
Es ist eine Woche, die man nur als semi-halluzinatorisch bezeichnen kann, ein Zeitraum, in dem die Realität in den Vereinigten Staaten Risse bekommt, durch die das Unvorstellbare sickert und sich als neue Normalität am Boden festsetzt. Wir schreiben Ende Januar 2026, und das politische Washington erlebt nicht bloß eine weitere Episode exekutiver Exzentrik, sondern eine fundamentale Verschiebung der Machtarchitektur. Das Bild, das diese neue Ära definiert, ist nicht das eines Präsidenten am Schreibtisch, sondern das eines Reporters in Handschellen: Don Lemon, ehemaliger CNN-Anker, abgeführt in einer Kirche in Minneapolis, während im Hintergrund ein Gottesdienst läuft,.
Dieser Moment markiert den Übergang von der rhetorischen Aggression zur physischen Repression. Jahrelang beschimpfte Donald Trump Journalisten als „Feinde des Volkes“, doch die Verhaftung Lemons ist der Vollzug dieser Drohung durch den Staatsapparat,. Dass Justizministerin Pam Bondi diesen Vorgang mit den drei Worten „Auf meine Anweisung“ („At my direction“) signierte, ist mehr als ein bürokratischer Akt; es ist eine Loyalitätsadresse an einen Präsidenten, der die Institutionen nicht mehr nur beugt, sondern sie als persönliche Waffe gegen Kritiker führt. Was wir hier beobachten, ist keine zufällige Eskalation. Es ist die systematische Anwendung von Chaos als Herrschaftsinstrument, eine Strategie der Rauchbomben, die darauf ausgelegt ist, die Öffentlichkeit zu betäuben, während im Hintergrund die Demokratie demontiert wird.
Minneapolis als Testlabor der Macht
Um die Dimension dieser Strategie zu begreifen, muss man den Blick nach Minneapolis richten. Die Stadt im Mittleren Westen hat sich in ein paramilitärisches Experimentierfeld verwandelt. Der Präsident hat 3.000 Bundesagenten in die Metropole entsandt – eine Zahl, die acht Prozent der gesamten Truppe der Einwanderungsbehörde ICE entspricht und die Personalstärke des örtlichen Minneapolis Police Department weit übertrifft. Dies ist keine polizeiliche Unterstützung mehr, es ist eine Besatzung.
Die Folgen dieser militärischen Präsenz im zivilen Raum sind tödlich. Innerhalb weniger Wochen starben Demonstranten wie Alex Prey und Renee Good durch Kugeln von Bundesagenten, was die Protestnetzwerke, die seit dem Tod von George Floyd bestanden, nicht etwa zerschlagen, sondern reaktiviert hat,,. Minneapolis dient dem Weißen Haus dabei als Testlabor: Wie weit kann die Exekutive gehen? Die Antwort aus dem Oval Office ist ein schwindelerregender Zickzack-Kurs. Wenn der politische Druck der eigenen Verbündeten zu groß wird, weil die Bilder von Leichen den Umfragewerten schaden, signalisiert Trump kurzzeitig Deeskalation.

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Doch diese taktischen Rückzüge sind Täuschungsmanöver. Mitten in der Nacht, um 1:26 Uhr, kehrt der Präsident zu seiner wahren Natur zurück und diffamiert die Opfer auf seiner Plattform „Truth Social“ erneut als „Insurrectionists“ (Aufständische). Es ist ein ständiges Hin- und Herschalten („toggling“), ein Schwanken zwischen maximaler Härte und strategischem Rückzug, das sowohl Gegner als auch Verbündete aus dem Gleichgewicht bringt. Während Tom Homan, der neue Leiter dieser Operation, öffentlich beteuert, er wolle „niemanden sterben sehen“ – selbst nicht jene, nach denen gefahndet werde –, treiben die Hardliner im Hintergrund die Eskalation voran. Die Stadt Minneapolis ist zur Geisel einer Politik geworden, die Härte nicht als Mittel zum Zweck, sondern als ästhetischen Selbstzweck inszeniert.
Die Kriminalisierung der Frage
Parallel zur physischen Gewalt auf den Straßen vollzieht sich ein juristischer Angriff auf die bürgerlichen Freiheiten, der in seiner Absurdität kaum zu überbieten ist. Die Verhaftung von Don Lemon ist hierfür das grellste Beispiel. Der Vorwurf, der in der offiziellen Klageschrift erhoben wird, lautet, Lemon habe den Pastor „mit Fragen gelöchert“ („peppering the pastor with questions“). Man muss diesen Satz wirken lassen: Das Stellen von Fragen, die Kernaufgabe journalistischer Arbeit, wird hier explizit kriminalisiert und als Störung der öffentlichen Ordnung uminterpretiert.
Es ist ein Dammbruch. Frühere Administrationen mögen den Zugang zum Weißen Haus beschränkt oder Journalisten als unpatriotisch beschimpft haben, doch die direkte Anordnung einer Verhaftung durch den Attorney General wegen der Ausübung des Berufs ist ein Novum in der amerikanischen Geschichte. Die Reaktion des Weißen Hauses auf diesen verfassungsrechtlichen Tabubruch war kein Dementi, sondern Hohn. Ein Tweet mit dem Foto des verhafteten Lemon und der Zeile „When life gives you lemons“ offenbart eine Regierung, die sich nicht mehr vor der öffentlichen Meinung rechtfertigt, sondern sich an ihrer eigenen Macht berauscht.
Dieser Zynismus ist kalkuliert. Er signalisiert jedem Reporter im Land: Es gibt keinen Schutzraum mehr, nicht einmal in einer Kirche. Die Justiz, einst als unabhängiges Korrektiv gedacht, wird durch Figuren wie Pam Bondi zu einem Instrument, das auf Zuruf exekutiert. Wenn Richter und Staatsanwälte Bedenken äußern oder Verfahren mangels Beweisen ablehnen, werden sie umgangen oder durch willige Vollstrecker ersetzt, die bereit sind, Anklagen auf Basis konstruierter Vorwürfe zu erheben. Die Botschaft ist unmissverständlich: Das Gesetz ist das, was der Präsident und seine Gefolgsleute in den frühen Morgenstunden entscheiden.
Satelliten, Spione und Verschwörungen
Während in Minneapolis die Polizei militarisiert wird, werden die Geheimdienste politisiert – und zwar auf eine Weise, die selbst die wildesten Verschwörungstheorien der Vergangenheit blass aussehen lässt. Tulsi Gabbard, die Direktorin der Nationalen Nachrichtendienste (DNI), wurde kürzlich in Fulton County, Georgia, gesichtet. Normalerweise überwacht die DNI globale Bedrohungen und koordiniert die Spionageabwehr. Dass sich die oberste Geheimdienstlerin der USA persönlich in ein lokales Wahlzentrum begibt, um gemeinsam mit dem FBI nach angeblichen Beweisen für Wahlbetrug aus dem Jahr 2020 zu suchen, ist ein grotesker Missbrauch von Ressourcen und Mandat.
Der Hintergrund dieser Aktion ist eine Theorie, die der Präsident selbst befeuert: Italienische Militärsatelliten hätten angeblich US-Wahlmaschinen gehackt, um Joe Biden zum Sieg zu verhelfen. Es klingt wie ein schlechter Scherz, doch in der Echokammer des Weißen Hauses ist es Regierungspolitik. Wer im Jahr 2026 noch immer über italienische Satelliten diskutiert, betreibt keine Sicherheitspolitik, sondern einen bizarren Loyalitätskult. Gabbard, die politisch isoliert war, nutzt diese Wahnvorstellungen, um sich ihren Platz im inneren Zirkel zurückzuerobern. Es gibt keinen schnelleren Weg zurück in Trumps Gunst, als seine absurdesten Lügen institutionell zu validieren.
Dass Cydney Powell, eine längst diskreditierte Figur der Verschwörungsszene, nun wieder an der Seite der Macht auftaucht, bestätigt diesen Trend. Die Institutionen, die eigentlich die Integrität der Wahlen schützen sollen, werden instrumentalisiert, um alte Schlachten neu zu schlagen. Dies ist kein „backward-looking relitigating“ mehr, wie Kritiker meinen, sondern eine aktive Vorbereitung auf die kommenden Midterm-Wahlen. Indem der Präsident das Vertrauen in die Systeme permanent untergräbt und seine Geheimdienstchefs auf Geisterjagd schickt, schafft er ein Klima, in dem jede zukünftige Niederlage sofort als Betrug delegitimiert werden kann.
Die Strategie der Rauchbomben
Man könnte versucht sein, diese Ereignisse als Zeichen eines Kontrollverlusts zu deuten – ein überforderter Präsident, der wild um sich schlägt. Doch das wäre eine gefährliche Fehleinschätzung. Wir befinden uns in dem, was Analysten treffend als „Smoke Bomb Phase“ bezeichnen. Je prekärer die Lage für Trump wird – und die Umfragen zeigen, dass seine Beliebtheitswerte aufgrund der Gewalt in Minneapolis leiden –, desto dichter wird der Nebel, den er erzeugt.
Es ist kein Zufall, dass genau in dieser Woche der Eskalation Tausende Dokumente im Fall Jeffrey Epstein veröffentlicht wurden. Es ist kein Zufall, dass Trump fast zeitgleich eine 10-Milliarden-Dollar-Klage gegen sein eigenes Finanzministerium wegen angeblich geleakter Steuerdaten einreicht. Und es ist gewiss kein Zufall, dass die Kriegsrhetorik gegenüber dem Iran plötzlich wieder an Schärfe gewinnt, inklusive der Drohung mit neuen Militärschlägen und der Verlegung von Truppen in den Nahen Osten.
Diese Manöver sind klassische Ablenkung („Distraction“). Trump ist der einzige Politiker, für den ein neuer Skandal die Lösung für einen alten Skandal ist. Wenn überall „Rauchgranaten“ explodieren, wie es Beobachter in Washington formulieren, verliert die Öffentlichkeit die Orientierung. Wer kann sich auf die toten Demonstranten in Minneapolis konzentrieren, wenn gleichzeitig über Pädophilenringe, Milliardenklagen und einen möglichen neuen Krieg im Persischen Golf spekuliert wird? Die Kakofonie ist das Ziel. Der Bürger soll nicht mehr zwischen wichtig und unwichtig, zwischen Wahrheit und Inszenierung unterscheiden können. In diesem Lärm gehen die eigentlichen Verbrechen der Regierung unter.
Die Architekten der Eskalation
Hinter diesem Lärm stehen Architekten, die genau wissen, was sie tun. Stephen Miller, der ideologische Motor der Einwanderungspolitik, sitzt fest im Sattel. Während andere zögern, schreckt Miller nicht davor zurück, selbst Verstorbene zu verleumden, um die Narrative des Weißen Hauses zu stützen. Er ist derjenige, der dafür sorgt, dass auf jeden taktischen Rückzug ein strategischer Vorstoß folgt. Figuren wie Pam Bondi und Tulsi Gabbard fungieren als willige Vollstreckerinnen, die ihre Amtswürde für die Launen des Präsidenten opfern.
Die Hoffnung, dass das politische Establishment der Republikaner als korrigierende Instanz eingreifen könnte, hat sich endgültig zerschlagen. Als einige Senatoren es wagten, die Entlassung der Heimatschutzministerin Kristi Noem zu fordern, lachte ihnen der Präsident ins Gesicht und nannte sie „Loser“. Trump hat Maß genommen und festgestellt, dass es keinen Widerstand gibt, den er ernst nehmen müsste. Die Partei ist gleichgeschaltet oder resigniert. Selbst wenn Trump politisch unpopulär ist – und er ist heute so unbeliebt wie vor den Schüssen in Minneapolis –, so hat er doch bewiesen, dass er Stürme aussitzen kann, die jeden anderen Politiker hinweggefegt hätten,. Der 6. Januar 2021 hat ihn gelehrt, dass Empörung eine begrenzte Halbwertszeit hat.
Jenseits der Empörung
Wenn wir auf diese Woche zurückblicken, müssen wir uns eingestehen, dass Vokabeln wie „beispiellos“ („unprecedented“) ihre analytische Kraft verloren haben. Wenn der Ausnahmezustand zur Dauerform wird, verliert er seinen Schrecken. Doch genau hier lauert die Gefahr. Wir gewöhnen uns an den Anblick von verhafteten Reportern und Geheimdienstchefs auf Verschwörungsmission.
Der Blick nach vorn verheißt nichts Gutes. Die Midterm-Wahlen stehen bevor, und die Maschinerie, die jetzt in Georgia und Minneapolis warmläuft, wird dann auf Hochtouren arbeiten. Die „italienischen Satelliten“ sind nur der Anfang einer Desinformationskampagne, die darauf abzielt, die Realität vollends unkenntlich zu machen. Und während wir noch versuchen, die Logik hinter der einen Rauchbombe zu verstehen, zündet Trump bereits die nächste – vielleicht im Iran, vielleicht wieder im eigenen Land.
Das System ist nicht zusammengebrochen, es hat sich verformt. Es dient nicht mehr dem Schutz der Verfassung, sondern dem Erhalt der Macht eines Mannes, der seine eigene Unpopularität mit der Brutalität des Staates kompensiert. Die eigentliche Tragödie ist nicht der Lärm dieser Woche, sondern die Stille, die darauf folgen wird, wenn wir aufgehört haben, uns zu wundern.


