
Es gibt Arten des Sterbens, die lautlos geschehen, schleichend, wie eine Krankheit, die den Körper über Jahre hinweg auszehrt. Und dann gibt es den plötzlichen Exitus, das gewaltsame Ende, bei dem der Patient auf offener Straße zusammenbricht. Was sich am 4. Februar 2026 in der amerikanischen Hauptstadt abspielte, war eine makabre Mischung aus beidem: das finale Stadium eines langen Sieichtums und zugleich eine brutale Hinrichtung. An diesem Mittwochmorgen begann die Washington Post, eine der stolzesten Institutionen des amerikanischen Journalismus, mit der Entlassung von mehr als 300 Journalisten.
Insgesamt muss fast ein Drittel der gesamten Belegschaft gehen – 30 Prozent der Menschen, die diese Zeitung ausmachen, wurden quasi über Nacht vor die Tür gesetzt. Die Art und Weise, wie dieser Kahlschlag exekutiert wurde, spricht Bände über den Zustand der Unternehmenskultur unter dem Eigentümer Jeff Bezos. Es gab keine versammelte Trauergemeinde, keine würdevollen Abschiedsworte in einem überfüllten Newsroom. Stattdessen landeten die Kündigungen kalt und mechanisch in den E-Mail-Posteingängen der Betroffenen.
„Eliminated“. Ein einziges Wort, wieder und wieder aufleuchtend auf den Bildschirmen, ein digitales Todesurteil für Karrieren, die oft Jahrzehnte andauerten. Während die Redakteure ihren Kollegen per Messenger mitteilten, dass sie „eliminiert“ worden waren, glänzte die Führungsebene durch feige Abwesenheit. Will Lewis, der britische Verleger, den Bezos Ende 2023 installiert hatte, um das Blatt profitabel zu machen, hielt es nicht für nötig, im entscheidenden Zoom-Call zu erscheinen. Er, der ohnehin den Ruf genießt, oft zu spät oder gar nicht zur Arbeit zu erscheinen, überließ es Matt Murray, dem Chefredakteur, und der Personalabteilung, das Desaster zu verwalten.
Doch dieser „Schwarze Mittwoch“ ist mehr als nur eine weitere Episode in der traurigen Serie von Medien-Layoffs. Er markiert den Kulminationspunkt einer tödlichen Trias, die das Blatt in die Zange nimmt: eine wirtschaftliche Orientierungslosigkeit im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, ein chaotisches Missmanagement, das an Sabotage grenzt, und ein politischer Angriff der Trump-Administration, der die Pressefreiheit in ihren Grundfesten erschüttert. Während die Post sich im Inneren selbst zerfleischt, treten FBI-Agenten ihre Türen ein. Es ist, als würde man einem Patienten, der bereits auf der Intensivstation liegt, den Sauerstoff abdrehen, während draußen das Krankenhaus brennt.
Die große Schrumpfung: Wenn eine Institution ihre Seele amputiert
Man muss die Dimension dieses Kahlschlags verstehen, um zu begreifen, dass hier nicht einfach nur Kosten gespart werden. Hier wird eine Idee zu Grabe getragen. Von den rund 800 Journalisten im Newsroom müssen mehr als 300 ihren Hut nehmen. Matt Murray, der Chefredakteur, versuchte diesen Aderlass mit einer Mischung aus Fatalismus und Unternehmenssprech zu rechtfertigen. Die Zeitung habe „zu lange zu viel Geld verloren“ und sei „zu sehr in einer anderen Ära verwurzelt“.
Die Diagnose der Führungsebene lautet: Das Internet hat sich gewandelt, und wir haben den Anschluss verloren. Murray verwies darauf, dass der Suchmaschinen-Traffic in den letzten drei Jahren um fast die Hälfte eingebrochen sei – eine Entwicklung, die er auch dem Aufstieg der generativen Künstlichen Intelligenz zuschreibt. Die Antwort auf diese technologische Disruption ist jedoch kein innovativer Gegenentwurf, sondern eine radikale Amputation. Die Post zieht sich auf das zurück, was die Manager als den harten Kern betrachten: nationale Nachrichten, Politik, Wirtschaft und Gesundheit.

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Alles andere wird als Ballast abgeworfen. Die Sportredaktion, einst das Herzschlag-Zentrum für viele Leser, wird komplett geschlossen; nur eine Handvoll Reporter darf bleiben, um im Feuilleton über die „Kultur des Sports“ zu philosophieren, statt über Ergebnisse zu berichten. Das Lokalressort „Metro“, die Keimzelle der Zeitung, schrumpft massiv. Auch die Buchbesprechungen und der tägliche Podcast „Post Reports“ werden eingestellt. Es ist eine Ironie von historischer Tragweite, dass ausgerechnet jene Zeitung, die den Watergate-Skandal aufdeckte – eine Geschichte, die als lokaler Einbruch begann –, nun ihre lokalen Wurzeln kappt.
Die Redakteure des Metro-Ressorts hatten in einem verzweifelten Appell an Jeff Bezos geschrieben: „Watergate begann als eine lokale Geschichte. Haltet die Washington Post zu einem Ort, der Washington berichtet“. Doch dieser Ruf verhallte ungehört. Stattdessen wird die Post zu einem generischen Produkt zurechtgestutzt, das versucht, Politico zu kopieren – jene Publikation, die vor fast zwei Jahrzehnten von ehemaligen Post-Reportern gegründet wurde. Man opfert die Breite und Tiefe einer Vollzeitung, die das Leben ihrer Leser in allen Facetten begleitete, für den vagen Traum einer reinen Politik-Plattform.
Auch international ist der Rückzug dramatisch. Trotz der Beteuerungen Murrays, man bleibe an einem Dutzend Standorten präsent, wurden Büros im Nahen Osten, in Indien und Australien geschlossen. Die Vision einer globalen Zeitung, die Jeff Bezos einst hegte, ist implodiert. Was bleibt, ist ein Rumpfgebilde, das vorgibt, „essenzieller“ zu werden, indem es sich selbst kleiner macht.
Management by Chaos: Das Olympia-Debakel als Symptom
Wäre dieser Schrumpfungsprozess Teil eines genialen, wenn auch schmerzhaften Masterplans, könnte man vielleicht noch rational darüber diskutieren. Doch was sich in den Führungsetagen der Post abspielt, gleicht eher einer Slapstick-Einlage auf dem Deck der Titanic. Nichts illustriert die Planlosigkeit und Inkompetenz des Managements besser als die Farce um die Berichterstattung zu den Olympischen Winterspielen.
Zunächst plante die Zeitung, ein Team von mehr als einem Dutzend Journalisten nach Italien zu entsenden – ein Standardverfahren für eine Publikation von Weltruf, die traditionell bei solchen Großereignissen Flagge zeigt. Flüge waren gebucht, Akkreditierungen gesichert. Allein für Unterkünfte hatte die Post bereits 80.000 Dollar ausgegeben. Doch dann, weniger als drei Wochen vor der Eröffnungsfeier, verschickte die leitende Redakteurin Kimi Yoshino eine jener berüchtigten „knappen E-Mails“.
Die Botschaft: Absage. Niemand fährt. Man müsse die „Prioritäten für 2026“ neu bewerten. Die 80.000 Dollar für Hotels? Ein Totalverlust, verbranntes Geld in einer Zeit, in der man angeblich jeden Cent umdrehen muss. Die Entscheidung wirkte nicht wie kühles Kostenmanagement, sondern wie eine Panikreaktion. Sie traf die Mitarbeiter völlig unvorbereitet und löste intern wie extern einen Sturm der Entrüstung aus. Christine Brennan, eine ehemalige Post-Sportreporterin, nannte es eine „atemberaubende und schreckliche Entwicklung“.
Und dann, so als wollte man die eigene Unberechenbarkeit noch unterstreichen, folgte die Rolle rückwärts. Nur wenige Tage nach der Absage und dem öffentlichen Aufschrei entschied die Führung, nun doch vier Journalisten zu schicken. Dieses Hin und Her ist symptomatisch für die Ära Bezos. Der Mann, der als einer der reichsten Menschen der Welt den Online-Handel revolutionierte, wirkt im Zeitungsgeschäft seltsam hilflos. Er sagt, er habe die Post einmal gerettet und werde es ein zweites Mal tun, doch seine Statthalter agieren ohne klaren Kompass.
Will Lewis, der Verleger, ist zudem schwer belastet durch seine eigene Vergangenheit. Seine Amtszeit ist geprägt von Turbulenzen und der genauen Prüfung seiner Verwicklungen in den britischen Phone-Hacking-Skandal. Hinzu kam das Debakel kurz vor der Präsidentschaftswahl 2024, als Lewis eine neue Richtlinie von Bezos verkündete, die Wahlempfehlungen untersagte und damit eine bereits verfasste Unterstützung für Kamala Harris blockierte. Die Folge war eine massive Kündigungswelle von Abonnenten – Hunderttausende wandten sich ab. Man gewinnt den Eindruck, dass hier Brandstifter als Feuerwehrleute verkleidet durch die Gänge rennen.
Der Angriff von außen: Wenn der Staat die Tür eintritt
Während sich die Post im Inneren durch Inkompetenz selbst zerlegt, sieht sie sich von außen einem Angriff gegenüber, der in seiner Aggressivität beispiellos ist. Parallel zu den Kündigungen spielte sich im Haus der Reporterin Hannah Natanson ein Drama ab, das jeden Journalisten im Land erschaudern lassen muss. FBI-Agenten durchsuchten ihr privates Wohnhaus, beschlagnahmten zwei Laptops, ein iPhone, eine Festplatte und sogar ihre Smartwatch.
Natanson ist keine gewöhnliche Reporterin; sie gilt als „Federal Government Whisperer“, als die Frau, die wie keine andere Zugang zu den Ängsten und Sorgen der Bundesbeamten unter der Trump-Administration hat. Ihre Arbeit dokumentierte den radikalen Umbau des Staates und den Versuch, die Beamtenschaft auf Linie zu bringen. Der Vorwand für die Razzia war die Jagd nach einem Leaker: Aurelio Perez-Lugones, ein Regierungsauftragnehmer, der verdächtigt wird, geheime Dokumente entwendet zu haben.
Doch die Maßnahmen gegen Natanson stehen in keinem Verhältnis zum Ziel. Die Behörden beschlagnahmten effektiv ihr gesamtes „professionelles Universum“ – 30.000 E-Mails, Notizen, Interviews –, um eine einzige Nadel im Heuhaufen zu finden. Es ist eine gefährliche Eskalation unter der Ägide von Justizministerin Pam Bondi. Zwar gelten formell noch Regeln, die Journalisten schützen sollen, doch Bondi hat eine entscheidende Sicherung entfernt: Die Hürde, Reporter in Ermittlungen als Kriminelle darzustellen, um Schutzgesetze von 1980 zu umgehen, ist faktisch gefallen.
Präsident Trump selbst goss Öl ins Feuer, indem er öffentlich von einem „sehr bösen Leaker“ sprach und drohte: „Wir sind ihnen dicht auf den Fersen“. Es ist ein koordinierter Einschüchterungsversuch. Wenn der Staat das Haus einer Reporterin durchsuchen und ihre gesamte Kommunikation mit über 1.200 Quellen auf Signal kompromittieren kann, ist der Quellenschutz tot.
In einem seltenen Moment der Stärke wehrten sich die Anwälte der Post und erwirkten eine richterliche Verfügung, die der Regierung vorerst untersagt, die beschlagnahmten Geräte auszuwerten. Die Argumentation ist zwingend: Die Beschlagnahmung kommt einer verfassungswidrigen Vorzensur gleich, da sie der Zeitung die Arbeitsmittel entzieht. Doch die Botschaft ist gesendet: Wer über die Geheimnisse dieser Regierung berichtet, muss damit rechnen, dass Männer in Windjacken im Wohnzimmer stehen.
„Mörder“ im Glashaus: Das Ende des „Wir“
Man kann eine Zeitung wirtschaftlich sanieren, man kann Strategien ändern, aber man kann eine Seele nicht am Reißbrett neu entwerfen. Was bei der Post geschieht, ist laut der langjährigen Mitarbeiterin Ashley Parker nichts Geringeres als ein „Mord“. Es ist der Mord an einer Kultur, die über Jahrzehnte gewachsen ist, einem sozialen Gefüge, das weit über den Austausch von Nachrichten hinausging.
Die Post war ein Ort, an dem Kollegen „Meal Trains“ organisierten, wenn jemand krank war, wo man sich gegenseitig unterstützte, wenn private Tragödien hereinbrachen. Es war ein Ort des „Giggling“, des gemeinsamen Lachens und Kämpfens. Diese menschliche Wärme, dieses „Wir-Gefühl“, wird nun durch die Kälte der Management-Entscheidungen zertrümmert. Wenn Führungskräfte nicht einmal den Mut haben, ihren Mitarbeitern bei der Entlassung in die Augen zu sehen, ist das Band des Vertrauens unwiderruflich zerschnitten.
Parker argumentiert brillant, dass die Entscheidung, das Lokale zu streichen, nicht nur herzlos, sondern journalistisch dumm ist. Man kann die große Politik in Washington nicht verstehen, wenn man nicht weiß, was in den Schulen der Stadt passiert, wie die Nationals spielen oder wo es die besten Pupusas gibt. Die Korrespondenten in aller Welt riskierten ihr Leben, um zu erklären, wie ein Putsch in Venezuela das Leben eines Bürgers in Ohio beeinflussen könnte. Indem man diese Verbindungen kappt, macht man die Zeitung nicht fokussierter, sondern blind.
Die Vorstellung, man könne eine erfolgreiche „General Interest“-Publikation sein, indem man alles streicht, was „General Interest“ ausmacht, ist absurd. Die New York Times hat gezeigt, dass der Weg zur Profitabilität über Diversifizierung führt – über Spiele, Kochen, Audio und tiefgründigen Journalismus in allen Bereichen. Die Post hingegen versucht, sich gesundzuschrumpfen, indem sie ihr Publikum im Stich lässt. Sie jagt einem Phantom-Publikum nach, während sie ihre treuesten Leser vor den Kopf stößt.
Die strategische Sackgasse und das letzte Gefecht
Gewiss, die wirtschaftlichen Fakten lassen sich nicht wegdiskutieren. Der Verlust an Suchmaschinen-Traffic durch KI ist eine existenzielle Bedrohung für das Geschäftsmodell. Dass die Post hunderte Millionen Dollar verloren hat, ist eine Realität. Doch die Reaktion darauf zeugt von einer erschreckenden Ideenlosigkeit. Statt die „Avis-Mentalität“ wiederzubeleben – jenen Geist des „Wir geben uns mehr Mühe“, weil man die Nummer zwei ist –, ergibt man sich einer depressiven Abwicklung.
Wie tief der Riss zwischen Redaktion und Management geht, zeigt der Fall von Peter Finn. Der Redakteur bat darum, selbst entlassen zu werden, statt gezwungen zu sein, die Kürzungen an seinem Team zu planen. Wenn die loyalsten Offiziere das Schiff verlassen oder meutern, ist der Kapitän verloren.
Am Ende bleibt ein Trümmerfeld. Marty Baron, der ehemalige Chefredakteur, der die Zeitung durch die erste Trump-Ära führte, nannte den Tag der Entlassungen einen der „dunkelsten Tage in der Geschichte“ der Organisation. Die Ambitionen der Post sind geschrumpft, ihr talentiertes Personal ist dezimiert, und der Öffentlichkeit wird genau jene „bodenständige Berichterstattung“ verweigert, die sie mehr denn je bräuchte.
Jeff Bezos mag glauben, er könne eine profitable Publikation auf dem Fundament von Algorithmen und Sparplänen errichten. Doch er irrt. Demokratie stirbt nicht nur in der Dunkelheit, wie es der berühmte Slogan der Post mahnt. Sie stirbt auch an Irrelevanz, an Mutlosigkeit und an der Arroganz von Milliardären, die glauben, Journalismus sei nur eine weitere Ware, die man optimieren kann wie eine Lieferkette. Im Februar 2026 hat die Washington Post nicht nur Mitarbeiter verloren. Sie hat aufgehört, die Washington Post zu sein.


