Der unsichtbare Krieg: Wie Washington Kuba in den Kollaps treibt – und was danach droht

Illustration: KI-generiert

Es ist eine geradezu gespenstische Szenerie, die sich auf den nautischen Karten des Karibischen Meeres abzeichnet. Öltanker, schwer beladen mit dem Lebenselixier einer ganzen Nation, ziehen endlose Schleifen auf dem offenen Wasser, ändern plötzlich ihren Kurs oder kehren mit vollen Frachträumen in ihre Heimathäfen zurück. Es ist das Bild einer lautlosen Belagerung. Was sich derzeit rund um die Küsten Kubas abspielt, ist die erste effektive Blockade der Insel seit den dramatischen Tagen der Kubakrise im Jahr 1962. Doch dieser moderne Konflikt wird nicht primär mit Kriegsschiffen und nuklearen Drohgebärden ausgetragen. Es ist ein hochkomplexer, asymmetrischer Schattenkrieg, in dem Washington ökonomische Erpressung, juristische Präzisionswaffen und militärische Einschüchterung zu einem Würgegriff kombiniert, der den kommunistischen Staat unaufhaltsam in die Knie zwingt.

Die de facto Seeblockade und das Energie-Vakuum

Man kann ein Land auf viele Arten zerstören; ihm die Energie zu entziehen, ist die subtilste und gleichzeitig brutalste Methode. Kuba produziert lediglich 40 Prozent seines eigenen Treibstoffbedarfs. Der Rest musste über Jahrzehnte importiert werden, wobei Venezuela in Spitzenzeiten täglich 35.000 Barrel Öl lieferte. Doch als die Vereinigten Staaten im Januar in einem Handstreich die Kontrolle über die venezolanische Ölproduktion übernahmen, wurde diese lebenswichtige Nabelschnur abrupt durchtrennt.

Die Trump-Administration begnügte sich jedoch nicht mit dem Fall des venezolanischen Lieferanten. Durch eine weitreichende Durchführungsverordnung wurden drakonische Zölle gegen jedes Land angedroht, das es wagen sollte, Kuba weiterhin mit Öl zu beliefern. Die Drohung entfaltete sofortige Wirkung: Selbst traditionelle Verbündete wie Mexiko sahen sich gezwungen, ihre Lieferungen einzustellen, aus Angst vor dem wirtschaftlichen Zorn Washingtons.

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Wie engmaschig dieses Netz gespannt ist, zeigt das Schicksal der Ocean Mariner. Der Tanker hatte im kolumbianischen Barranquilla über 84.000 Barrel Schweröl geladen und nahm Kurs auf Kuba. Doch nur 65 Meilen vor der kubanischen Küste zwang ein unmissverständliches Geleit der US-Küstenwache das Schiff zu einer abrupten Kehrtwende und eskortierte es stattdessen in die Gewässer der Bahamas. Andere Schiffe, wie die Gas Exelero, verbrannten auf verzweifelten Fahrten nach Curaçao wertvollen Treibstoff, nur um ohne frische Ladung zurückkehren zu müssen. Es ist eine lückenlose Isolationsstrategie, die den Inselstaat buchstäblich austrocknet.

Der humanitäre Kollaps und das Paradoxon der Hilfe

Wenn die Maschinen stehen bleiben, beginnt das menschliche Leid. Der Entzug von Treibstoff hat eine fatale Kettenreaktion ausgelöst, die das einst stolze kubanische Gesundheitssystem an den Rand des totalen Zusammenbruchs geführt hat. Es ist, als würde man bei einem ohnehin fragilen Patienten die lebenserhaltenden Apparate vom Netz nehmen. Chronisch Kranke zahlen den höchsten Preis: Rund fünf Millionen Menschen bangen um ihre Behandlungen. Darunter sind 16.000 Krebspatienten, die dringend auf Strahlentherapie warten, und 12.400 Menschen, die eine Chemotherapie benötigen. Rettungswagen stehen mit leeren Tanks in den Depots, während in den verfallenden Krankenhäusern der Strom ausfällt.

Die Infrastruktur des täglichen Lebens zerfällt in einem atemberaubenden Tempo. Der Müll türmt sich in den Straßen von Havanna, weil die Müllabfuhr mangels Diesel ihre Routen nicht mehr abfahren kann. In dieser dystopischen Realität betrachten sich mittlerweile 89 Prozent der Kubaner als in „extremer Armut“ lebend.

Inmitten dieser von Washington orchestrierten Verelendung offenbart sich ein zynisches Paradoxon: Während die USA die Energieversorgung der Insel abschnüren, kündigte das State Department humanitäre Hilfslieferungen in Höhe von sechs Millionen Dollar an – Lebensmittel und Solarlampen, die über die katholische Kirche verteilt werden sollen. Es ist der Versuch, den Brand zu löschen, den man selbst gelegt hat, um sich als Retter der Zivilbevölkerung zu inszenieren. Gleichzeitig versuchen Staaten wie Kanada mit acht Millionen Dollar UN-Nahrungsmittelhilfe und Mexiko mit Marineschiffen voller Bohnen und Milchpulver, die klaffenden Wunden der Gesellschaft notdürftig zu verbinden.

Der juristische Frontalangriff vor dem Supreme Court

Während auf den Straßen Havannas der Müll verrottet, wird in den elitären Hallen Washingtons eine weitere, nicht minder zerstörerische Front eröffnet. Die Waffe der Wahl ist hier die Historie selbst, gegossen in Paragrafen. Nach Jahrzehnten der diplomatischen Zurückhaltung hat die Trump-Administration den Titel III des sogenannten Helms-Burton-Gesetzes aktiviert. Diese lange ruhende Bestimmung erlaubt es amerikanischen Staatsbürgern und Unternehmen, vor US-Bundesgerichten gegen jeden zu klagen, der wirtschaftlichen Profit aus Eigentum schlägt, das die kubanische Regierung nach der Revolution enteignet hat.

Der Supreme Court verhandelt nun historische Präzedenzfälle, die das Potenzial haben, die globale Investitionslandschaft in Kuba dauerhaft zu verbrannte Erde zu machen. Da ist die Havana Docks Company, deren Hafenanlagen 1960 konfisziert wurden und deren einstiger Anspruch von gut neun Millionen Dollar heute inflationsbereinigt fast 100 Millionen Dollar schwer ist. Sie verklagt große Kreuzfahrtunternehmen, die zwischen 2015 und 2019 – in der kurzen Tauwetter-Phase unter Präsident Obama – mindestens 130 Millionen Dollar an kubanische Staatsfirmen für die Nutzung ebendieser Docks zahlten. Ein weiterer Fall betrifft den Energiegiganten Exxon Mobil, der kubanische Staatsunternehmen wegen enteigneter Raffinerien verklagt.

Dieser juristische Feldzug ist weit mehr als eine späte Wiedergutmachung; er ist ein scharfes außenpolitisches Instrument. Ein Urteil zugunsten der Kläger würde eine massive Abschreckungswirkung entfalten. Experten für Völkerrecht warnen die obersten Richter bereits eindringlich, dass eine solche Rechtsprechung die internationalen Beziehungen tiefgreifend destabilisieren könnte. Es droht eine Kaskade von Haftungsklagen, die auch staatliche Unternehmen aus China, Russland oder befreundeten europäischen Nationen treffen könnte, sollten diese den Fehler begehen, in Kuba Geschäfte zu machen. Es ist der juristische Bau einer unsichtbaren Mauer um die Insel.

Eskalation auf See – Der Speedboot-Zwischenfall

Die Spannungen haben längst das Stadium abstrakter Sanktionen und Gerichtsurteile verlassen. Im Karibischen Meer wird wieder geschossen. Ein tödlicher Zwischenfall vor der kubanischen Küste illustriert die explosive Nervosität der Region: Ein in Florida registriertes Speedboot, besetzt mit zehn in den USA lebenden kubanischen Staatsangehörigen, lieferte sich ein Feuergefecht mit kubanischen Grenztruppen. Die blutige Bilanz: vier Tote und sechs Verletzte an Bord des Schnellbootes, sowie ein verwundeter kubanischer Kommandant.

Die Narrative über dieses Ereignis prallen so hart aufeinander wie die Kugeln auf dem Wasser. Havanna spricht von einer bewaffneten Infiltration mit „terroristischen Zielen“ und präsentiert eine Liste von beschlagnahmten Sturmgewehren, Molotowcocktails und kugelsicheren Westen. Die Behörden veröffentlichten Namen und verwiesen auf kriminelle Vergangenheiten der Insassen. In den USA hingegen wies Außenminister Marco Rubio jede staatliche Beteiligung kategorisch zurück und kündigte unabhängige Ermittlungen an. Der Generalstaatsanwalt von Florida sprach gar von einem „Massaker“ und sprach dem kommunistischen Regime jegliches Vertrauen ab.

Solche Gefechte reißen alte, tiefe historische Wunden auf. Sie wecken Erinnerungen an die desaströse Schweinebucht-Invasion von 1961 oder den Abschuss der unbewaffneten zivilen Flugzeuge der „Brothers to the Rescue“ im Jahr 1996. Wenn verzweifelte Exil-Kubaner auf eigene Faust militärische Operationen starten, verschwimmt die Linie zwischen Aktivismus und Eskalation, und das Karibische Meer wird erneut zum Pulverfass.

Die geopolitische Architektur und die „Donroe-Doktrin“

Hinter diesem orchestrierten Druckaufbau steht eine klare ideologische und strategische Architektur. Der maßgebliche Architekt ist US-Außenminister Marco Rubio, selbst Sohn kubanischer Einwanderer, der die historische Sehnsucht nach einem Sturz des Castro-Regimes in offizielle Regierungspolitik übersetzt hat. Unter der Trump-Administration formiert sich eine Strategie, die intern als „Donroe-Doktrin“ bezeichnet wird – eine Neuauflage der Monroe-Doktrin, die unmissverständlich die uneingeschränkte Dominanz Washingtons in der westlichen Hemisphäre proklamiert.

Die Umsetzung dieser Doktrin ist so kompromisslos wie rücksichtslos. Auf einem Gipfel erklärte Rubio karibischen Staatschefs unverblümt, dass Venezuela nach dem US-Eingreifen heute besser dastehe. Die Botschaft an Havanna war ebenso klar: Der Status quo in Kuba sei inakzeptabel und müsse sich ändern. Um diese Rhetorik mit militärischer Macht zu untermauern, haben die USA ihre Präsenz in der Karibik massiv ausgebaut – es ist der größte Aufmarsch seit Generationen. Unter dem Deckmantel der Drogenbekämpfung wurden bereits Dutzende verdächtige Boote auf offener See zerstört, Einsätze, bei denen weit über hundert Menschen starben.

Doch die geopolitische Härte hat auch eine sehr pragmatische, innenpolitische Komponente. Die unerbittliche Linie gegen Havanna ist auch ein politisches Kalkül, das direkt auf die einflussreiche kubanisch-amerikanische Wählerschaft in Florida zielt, deren Unterstützung für Trumps Wahlerfolge in der Vergangenheit von entscheidender Bedeutung war. Außenpolitik wird hier zur Fortsetzung der Innenpolitik mit drastischen Mitteln.

Zusammenbruch, Dialog oder Chaos?

Das kubanische Regime wankt. Selbst langjährige Beobachter und Analysten, die den baldigen Untergang Havannas schon oft fälschlicherweise vorhergesagt haben, sind sich einig: Diesmal ist die Lage existenziell, der Zustand der Gesellschaft unhaltbar. Präsident Miguel Díaz-Canel signalisiert zwar eine grundsätzliche Bereitschaft zum Dialog mit Washington , verlangt jedoch Verhandlungen auf Augenhöhe, ohne Vorbedingungen und fernab von Einmischungen in innere Angelegenheiten. Es ist die trotzige Rhetorik eines Ertrinkenden, der Bedingungen für seine Rettung stellt, während ihm das Wasser bereits bis zum Hals steht.

Die menschlichen Kosten dieses geopolitischen Zermürbungskrieges sind bereits jetzt astronomisch. In den vergangenen sechs Jahren ist fast eine Million Kubaner – rund ein Zehntel der Bevölkerung – in einer beispiellosen Massenflucht von der Insel geflohen. Wenn die staatliche Ordnung endgültig kollabiert, droht eine noch gewaltigere Welle der Verzweiflung.

Die vielleicht drängendste Frage lautet jedoch: Was kommt danach? Washington mag über die Instrumente verfügen, das kommunistische System in die Knie zu zwingen, doch ein tragfähiger Plan für den Tag nach dem Fall ist nicht erkennbar. Es gibt auf der Insel keine organisierten, demokratischen Strukturen, die in ein Machtvakuum vorstoßen könnten. Die Opposition wurde über Jahrzehnte systematisch inhaftiert oder ins Exil getrieben. Auch die Diaspora im Ausland ist tief gespalten zwischen jenen, die auf Rache sinnen, und jenen, die einen pragmatischen Wiederaufbau fordern.

Die Trump-Administration hat eindrucksvoll demonstriert, dass sie ein verhasstes Regime durch maximalen Druck aushungern kann. Doch indem sie Kuba in den Kollaps treibt, riskiert sie nicht nur das Leben von Millionen unschuldigen Zivilisten, sondern auch ein sicherheitspolitisches Chaos direkt vor der eigenen Haustür. Das Lösen der Bremsen mag einen historischen Feind vernichten, aber der Aufprall wird die gesamte Region erschüttern.

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