Der Preis der Exkursion

Illustration: KI-generiert

Donald Trumps Krieg gegen den Iran sollte ein begrenzter Konflikt sein. Doch während Amerika durch eigene Energiereserven geschützt bleibt, treibt die Blockade der Straße von Hormus Europa und Asien in eine beispiellose Versorgungskrise.

Das Krabbenboot „Lucky Blessings“ rottet an einem Pier in Zentralthailand vor sich hin. Sein Besitzer, Wittaya Lekdee, starrt auf das stille Wasser; er kann nicht mehr auslaufen, weil sich der Preis für Bootsdiesel rasant um 75 Prozent verteuert hat. Es ist der absolute Tiefpunkt seiner Existenz. Tausende Kilometer entfernt im Oval Office spricht US-Präsident Donald Trump immer noch befremdlich von einer „kleinen Exkursion“. Dieser bizarre rhetorische Kontrast markiert die Bruchlinie einer globalen Krise. Was als impulsiver amerikanischer Militärschlag begann , hat sich längst zu dem größten Angebotsschock in der Geschichte des Ölmarktes ausgewachsen, gemessen an Volumen und dem prozentualen Anteil des betroffenen globalen Angebots. Die Weltwirtschaft blutet für einen Krieg, dessen verheerende ökonomische Druckwellen nicht in Washington, sondern in den Häfen von Laem Chabang, den Fabrikhallen von Verona und an den Tankstellen von Hanoi aufschlagen.

Eskalation ohne Endspiel

Dieser Krieg trägt die Handschrift eines chaotischen, ego-getriebenen Ansatzes der Präsidentschaft. Warnungen, dass der Iran ein weitaus zäherer Gegner als Venezuela sein würde, verhallten ungehört; ein strategisches Endspiel wurde nie durchdacht. Das Weiße Haus unterlag einer fatalen „Siegeskrankheit“. Vertraute wie Stabschefin Susie Wiles attestieren dem Präsidenten eine regelrecht „alkoholische Persönlichkeit“, geprägt von der Wahnvorstellung unbegrenzter Machbarkeit und einem Rausch der eigenen Unfehlbarkeit.

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Genau diese strategische Kurzsichtigkeit trieb den Konflikt am Mittwoch in eine hochgefährliche, metastasierende neue Phase. Israel bombardierte eigenmächtig das iranische Gasfeld South Pars. Die islamische Republik schlug unerbittlich zurück und legte die katarischen Anlagen für Flüssigerdgas (LNG) in Ras Laffan in Schutt und Asche. Gas, nicht Öl, mutiert damit zur vielleicht größten Bedrohung für die globale Wirtschaft. Katar stellt allein 20 Prozent der weltweiten LNG-Versorgung sicher. Während Golfstaaten ihre Ölexporte notfalls über Pipelines an der blockierten Straße von Hormus vorbeischleusen könnten, existiert für das katarische Gas keine derartige architektonische Umleitung. Prompt distanzierte sich Trump in einem seltenen Schritt von seinem Verbündeten Israel, warf dem Land vor, blindlings und ohne Absprache „gewaltsam um sich geschlagen“ zu haben, und diktierte eine harte Bedingung: Keine weiteren Angriffe auf South Pars, sofern Teheran Katar in Frieden lasse. Es war das erste zarte Signal einer reziproken Deeskalation seit dem Ausbruch der Kämpfe am 28. Februar.

Der amerikanische Schutzschild

Doch die Dringlichkeit für einen Frieden ist in den USA weitaus geringer als im Rest der Welt. Die amerikanische Nation sitzt unter einer geologischen und ökonomischen Käseglocke. Zwar spüren die Konsumenten an den Zapfsäulen einen durchschnittlichen Preisanstieg von 23,6 Prozent. Doch die traumatischen Benzinschlange der 1970er Jahre bleiben aus. Die Vereinigten Staaten sind heute der weltgrößte Produzent von Öl und Gas und bleiben daher von den schlimmsten Verwerfungen relativ isoliert.

Diese amerikanische Insellage verzerrt den globalen Wettbewerb auf groteske Weise. Während internationale Wettbewerber unter explodierenden Energiekosten kollabieren, erfreuen sich US-Unternehmen bemerkenswert stabiler Gaspreise. Die Not der Welt treibt absurde Blüten im US-Finanzministerium: Minister Scott Bessent stellte am Donnerstag gar die Idee in den Raum, iranisches Öl auf Tankern schlichtweg zu „entsanktionieren“, um den globalen Preisschock abzufedern, während die Bomben weiter fallen. Andere amerikanische Akteure wittern längst das große Geschäft. Axel Ebbecke, Chef eines deutschen Herstellers von industriellen Spezialpulvern, der durch die Sperrung des Roten Meeres und den Umweg über das Kap der Guten Hoffnung 40 Prozent höhere Frachtkosten schlucken muss, plant nun konkret die Verlagerung von Operationen nach Florida. Die USA exportieren die Krise und importieren das Kapital.

Europas schleichende Deindustrialisierung

Auf der anderen Seite des Atlantiks schlägt der Krieg mit brutaler Härte ein. Europas Wirtschaft steht vor einer massiven Deindustrialisierung, die weitaus schmerzhafter ausfällt als in den USA. Die niederländische Bank ING hat ihre Wachstumsprognose für die 20 Staaten der Eurozone auf magere 0,9 Prozent nach unten korrigiert. Gleichzeitig wird erwartet, dass die jährliche Inflation auf 3 Prozent springt.

Europäische Gaspreise schossen am Donnerstag auf den höchsten Stand seit Kriegsbeginn. Für Europa bedeutet das eine horrende Zusatzrechnung: Die Importkosten für Öl und Gas sind bereits um 6 Milliarden Euro (etwa 6,9 Milliarden US-Dollar) explodiert. Die energieintensiven Industrien – Chemie, Automobilbau und Papierproduktion – geraten in einen tödlichen Zangengriff. Lorenzo Poli, CEO des norditalienischen Papier- und Verpackungsherstellers Cartiere Saci, verzeichnet einen dramatischen Anstieg seiner Erdgasrechnung um 60 Prozent, was die gesamten Produktionskosten um 40 Prozent in die Höhe treibt. Seine amerikanischen Konkurrenten müssen diese Bürde nicht tragen. Die blanke Angst geht um, von der billiger produzierenden US-Konkurrenz auf dem Weltmarkt vernichtet zu werden. Bald könnte es auf dem Kontinent an absoluten Basisgütern wie Toilettenpapier mangeln. Auf die Frage, wann sich die Gaspreise beruhigen könnten, antwortet Poli nur zynisch: Man möge doch den „blonden Präsidenten“ fragen. Trump wiederum gießt Öl ins Feuer und bestraft Europa in seinem Frust über den Kriegsverlauf für die Weigerung, militärische Hilfe zu leisten.

Die spanische Fata Morgana

Inmitten dieser kontinentalen Panik versucht der spanische Premierminister Pedro Sánchez das Bild einer immunen Nation zu zeichnen. Er behauptet, Spaniens aggressive Investitionen in erneuerbare Energien würden die Haushalte vor dem Kriegsschock bewahren. Tatsächlich speisen Wind, Solar und Wasserkraft rund 57 Prozent des spanischen Stromnetzes. Am vergangenen Samstag kostete Strom auf der Iberischen Halbinsel rund siebenmal weniger als in Frankreich oder Deutschland.

Doch Sánchez betreibt politisches „Cherry-Picking“ in einer Schönwetterperiode. Die Realität der europäischen Energiemärkte entlarvt sein Versprechen als Illusion. Da die Erneuerbaren das Netz nicht dauerhaft stabilisieren können, müssen Gas- und Atomkraftwerke einspringen. Das archaische Design des Großhandelsmarktes diktiert, dass die teuerste eingespeiste Energiequelle – aktuell das Gas – den Preis für alle bestimmt. Das Resultat ist kein Schutz der Bürger, sondern ein perverser Mechanismus zur Gewinnmaximierung: Die Betreiber von Solar- und Windparks streichen massive Zufallsgewinne ein, während die Haushalte durch Netzgebühren und Steuern weiterhin Rechnungen auf dem Niveau ihrer europäischen Nachbarn zahlen. Zudem heizt Spanien seine Häuser und betankt seine Autos weiterhin mit fossilen Brennstoffen. Die angebliche Autarkie ist eine Fata Morgana.

Der Kollaps der asiatischen Lebensadern

Während Europa noch um Industriestandorte kämpft, kämpft Asien bereits um die nackte Existenz. Der asiatische Kontinent ist der eigentliche Gefangene der Straße von Hormus. Nahezu 80 Prozent der Rohölimporte und ein Viertel der asiatischen LNG-Importe müssen dieses blockierte Nadelöhr passieren. Im Gegensatz zu den USA, Europa oder wohlhabenden Nationen wie Japan und Südkorea (die Reserven für über 200 Tage bunkern), haben Schwellenländer extrem dünne Puffer. Indonesien und Vietnam haben nur Vorräte für etwa 20 bis 23 Tage; Myanmar für 40 Tage.

Die Folgen dieser Abhängigkeit entladen sich in blanker Panik. Die Benzinpreise schossen in Australien um 31,8 Prozent, in Laos um 32,9 Prozent und in Nigeria gar um 39,5 Prozent nach oben. In Vietnam reihen sich nachts Hunderte Motorroller vor den Tankstellen ein. Die Regierung in Hanoi zwingt Büroangestellte zur Heimarbeit. Im Binnenstaat Laos sind 40 Prozent der Tankstellen trockengefallen. Thailand verhängte hastig einen 15-tägigen Preisdeckel auf Diesel und zwang die Unternehmen, ihre Reserven zu verdreifachen, was sofortige Panikkäufe und bewaffnete Fahrer mit Benzinkanistern auf den Plan rief. Selbst Tempel können ihre Toten mangels Treibstoff kaum noch kremieren.

Gleichzeitig pulverisiert die Krise die Währungen der asiatischen Netto-Energieimporteure. Die indische Rupie krachte auf ein Rekordtief, was den Ankauf der ohnehin schon astronomisch teuren Energie weiter verteuert. Südkorea, eine gewaltige Industrienation, steht am Abgrund einer Währungskrise, da der Won auf ein 17-Jahres-Tief gegenüber dem Dollar abgestürzt ist. Ein Regierungsvertreter in Seoul warnte unverblümt vor einem totalen Kollaps des Wechselkurses, sollte der Krieg andauern.

Kerosin, Container und die globale Hungerkrise

Nirgends zeigt sich die Brutalität der unterbrochenen Lieferketten schneller als beim Flugbenzin. Kerosin agiert wie ein „Kanarienvogel in der Kohlemine“ für die globale Infrastruktur. Die Preise verdoppelten sich auf nie gesehene Höhen von über 200 Dollar pro Barrel. Kerosin lässt sich nur in speziellen Tanks lagern und zerfällt rasch, was große Reserven ökonomisch und technisch unmöglich macht. Asien riegelt sich ab: China, Südkorea und Thailand blockieren hastig die Ausfuhr von raffinierten Ölprodukten, um das eigene Überleben zu sichern. Airlines streichen Tausende von Flügen; allein Air New Zealand annullierte 1.100 Verbindungen. Vietnam steht derweil kurz vor dem kompletten Versiegen seiner Kerosinversorgung, da das Land fast drei Viertel seines Bedarfs importieren muss.

Doch der Kollaps des Luftverkehrs ist harmlos im Vergleich zur drohenden globalen Hungersnot. Etwa ein Drittel des weltweiten Düngemittelhandels drängt sich durch die Straße von Hormus. Düngemittel wie Harnstoff und Stickstoffprodukte haben sich in einigen Märkten bereits um 25 bis 30 Prozent verteuert. Thailand ist so verzweifelt, dass es dem Iran und anderen Nahost-Staaten Lebensmittel im direkten Tausch gegen Dünger und Plastikpellets anbot. Die globalen Preise für Agrarrohstoffe steigen rasant; Mais ist um 6 Prozent teurer, Weizen erreicht den höchsten Stand seit Mitte 2024. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen schlägt Alarm: Sollte der Krieg bis zum Sommer andauern und das Öl über 100 Dollar pro Barrel verharren, werden 45 Millionen weitere Menschen in die akute Ernährungsunsicherheit stürzen. Es droht ein historischer Negativrekord beim globalen Hunger.

Die lange Narbe der Weltwirtschaft

Die trügerische Hoffnung, ein rascher Waffenstillstand würde die Märkte heilen, ignoriert die tektonische Verschiebung der geopolitischen Realität. Dieser Krieg hinterlässt tiefe, strukturelle Narben. Teheran wird auf Jahre hinaus eine hochgradig feindselige Haltung gegenüber den USA einnehmen. Unter dem neuen obersten Führer Mojtaba Khamenei – einem autoritären Hardliner mit engsten Verbindungen zu den Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) – ist ein stabiler Frieden illusorisch. Die strategische Ausrichtung der iranischen Elite ist dezentral und auf das bloße Überleben des Regimes getrimmt. Selbst wenn das iranische Nuklearprogramm vorerst gestoppt würde, genügen Drohnen, Minen und Schnellboote, um Tanker auf unbestimmte Zeit zu drangsalieren.

Das Resultat ist eine dauerhafte, massive geopolitische Risikoprämie. Die Straße von Hormus bleibt ein blankliegendes Stromkabel mitten durch das Herz der Weltwirtschaft. Händler preisen längst das ständige Risiko iranischer Angriffe ein. Selbst bei einem nahen Waffenstillstand wird der Ölpreis über Monate um die 80 Dollar pro Barrel pendeln, während 9-Monats-Terminkontrakte bereits eine Prämie von 25 Dollar widerspiegeln. Die Märkte für LNG, Düngemittel und das extrem energieintensive Aluminium werden strukturell verteuert bleiben, was die globale Inflation unerbittlich antreiben wird.

Zugleich hat der gesamte Nahe Osten seinen Ruf als sicherer Investitionshafen verloren. Kapital ist extrem scheu und meidet brennende Bürotürme. Der Aktienmarkt in Dubai implodierte seit Kriegsbeginn um 15 Prozent, der Immobilien-Gigant Emaar stürzte um 30 Prozent ab. Es wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis diese Region das Vertrauen der Weltwirtschaft zurückgewinnt.

Das fehlende Endspiel

Die Konsequenz aus dieser globalen Verwüstung ist gnadenlos: Die USA können nicht einfach den Sieg erklären und abziehen. Ein zerschlagenes Regime vor Ort bedeutet lediglich, dass die Region ins Chaos stürzt. Um das Unheil abzuwenden, muss Trump weitreichende Bedingungen diktieren. Ein akzeptables Endspiel erfordert die zwingende Öffnung der Straße von Hormus, die nachweisbare Zerstörung der iranischen Raketenanlagen, die Verdünnung oder den Abtransport von mehr als 400 Kilogramm hochangereichertem Uran aus Isfahan und eine Verkrüppelung der Revolutionsgarden.

Diplomatie oder militärische Gewalt sind die einzigen Wege. Sollte Teheran verweigern, bliebe Trump nur die militärische Eskalation: Eine permanente Präsenz von Aegis-Zerstörern, Kampfflugzeugen und Hubschraubern, um Tanker durch die Meerenge zu eskortieren. Die absurde Idee radikaler Stimmen, die Ölverladeinsel Kharg zu besetzen, würde die Energiepreise indes nur weiter anheizen – man erschießt keine Geisel, wenn man sie retten will. Die Europäer und Asiaten wiederum stehen in der Pflicht, sich an einer maritimen Schutzkoalition zu beteiligen, denn in ihrem eigenen, überwältigenden Interesse müssen sie eine mögliche Waffenruhe absichern.

Donald Trump mag das Monster des Krieges geweckt haben, doch er ist seinen Verbündeten einen Ausweg schuldig. Wer weiterhin wild auf imaginäre Feinde in Europa und Asien einschlägt, die unter dem eigenen, kopflosen Krieg leiden, der zerschlägt nicht nur den Feind im Nahen Osten, sondern ruiniert die Fundamente der freien Weltwirtschaft.

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