Begnadigung hat keine „nationale Versöhnung“ gebracht, wie Trump versprach. Sie hat den Konflikt institutionalisiert und die Täter ermächtigt.

Solange Männer wie Thomas Webster auf eine fiktive Wahrheit warten und Männer wie Daniel Hodges gezwungen sind, in einer Welt zu leben, die ihr Leiden leugnet, wird Amerika nicht zur Ruhe kommen. Die Geschichte des 6. Januar wird gerade neu geschrieben – nicht mit Tinte, sondern mit der Macht des Amtes. Und in dieser neuen Geschichte ist die Wahrheit das erste Opfer einer Amnestie, die alles verzeiht, aber nichts vergisst.

Nach oben scrollen