
Es gibt einen Moment in den unzähligen Stunden des neu veröffentlichten Materials, der wie ein Destillat des gesamten Skandals wirkt. Er findet nicht auf einer sonnendurchfluteten Karibikinsel statt, sondern in der gedämpften Atmosphäre eines New Yorker Stadthauses, in der 9 East 71st Street. Jeffrey Epstein sitzt in einem Sessel. Er trägt eine randlose Lesebrille und einen dunklen Pullover, das graue Haar ist dicht. Ihm gegenüber sitzt – oder besser: ihn befragt – Steve Bannon, der Mann, der später als Einflüsterer Donald Trumps Weltgeschichte schreiben sollte und hier noch als eine Art Mediencoach fungiert.
Die Szene, festgehalten in einem undatierten Video, das vermutlich kurz vor Epsteins Verhaftung im Juli 2019 entstand, ist von einer beklemmenden Offenheit. Bannon fragt nach dem Vermögen des Finanzmannes: Ihr Geld, ist das schmutziges Geld?. Epsteins Antwort kommt ohne Zögern, fast beiläufig: Nein, ist es nicht. Auf die Nachfrage nach dem Warum antwortet er mit einer Logik, die tief in die moralische Leere dieser Elite blicken lässt: Weil ich es verdient habe. Er habe schließlich einige der schlimmsten Menschen auf der Welt beraten. Menschen, die enorm schlechte Dinge tun.
Der Dialog spitzt sich zu, als Bannon ihn direkt konfrontiert: Sie sind ein registrierter Sexualstraftäter, ein Krimineller. Und dann die entscheidende Frage: Ob er der Teufel selbst sei. Epsteins Reaktion ist nicht Empörung, sondern kühle Verwunderung: Warum sollte ich das sein?.
Dieses Video ist mehr als nur ein Dokumentarstück; es ist der Schlüssel zum Verständnis dessen, was wir nun, im Februar 2026, erleben. Die Veröffentlichung der letzten Tranche der Epstein-Akten durch das US-Justizministerium ist kein Triumph der Aufklärung. Sie ist das chaotische Finale einer Tragödie, in der die Grenzen zwischen Täter, Beschützer und Staat verschwimmen. Was wir sehen, ist nicht nur die Bloßstellung eines Mannes, sondern die Autopsie eines Systems, das selbst im Moment seiner Demaskierung noch fähig ist, seine Opfer ein weiteres Mal zu zerstören.
Der staatliche Übergriff: Ein Daten-GAU mit System
Man muss es in aller Härte formulieren: Was das US-Justizministerium (DOJ) hier vollzogen hat, grenzt an staatliche Gewalt. Seit vergangenem Freitag sind mehr als 3,5 Millionen neue Dokumente, Fotos und Videos im Netz. Doch anstatt Gerechtigkeit zu schaffen, hat die Behörde eine Veröffentlichung inszeniert, die man nur als fahrlässigen Exzess bezeichnen kann.
Unter dem Deckmantel der Transparenz wurden Datenschutzverletzungen begangen, die jedem zivilisatorischen Standard spotten. Es ist eine grausame Ironie, dass ausgerechnet jene Institution, die den Schutz der Bürger garantieren soll, nun dafür sorgt, dass die Identitäten zahlreicher missbrauchter Frauen gegen ihren Willen öffentlich werden. Wir sprechen hier nicht von geschwärzten Aktenvermerken. Wir sprechen davon, dass jeder mit einem Internetanschluss sich nun durch unbearbeitete Nacktfotos von minderjährigen Mädchen klicken kann. Sogar Geburtsdaten und Telefonnummern der Opfer finden sich in den unredigierten Papieren.

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Die Dimension dieses Versagens ist historisch. Opfervertreter sprechen von bis zu 100 betroffenen Frauen und nennen den Vorgang den schwerwiegendsten Verstoß gegen die Privatsphäre eines Opfers an einem einzigen Tag in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Zwar behauptet das Ministerium auf seiner Website, es seien alle angemessenen Anstrengungen unternommen worden, Informationen von Opfern zu redigieren. Doch angesichts der Realität wirkt dieser Satz wie Hohn. Das Ministerium hat hier zum dritten Mal verantwortungslos geschlampt.
Für die betroffenen Frauen ist dies mehr als ein bürokratischer Unfall. Es ist eine Reviktimisierung. Danielle Bensky, die als Teenager von Epstein manipuliert wurde, bringt das Gefühl vieler Opfer auf den Punkt. Anfangs habe sie noch an Nachlässigkeit oder Inkompetenz geglaubt. Doch das Ausmaß der jetzigen Leaks lässt diesen Glauben schwinden. Jetzt fühlt es sich zielgerichtet an, sagt sie. Es fühlt sich an wie ein Angriff auf die Überlebenden.
Die These liegt nahe: Indem man die Opfer dem digitalen Mob zum Fraß vorwirft, lenkt man den Blick ab. Ein Jagdfieber ist ausgebrochen, genährt von voyeuristischen Hobby-Ermittlern, die echte und vermeintliche Scoops ausgraben. In diesem Lärm gehen die eigentlich Verantwortlichen unter, während die Frauen, denen man Gerechtigkeit versprach, ein weiteres Mal zu Opfern gemacht werden.
Anatomie der Epstein-Klasse: Der Super-Connector
Wenn wir den Blick von den Opfern auf die Täter und Mitwisser lenken, offenbart sich eine soziologische Struktur, die der US-Abgeordnete treffend als Epstein-Klasse bezeichnete. Es handelt sich um eine globale Machtelite, für die eigene Regeln gelten, weil sie reicher, informierter und vernetzter ist als der Rest der Menschheit. Epstein war in diesem Gefüge nicht nur ein Außenseiter oder ein Hofnarr; er war ein Super-Connector.
Ein Super-Connector ist jemand, der Menschen aus völlig unterschiedlichen Sphären – Politik, Wissenschaft, Hochfinanz – nicht nur kennt, sondern sie jederzeit anrufen kann. Die nun veröffentlichten E-Mail-Korrespondenzen und Kontoauszüge zeichnen das Bild einer hermetisch abgeriegelten Welt, die sich vornehmlich um sich selbst kümmert. Es ist eine Welt, in der man heute aus Dubai landet und morgen nach Paris weiterfliegt – abgehoben, käuflich und schamlos.
Die Banalität des Bösen zeigt sich hier in der Banalität der Wünsche. Nehmen wir den Milliardär Thomas Pritzker. Im Jahr 2011 schreibt er an Epstein aus einem abgelegenen Tal in Afghanistan. Es war sein Geburtstagswunsch, dort zu sein. Boys with toys – Männer mit Spielzeug, witzelt Pritzker. Er wollte Männer mit Waffen sehen, Kriegstourismus als ultimativer Kick für den, der schon alles hat. Der US-Oberbefehlshaber habe ihm sogar Hubschrauber geliehen, eigentlich eher zwei, einen als Back-up. Mehr Dekadenz ist kaum vorstellbar.
Die Selbstverständlichkeit, mit der Epstein in diesen Kreisen agierte, ist atemberaubend. Wenn er nach Riad reist, fragt seine Assistentin nicht nach Hotelpreisen, sondern: Soll ich dir das Vier Jahreszeiten buchen, oder kümmert sich der König darum?. Gemeint ist offenbar Mohammed bin Salman, dessen gerahmtes Bild auf Epsteins Sideboard stand. Oder Ehud Barak, der ehemalige israelische Premier. Ihm bietet Epstein an, ihn in den Vorstand der Überwachungsfirma Palantir zu schleusen – ein Posten, der leicht eine Million im Jahr einbringt –, obwohl Barak nicht einmal weiß, wie man den Firmennamen buchstabiert.
Es ist ein Locker Room, ein Umkleideraum der Elite. Hier darf alles gesagt werden, und noch mehr getan. Es ist eine geschlossene Gesellschaft, offen für alles. Moral ist hier kein Maßstab, sondern ein Hindernis für Effizienz und Vergnügen.
Tech-Titanen und der moralische Kompass
Besonders erschütternd ist die Rolle der Technologie-Elite, jener Visionäre, die uns eine bessere Zukunft versprechen, während sie in der Gegenwart die Nähe eines verurteilten Sexualstraftäters suchten. Die Akten entzaubern den Mythos der moralisch überlegenen Silicon-Valley-Prominenz.
Nehmen wir Elon Musk, den reichsten Mann der Welt. Bislang behauptete er, er habe einen Besuch auf Epsteins Insel Little Saint James abgelehnt. Die Dokumente erzählen eine andere Geschichte. Im November 2012 fragte Musk selbst proaktiv an, wann auf der Insel die wildeste Party stattfinde. Epsteins Antwort ist vielsagend und widerlich zugleich: Es ist niemand über 25, und alle sind sehr süß. Es geht hier nicht um intellektuellen Austausch; es geht um Verfügbarkeit.
Oder Bill Gates. Der Microsoft-Gründer traf Epstein 2011 zum ersten Mal – zu einem Zeitpunkt, als dieser bereits ein verurteilter Sexualstraftäter war. In einer Notiz von 2013 insinuiert Epstein, er habe für Gates Sex mit russischen Mädchen organisiert. Gates lässt dies dementieren, nennt die Vorwürfe absurd. Doch seine Ex-Frau Melinda French-Gates spricht eine deutlichere Sprache. Sie erklärt, dass die Verbindung ihres Mannes zu Epstein ein Grund für die Scheidung war. Ich habe meine Ehe verlassen. Ich musste meine Ehe verlassen, sagt sie heute, geprägt von einer tiefen Traurigkeit und Mitgefühl für die Mädchen.
Auch Peter Thiel, der libertäre Tech-Milliardär, ist tief verstrickt. Er akzeptierte nicht nur eine 40-Millionen-Dollar-Investition des Sexualstraftäters, sondern korrespondierte über Jahre mit ihm. Ihr Austausch über den Brexit liest sich wie das Drehbuch für eine Dystopie. Brexit, erst der Anfang, schreibt Epstein 2016, und schwärmt von einer Rückkehr zum Tribalismus und tollen neuen Allianzen. Für diese Männer war die Welt – und waren Menschen – lediglich Investitionsobjekte. Dass Epstein zu diesem Zeitpunkt bereits als Sexualstraftäter registriert war, störte niemanden. Der geschäftliche Vorteil oder der Kitzel des Verbotenen wogen schwerer als das Gesetz.
Die europäischen Dominosteine: Der Fall Mandelson
Während in den USA die Mauern des Schweigens dick bleiben, zeigt sich in Europa, dass politische Konsequenzen durchaus möglich sind. Die Epstein-Akten haben jenseits des Atlantiks eine Schockwelle ausgelöst, die bis in die höchsten Regierungskreise reicht.
Im Zentrum des Sturms steht Peter Mandelson, bis vor Kurzem britischer Botschafter in den USA und ein Schwergewicht der Labour-Partei. Die neuen Dokumente entlarvten seine Behauptung, Epstein kaum gekannt zu haben, als Lüge. Sie belegen eine enge Beziehung und Geldflüsse: Anfang der Nullerjahre erhielt Mandelson, damals Wirtschaftsminister, mehrfach Geld von Epstein. Insgesamt sollen 75.000 Dollar geflossen sein, teils auf Konten, die mit seinem Lebenspartner verbunden waren.
Die Reaktion in Großbritannien war hart und schnell. Premierminister Keir Starmer musste sich öffentlich entschuldigen. Es tut mir leid, dass ich Mandelsons Lügen geglaubt und ihn ernannt habe, sagte er. Mandelson verlor seinen Botschafterposten, trat aus dem Oberhaus zurück und ihm droht nun die Aberkennung des Lord-Titels. Mehr noch: Es laufen Ermittlungen wegen Fehlverhaltens im Amt, auf das im Falle einer Verurteilung lebenslange Haft steht.
Auch die Europäische Union ist alarmiert. Es wird untersucht, ob Mandelson in seiner Zeit als EU-Handelskommissar (2004-2008) vertrauliche Informationen an Epstein weitergegeben hat. Der Kontrast zu den USA könnte schärfer nicht sein: Während in London Köpfe rollen und Institutionen handeln, scheint die amerikanische Elite immun gegen jede Rechenschaftspflicht.
Der Teflon-Faktor: Trump und die US-Justiz
Warum fallen in Washington keine Dominosteine? Die Antwort liegt in einer beispiellosen Politisierung der Justiz. Die neuen Akten enthalten rund 38.000 Erwähnungen von Donald Trump. Seine jahrelange Freundschaft mit Epstein ist dokumentiert, ebenso seine Aussage aus dem Jahr 2002: Man sagt auch, dass er schöne Frauen genauso schätzt wie ich, vor allem sehr junge Frauen. Epstein selbst schrieb in einer Mail: Natürlich wusste Trump von den Mädchen.
Dennoch verkündete das Justizministerium nun, man habe die Vorwürfe geprüft und nichts gefunden, was eine weitere Untersuchung rechtfertigen würde. Trump sah sich prompt von jedem Fehlverhalten freigesprochen.
Diese Entscheidung überrascht nicht, wenn man das Personal betrachtet. Justizministerin Pam Bondi und ihr Stellvertreter Todd Blanche haben früher als Anwälte für Donald Trump gearbeitet. Sie führen nun die Behörde, die gegen ihren ehemaligen Klienten ermitteln sollte. Sie führen aus, was der Präsident sich wünscht. Und der Präsident wünscht sich den Fall Epstein weit weg.
Die Aussage des Ministeriums, man ziehe keine weiteren Anklagen in Betracht, wirkt vor diesem Hintergrund wie eine Bankrotterklärung des Rechtsstaats. Mindestens drei Regierungen haben bei der Aufklärung versagt. Der berüchtigte Sweetheart Deal von 2008, ausgehandelt vom späteren Trump-Minister Alexander Acosta, war nur der Anfang. Heute wird das System der Straflosigkeit durch loyale Parteisoldaten im Justizministerium perfektioniert.
Die Intellektuellen und die Normalisierung des Bösen
Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, nur auf Politiker und Milliardäre zu zeigen. Die Epstein-Akten enthüllen auch das moralische Versagen der kulturellen und intellektuellen Elite, die Epstein erst gesellschaftsfähig machte. Sie waren es, die dem Kriminellen den Anschein von Normalität und sogar Intellektualität verliehen.
Da ist Noam Chomsky, der berühmte Linguist und Gewissen der Linken. Er riet Epstein allen Ernstes, sämtliche hysterischen Anschuldigungen wegen seiner sexuellen Neigungen einfach auszusitzen. Oder der Regisseur Woody Allen und seine Frau Soon-Yi Previn. In E-Mails lästert Allen mit Epstein über dessen Anwalt Alan Dershowitz. Previn geht noch weiter: Sie hetzt gegen ein 15-jähriges Mädchen, das Opfer sexueller Belästigung durch einen Politiker wurde: Ich hasse Frauen, die Männer ausnutzen – und sie ist definitiv eine von ihnen.
Selbst der europäische Adel ließ sich korrumpieren. Mette-Marit, die norwegische Kronprinzessin, begann nach einem Treffen in New York einen virtuellen Flirt mit Epstein. Sie vermisse ihren verrückten Freund, schrieb sie, der ihr Gehirn kitzelt. Und Richard Branson, der britische Vorzeige-Unternehmer, schrieb augenzwinkernd an Epstein: Freue mich, Dich zu sehen, solange Du Deinen Harem mitbringst!.
All diese Menschen wussten, mit wem sie es zu tun hatten. Doch sie wählten das Wegschauen, das Verharmlosen, das Kumpelhafte. Sie normalisierten das Böse, indem sie es in ihre Salons und auf ihre Yachten einluden.
Das Schweigen der Komplizin
Das juristische Kapitel in den USA scheint geschlossen, so sehr wir uns auch dagegen sträuben. Ghislaine Maxwell, Epsteins Partnerin in Crime, die einzige Person, die für das System Epstein im Gefängnis sitzt, wird voraussichtlich schweigen. Zwar wurde sie von einem Kongressausschuss vorgeladen, doch ihre Anwälte haben bereits angekündigt, dass sie sich auf den fünften Verfassungszusatz berufen und die Aussage verweigern wird. Sie kennt die Täter und die Dulder, doch sie wird ihr Wissen nicht teilen.
Während in Polen die Regierung Tusk nun Epsteins Verbindungen zum russischen Geheimdienst untersuchen lassen will und in London die Karriere von Peter Mandelson in Trümmern liegt, bleibt in den USA die Epstein-Klasse weitgehend ungeschoren.
Was bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack. Die Veröffentlichung der Akten hat zwar das Netzwerk offengelegt, aber sie hat keine Gerechtigkeit gebracht. Im Gegenteil: Die rücksichtslose Art der Veröffentlichung hat die Opfer erneut traumatisiert, während die Täter sich hinter Mauern aus Geld, Macht und politischen Seilschaften verschanzen. Wir starren durch das Schlüsselloch in eine Welt, die moralisch bankrott ist – und doch unantastbar scheint. Der letzte Verrat an den Opfern ist vollzogen: Ihre Nacktbilder sind im Netz, aber ihre Peiniger bleiben frei.


