Der Nachbar, die Insel und die Lüge: Wie Howard Lutnicks Epstein-Vergangenheit das Handelsministerium belastet

Illustration: KI-generiert

Es sollte ein trockener Termin über die digitale Infrastruktur Amerikas werden. Als Handelsminister Howard Lutnick am vergangenen Dienstag vor dem Bewilligungsausschuss des Senats Platz nahm, stand offiziell der Ausbau der Breitband-Netzwerke auf der Agenda. Doch in Washington, D.C., wo politische Karrieren oft schneller zerfallen als marode Brücken, änderte sich die Atmosphäre im Raum schlagartig. Statt um Glasfaserkabel ging es plötzlich um moralische Abgründe, um Glaubwürdigkeit und um einen Namen, der wie ein dunkler Monolith in der amerikanischen High Society steht: Jeffrey Epstein.

Lutnick, einer der profiliertesten Köpfe im Kabinett von Präsident Trump, fand sich in einem Kreuzverhör wieder, das weit über politische Routine hinausging. Die Diskrepanz, die sich an diesem Tag auftat, könnte kaum größer sein. Auf der einen Seite steht das Bild des besorgten Familienvaters, der sich angeblich vor Ekel von einem Sexualstraftäter abgewandt hat. Auf der anderen Seite zeichnen Dokumente des Justizministeriums das Porträt eines Mannes, der Jahre nach den ersten Verurteilungen Epsteins dessen Nähe suchte – bis hin zu einem entspannten Mittagessen auf jener karibischen Insel, die im kollektiven Gedächtnis als Synonym für den Missbrauch Minderjähriger verankert ist. Dieser Fall ist mehr als nur der Nachweis einer Unwahrheit; er ist eine Fallstudie über die moralische Flexibilität der Superreichen.

Die Erosion der Glaubwürdigkeit: Anatomie einer Lüge

Um die Fallhöhe Howard Lutnicks zu verstehen, muss man zunächst auf das Podest blicken, das er sich selbst gezimmert hatte. Noch im Oktober des vergangenen Jahres inszenierte er sich im Podcast „Pod Force One“ als Mann von unerschütterlichen Prinzipien. Er erzählte die Geschichte eines Besuchs in Epsteins Stadthaus im Jahr 2005. Epstein, damals sein Nachbar in Manhattan, habe ihm und seiner Frau eine Führung gegeben und dabei auf sexuelle Eskapaden im Zusammenhang mit einem Massagetisch angespielt. Lutnicks Reaktion, so seine damalige Darstellung, sei instinktiv und radikal gewesen: „Meine Frau und ich beschlossen, dass ich nie wieder mit dieser widerlichen Person in einem Raum sein werde“. Die Botschaft an die Öffentlichkeit war klar: Hier zieht ein anständiger Mensch einen Schlussstrich. Er sei nie wieder mit ihm zusammen gewesen, weder sozial noch geschäftlich, ja nicht einmal für philanthropische Zwecke.

Doch diese Erzählung einer moralischen Brandmauer hielt der Realität der Justizakten nicht stand. Unter Eid und konfrontiert mit über 250 Dokumenten, in denen sein Name auftaucht, musste Lutnick seine Version der Geschichte umschreiben. Aus dem absoluten Kontaktverbot wurde plötzlich eine bagatellisierte Bekanntschaft. Er habe Epstein „buchstäblich dreimal in 14 Jahren getroffen“, verteidigte er sich nun vor den Senatoren. Er bestand darauf, „keine Beziehung“ zu ihm gehabt zu haben, nichts, was man auch nur als Bekanntschaft bezeichnen könnte.

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Die Dokumente sprechen jedoch eine andere, detailliertere Sprache, die Lutnicks Versuch der Minimierung konterkariert. Sie belegen nicht nur sporadische Begegnungen, sondern geplante Treffen. So verzeichnet Epsteins Terminkalender für den 1. Mai 2011 – sechs Jahre nach dem angeblichen Bruch – ein Treffen um 17 Uhr für Drinks mit Lutnick, gefolgt von einem Abendessen mit dem Regisseur Woody Allen und dessen Frau . Ein fast banales, aber verräterisches Detail aus den Akten unterstreicht die Vertrautheit dieser Zusammenkünfte: Am Tag darauf informierte ein Angestellter Epstein per E-Mail, dass Lutnick sein Telefon dort vergessen habe und es nun „eingesammelt“ worden sei. Man vergisst sein Telefon selten bei Menschen, die man zutiefst verabscheut und deren physische Nähe man angeblich meidet. Senator Chris Van Hollen brachte das Dilemma auf den Punkt, als er Lutnicks frühere Behauptungen als „bestenfalls höchst irreführend“ bezeichnete. Es ist dieser schleichende Rückzug von der absoluten Wahrheit zur relativen Erinnerungslücke, der Lutnicks Integrität derzeit pulverisiert.

„Little St. James“ – Der Familienausflug ins Herz der Finsternis

Das wohl verstörendste Kapitel in dieser Chronologie der Verharmlosung ist der Besuch auf „Little St. James“. Es ist der Punkt, an dem die Verteidigungslinie der bloßen Nachbarschaftshöflichkeit endgültig zusammenbricht. Im Dezember 2012, vier Jahre nachdem Jeffrey Epstein in Florida wegen der Anbahnung von Prostitution Minderjähriger verurteilt worden war und eine Haftstrafe verbüßt hatte, steuerte Lutnick bewusst dessen Privatsphäre an.

Es war kein zufälliges Treffen am Rande einer Veranstaltung. Lutnick befand sich mit seiner Familie auf einem Urlaubstörn an Bord der 188-Fuß-Yacht „Excellence“. Die Initiative ging von ihm aus: Er schrieb Epstein eine E-Mail, informierte ihn über seine Reisegesellschaft und fragte nach einem Treffen. Die Logistik wurde geklärt, man einigte sich auf ein Mittagessen.

Was diesen Vorgang so ungeheuerlich macht, ist die Zusammensetzung der Gruppe, die Lutnick auf die Insel brachte. Er kam nicht allein, um Geschäfte zu besprechen. Er brachte seine Frau, seine vier Kinder, Nannys und eine befreundete Familie inklusive deren Kinder mit. In seiner Aussage vor dem Senat versuchte Lutnick, diesen Aufenthalt zu normalisieren. Er betonte, er sei „nicht getrennt“ von seiner Familie gewesen. „Wir hatten eine Stunde lang Mittagessen auf der Insel. Dann sind wir gegangen, mit all meinen Kindern, meinen Kindermädchen und meiner Frau, alle zusammen“, erklärte er.

Er versicherte zudem, er habe außer dem Personal niemanden gesehen und nichts „Unangemessenes“ bemerkt. Doch diese Aussage verkennt den Kern des Skandals. Die Frage ist nicht, ob Lutnick während eines einstündigen Mittagessens Zeuge von Straftaten wurde. Die Frage ist, welches Urteilsvermögen ein Mann besitzt, der seine Kinder an einen Ort bringt, der einem verurteilten Sexualstraftäter gehört – Jahre nachdem er angeblich aufgrund von „Ekel“ den Kontakt abgebrochen hatte. Der Besuch auf der Insel war keine unumgängliche gesellschaftliche Verpflichtung; es war eine bewusste Entscheidung, die Gastfreundschaft eines Mannes zu genießen, dessen Verbrechen zu diesem Zeitpunkt bereits gerichtlich aktenkundig waren. Es offenbart eine Haltung, in der der Status und der Zugang zu exklusiven Zirkeln schwerer wiegen als das moralische Strafregister des Gastgebers.

Nachbarn mit Vorzügen: Die geschäftliche Symbiose

Wenn man die Schicht der moralischen Entrüstung abträgt, kommt darunter das Fundament zum Vorschein, auf dem die Beziehung zwischen Lutnick und Epstein tatsächlich ruhte: gemeinsame Interessen, Geld und Immobilien. Die Vorstellung, dass Lutnick Epstein lediglich als lästigen Nachbarn duldete, wird durch die geschäftliche Interaktion der beiden Männer widerlegt. Sie lebten in der East 71st Street in Manhattan Tür an Tür – Epstein in Nummer 9, Lutnick in Nummer 11. Doch sie teilten mehr als nur den Bürgersteig.

Die Dokumente enthüllen eine pragmatische Allianz. Als die „Frick Collection“, ein Museum auf der gegenüberliegenden Straßenseite, Baupläne vorlegte, die den Blick auf den Park zu verstellen drohten, aktivierte Lutnick seinen Nachbarn. „Die Zeit drängt“, schrieb Lutnick 2018 in einer E-Mail, die über Assistenten weitergeleitet wurde, und drängte Epstein, einen Anwalt einzuschalten und einen Brief gegen das Projekt zu verfassen. Epsteins Antwort war so prompt wie kooperativ: „WILL DO!“ (Werde ich machen) . Hier zeigt sich das wahre Gesicht der „Epstein-Klasse“: Wenn es um den Erhalt von Privilegien wie dem ungestörten Blick auf den Central Park geht, werden moralische Bedenken pragmatisch beiseitegeschoben.

Auch finanziell gab es Berührungspunkte, die Lutnicks Behauptung, nie geschäftlich mit Epstein zu tun gehabt zu haben, Lügen strafen. Im Jahr 2013 investierten beide Männer in das Unternehmen „AdFin Solutions Inc.“ – Epstein über seine „Southern Trust Company“, Lutnick über einen Ableger seiner Firma Cantor Fitzgerald . Dass dieses Investment scheiterte und Lutnicks Firma später die Kontrolle übernahm, ändert nichts an der Tatsache, dass man gemeinsam am Tisch des Risikokapitals saß.

Noch aufschlussreicher ist die gesellschaftliche Verflechtung. Lutnick lud Epstein 2015 zu einer „sehr intimen“ Spendenveranstaltung für Hillary Clinton in die Büros von Cantor Fitzgerald ein. Zwei Jahre später, 2017, revanchierte sich Epstein mit einer Spende von 50.000 Dollar für ein Wohltätigkeitsdinner, bei dem Lutnick geehrt wurde. Auch wenn Epstein der Veranstaltung fernblieb, ließ er sich in die „Ehrenrolle“ der Spender eintragen. Es ist ein Geben und Nehmen, ein Geflecht aus Gefälligkeiten, das die Behauptung einer totalen Distanzierung als reine Fiktion entlarvt. Epstein bezeichnete seinen Nachbarn in einer E-Mail schlicht als „smart“ – ein Kompliment, das in dieser Welt wohl als Währung eigener Art gilt.

Der bizarre Nanny-Zwischenfall

Inmitten der Diskussionen um Millioneninvestitionen und Immobilienwerte sticht ein Detail aus den Akten hervor, das in seiner Banalität fast noch verstörender wirkt als die großen Geldströme. Es betrifft das Personal, jene unsichtbaren Helfer, die das Leben der Superreichen erst ermöglichen. Im Jahr 2013, also kurz nach dem Familienausflug auf die Insel, erhielt Epstein eine E-Mail von seinem langjährigen Buchhalter. Der Inhalt: der Lebenslauf einer Nanny der Familie Lutnick.

„Ich versuche, einen Zeitpunkt zu arrangieren, an dem Sie sie treffen können“, schrieb Epsteins Anwalt dazu. Die Implikationen dieses Vorgangs sind düster. Warum landet der Lebenslauf einer jungen Frau, die auf die Kinder des Handelsministers aufpasste, auf dem Schreibtisch eines Mannes, der für den sexuellen Missbrauch Minderjähriger bekannt ist?

Lutnick reagierte auf diesen Vorhalt im Senat mit einer Mischung aus Unwissenheit und Desinteresse. Er wisse nicht, ob die Nanny Epstein je getroffen habe, und habe „keine Ahnung, worum es da ging“. Er behauptet, er habe nichts damit zu tun gehabt. Doch diese Verteidigung wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Zeugt es nicht von einer erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber der Sicherheit der eigenen Angestellten, wenn deren berufliche Unterlagen im Orbit eines Sexualstraftäters zirkulieren? Dieses Detail untergräbt das Bild des beschützenden Familienvaters massiv und lässt eine Kälte erahnen, die Menschen zu bloßen Ressourcen degradiert, die man auch an problematische Bekannte weiterreichen kann.

Risse in der Loyalität – Das politische Echo

Die politischen Erschütterungen dieses Skandals breiten sich nun wellenförmig durch Washington aus und drohen, die sorgsam gepflegte Einheitsfront der Regierung zu sprengen. Das Weiße Haus hat sich bisher für die Strategie der Wagenburg entschieden. Karoline Leavitt, die Pressesprecherin, wiederholte fast mantraartig, dass Lutnick „ein sehr wichtiges Mitglied von Präsident Trumps Team bleibt und der Präsident den Minister voll und ganz unterstützt“. Es ist der klassische Versuch, die Realität durch bloße Beharrlichkeit auszusitzen.

Doch im Kongress bröckelt der Rückhalt. Die Demokraten haben erwartungsgemäß die politische Witterung aufgenommen. Senator Chris Van Hollen, der Lutnick ins Kreuzverhör nahm, ließ den Vorwurf der Lüge im Raum stehen: Es gehe nicht darum, dass Lutnick selbst Straftaten begangen habe, sondern dass er „das Land und den Kongress in die Irre geführt“ habe. Abgeordnete wie Ro Khanna formulieren es drastischer: „Aufgrund der Beweise sollte er nicht mehr im Kabinett sein“.

Gefährlicher für Lutnick – und ultimativ für den Präsidenten – ist jedoch der Riss, der sich durch die Republikanische Partei zieht. Es sind nicht nur die üblichen Gegner. Der Republikaner Thomas Massie aus Kentucky forderte offen Lutnicks Rücktritt und merkte spitz an, dass andere Persönlichkeiten wegen weit geringfügigerer Verbindungen zu Epstein ihren Hut nehmen mussten. Selbst John Thune, der Mehrheitsführer im Senat, vermied eine direkte Verteidigung und verwies vielsagend darauf, dass die Amerikaner selbst urteilen müssten, ob Lutnicks Antworten ausreichten. Senator Thom Tillis bezeichnete die Vorgänge als „besorgniserregend“ und riet Lutnick, „genau darzulegen, was passiert ist und was nicht“.

Diese Stimmen aus den eigenen Reihen sind ein Warnsignal. Sie zeigen, dass die „Causa Lutnick“ das Potenzial hat, zu einem Keil zu werden, der die fragile Koalition der Republikaner spaltet. Lutnick wird zunehmend zur Belastung, weil er die Aufmerksamkeit wieder auf ein Thema lenkt, das viele Konservative lieber begraben würden: die strukturelle Nähe der Machtelite zu Jeffrey Epstein.

Die „Epstein-Klasse“ und die fehlende Rechenschaft

Was der Fall Lutnick letztlich offenbart, ist die Existenz einer Parallelgesellschaft, für die Senator Jon Ossoff den treffenden Begriff der „Epstein-Klasse“ prägte. Es ist eine Regierung „von, durch und für die Ultrareichen“, in der andere Gesetze zu gelten scheinen als für den Rest der Bevölkerung. In dieser Sphäre war Epstein nicht der Paria, als der er heute gilt, sondern ein Knotenpunkt im Netzwerk des globalen Jetsets.

Der Kontrast zum Umgang mit dem Skandal in anderen Ländern ist frappierend. In Großbritannien führten die Enthüllungen der Epstein-Akten zu Rücktritten und dem Entzug königlicher Privilegien – man denke an Prinz Andrew. In den USA hingegen scheint eine Art Teflon-Schicht die politische Elite zu schützen. Lutnick ist dabei kein Einzelfall; auch Navy Secretary John Phelan taucht auf Passagierlisten von Epsteins Privatflugzeug auf, wenn auch aus der Zeit vor den Anklagen.

Die Reaktion auf diese Enthüllungen folgt einem zynischen Muster: Leugnen, Minimieren, Aussitzen. Ro Khanna brachte die Frustration vieler Amerikaner auf den Punkt: „Werden wir einfach zulassen, dass die reichen und mächtigen Leute, die Freunde waren und kein Problem damit hatten, Geschäfte mit einem Pädophilen zu machen… einfach davonkommen?“. Die Akten zeigen eine Welt, in der der Zugang zu Kapital und Einfluss jede moralische Bedenklichkeit übertrumpft. Es ist ein „Club“, in dem man wegschaut, solange der Champagner fließt und die Deals stimmen. Lutnicks Erwähnung seiner „Nannys“ im Plural ist dabei nur ein weiteres, fast karikaturhaftes Symbol für diese abgehobene Realität.

Das Ende der „Ich wusste von nichts“-Ära

Howard Lutnick mag sich vor dem Senat verteidigt haben mit den Worten: „Ich habe nichts zu verbergen, absolut nichts“. Doch die schrittweise Demontage seiner eigenen Geschichte erzählt eine andere Wahrheit. Seine Glaubwürdigkeit ist nicht an den Fakten selbst zerbrochen, sondern an dem Versuch, sie umzudeuten. Hätte er von Anfang an zugegeben, dass er opportunistisch handelte, dass er trotz moralischer Bedenken den geschäftlichen und nachbarschaftlichen Kontakt hielt, wäre er vielleicht angreifbar, aber ehrlich gewesen. Stattdessen wählte er die Lüge vom totalen Bruch, die nun wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt.

Der Fall zeigt schmerzhaft deutlich, dass die Nähe zu Epstein für viele in der amerikanischen Elite kein Betriebsunfall war, sondern ein kalkuliertes Risiko. Man nahm die „Unannehmlichkeiten“ seines Charakters in Kauf für den Zugang, den er bot. Die eigentliche politische Sprengkraft liegt nun nicht mehr im Besuch der Insel im Jahr 2012, sondern in der Täuschung der Öffentlichkeit im Jahr 2025. In der Politik ist es oft nicht das Verbrechen, das den Fall bringt, sondern der Versuch der Vertuschung. Für Howard Lutnick und die Regierung, die ihn stützt, könnte diese alte Weisheit zur bitteren Realität werden. Die Zeit der Ausreden ist vorbei; die Akten liegen offen auf dem Tisch.

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