Der Milliarden-Ablasshandel: Wie Big Tech sich die Weltliteratur einverleibte

Illustration: KI-generiert

Es wird bereits als der „Napster-Moment“ der Ära der künstlichen Intelligenz gefeiert. Ein historischer Triumph des Urheberrechts, so scheint es auf den ersten Blick. Das KI-Unternehmen Anthropic, Schöpfer des viel beachteten Chatbots Claude, beugt sich dem Druck und zahlt die astronomische Summe von 1,5 Milliarden US-Dollar an eine Gruppe von US-Autoren und Verlagen. Es ist die unbestritten höchste Strafzahlung, die in den Vereinigten Staaten jemals im Kontext einer Urheberrechtsverletzung verhängt wurde. Doch die Feierstimmung der Kreativbranche ist ein gefährlicher Trugschluss. Wenn man den Blick von der schieren Zahl abwendet und die Relationen betrachtet, verblasst der vermeintliche Triumph. Anthropic, ein Unternehmen, das erst kürzlich in einer neuen Finanzierungsrunde frische 13 Milliarden US-Dollar einsammeln konnte und nun mit gewaltigen 183 Milliarden US-Dollar bewertet wird, zahlt diesen Vergleich schlicht aus der Portokasse. Die Summe ist kein existenzbedrohender Schlag, sie fällt bei diesen Dimensionen kaum ins Gewicht. Sie ist vielmehr ein Lehrgeld für einen Anfängerfehler bei der rücksichtslosen Aneignung menschlichen Wissens.

Der Raubzug in den Schattenbibliotheken

Die wahre Geschichte dieses juristischen Spektakels beginnt nicht in hell erleuchteten Gerichtssälen, sondern in den dunklen, illegalen Ecken des Internets. Um gigantische Sprachmodelle zu trainieren, benötigen Tech-Konzerne Text – und zwar nicht in Auszügen, sondern in der Totalität des menschlichen Schaffens. Die schnelle und kostenlose Lösung fanden die Entwickler in sogenannten „Schattenbibliotheken“ wie Library Genesis (LibGen) oder dem Pirate Library Mirror. Es waren riesige, unregulierte Datensammlungen, gefüllt mit Millionen von raubkopierten Büchern. Dies geschah keineswegs aus Versehen. Anthropic-Mitgründer Ben Mann saß im Juni 2021 vor seinem Rechner und lud persönlich über einen Zeitraum von elf Tagen unzählige Werke aus der illegalen Quelle LibGen herunter. Als ein Jahr später der Pirate Library Mirror an den Start ging – eine Plattform, die ganz offen damit prahlte, das Urheberrecht bewusst zu brechen –, teilte Mann den Link intern mit begeisterten Worten: „just in time!!!“. Vor Gericht versuchte sich Anthropic mit einer geradezu philosophischen Verteidigungslinie: Man habe die urheberrechtlich geschützten Werke nicht kopiert, um sie bloß zu reproduzieren, sondern um mit den daraus erlernten Mustern etwas völlig Neues zu erschaffen. Es ist die Argumentation eines modernen Alchemisten, der fremdes Gold stiehlt, mit der Begründung, er wolle daraus lediglich eine neue Farbe mischen.

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„Fair Use“ – Der heimliche Sieg der Maschinen

Das eigentliche Beben dieses Falles ist nicht der Milliardenvergleich, sondern ein wegweisendes Urteil aus dem Juni 2025. Richter William Alsup fällte eine Entscheidung, die das Fundament des Urheberrechts in der digitalen Moderne neu gießt. Das bloße Training von künstlicher Intelligenz mit urheberrechtlich geschützten Texten, so das Gericht, ist prinzipiell als „Fair Use“ – als angemessene und legitime Nutzung – einzustufen. Die Begründung ist von einer kalten, technokratischen Logik geprägt: Die Technologie sei hochgradig transformativ. Der Richter zog dabei den Vergleich zu Lehrern heran, die Schulkindern beibringen, gut zu schreiben, indem sie ihnen Meisterwerke zu lesen geben. Die Urheberrechtsverletzung von Anthropic bestand demnach nicht in der Erschaffung der KI, sondern einzig und allein in der Nutzung von illegalen Raubkopien als Quelle. Dieser juristische Nuancenunterschied ist ein katastrophaler Paradigmawechsel für alle Kreativen. Es bedeutet unmissverständlich, dass Autoren, passionierte Blogger oder gewöhnliche Social-Media-Nutzer keine rechtliche Handhabe mehr besitzen, um zu verhindern, dass die Tech-Giganten ihre öffentlich und legal verfügbaren Inhalte ungefragt in ihre Maschinen einspeisen. Der Diebstahl des Geistes wurde legalisiert, solange er durch die Vordertür geschieht.

Projekt Panama – Zerstören, um zu erschaffen

Um künftig die rechtlichen Stolperfallen der Schattenbibliotheken zu umgehen, orchestrierte Anthropic ab Anfang 2024 ein bizarres und streng geheimes Unterfangen. Unter dem Codenamen „Project Panama“ verfolgte das Unternehmen das geradezu größenwahnsinnige Ziel, „alle Bücher der Welt“ destruktiv einzuscannen. Die oberste Maxime dabei lautete absolute Verschwiegenheit, niemand durfte davon erfahren. Für diese monumentale Aufgabe heuerte man Tom Turvey an, einen Veteranen der Branche, der einst das hochumstrittene Google-Books-Projekt geleitet hatte. Statt sich auf mühsame und teure Lizenzverhandlungen mit Verlagen einzulassen, ging Anthropic auf Einkaufstour. Man kaufte Millionen von physischen Büchern, teils tonnenweise, über Gebrauchtbuchhändler wie Better World Books und World of Books.

Was dann folgte, war die industrielle Schlachtung der Literatur. Ein Dienstleister nutzte hydraulische Schneidemaschinen, um die Buchrücken der physischen Werke sauber abzutrennen. Die befreiten Seiten wurden durch Hochgeschwindigkeitsscanner gejagt, in reine Datenpunkte verwandelt und die physischen Überreste anschließend gnadenlos recycelt. Es ist die perfekte Metapher für das Zeitalter der generativen KI: Der materielle Körper des Werkes wird zerstört, seine geistige Essenz extrahiert und der Algorithmus damit gefüttert. Alles absolut legal unter dem Deckmantel des „Fair Use“.

3.000 Dollar für ein Lebenswerk – Die Perspektive der Autoren

Die menschliche Dimension dieses industriellen Raubbaus offenbart sich in der bitteren Realität des Vergleichs. Der 1,5-Milliarden-Dollar-Fonds ist für schätzungsweise 500.000 Bücher vorgesehen. Das entspricht einer Auszahlung von etwa 3.000 US-Dollar pro Werk, die sich Autor und Verlag auch noch teilen müssen. Für die Thriller-Autorin Andrea Bartz, eine der Klägerinnen, war es ein Moment des blanken Entsetzens, als sie feststellte, dass Jahrzehnte ihrer intensiven geistigen Arbeit von Algorithmen in Sekundenbruchteilen verschlungen wurden. Sie sieht in dem Vergleich zumindest ein starkes Signal an die Tech-Branche, dass diese sich nicht völlig unantastbar wähnen darf. Doch der Bestseller-Autor Michael Connelly bringt den Zynismus der Situation auf den Punkt: 3.000 Dollar können niemals aufwiegen, was es bedeutet, jahrelang im Stillen ein Buch zu erschaffen. Wie absurd die Wertschätzung der Maschinen für menschliche Kreativität ist, erlebte der Satiriker Joel Stein. Er bat Anthropics KI Claude, den finanziellen Wert seines eigenen, ungefragt eingespeisten Buches für das Trainingsobjekt zu beziffern. Die Maschine berechnete eiskalt einen Wert von 75 US-Dollar, mit der herablassenden Begründung, sein Humor sei zwar speziell, aber letztlich durch Tausende andere Satiriker im Datensatz problemlos ersetzbar. Was bleibt, ist die beklemmende Angst der Urheber, dass sie den Algorithmus nicht nur gratis füttern, sondern dass dieser bald darauf billige, künstliche Imitate ausspuckt, die in direkte wirtschaftliche Konkurrenz zu ihren eigenen Werken treten.

Die Komplizen im System – Meta und OpenAI

Wer glaubt, Anthropic sei ein isolierter Akteur, irrt gewaltig. Die aggressive Datenbeschaffung ist die ungeschriebene Doktrin der gesamten Branche. Derzeit laufen über 40 Klagen von Urhebern gegen die mächtigsten Player im Silicon Valley. Auch bei Meta zeigten sich die Abgründe dieses Systems. Interne Kommunikationsprotokolle belegen zweifelsfrei, dass Mitarbeiter des Social-Media-Giganten massenhaft auf die illegale Schattenbibliothek LibGen zugriffen. Es gab sehr wohl ein diffuses Unrechtsbewusstsein in der Belegschaft. Ein Ingenieur schrieb besorgt: „Torrenting from a corporate laptop doesn’t feel right“, und man fürchtete juristische Konsequenzen. Dennoch wurde diese Praxis im Dezember 2023 von höchster Stelle durchgewinkt – nach einer internen Eskalation an „MZ“, ein eindeutiges Kürzel für CEO Mark Zuckerberg. Um die eigenen Spuren im Netz zu verwischen und das Risiko einer Rückverfolgung zu minimieren, mietete man sogar verschleiernd externe Amazon-Server an, statt die hauseigene Infrastruktur zu nutzen. Der Konkurrent OpenAI steht ebenfalls im Zentrum eines juristischen Orkans. Bestsellerautoren wie John Grisham, George R. R. Martin und David Baldacci sowie die traditionsreiche New York Times zerren das Unternehmen wegen massenhafter Urheberrechtsverletzungen vor Gericht.

Der politische Kampf in Washington

Die Schockwellen dieser technologischen Enteignung haben längst die politischen Sphären von Washington D.C. erreicht. In einer eindringlichen Anhörung vor einem Ausschuss des US-Senats schilderte der Schriftsteller David Baldacci, wie er fassungslos zusehen musste, wie ChatGPT auf Kommando in nur fünf Sekunden einen Plot in exakt seinem literarischen Stil generierte. Er fühlte sich, als sei jemand mit einem Lastwagen vorgefahren und hätte seine gesamte Vorstellungskraft abtransportiert. Die Reaktionen der Politik waren von markigen Worten geprägt. Der republikanische Senator Josh Hawley polterte, man erlebe hier den „größten Diebstahl von geistigem Eigentum in der amerikanischen Geschichte“. Man debattierte eifrig über den „Train Act“, einen überparteilichen Gesetzesentwurf, der es Kreativen endlich erleichtern soll, gerichtlich herauszufinden, ob ihre Werke heimlich für das KI-Training missbraucht wurden. Doch hinter der rhetorischen Empörung verbirgt sich politische Ohnmacht. Washington ist im alltäglichen Drama gefangen, und die Wahrscheinlichkeit, dass zeitnah scharfe Regulierungen verabschiedet werden, tendiert gegen null. Zu groß ist die Furcht der Gesetzgeber, durch strenge Urheberrechtsgesetze im globalen technologischen Wettrüsten, insbesondere gegen China, ins Hintertreffen zu geraten.

Die Schockwellen für Deutschland und Europa

Die Implikationen des amerikanischen Rechtsstreits strahlen auch massiv nach Europa ab. Deutsche Verlage und Autoren, deren Werke in die US-Schattenbibliotheken gesaugt wurden, sehen sich plötzlich mit einem undurchdringlichen ausländischen Rechtssystem konfrontiert. Um überhaupt einen theoretischen Anspruch auf die 3.000-Dollar-Pauschale anmelden zu können, lauert eine formale Falle: Das Werk muss bis zum Stichtag im Jahr 2022 offiziell beim U.S. Copyright Office registriert gewesen sein – ein administrativer Akt, den europäische Urheber im Normalfall schlicht nicht vollziehen. Zudem verlangt das US-Recht von ausländischen Verlagen den komplexen Nachweis, dass sie die tatsächlichen Inhaber des exklusiven US-Vervielfältigungsrechts („legal owner“) oder zumindest ein früherer Rechteinhaber mit Lizenzanspruch („beneficial owner“) sind. Doch der Fall birgt für Europa eine viel mächtigere politische Erkenntnis als bloße Schadensersatzforderungen. Die Einigung mit Anthropic beweist schonungslos, dass KI-Konzerne technisch sehr wohl in der Lage sind, präzise nachzuvollziehen und offenzulegen, mit welchen spezifischen Daten ihre Modelle trainiert wurden. Dies entzieht der Industrie ihr liebstes Argument der technischen Unmöglichkeit. Für den europäischen Gesetzgeber baut sich nun massiver Druck auf, in künftigen Gesetzen endlich harte Transparenzpflichten für Entwickler künstlicher Intelligenz durchzusetzen, damit Urheberrechte überhaupt durchsetzbar werden.

Die neue Realität

Wenn sich der Staub um diesen historischen 1,5-Milliarden-Dollar-Vergleich gelegt hat, wird man erkennen, dass sich an den grundlegenden Machtverhältnissen nichts geändert hat. Diese Zahlung etabliert keinen rechtlichen Präzedenzfall, der die KI-Industrie fortan zwingen würde, für ihre Trainingsdaten faire Lizenzen zu erwerben. Sie ist vielmehr ein moderner Ablasshandel. Eine astronomische Gebühr, die gezahlt wird, um die unsauberen Methoden der Anfangsjahre reinzuwaschen und sich Ruhe zu erkaufen. Die Start-ups und Tech-Giganten haben ihre Strategie längst angepasst. Sie kaufen nun massenhaft gedruckte Bücher, zerstören diese physisch in gigantischen Scan-Fabriken und berufen sich auf das schützende Schild des „Fair Use“, um ihre Modelle unangreifbar zu machen. Etwaige Strafen für Fehltritte sind in den Businessplänen längst als operative Kosten eingepreist – ein marginaler Preis für den entscheidenden Geschwindigkeitsvorteil im Kampf um die globale Vorherrschaft. Die systemische Maschinerie läuft unbeirrt weiter: Die Unternehmen saugen unermüdlich alle verfügbaren Inhalte aus dem offenen Internet auf. Sie konsumieren das gesammelte Wissen, die Kunst und die Seele der Menschheit, um etwas zu trainieren, das keine Seele hat. Und das Gericht hat ihnen den offiziellen Freifahrtschein dafür erteilt.

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