
Washington, D.C., ist eine Stadt der Rituale. Eines der verlässlichsten ist der theatralische Tanz um den Bundeshaushalt, ein Schauspiel aus Fristen, Drohungen und Deals in letzter Minute, das meistens damit endet, dass alles bleibt, wie es ist. Doch in dieser Woche, während der kalte Wind durch die Avenues der Hauptstadt pfeift und die Uhr unerbittlich auf die Deadline am Freitag um Mitternacht tickt, ist das Ritual zerbrochen. Die Routine ist einer tiefen, fast körperlich spürbaren Unruhe gewichen. Denn was als bürokratisches Gerangel um Zahlen begann, hat sich in ein moralisches Referendum über staatliche Gewalt verwandelt. Der Auslöser liegt über tausend Meilen entfernt, im Schnee von Minneapolis, wo der Tod eines Mannes nicht nur ein Leben beendete, sondern die politische Architektur der Hauptstadt in ihren Grundfesten erschüttert hat.
Es ist eine Situation, in der die technokratische Sprache des Kongresses – „Continuing Resolutions“, „Omnibus Packages“ – plötzlich obszön wirkt. Die Debatte hat sich verschoben. Es geht nicht mehr darum, wie viel Geld der Staat ausgibt, sondern wofür er tötet. Und während die Demokraten im Senat nun die Notbremse ziehen und eine Zuspitzung riskieren, die große Teile der Regierung lahmlegen könnte, wird deutlich: Wir erleben keinen gewöhnlichen Haushaltsstreit. Wir erleben das grelle Aufleuchten einer Verfassungskrise, die lange im Verborgenen schwelte und nun, katalysiert durch Smartphone-Videos und Polizeigewalt, nicht mehr zu ignorieren ist.
Anatomie einer Hinrichtung: Wenn das offizielle Narrativ kollabiert
Um die Sprengkraft zu verstehen, die derzeit die Flure des Kapitols durchzieht, muss man den Blick auf den Samstagmorgen in Minneapolis richten. Dort starb Alex Pretti, 37 Jahre alt, Intensivpfleger, ein Mann, der gerne Fahrrad fuhr und seinen Hund ausführte. Er starb nicht durch einen Unfall, sondern durch das, was Experten mittlerweile als „ansteckendes Feuer“ bezeichnen – eine Kaskade aus Gewalt, bei der die Schüsse eines Agenten die Reflexe der anderen auslösen, bis Vernunft und Vorschriften im Lärm der Projektile untergehen.
Die Rekonstruktion der Ereignisse zeichnet das Bild eines völligen Kontrollverlusts staatlicher Organe. Pretti hatte offenbar begonnen, eine Operation der Einwanderungsbehörde zu filmen – ein Bürgerrecht in einem freien Land. Was folgte, war keine Polizeiarbeit, sondern eine Eskalation, die eher an ein Kriegsgebiet erinnert. Videos zeigen, wie Agenten Umstehende schubsen und Pfefferspray aus nächster Nähe einsetzen, als wäre es Wasser. Pretti selbst wurde zu Boden geworfen, fixiert, sein Gesicht mit Reizgas traktiert.

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Doch das eigentliche Grauen offenbart sich in der Tonspur der Aufnahmen, die nun als Indizien einer Anklage gegen den Staat selbst im Raum stehen. „Wo ist die Waffe?“, brüllt eine Stimme. Eine andere antwortet, man habe sie bereits gesichert. Pretti, der eine legale Erlaubnis zum Tragen einer Waffe besaß, war zu diesem Zeitpunkt entwaffnet und am Boden fixiert. Er stellte keine Bedrohung mehr dar. Dennoch fielen Sekunden später die Schüsse. Mindestens zehnmal feuerten die Bundesagenten auf den wehrlosen Mann.
Was diesen Vorfall von einer Tragödie zu einem politischen Erdbeben macht, ist die Reaktion der Trump-Administration in den Stunden danach. Noch bevor der Leichnam abgekühlt war, warf die Propagandamaschine in Washington ihre Motoren an. Kristi Noem, die Heimatschutzministerin, und Gregory Bovino, der operative Leiter vor Ort, brandmarkten den Toten als „inländischen Terroristen“. Man behauptete, er habe ein Massaker an Gesetzeshütern geplant, er habe das Feuer eröffnet. Es war der Versuch, das Opfer zum Täter zu machen, eine Taktik, die in der Vergangenheit oft funktioniert hat.
Doch diesmal prallte die Lüge an der Realität der Bilder ab. Die Videos zeigen eindeutig: Pretti zog seine Waffe nie. Er wurde in den Rücken geschossen, während er am Boden lag. Die Dissonanz zwischen der behördlichen Fiktion und der dokumentierten Wahrheit ist so gewaltig, dass sie selbst hartgesottene Zyniker in Washington verstummen ließ. Es war zudem nicht der erste Vorfall; erst am 7. Januar war Renee Good, ebenfalls US-Bürgerin, in derselben Stadt von einem Bundesagenten erschossen worden. Minneapolis ist zum Symbol einer entfesselten Exekutive geworden, die sich weder an Gesetze noch an die Wahrheit gebunden fühlt.
Der politische Pivot: Eine Partei entdeckt ihr Rückgrat
Für die Demokraten im Senat markiert dieser Moment eine Zäsur. Bis vor wenigen Tagen waren sie bereit, das Haushaltspaket, das 64,4 Milliarden Dollar für das Heimatschutzministerium (DHS) vorsieht, durchzuwinken. Es war der Weg des geringsten Widerstands, der pragmatische Pfad, um einen „Shutdown“ zu verhindern. Doch das Blut im Schnee von Minneapolis hat die politische Kalkulation radikal verändert.
Chuck Schumer, der Minderheitsführer, hat eine Kehrtwende vollzogen, die man in ihrer Schärfe selten sieht. Seine Botschaft an die Republikaner ist unmissverständlich: Es gibt kein Geld mehr ohne fundamentale Reformen. Die Demokraten haben eine Liste von Forderungen auf den Tisch gelegt, die wie eine Anklageschrift gegen den Status quo lesen: „Restrict, Reform, Restrain“. Sie verlangen das Ende anonymer Stoßtrupps – Agenten sollen keine Masken mehr tragen dürfen, sie müssen sich ausweisen. Bodycams sollen Pflicht werden, nicht Option. Und vor allem: Schluss mit den willkürlichen Durchsuchungen ohne richterlichen Beschluss.
Es ist bemerkenswert, wie schnell sich die Reihen der Demokraten geschlossen haben. Selbst moderate Stimmen wie Senatorin Jeanne Shaheen oder der Abgeordnete Tom Suozzi, die in der Vergangenheit oft Kompromisse suchten und sogar mit den Republikanern stimmten, um die Regierung offen zu halten, haben ihre Position verhärtet. Suozzi sprach davon, er habe „versagt“, weil er die Abstimmung über das DHS-Budget nicht als Referendum über das unmoralische Verhalten der ICE in Minneapolis begriffen habe.
Die Demokraten wissen, dass sie ein hohes Risiko eingehen. Wenn am Freitag um Mitternacht die Lichter in weiten Teilen der Regierung ausgehen, werden die Republikaner versuchen, ihnen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Doch die Partei setzt darauf, dass die Öffentlichkeit den Unterschied zwischen politischer Taktik und moralischer Notwendigkeit erkennt. Wer in Anbetracht von Videos, die eine Exekution durch Staatsorgane nahelegen, einfach zur Tagesordnung übergeht und Schecks unterschreibt, macht sich mitschuldig. Schumer formulierte es so: Wenn die Republikaner diese Reformen ablehnen, „wählen sie das Chaos über die Ordnung“.
„Operation Metro Surge“: Der Föderalismus unter Beschuss
Um die Tiefe des Konflikts zu verstehen, muss man den Blick von Washington zurück nach Minnesota lenken. Was dort unter dem Namen „Operation Metro Surge“ stattfindet, gleicht weniger einer Polizeimaßnahme als einer Besatzung. Rund 3.000 Bundesagenten der ICE und der Grenzschutzbehörde CBP wurden in die Region verlegt. Es ist eine Machtdemonstration des Bundes gegen einen Bundesstaat, der politisch anders tickt.
Der Konflikt wird nicht nur auf der Straße, sondern auch im Gerichtssaal ausgetragen. Minnesota sowie die Städte Minneapolis und St. Paul haben eine Klage eingereicht, die sich auf den zehnten Verfassungszusatz beruft. Ihr Argument ist so simpel wie explosiv: Die Bundesregierung verletzt die Souveränität des Staates. Die Anwälte der Kläger sprechen von einer „Invasion“, von einer „Armee“, die entsandt wurde, um den Willen des Staates zu brechen.
Richterin Kate M. Menendez, die über den Fall zu entscheiden hat, steht vor einem juristischen Dilemma ohne klaren Präzedenzfall. Sie sprach von „schockierend ungewöhnlichen Zeiten“ und fragte im Gerichtssaal, wo die Grenze verläuft zwischen legitimer Rechtsdurchsetzung des Bundes und verfassungswidriger Nötigung. Denn die Trump-Administration macht keinen Hehl daraus, dass es auch um Vergeltung geht. Justizministerin Pam Bondi schickte einen Brief an Gouverneur Walz, den die Gegenseite treffend als „Erpresserbrief“ bezeichnete: Forderungen nach Änderungen in der Wohlfahrtspolitik und Herausgabe von Wählerverzeichnissen wurden mit der polizeilichen Präsenz verknüpft.
Gleichzeitig behindern die Bundesbehörden aktiv die Aufklärung der Tötungsdelikte. Lokalen Ermittlern wurde der Zugang zu Tatorten verwehrt, Beweismittel werden vom Heimatschutzministerium selbst „untersucht“ – eine interne Prüfung („Use-of-force review“), die weit von einer unabhängigen Mordermittlung entfernt ist. Es entsteht das Bild eines Staates im Staate, der sich jeder externen Kontrolle entzieht.
Die Budget-Falle: Warum der Shutdown eine Illusion ist
Hier kommen wir zum dunkelsten Punkt dieser Analyse, dem Aspekt, der die ganze Debatte um den „Shutdown“ als ein fast absurdes Theater entlarvt. Während Demokraten und Republikaner im Kapitol darum ringen, ob das Heimatschutzministerium Geld bekommt, existiert in Wahrheit ein finanzieller Parallelkreislauf, der die Einwanderungsbehörde ICE immun gegen parlamentarische Kontrolle macht.
Im vergangenen Sommer verabschiedeten die Republikaner ein Gesetz, das zynisch als „One Big Beautiful Bill“ betitelt wurde. Darin versteckt: eine pauschale Zuweisung von 75 Milliarden Dollar für die ICE über die nächsten vier Jahre. Das ist fast das Achtfache des Budgets von 2020. Es ist ein gigantischer Schattenhaushalt, ein „Slush Fund“, der sicherstellt, dass die Deportationsmaschinerie weiterläuft, selbst wenn der Rest der Regierung stillsteht.
Das ist die bittere Ironie der kommenden Tage: Sollte es zum Shutdown kommen, werden die Nationalparks schließen, die Mitarbeiter der Transportsicherheitsbehörde TSA müssen ohne Bezahlung am Flughafen arbeiten, die FEMA wird bei der Katastrophenhilfe behindert sein. Aber die Agenten, die in Minneapolis Bürger aus ihren Autos zerren, werden weiterbezahlt. Sie haben genug Geld, um noch Jahre so weiterzumachen.
Dies offenbart die ganze Ohnmacht des Kongresses. Das „Power of the purse“, das Budgetrecht, ist das schärfste Schwert der Legislative zur Kontrolle der Exekutive. Doch durch die langfristige Überfinanzierung der ICE hat sich die Trump-Administration von dieser Fessel befreit. Die Demokraten wissen das. Senatorin Patty Murray gab offen zu, dass ein Blockieren des Budgets die ICE operativ nicht stoppen wird. Es ist ein symbolischer Akt, ein letzter Versuch, über den öffentlichen Druck jene Rechenschaftspflicht zu erzwingen, die über den Geldhahn nicht mehr durchsetzbar ist.
Chaos im Weißen Haus: Panik hinter der Fassade der Stärke
Trotz dieser finanziellen Unabhängigkeit herrscht im Weißen Haus Nervosität. Die Administration spürt, dass sie den Bogen überspannt hat. Die Bilder des sterbenden Alex Pretti sind zu eindeutig, die Lügen der ersten Stunden zu offensichtlich widerlegt. Man sieht den Versuch einer hektischen Schadensbegrenzung, getarnt als strategische Neuausrichtung.
Gregory Bovino, der als Gesicht der harten Linie galt und dessen aggressive Taktiken bereits in anderen Städten für Proteste sorgten, wird aus Minneapolis abgezogen. Es ist ein Bauernopfer. An seine Stelle tritt Tom Homan, Trumps „Grenz-Zar“, der nun direkt an den Präsidenten berichten soll. Diese Personalrochade ist ein Eingeständnis des Scheiterns, auch wenn es offiziell anders verkauft wird.
Noch deutlicher wird die Panik im Tonfall des Präsidenten. Hatte Trump Gouverneur Tim Walz kurz nach den Schüssen noch für die Gewalt verantwortlich gemacht, schlug er nach einem Telefonat plötzlich versöhnliche Töne an. Man sei auf einer „ähnlichen Wellenlänge“, das Gespräch sei produktiv gewesen. Es ist das klassische Muster eines Populisten, der merkt, dass die Stimmung kippt: Er umarmt den Gegner, um ihm die Luft zum Atmen zu nehmen.
Doch hinter den Kulissen brodelt es. In einem zweistündigen Krisentreffen im Oval Office mussten sich Heimatschutzministerin Noem und ihr Berater Corey Lewandowski erklären. Zwar behalten sie vorerst ihre Jobs, doch die Botschaft ist klar: Der Präsident fürchtet den politischen Rückschlag. Während Trump den Staatsmann mimt, wird seine Pressesprecherin Karoline Leavitt vorgeschickt, um weiter Öl ins Feuer zu gießen und Demokraten die Schuld zu geben. Es ist eine Strategie der kognitiven Dissonanz: Deeskalation simulieren, während man die Basis weiter aufhetzt.
Risse in der republikanischen Front
Dass die Strategie der verbrannten Erde nicht mehr reibungslos funktioniert, zeigen auch die feinen Risse, die sich durch die republikanische Partei ziehen. Es ist nicht mehr der monolithische Block der bedingungslosen Loyalität. Senatoren wie John Curtis aus Utah wagen es, die voreiligen Terrorismus-Vorwürfe von Ministerin Noem öffentlich zu kritisieren. Rand Paul, immer ein Libertärer mit Skepsis gegenüber staatlicher Übermacht, fordert Anhörungen und Rechenschaft von den Chefs der Behörden.
Sicher, die Hardliner im „House Freedom Caucus“ wie Chip Roy bleiben unnachgiebig und fordern im Gegenzug für ihre Stimmen noch härtere Maßnahmen gegen „Sanctuary Cities“. Doch im Senat spürt man das Unbehagen. John Thune, der Mehrheitsführer, stimmte in einem taktischen Manöver gegen das Vorankommen des Gesetzespakets – ein prozeduraler Trick, der es ihm erlaubt, das Gesetz später erneut zur Abstimmung zu bringen. Es ist ein Zeichen dafür, dass man Zeit gewinnen will. Zeit, um einen Ausweg aus einer Sackgasse zu finden, in die man sich mit der bedingungslosen Unterstützung einer außer Kontrolle geratenen Polizeibehörde selbst hineinmanövriert hat.
Ein Moment der Wahrheit
Wenn der Kongress in den kommenden Stunden nicht handelt, wird die Regierung am Samstagmorgen teilweise schließen. Die Testabstimmung im Senat am Donnerstag, die mit 45 zu 55 Stimmen scheiterte, lässt wenig Hoffnung auf eine schnelle Einigung. Doch ob der Shutdown kommt oder nicht, ist fast zweitrangig geworden.
Was wir in diesen Tagen erleben, ist viel bedeutsamer als eine temporäre Schließung von Nationalparks. Es ist die schmerzhafte Offenlegung einer Dysfunktionalität im Herzen der amerikanischen Demokratie. Ein System, das es zulässt, dass eine schwer bewaffnete Bundespolizei, finanziert durch einen Schattenhaushalt, in amerikanischen Städten agiert wie eine Besatzungsmacht, ohne dass der Kongress oder die Justiz wirksam eingreifen können, hat ein fundamentales Problem.
Der Tod von Alex Pretti war kein Betriebsunfall. Er war die logische Konsequenz einer Politik, die militärische Härte mit fehlender Rechenschaftspflicht paart. Die Demokraten haben sich entschieden, diesen Moment zu nutzen, um eine rote Linie zu ziehen. Es ist ein Kampf, den sie vielleicht politisch verlieren werden, wenn die Wähler ihnen den Shutdown anlasten. Aber es ist ein Kampf, den sie moralisch führen müssen. Denn wenn der Staat beginnt, seine eigenen Bürger auf offener Straße hinzurichten und danach die Realität umzudichten, dann steht nicht mehr nur der Haushalt auf dem Spiel. Dann geht es um die Frage, ob die Verfassung noch das Papier wert ist, auf dem sie geschrieben steht.


