Der Preis der Härte: Wie zwei Schüsse in Minneapolis Trumps zweite Amtszeit erschüttern

Illustration: KI-generiert

Ein Schuss, ein Toter, ein moralischer Bankrott: Der aktuelle Regierungsstillstand ist weit mehr als ein budgetäres Ringen. Er markiert den Moment, in dem die aggressive Exekutivgewalt der Trump-Administration an ihre physischen und politischen Grenzen stößt – und die Republikaner in eine tiefe Identitätskrise stürzt.

Es herrscht eine trügerische Stille in Washington, D.C. Seit dem frühen Samstagmorgen stehen weite Teile der Bundesverwaltung still. Doch anders als bei den fiskalischen Grabenkämpfen der Vergangenheit, anders auch als bei dem historischen 43-tägigen Shutdown im vergangenen Herbst, geht es dieses Mal nicht um Steuergutschriften oder abstrakte Defizite. Die Stille in den Behördenfluren wird übertönt vom Lärm auf den Straßen, vom Zischen des Tränengases in Los Angeles und von den wütenden Rufen vor dem Rathaus in Philadelphia.

Dieser Shutdown ist das direkte Resultat einer Eskalation, die viele befürchtet hatten, aber niemand wahrhaben wollte, bis das Undenkbare geschah: Bundesagenten töteten auf amerikanischem Boden US-Bürger. Was wir in diesen Tagen erleben, ist keine bloße Budgetkrise. Es ist eine Zäsur. Es ist der Moment, in dem das Versprechen von „Law and Order“ kollabiert ist, weil die Ordnung selbst tödlich wurde. Die Regierung Trump, die ihre zweite Amtszeit mit dem Anspruch absoluter Kontrolle begann, sieht sich plötzlich mit der brutalsten aller Währungen konfrontiert: dem Leben der eigenen Bürger.

Wenn der Staat zum Täter wird

Der Auslöser für diese politische Kernschmelze liegt nicht in den Tabellenkalkulationen des Kongresses, sondern auf dem Asphalt von Minneapolis. Der Tod von Renée Good und Alex Pretti hat die politische Landschaft der USA über Nacht neu vermessen. Pretti war kein radikaler Aktivist, kein Unbekannter – er war ein Intensivpfleger, ein Mann aus der Mitte der Gesellschaft.

Der anfängliche Versuch der Administration, die Deutungshoheit über diese Tragödie zu gewinnen, scheiterte spektakulär. Beamte der Trump-Regierung versuchten zunächst, das Opfer Pretti als „inländischen Terroristen“ zu brandmarken. Doch in einer Zeit der allgegenwärtigen Kameras hielt dieses Narrativ der Realität nicht stand. Videoaufnahmen des Vorfalls lösten nicht nur bei Demokraten Entsetzen aus, sondern zwangen auch viele Republikaner zu einer hastigen Neukalibrierung ihrer Positionen. Es war, als hätte jemand in einem dunklen Raum plötzlich das Licht angeknipst: Die Rhetorik der Härte, die Trump so lange getragen hatte, wirkte im Angesicht der Bilder aus Minnesota plötzlich nicht mehr stark, sondern grotesk.

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Die Reaktion der Demokraten war dementsprechend kompromisslos und markiert eine neue Qualität des Widerstands. Senatoren wie Chris Van Hollen machten unmissverständlich klar: „Keinen Cent mehr“ für die Operationen der Einwanderungsbehörde ICE, solange diese „gesetzlos“ agiere. Es geht nicht mehr um bloße Budgetkürzungen. Die Forderungen zielen auf den Kern der polizeilichen Praxis: Das Ende der Maskierung von Bundesagenten, die Pflicht zu Körperkameras (Bodycams), die Notwendigkeit richterlicher Durchsuchungsbeschlüsse und das Verbot willkürlicher Razzien. Es ist der Ruf nach einer Zivilisierung einer Behörde, die sich – so die Lesart der Kritiker – zu einer Prätorianergarde entwickelt hat. Senator Brian Schatz brachte es auf den Punkt, als er feststellte, man fordere hier keine progressive Wunschliste, sondern Standards, die für jeden lokalen Polizisten längst selbstverständlich seien.

Die Kapitulation im Oval Office

Dass die Situation eine neue politische Aggregatszustandsphase erreicht hat, zeigt sich am Verhalten des Mannes an der Spitze. Donald Trump, der politische Konflikte normalerweise wie Gladiatorenkämpfe führt, griff zum Telefonhörer. In einem bemerkenswerten Gespräch mit dem demokratischen Minderheitsführer im Senat, Chuck Schumer, gestand der Präsident: „Chuck, ich hasse Shutdowns. Wir müssen das stoppen.“.

Es war ein Moment seltener politischer Nüchternheit. Schumer, der die veränderte Dynamik spürte, konfrontierte den Präsidenten direkt mit der Unhaltbarkeit der Lage: Die Vorgänge auf den Straßen würden Trumps Glaubwürdigkeit zerstören; das Volk hasse, was es sehe. Trump, der Instinktpolitiker, erkannte die Gefahr. Das Thema Einwanderung, einst sein stärkstes Schwert, drohte sich in seine größte Schwachstelle zu verwandeln – eine „best issue“, die zur „worst issue“ mutiert, wie es der republikanische Senator John Kennedy fast ungläubig formulierte.

Das Ergebnis dieses Umdenkens ist ein legislatives Konstrukt, das in normalen Zeiten als undenkbar gelten würde. Der Senat verabschiedete mit einer breiten Mehrheit von 71 zu 29 Stimmen ein Paket, das das Budget des Heimatschutzministeriums (DHS) vom Rest der Regierung abkoppelt. Während fünf große Ministerien langfristig finanziert werden, erhält das DHS – und damit die umstrittene ICE – nur eine Gnadenfrist von zwei Wochen. Es ist ein taktischer Rückzug der Republikaner, ein Versuch, Zeit zu kaufen, um den öffentlichen Zorn abkühlen zu lassen. Doch der Preis ist hoch: 23 Demokraten stimmten gegen diesen Kompromiss, weil ihnen zwei Wochen Aufschub ohne sofortige Garantien für Reformen wie ein Verrat an den Opfern von Minneapolis erschien.

Das Dilemma des Speakers

Während der Senat handelte, steht das Repräsentantenhaus vor einer Zerreißprobe. Speaker Mike Johnson, dessen Mehrheit so hauchdünn ist, dass sie kaum noch als solche bezeichnet werden kann, befindet sich in einer fast unmöglichen Lage. Die Abgeordneten haben Washington verlassen und werden erst am Montag zurückkehren; eine Abstimmung ist frühestens für Dienstag geplant.

Johnson klammert sich in dieser Krise an den Präsidenten wie ein Ertrinkender an eine Boje. Er betont gebetsmühlenartig, dass dies Trumps „Spielzug“ sei, dass der Präsident diesen Weg führe. Es ist der Versuch, die ultra-konservativen Hardliner seiner eigenen Fraktion, den Freedom Caucus, in Schach zu halten. Abgeordnete wie Dan Crenshaw aus Texas haben bereits angekündigt, keinem Gesetz zuzustimmen, das ICE nicht „vollständig finanziert und ermächtigt“. Für sie ist jede Einschränkung der Behörde ein Affront gegen die Opfer illegaler Einwanderung, wie etwa Laken Riley, deren Namen sie wie Schilde vor sich hertragen.

Gleichzeitig signalisiert der demokratische Minderheitsführer Hakeem Jeffries maximale Härte. Er verweigert eine Zusage für die Unterstützung des Pakets und fordert „dramatische Reformen“ mit der „Dringlichkeit des Jetzt“. Jeffries weiß: Er hat das Momentum auf seiner Seite. Johnson muss nun einen Weg finden, ein Gesetz durchzubringen, das seine eigene Basis als Verrat empfindet, während er auf die Stimmen einer Opposition angewiesen ist, die Blut geleckt hat.

Ein Land steht still – Der nationale Widerstand

Jenseits der Marmorhallen des Kapitols formiert sich ein Widerstand, der in seiner Breite und Intensität die politische Klasse überrascht hat. Was als lokaler Protest in Minneapolis begann, hat sich zu einem „National Shutdown“ der Zivilgesellschaft ausgeweitet. Es ist ein Aufstand der Anständigkeit, getragen von Menschen, die sich weigern, zur Tagesordnung überzugehen.

Die Szenen sind eindrücklich: In Tucson, Arizona, blieben am Freitag 21 Schulen geschlossen, weil 1.500 Lehrkräfte ihre Arbeit niederlegten. Victoria Bodanyi, eine Lehrerin vor Ort, erklärte diesen Schritt nicht nur mit Solidarität, sondern mit nackter Angst: Ihre Schüler seien terrorisiert von dem Gedanken, die Schule zu besuchen, während im ganzen Land Razzien stattfinden. In New York verteilte eine Bäckerei im East Village Kekse an Demonstranten, statt Geschäfte zu machen – eine kleine Geste, die doch zeigt: „Ab welchem Punkt spricht man es nicht mehr aus?“.

In Los Angeles eskalierte die Lage, als Bundesagenten Tränengas gegen Demonstranten einsetzten. Diese Bilder von chemischen Kampfstoffen gegen die eigene Bevölkerung, von Schülern, die in Atlanta den Unterricht verlassen, um gegen eine „Schreckensherrschaft“ zu demonstrieren, zeichnen das Porträt einer Nation am Rande des Nervenzusammenbruchs. Senator Chris Murphy nannte die Zustände in Minnesota eine „Dystopie“. Es scheint, als sei diese Dystopie nun exportfähig geworden.

Der leise Krieg gegen die Institutionen

Doch während der Lärm auf der Straße ohrenbetäubend ist, vollzieht sich im Schatten des Shutdowns ein weiterer, vielleicht noch gefährlicherer Umbau des Staates. Die Trump-Administration führt einen Mehrfrontenkrieg gegen die Unabhängigkeit der Institutionen, der weit über die Einwanderungspolitik hinausreicht. Es ist ein Kampf um die Deutungshoheit über die Realität selbst – über ökonomische Daten, historische Wahrheit und wissenschaftliche Fakten.

Da ist zum einen der Angriff auf die ökonomische Wahrheit: Donald Trump nominierte am Freitag Kevin Warsh als neuen Vorsitzenden der Federal Reserve. Warsh, einst als „Falke“ bekannt, der für hohe Zinsen eintrat, hat sich in seiner Bewerbungsphase auffällig den Forderungen Trumps nach Zinssenkungen angenähert. Senatorin Elizabeth Warren spricht offen von einem bestandenen „Loyalitätstest“. Dass Trump öffentlich erklärt, er und Warsh würden über Zinssenkungen „reden“, und gleichzeitig die Unabhängigkeit der Fed in Frage stellt, lässt tief blicken.

Parallel dazu soll der Ökonom Brett Matsumoto die Leitung des Bureau of Labor Statistics (BLS) übernehmen. Diese Personalie folgt auf die Entlassung der vorherigen Behördenchefin Erika McEntarfer, deren einziges Vergehen es offenbar war, Arbeitsmarktzahlen zu veröffentlichen, die dem Präsidenten politisch nicht genehm waren. Zwar gilt Matsumoto als qualifizierter Fachmann, doch das Signal ist verheerend: Wer Zahlen liefert, die dem Narrativ des Weißen Hauses widersprechen, muss gehen.

Noch beunruhigender ist der Versuch, die Geschichte selbst umzuschreiben. In Philadelphia spielt sich ein Gerichtsdrama um das „President’s House“ ab, wo George Washington einst Sklaven hielt. Die Trump-Administration ließ Ausstellungen über diese versklavten Menschen entfernen, gestützt auf ein Dekret, das die „Herabwürdigung von Amerikanern“ verbietet. Richterin Cynthia Rufe nannte die Vorstellung, dass historische Stätten „nach der Laune des Verantwortlichen“ verändert werden könnten, „erschreckend“ und verglich das Vorgehen mit dem Abreißen von Denkmälern für KZ-Befreier. Es ist der Versuch einer staatlich verordneten Amnesie.

Sogar die Wissenschaft bleibt nicht verschont. Ein Bundesrichter urteilte am Freitag, dass das Energieministerium illegal ein geheimes Komitee aus Klimawandelleugnern gebildet hatte, um einen Bericht zu verfassen, der die Gefahren der Erderwärmung herunterspielen sollte. Diese Gruppe, zu der bekannte Skeptiker wie Steven Koonin gehörten, arbeitete im Verborgenen, um die wissenschaftliche Basis für Umweltregulierungen zu untergraben.

Imperiale Außenpolitik per Dekret

Das Muster der Umgehung demokratischer Kontrolle setzt sich nahtlos in der Außenpolitik fort. Während der Kongress noch über den Haushalt stritt, nutzte Außenminister Marco Rubio den Freitagabend, um Waffenlieferungen in Milliardenhöhe an Israel und Saudi-Arabien durchzuwinken – am Kongress vorbei.

Das Außenministerium umging dabei bewusst die üblichen Prüfprozesse der Ausschüsse, um Apache-Hubschrauber im Wert von 3,8 Milliarden Dollar nach Israel und Abfangraketen für 9 Milliarden Dollar nach Saudi-Arabien zu senden. Der demokratische Abgeordnete Gregory Meeks nannte dies eine „Zurückweisung der verfassungsmäßigen Kontrollrolle des Kongresses“. Es ist ein weiteres Indiz dafür, dass diese Administration parlamentarische Verfahren eher als lästige Empfehlung denn als bindende Vorgabe betrachtet.

Gleichzeitig wächst die Sorge vor einem neuen Krieg. Die Senatoren Tim Kaine und Rand Paul versuchen verzweifelt, eine präventive Resolution durchzusetzen, um Trump daran zu hindern, ohne Zustimmung des Kongresses einen Krieg gegen den Iran zu beginnen. Die Rhetorik des Präsidenten gegenüber Teheran und die massiven Waffenlieferungen in die Region deuten darauf hin, dass hier die nächste große Krise bereits vorprogrammiert wird.

Die fragile Ruhe bis zum 13. Februar

Wenn das Repräsentantenhaus am Dienstag voraussichtlich dem Senatskompromiss zustimmt, wird der Shutdown technisch beendet sein. Doch politisch ist nichts gelöst. Die Einigung erkauft lediglich zwei Wochen Zeit – bis zum 13. Februar. In diesen 14 Tagen müssen Demokraten und Republikaner einen Weg finden, die Forderungen nach einer Zivilisierung der ICE mit dem Sicherheitsbedürfnis der Konservativen zu versöhnen.

Die Aussichten sind düster. Senator Lindsey Graham hat bereits angekündigt, das Thema „Sanctuary Cities“ auf den Tisch zu bringen – ein rotes Tuch für jeden Demokraten. Die Gräben sind tief, das Misstrauen ist total. Senator Michael Bennet kündigte an, gegen das Gesetz zu stimmen, weil er „kein Vertrauen“ habe, dass die Trump-Administration in gutem Glauben verhandeln werde.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass der Februar 2026 den Moment markiert, in dem die republikanische Partei eine schmerzhafte Lektion lernt: Shutdowns funktionieren fast nie zu ihren Gunsten. Doch dieses Mal ist der Schaden größer als nur schlechte Umfragewerte. Die Partei, die sich so gerne als Hüterin von Recht und Ordnung inszeniert, muss sich fragen lassen, wie viel Unordnung und Unrecht sie zu tolerieren bereit ist, um an der Macht zu bleiben. Die zwei Toten von Minneapolis haben diese Frage von einer theoretischen Erörterung in eine brutale Realität verwandelt. Der Shutdown mag enden, aber der Riss, der durch das Land geht, wird nicht so schnell verheilen. Phase zwei dieses Kampfes hat gerade erst begonnen.

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