Der Sündenbock im Schatten des Madman

Illustration: KI-generiert

Donald Trump zelebriert auf der Weltbühne militärische Triumphe und inszeniert sich als unfehlbaren Dealmaker. Seinen Vizepräsidenten J.D. Vance schickt er derweil in aussichtslose diplomatische Missionen und demontiert ihn öffentlich. Ein Porträt über die toxische Anatomie der Macht.

Die Choreografie der Abwesenheit

Als im Jahr 2026 zum dritten Mal die Sonne über Amerika aufgeht, tritt Donald Trump im heimischen Palm Beach vor die Kameras. Von seinem Wohnzimmer aus hat der Präsident soeben einen Staatsstreich in der venezolanischen Hauptstadt Caracas orchestriert. Der Autokrat Nicolás Maduro und seine Ehefrau wurden aus ihrem Hochsicherheits-Schlafzimmer entführt und über Guantanamo in ein Gefängnis nach Brooklyn verfrachtet. Zeitgleich schließt die US-Regierung mit Maduros ehemaliger Stellvertreterin einen Pakt zur Ausbeutung der gewaltigen venezolanischen Ölreserven. Es ist ein geopolitischer Paukenschlag von beispielloser Dreistigkeit, den Trump mit den Worten feiert, so etwas habe es noch nie gegeben. Doch das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Triumph ist das Personal, das im Lichtkranz des Präsidenten stehen darf.

Neben Trump sonnen sich Außenminister Marco Rubio, Verteidigungsminister Pete Hegseth und US-Generalstabschef Dan Caine. J.D. Vance, der nominell zweitmächtigste Mann des Staates, fehlt. Diese eklatante Abwesenheit in den Momenten der Machtausübung zieht sich wie ein roter Faden durch den Beginn des Jahres. Als Trump am Ostermontag eine epische Pressekonferenz abhält, um die Rettung eines im Iran abgeschossenen US-Soldaten als historische Großtat zu zelebrieren, flankieren ihn erneut Caine, Hegseth und CIA-Direktor John Ratcliffe. Hegseth stilisiert die Operation, die mit einem Abschuss am Karfreitag begann und am dritten Tage mit der Ausfliegung endete, zu einer modernen Ostergeschichte. Trump belohnt seinen Verteidigungsminister mit einem anerkennenden Faustschlag, doch sein Vizepräsident glänzt abermals durch Abwesenheit.

Diese Auslassungen sind keine Zufälle, sondern symptomatisch für die Architektur der neuen Trump-Administration. Als Mitte Februar bei einem Geheimtreffen im Situation Room des Weißen Hauses die Weichen für das verheerende Bombardement des Iran gestellt werden, sitzt Trump mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und seinem innersten Zirkel zusammen. Vance weilt zeitgleich in Aserbaidschan. Das Treffen sei derart kurzfristig anberaumt worden, dass es der Vizepräsident schlicht nicht rechtzeitig zurück nach Washington geschafft habe. Netanjahu hingegen schaffte es. Während Trump den folgenden Tag und das gestellte Ultimatum als einen der wichtigsten Momente der Weltgeschichte preist, absolviert Vance Wahlkampfhilfe im fernen Ungarn. Der Vizepräsident wird systematisch von den Schalthebeln der militärischen Eskalation ferngehalten.

US Politik Deep Dive: Der Podcast mit Alana & Ben

Der unfreiwillige Diplomat in der Zeitzange

Nun jedoch, Wochen nach den ersten Bombardements und inmitten tausender Toter, wird Vance aus der strategischen Isolation geholt. Er soll in Islamabad die amerikanische Verhandlungsdelegation leiten, um den Krieg mit dem Iran diplomatisch zu beenden. Flankiert wird er dabei von zwei Männern, deren Nähe zum Präsidenten nicht formeller, sondern geschäftlicher Natur ist: Jared Kushner und Steve Witkoff. Bereits im Februar hatten Trumps Schwiegersohn und sein Sondergesandter in drei Verhandlungsrunden mit Teheran versucht, einen Deal auszuhandeln. Ihr damaliges Fazit war ernüchternd. Man könne etwas erreichen, doch die Iraner trieben Spielchen, und der Prozess werde Monate dauern, so das Duo laut Berichten. Trump ließ wenige Tage nach dieser Einschätzung bombardieren.

Die Zeitspanne für einen diplomatischen Erfolg hat sich inzwischen dramatisch verknappt. Statt Monaten bleiben dem neuen Verhandlungstrio exakt zwölf Tage. Die Ausgangslage ist desaströs, die Verhandlungspositionen liegen noch weiter auseinander als vor Beginn der militärischen Auseinandersetzung. Der US-Präsident selbst hatte vorab in der Nacht verkündet, der Iran habe einem detaillierten Zehn-Punkte-Plan zugestimmt, der eine zweiwöchige Waffenruhe und die Öffnung der strategisch entscheidenden Meerenge von Hormus umfasse. Doch die iranische Seite demontiert diese Erzählung umgehend. Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf konstatiert öffentlich, drei Kernpunkte dieses Plans seien bereits von amerikanischer Seite verletzt worden. Er nennt das Eindringen einer Drohne in den iranischen Luftraum und die fundamentale Verweigerung der Urananreicherung als Beispiele. Unter diesen Vorzeichen, so Ghalibaf, ergebe ein bilateraler Waffenstillstand keinen Sinn.

Auch die Lage an der Straße von Hormus offenbart die tiefe Kluft zwischen Washingtoner Rhetorik und nahöstlicher Realität. Obwohl der Iran die Öffnung der Wasserstraße im Rahmen der Waffenruhe formal zugesagt hatte, meldete die iranische Nachrichtenagentur Fars zuletzt eine vollständige Unterbrechung der Öltanker-Durchfahrten. Unabhängige Daten des Schiffsbeobachters Windward widerlegen die Darstellung der US-Regierung, wonach bereits eine größere Zahl von Schiffen die Route passiere. Lediglich elf Schiffe durchquerten die Meerenge, was dem extrem niedrigen Niveau der Vortage entspricht. Teheran rechtfertigt die andauernde Blockade explizit mit den massiven israelischen Angriffen auf den Libanon. Der Libanon wird somit zum unkontrollierbaren Sprengsatz für die Gespräche in Pakistan.

Während Trump kategorisch ausschließt, dass der Libanon Teil der Vereinbarung sei, und die Schuld dafür der Hisbollah gibt, pocht Irans Präsident Massud Peseschkian darauf, dass eine Waffenruhe im Libanon eine absolute und zentrale Bedingung darstelle. Die militärische Eskalation ist blutige Realität: Israel hat seine Angriffe auf das Zentrum von Beirut massiv ausgeweitet, was laut libanesischem Gesundheitsministerium hunderte Tote und Verletzte forderte. Vance sieht sich gezwungen, öffentlich Warnungen in Richtung Teheran zu senden. Er droht mit ernsthaften Konsequenzen, sollten die Iraner die Verhandlungen an der Libanon-Frage scheitern lassen, und spricht von einem „Missverständnis“, da die USA das Land nie in die Feuerpause einbezogen hätten. Pakistans Ministerpräsident Shehbaz Sharif, der die Waffenruhe ursprünglich vermittelte, hatte zuvor noch das genaue Gegenteil behauptet.

Sandwich-Diplomatie und öffentliche Demontage

Das Umfeld, in dem Vance diese unlösbare diplomatische Gleichung lösen soll, ist von tiefer Illoyalität geprägt. Seine Mitgesandten Witkoff und Kushner agieren mit einer völlig anderen Art von Machtkapital. Kushner verfügt über exzellente Netzwerke im Nahen Osten, orchestrierte in der ersten Amtszeit die Abraham Accords und kennt den israelischen Hardliner Netanjahu seit seiner eigenen Kindheit. Witkoff wiederum, ein Immobilieninvestor ohne jegliche diplomatische Vorbildung, genießt das grenzenlose persönliche Vertrauen Trumps. Die beiden Männer freundeten sich in den Achtzigerjahren nachts um drei Uhr bei einem Schinken-Käse-Sandwich in einem New Yorker Deli an und entwickelten sich zu engen Geschäfts- und Golfpartnern. Sie verhandeln nicht mit der Autorität eines Amtes, sondern mit der Autorität der persönlichen Gunst.

Für Vance hingegen hält der Präsident vorwiegend Demütigungen bereit. Das Amt des US-Vizepräsidenten ist historisch betrachtet notorisch erniedrigungsanfällig. Schon Franklin D. Roosevelts Stellvertreter John Nance Garner attestierte dem Posten einst, nicht einmal „einen Krug warmer Spucke wert“ zu sein. Doch Trump treibt diese strukturelle Bedeutungslosigkeit auf eine neue, persönliche Spitze. Bei einem privaten, später geleakten Lunch in Washington kurz vor Ostern führt Trump seinen Stellvertreter vor versammelten Gästen regelrecht vor. Er blickt in die Runde, fragt nach Vances Verbleib und kommentiert dann süffisant dessen Gewichtsverlust, was umgehend Gelächter im Saal auslöst. Die Szenerie gleicht dem Umgang eines Monarchen mit seinem Hofnarren.

Als Trump Vance nach dem Stand des Iran-Deals fragt, fällt er ihm kurzerhand ins Wort, ohne die Antwort abzuwarten. Mit brutaler Offenheit erklärt der Präsident sein politisches Kalkül: Sollte der Deal scheitern, werde er die gesamte Schuld bei Vance abladen. Komme das Abkommen jedoch zustande, streiche er selbst das uneingeschränkte Lob ein. Die anwesenden Gäste quittieren diese Ankündigung mit lautem Lachen. Auch wenn diese Zurschaustellung von Zynismus als typischer Trump-Humor verpackt wird, sendet sie ein klares Signal über den wahren Stellenwert des Mannes aus Ohio. Der Präsident überträgt Vance nicht etwa eine historische Chance, sondern delegiert den größten außenpolitischen Schlamassel seiner Amtszeit an ihn weiter. Es ist ein veritables Verliererthema, aus dem Vance nun einen Sieg formen soll.

Isolationismus als ungewollte Währung

Dass ausgerechnet Vance für diese Mission ausgewählt wurde, entbehrt nicht einer gewissen geopolitischen Ironie. Die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh bemüht zur Erklärung von Trumps Nahost-Eskalation die sogenannte „Madman-Theorie“. Dieses von Richard Nixon geprägte Konzept zielt darauf ab, politische Gegner durch extrem irrational wirkende Drohungen, wie etwa die Auslöschung ganzer Kulturen, in die Knie zu zwingen. In der Logik dieser Theorie spielt Trump den Verrückten nur, um diplomatische Erpressungspotenziale zu maximieren. Doch die Realität der Angriffe ist blutig und völkerrechtswidrig. In diesem Szenario der Unberechenbarkeit steht Vance regierungsintern für das absolute Gegenteil.

Der Vizepräsident verkörpert eine konsequente America-First-Haltung, die sich strikt gegen militärische Einmischungen in fremde Konflikte richtet. Vance hat seine Ablehnung eines Militäreinsatzes gegen den Iran weder öffentlich noch hinter verschlossenen Türen verheimlicht. Bereits im Wahlkampf warnte er eindringlich, ein Krieg mit Teheran sei eine massive Verschwendung nationaler Ressourcen und provoziere die Gefahr eines Dritten Weltkriegs. Kein anderer Akteur im innersten Machtzirkel soll intensiver versucht haben, den Präsidenten von den Bombardements abzubringen. Das Weiße Haus hat mittlerweile erkannt, dass genau diese standhafte, isolationistische Grundhaltung Vance zu einem unerwartet glaubwürdigen Verhandlungspartner in Pakistan macht.

Für die Mullahs in Teheran ist der einstige Kriegsgegner Vance ein greifbarer Kontrast zum martialischen Madman-Auftreten Trumps und dem blinden Pro-Israel-Kurs des restlichen Kabinetts. Hinter den Kulissen sollen es Berichten zufolge sogar die Iraner selbst gewesen sein, die über inoffizielle diplomatische Kanäle ausdrücklich Vances Teilnahme an den Gesprächen in Islamabad einforderten. Zwar dementierten sowohl Vances Team als auch das Weiße Haus diese Darstellung offiziell, doch die Logik dahinter ist unbestreitbar. Dass die iranische Führung nach den gescheiterten Februar-Verhandlungen das Vertrauen in die elitären Dealmaker Kushner und Witkoff völlig verloren hat, ist ein überaus plausibles Szenario. Vance wird somit nicht wegen seines politischen Gewichts entsandt, sondern weil sein tief verwurzelter Isolationismus die einzige verbliebene diplomatische Währung der Amerikaner darstellt.

Flirt mit dem radikalen Rand

Während der Vizepräsident auf dem diplomatischen Parkett an Einfluss verliert, sucht er sein politisches Heil zunehmend an den extremen Rändern der eigenen Basis. Das „America Fest“ in Arizona, eine gigantische Zusammenkunft im Coachella-Stil, hat sich längst zum wahren Machtzentrum der neuen Rechten entwickelt. Hier versammeln sich Zehntausende, um die nationalistisch-populistische Ausrichtung der Partei zu feiern. Auf dem hochkarätigen Line-up dieser Veranstaltung prangt J.D. Vances Name an allererster Stelle, noch vor Ideologen wie Steve Bannon oder Tucker Carlson. Traditionelle Konservative oder Vertreter des Establishments sucht man auf dieser Bühne hingegen vergeblich.

Vance nutzt dieses Vakuum, um sich der radikalen Online-Gefolgschaft anzubiedern. Auf Social-Media-Plattformen interagiert der nominell zweitmächtigste Mann der Welt völlig ungeniert mit nachrangigen rechten Influencern. Er debattiert etwa mit einer Aktivistin namens Sarah Stock, die offen rassistische Verbote für Einwanderer aus Indien fordert und tief im Milieu des weißen Nationalismus verwurzelt ist. Anstatt sich von solchen Extremisten zu distanzieren, lässt sich Vance auf ihre Diskurse ein. Er versucht rhetorisch zu lavieren und behauptet, es gäbe einen klaren Unterschied zwischen der simplen Ablehnung des Staates Israel und echtem Antisemitismus.

Diese kalkulierte Zweideutigkeit ist ein gefährliches Spiel um die Gunst der Jugend. Vance erkennt, dass die politische Energie seiner Partei nicht mehr bei den etablierten Eliten liegt, sondern bei einer lautstarken, verschwörungstheoretischen und isolationistischen Bewegung. Um sich für eine mögliche Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2028 in Stellung zu bringen, muss er genau diese Wählergruppen an sich binden. Doch der Preis für diese Anbiederung ist hoch. Er isoliert sich zusehends von den moderaten Kräften und manövriert sich in eine Abhängigkeit von radikalen Strömungen, die er letztlich kaum kontrollieren kann.

Der Rivale im State Department

Die politische Schwäche des Vizepräsidenten öffnet Tür und Tor für machthungrige Konkurrenten innerhalb des Kabinetts. Allen voran Außenminister Marco Rubio profiliert sich als unaufhaltsamer Aufsteiger und größte Gefahr für Vances zukünftige Ambitionen. Während Vance wiederholt durch Abwesenheit in Krisenmomenten glänzt, wird Rubio von Donald Trump mit geradezu penetranter Häufigkeit gelobt. Der Außenminister besetzt zunehmend die prestigeträchtigen internationalen Bühnen, auf denen sich üblicherweise der Vizepräsident als Staatsmann inszenieren würde.

Ein Sinnbild dieser Machtverschiebung ist die Münchner Sicherheitskonferenz. Während Vance mit undankbaren, aussichtslosen Aufgaben im Nahen Osten oder abstrusen Wahlkampfauftritten betraut wird, übernimmt Rubio den hochkarätigen Auftritt in Bayern. Rubio baut systematisch sein Profil als verlässlicher außenpolitischer Architekt aus, während der Vizepräsident zum tragischen Hofnarren degradiert wird. Die einstige Gewissheit, dass Vance im Jahr 2028 automatisch das Erbe der MAGA-Bewegung antreten wird, ist mittlerweile vollkommen erodiert. Trump selbst hält in Hintergrundgesprächen kokett die Frage nach seinem Wunschnachfolger offen.

Die harten Zahlen belegen diesen dramatischen Bedeutungsverlust eindrucksvoll. Auf der stramm konservativen CPAC-Konferenz in Texas, einem verlässlichen Seismographen für die Stimmung an der Parteibasis, stürzen Vances Zustimmungswerte kontinuierlich ab. Zwar führt er noch mit 53 Prozent, doch die Tendenz ist drastisch fallend. Sein Rivale Rubio hingegen verzeichnet eine regelrechte Explosion der Beliebtheit: Binnen eines einzigen Jahres schießt der Außenminister bei der Frage nach dem nächsten Präsidentschaftskandidaten von kümmerlichen drei auf stolze 35 Prozent in die Höhe. Wenn dieser Trend anhält, ist der Tag, an dem Rubio den Vizepräsidenten überholt, nur noch eine Frage der Zeit.

Budapest als Fluchtpunkt

Inmitten des innenpolitischen Drucks sucht Vance nach internationalen Allianzen und findet sie ausgerechnet in Zentraleuropa. Fünf Tage vor einer hochgradig brisanten Parlamentswahl reist der Vizepräsident nach Budapest, um dem ungarischen Premierminister Viktor Orbán beizuspringen. Orbán gilt in den Kreisen der amerikanischen Rechten längst als leuchtendes Vorbild, da er vorführt, wie man staatliche Institutionen kapert, um eine konservativ-christliche Vision gegen Linke und Minderheiten durchzusetzen. Vances Auftritt ist ein historischer Tabubruch: Selten zuvor hat sich eine amerikanische Regierungsspitze derart offen in den Wahlkampf einer fremden Nation eingemischt.

Vor Tausenden begeisterten ungarischen Patrioten greift Vance tief in die populistische Trickkiste. Er warnt vor einer „woken“ Indoktrination und stilisiert Orbán zum ultimativen Feindbild der progressiven Eliten. Mit scharfer Rhetorik attackiert er die Institutionen der Europäischen Union und wirft den „gesichtslosen Bürokraten in Brüssel“ vor, die ungarische Wirtschaft gezielt zerstören zu wollen. In einer beispiellosen Verdrehung der Tatsachen bezeichnet der Vizepräsident rechtmäßige finanzielle Sanktionen der EU als „eines der schlimmsten Beispiele für ausländische Wahleinmischung“, die er je gesehen habe.

Die sorgsam choreografierte Inszenierung in Budapest gerät jedoch zur Farce, als Donald Trump sich telefonisch in die Veranstaltung zuschalten lässt. Der Präsident wird auf Lautsprecher gestellt und nutzt die Gelegenheit, um Orbán vor der johlenden Menge in den höchsten Tönen zu loben. Trump degradiert seinen eigenen Vizepräsidenten kurzerhand zum Stichwortgeber und fragt das Publikum amüsiert, ob J.D. denn eine gute Rede gehalten habe. Die bittere Pointe: Vance hatte zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges Wort seiner eigentlichen Ansprache gehalten. Selbst auf seinem eigenen europapolitischen Ausflug bleibt Vance lediglich ein Statist im Schatten des Präsidenten.

Der absurde Anti-Betrugs-Feldzug

Zurück in den Vereinigten Staaten erwartet Vance die nächste zweifelhafte Ehrung: Donald Trump ernennt ihn offiziell zum „Fraud Czar“, dem obersten Aufseher zur Bekämpfung von Sozialbetrug. Der Vizepräsident steht nun an der Spitze einer eigens ins Leben gerufenen Task Force, die Steuergelder schützen und Leistungsmissbrauch eindämmen soll. Doch der Feldzug ist von Beginn an hochgradig politisiert. Trump macht in den sozialen Netzwerken unmissverständlich klar, dass sich die Ermittlungen primär auf demokratisch regierte Bundesstaaten – die sogenannten „Blue States“ – konzentrieren werden.

Die Administration nutzt den Vorwurf des Betrugs als blanke Waffe gegen politische Gegner. So versucht das Gesundheitsministerium, die gewaltige Summe von zehn Milliarden Dollar an Fördergeldern für fünf demokratisch geführte Staaten schlichtweg einzufrieren. Man bedient das Narrativ, dass korrupte demokratische Politiker den beispiellosen Diebstahl von Steuergeldern dulden würden. Dass Sozialbetrug laut bundesstaatlichen Datenraten in republikanischen Bezirken exakt im selben Ausmaß stattfindet, wird von der Task Force geflissentlich ignoriert. Der „Fraud Czar“ leitet keine objektive Aufklärung, sondern eine parteipolitische Strafexpedition.

Die absolute Heuchelei dieser Initiative offenbart sich im direkten Handeln des Präsidenten. Während Vance medienwirksam kleinere Sozialbetrüger jagt, gewährt Trump den wahren Profiteuren des Systems weitreichende Begnadigungen. Lawrence Duran, der ein gigantisches Medicare-Betrugssystem im Wert von 205 Millionen Dollar orchestrierte, kommt ebenso frei wie Joseph Schwartz, der mit seinem Pflegeheim-Imperium rund 38 Millionen Dollar stahl. Auch Paul Walczak, ein verurteilter Steuerhinterzieher, erhält eine Begnadigung, nachdem seine Mutter an einem elitären Trump-Spendendinner für eine Million Dollar teilgenommen hat. Vance muss dieses eklatante Ungleichgewicht schweigend mittragen.

Das Syndrom der warmen Spucke

Das Amt des US-Vizepräsidenten entpuppt sich für J.D. Vance als goldener Käfig voller Demütigungen. Die historische Warnung von John Nance Garner, dass diese Position nicht einmal „einen Krug warmer Spucke wert“ sei, bewahrheitet sich für den Mann aus Ohio in beklemmender Präzision. Vance hat einen steilen, aber zutiefst würdelosen politischen Aufstieg hinter sich. Er verleugnete seine einstigen Prinzipien und passte seine Überzeugungen rigoros an, nur um in der Gunst des Präsidenten zu bleiben. Der Autor, der Donald Trump einst als den „amerikanischen Hitler“ bezeichnete, hat sich selbst systematisch erniedrigt, um die Nummer Zwei zu werden.

Doch die absolute Unterwerfung zahlt sich nicht aus. Vance wird nicht als Kronprinz aufgebaut, sondern als lebender Schutzschild missbraucht. Wenn er nicht gerade mit diplomatischen Selbstmordkommandos im Nahen Osten betraut wird, schickt ihn die Administration auf groteske Missionen. Er reist nach Grönland, wo ihm offene Feindseligkeit entgegenschlägt, und muss sich bei den Olympischen Winterspielen vor einem Millionenpublikum ausbuhen lassen. Als er im ungarischen Wahlkampf demonstrieren will, wie exzellent sein direkter Draht ins Oval Office ist, landet er lediglich auf Trumps Mailbox.

J.D. Vance ist die tragische Figur einer unberechenbaren Präsidentschaft. Er trägt das alleinige Risiko für unlösbare internationale Konflikte, reibt sich in inszenierten Kulturkämpfen auf und wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit von seinem eigenen Chef lächerlich gemacht. Sein Amt ist kein Sprungbrett, sondern ein minenübersätes Feld, auf dem er die Fehler der Regierung verantworten muss. Der Traum von der eigenen Präsidentschaft im Jahr 2028 rückt in weite Ferne. Übrig bleibt ein Vizepräsident im Schatten eines Madman – isoliert, belächelt und jederzeit opferbereit.

Nach oben scrollen