
Es ist der 9. Februar 2026. Während in den klimatisierten Konferenzräumen von Abu Dhabi und bald Miami über Frieden verhandelt wird, erfrieren in Kiewer Wohnungen die Hoffnungen auf Gerechtigkeit. Der Krieg wird nicht mehr auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern im amerikanischen Kalender.
Der Kontrast könnte schmerzhafter kaum sein. Hier die gedämpfte Atmosphäre diplomatischer Zirkel, in denen Männer in teuren Anzügen über „tragfähige Kompromisse“ und „Freihandelszonen“ philosophieren. Dort, knapp 4000 Kilometer entfernt, der beißende Frost einer osteuropäischen Winternacht, in der Millionen Menschen darauf warten, dass der Strom für jene kostbaren anderthalb Stunden zurückkehrt, die ihnen das Überleben in ihren ausgekühlten Plattenbauten ermöglichen.
Wir schreiben das vierte Jahr dieses Krieges, und wer glaubte, die Erschöpfung würde die Waffen zum Schweigen bringen, sieht sich getäuscht. Im Gegenteil: Der Konflikt tritt in seine vielleicht gefährlichste Phase ein. Denn über dem Geschehen schwebt nicht mehr das vage Ziel eines Sieges, sondern eine harte, bürokratische Deadline. Washington hat die Uhr gestellt. Juni 2026. Bis dahin, so die unmissverständliche Botschaft aus dem Weißen Haus, muss der Deal stehen. Nicht, weil das Leid der Ukrainer dann ein Ende haben muss, sondern weil im November in den USA Zwischenwahlen anstehen. Der Friede als Wahlkampfgeschenk – das ist die zynische Währung, in der heute Weltpolitik gehandelt wird.
Der amerikanische Taktstock: Politik vor Moral
Es ist ein offenes Geheimnis, das nun zur offiziellen Doktrin erhoben wurde. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat bestätigt, was in diplomatischen Depeschen längst zirkulierte: Die US-Administration unter Donald Trump hat ein Ultimatum gesetzt. Die Zeit der unbegrenzten Unterstützung ist vorbei, ersetzt durch einen Zeitplan, der sich an den Bedürfnissen der Republikanischen Partei orientiert, nicht an der Sicherheitsarchitektur Europas.
Die Logik dahinter ist von bestichender, wenn auch brutaler Einfachheit. Trump will den Krieg vom Tisch haben, bevor der amerikanische Wähler zur Urne schreitet. Die jüngsten Gespräche in Abu Dhabi, an denen Unterhändler der Ukraine, Russlands und der USA teilnahmen, wurden zwar als „konstruktiv“ bezeichnet, doch der Mangel an greifbaren Ergebnissen erhöht den Druck. Nun zieht die diplomatische Karawane weiter – direkt in die Höhle des Löwen. Die nächste Runde soll in den Vereinigten Staaten stattfinden, voraussichtlich in Miami. Dass Washington diesen Ortswechsel forciert, ist mehr als nur Symbolik. Es ist eine Machtdemonstration. Wer den Verhandlungstisch deckt, bestimmt das Menü.

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In Kiew hat man die Zeichen der Zeit erkannt, wohl oder übel. Außenminister Andrij Sybiha sprach kürzlich einen Satz aus, der wie eine Kapitulation vor der Realität klingt: „Nur Trump kann den Krieg beenden.“ Es ist das Eingeständnis, dass die eigene Handlungsfähigkeit, so heroisch der Widerstand auch sein mag, an den Grenzen amerikanischer Interessen endet. Die Ukraine will die Dynamik nutzen, bevor sie von ihr überrollt wird. Doch die Gefahr ist immens: Wenn der Zeitdruck zum einzigen Parameter wird, bleiben Inhalte auf der Strecke. Ein „Sommerfrieden“, der lediglich die Frontlinien einfriert, wäre kein Ende des Krieges, sondern nur dessen Pause – und ein stillschweigendes Nicken in Richtung Moskaus aggressiver Expansion.
Der Schatten-Deal: 12 Billionen Gründe für den Ausverkauf
Was Kiews Führung in diesen Tagen den Schlaf raubt, ist nicht nur die drohende russische Offensive, sondern das, was in den Hinterzimmern geflüstert wird. Das Misstrauen gegenüber dem vermeintlichen Schutzherrn in Washington wächst. Zu Recht. Denn während öffentlich über Sicherheitsgarantien debattiert wird, liegen auf den Tischen der Macht offenbar Angebote, die jeden Moralisten erschaudern lassen würden.
Im Zentrum steht das sogenannte „Dmitriew-Paket“. Benannt nach Kirill Dmitriew, dem Chef des russischen Staatsfonds und Vertrauten Putins, skizziert dieses Papier eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den USA und Russland in einem atemberaubenden Umfang: Zwölf Billionen Dollar. Es ist der Versuch Moskaus, sich den Weg aus der Paria-Rolle freizukaufen. Die Aufhebung von Sanktionen gegen gigantische Investitionsversprechen – ein Deal, wie er Donald Trump gefallen könnte, dem Mann, der Politik stets wie eine Immobilientransaktion behandelt.
Selenskyjs Angst vor einem solchen „Geheimdeal“ ist greifbar. Er warnt davor, dass Washington und Moskau über die Köpfe der Ukrainer hinweg Fakten schaffen könnten. Souveränität ist nicht verhandelbar, so das Mantra aus Kiew. Doch wenn Billionen im Raum stehen und geopolitische Neuordnungen winken – etwa die Ausrichtung der USA gegen China, für die man Russland als stillen Partner bräuchte –, wie viel ist dann das Wort eines ukrainischen Präsidenten noch wert? Die Befürchtung ist, dass die Ukraine im Juni nicht als Partner am Tisch sitzt, sondern als Menü serviert wird.
Die militärische Realität: Das Sterben im Industriemaßstab
Während die Diplomaten Papiere tauschen, schafft die Realität an der Front blutige Tatsachen. Der Krieg hat sich technologisch häutet und ist tödlicher denn je. Die Zeiten, in denen Frontlinien klare Striche auf einer Landkarte waren, sind vorbei. Durch den massiven Einsatz von Drohnenschwärmen ist das, was Militärs die „Todeszone“ nennen, auf eine Tiefe von zwanzig Kilometern angewachsen. In diesem Streifen ist Bewegung gleichbedeutend mit dem Tod.
Die Zahlen, die diesen Horror quantifizieren, sind kaum zu fassen. Schätzungen gehen davon aus, dass die Gesamtzahl der Verluste – Tote und Verwundete auf beiden Seiten – in diesem Frühjahr die Zwei-Millionen-Marke überschreiten wird. Auch wenn Selenskyj nun erstmals die Zahl von 55.000 gefallenen ukrainischen Soldaten nennt, eine Zahl, die vermutlich die unterste Grenze des Vorstellbaren markiert, ändert dies nichts an der Dimension des Schlachtens. Es ist ein Abnutzungskrieg, der Generationen verschlingt.
Und das Schlimmste steht wohl erst noch bevor. Militärbeobachter und Nachrichtendienste warnen unisono: Der Kreml nutzt den Winter nicht zur Erholung, sondern zur Akkumulation. Hunderttausende Soldaten werden zusammengezogen. Das Ziel ist eine Großoffensive im späten Frühling, genau in jenem Zeitfenster vor dem amerikanischen Ultimatum. Die Stoßrichtung scheint klar: Slowjansk und Kramatorsk. Fielen diese Bastionen im Donbass, wäre das mehr als ein taktischer Verlust; es wäre der Bruch des ukrainischen Rückgrats im Osten. Später soll der Süden bei Saporischschja folgen.
Moskau will verhandeln, aber nicht auf Augenhöhe, sondern als Sieger, der den Stiefel im Nacken des Gegners hat. Dafür setzt Russland auch auf neue Waffen wie die „Oreschnik“-Raketen und profitiert paradoxerweise von den Launen westlicher Tech-Milliardäre. Dass Elon Musks Starlink-Systeme zeitweise nicht mehr zuverlässig für die ukrainische Verteidigung arbeiten oder gar von russischen Truppen genutzt werden, zeigt, wie fragil die technologische Lebensader Kiews geworden ist.
Der Krieg gegen die Wärme: Terror als Verhandlungsmasse
Doch Putins Krieg kennt keine Unterscheidung zwischen Soldat und Zivilist. Seine effektivste Waffe in diesem Winter ist nicht die Artillerie, sondern die Kälte. Systematisch wird die ukrainische Energieinfrastruktur in Schutt und Asche gelegt. In Kiew ist Strom zum Luxusgut verworden. Wenn Bürgermeister Vitali Klitschko meldet, dass über 1100 Gebäude in der Hauptstadt ohne Heizung sind, dann ist das bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt kein logistisches Problem, sondern ein humanitäres Desaster.
Diese Strategie des Kälteterrors zielt darauf ab, den Widerstandswillen der Bevölkerung zu brechen, bevor die Tinte unter irgendeinem Vertrag trocken ist. Russland eskaliert dabei bis an die Schmerzgrenze des Westens. Der jüngste Angriff auf ein Umspannwerk in Nowowolynsk, keine fünf Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, war ein Spiel mit dem Feuer. Wer so nah an NATO-Territorium bombardiert, testet nicht nur die ukrainische Luftabwehr, sondern die Nerven des Bündnisses.
Die Ukraine, in die Ecke gedrängt, schlägt nun mit gleicher Münze zurück. Selenskyj hat russische Energieanlagen zu legitimen Zielen erklärt. Raffinerien brennen, Infrastruktur in Belgorod und Poltawa wird attackiert. Es ist die Logik der Verzweiflung: Wenn wir frieren, sollt ihr brennen. Eine Spirale, die sich bis zum Juni immer schneller drehen wird.
Risse im Kreml und globale Verschiebungen
Ist der russische Koloss also unbesiegbar? Keineswegs. Hinter der Fassade der Stärke zeigen sich Risse, die tief in den Sicherheitsapparat reichen. Das spektakuläre Attentat auf den hochrangigen GRU-General Wladimir Alexejew mitten in Moskau ist ein Indiz dafür, dass der Krieg auch in Russland angekommen ist – sei es durch ukrainische Hand oder, wie manche in Kiew vermuten, durch interne Machtkämpfe im Schlangennest der russischen Dienste. Dass der FSB reflexartig eine „polnische Spur“ konstruiert, wirkt wie der verzweifelte Versuch, von der eigenen Verwundbarkeit abzulenken.
Gleichzeitig bröckelt die globale Sicherheitsarchitektur. Das Auslaufen des „New Start“-Atomvertrags markiert das Ende einer Ära der Rüstungskontrolle. Trump fordert einen „modernisierten“ Vertrag, doch bis dahin herrscht das Recht des Stärkeren. Dass die USA parallel dazu wichtige NATO-Kommandoposten in Neapel und Norfolk an europäische Verbündete abgeben, mag man als „Lastenteilung“ verkaufen. In Wahrheit ist es ein weiteres Signal des amerikanischen Rückzugs. Europa soll seinen Hof selbst bestellen, während Washington sich dem Pazifik zuwendet. Für die Ukraine, die auf den amerikanischen Schutzschirm angewiesen ist wie ein Patient auf die Beatmung, sind das Hiobsbotschaften.
Die europäische Kakophonie und die Einsamkeit Kiews
Und Europa? Der Kontinent, auf dessen Boden dieser Krieg tobt, bietet das Bild eines orchestrierten Chaos. Während Berlin pflichtschuldig Moskau zu „Kompromissen“ mahnt, fällt Viktor Orbán der Ukraine offen in den Rücken. Der ungarische Premier bezeichnet das Nachbarland nun unverhohlen als „Feind“, solange es Forderungen in Brüssel stellt. Es ist diese Kakophonie, die Putin ermutigt. Ein Europa, das nicht mit einer Stimme spricht, wird in Moskau nicht gehört.
Inmitten dieses geopolitischen Lärms bleibt den Menschen in der Ukraine nur ihr bitterer Humor und eine fast übermenschliche Resilienz. Nichts fängt die Stimmung in Kiew besser ein als die Zeilen von Jurij Andrejew, einem Patienten auf einer Kiewer Krebsstation, der zwischen Chemotherapie und Luftalarm Gedichte schreibt. „Kiew weint nicht laut“, notiert er. „Es hat keine Zeit dafür. Hier verschiebt man das Weinen auf später, wie das Leben, wie den Schlaf.“
Es ist ein Dokument der absoluten Einsamkeit. Die Menschen haben gelernt, „zwischen Einschlag und Kaffee“ zu leben, sie haben Panik durch Memes ersetzt und halten ihre Stadt mit „Verlängerungskabeln und Sturheit“ am Laufen. Doch hinter dieser Tapferkeit verbirgt sich eine tiefe Erschöpfung. Wenn Andrejew schreibt, dass die Kinder heute schneller in die Schutzräume rennen als früher zu den Schaukeln, dann ist das eine Anklage an eine Welt, die sich an diesen Zustand gewöhnt hat.
Der Preis des Schweigens
Die kommenden Monate bis zum Juni werden die blutigsten dieses Krieges werden. Das ist die tragische Paradoxie von Friedensfristen: Sie beenden das Töten nicht sofort, sie beschleunigen es zunächst. Beide Seiten werden versuchen, ihre Verhandlungsposition – das zynische Wort „Leverage“ – mit Blut und Eisen zu maximieren. Russland will den Donbass vollenden, die Ukraine muss beweisen, dass sie kein gescheiterter Staat ist.
Doch die Zeit arbeitet gegen Kiew. Der finnische Militärgeheimdienst analysiert nüchtern: Russlands Wirtschaft wankt, die Inflation frisst die Löhne, aber der Kollaps bleibt aus. Putin kann den Krieg noch dieses Jahr und vielleicht das nächste Jahr führen. Die Ukraine hingegen hängt am Tropf einer US-Administration, die den Stecker ziehen will.
Wenn im Juni der Hammer fällt, droht ein Frieden, der kein Frieden ist, sondern ein Diktat. Ein Abkommen, das auf Hinterzimmer-Deals mit Oligarchen basiert und nicht auf dem Völkerrecht. Sollte der Westen, sollte Europa nicht in der Lage sein, echte, harte Sicherheitsgarantien zu liefern, die über vage Versprechen hinausgehen, dann war das Opfer der 55.000 ukrainischen Soldaten und der unzähligen Zivilisten umsonst. Dann hätte Donald Trump seinen Deal, Putin sein Territorium und Europa seine Ruhe. Aber es wäre die Ruhe eines Friedhofs.


