
Washington D.C. ist längst nicht mehr nur die Arena für tagespolitische Scharmützel und legislative Grabenkämpfe; die Hauptstadt ist zum Epizentrum eines tiefgreifenden ideologischen Kampfes um das historische Bewusstsein der Nation mutiert. Während sich die Vereinigten Staaten unaufhaltsam dem magischen Datum ihres 250-jährigen Bestehens im Juli 2026 nähern, entbrennt ein unerbittliches Ringen um die fundamentale Frage, wer die Deutungshoheit über die amerikanische Vergangenheit besitzt. Es geht um nicht weniger als die Definitionsmacht darüber, was es in der fehlerbehafteten Gegenwart bedeutet, ein wahrer amerikanischer Patriot zu sein. Die amtierende Regierung unternimmt den massiven Versuch, eine komplexe, von schmerzhaften Widersprüchen geprägte, aber letztlich fortschrittliche nationale Erzählung durch eine hygienische und eindimensionale patriotische Fiktion zu ersetzen. Doch das kollektive Gedächtnis einer so gewaltigen Republik lässt sich nicht so einfach per Dekret umschreiben, denn die unbequemen Geister der Vergangenheit weigern sich standhaft, in Vergessenheit zu geraten.
Die Sprache der Historie, insbesondere das ewig nachhallende Echo des amerikanischen Bürgerkriegs, durchdringt unseren öffentlichen Diskurs mit einer Hartnäckigkeit, die sich nicht ignorieren lässt. Wir debattieren ununterbrochen über Denkmäler, über konföderierte Symbole und darüber, wie das unauslöschliche Erbe der Sklaverei unser nationales Selbstverständnis bis heute formt. Diese tief greifende Politisierung des Gedenkens ist kein neues Phänomen, doch die Intensität und institutionelle Wucht, mit der der Kampf um die rückwirkende Kontrolle der Vergangenheit aktuell geführt wird, sucht ihresgleichen. Es ist eine geradezu orwellsche Machtprobe: Wer die Interpretation des Gestern diktiert, formt die ungeschriebenen Gesetze des Morgen.

US Politik Deep Dive: Der Podcast mit Alana & Ben
Das eigentliche Schlachtfeld ist dabei nicht die akademische Fakultät, sondern die gelebte Realität der Bürger, die in wenigen Wochen auf den Straßen, Plätzen und in den Nationalparks des Landes zusammenkommen werden. Die Spannung zwischen dem verordneten Geschichtsbild aus dem Oval Office und der vielfältigen Realität in den einzelnen Bundesstaaten erzeugt eine knisternde Atmosphäre der Zerrissenheit. Es scheint etwas zu knirschen zwischen den historischen Epochen, ein stiller Konflikt, groß genug, um sich in die Lehrpläne, die Gedenkstätten und die Familienfeiern am Unabhängigkeitstag zu drängen. Die kommende Feier wird somit zum ultimativen Lackmustest für die Resilienz der amerikanischen Zivilgesellschaft.
Die feindliche Übernahme eines Nationaljubiläums
Es gleicht einem strategischen Feldzug gegen das eigene institutionelle Gedächtnis, wenn man beobachtet, wie systematisch die aktuelle Administration dieses historische Vierteljahrtausend-Jubiläum für sich reklamiert. Präsident Donald Trump zögerte nach seiner erneuten Amtsübernahme im Januar 2025 keinen Moment, das umstrittene „Project 1776“ unverzüglich aus der Versenkung zu holen. Diese Initiative war bereits gegen Ende seiner ersten Amtszeit als reaktionärer Gegenentwurf zum analytischen 1619-Projekt entworfen worden, um eine konservative Lesart der Gründungsjahre institutionell zu verankern. Nahezu zeitgleich rief er eine straff orchestrierte Organisation namens „Freedom 250“ ins Leben, die gezielt als ideologische Konkurrenz zu der bereits im Jahr 2016 vom Kongress legitimierten „America 250“-Kommission aufgebaut wurde.
Der politische Machiavellismus hinter diesen Manövern ist kaum zu übersehen, denn hier wird nicht einfach ein Fest geplant, sondern eine eitle präsidiale Nabelschau inszeniert. Die Maschinerie des Bundes wird schonungslos eingespannt, was sich in massiven personellen und finanziellen Eingriffen in die Autonomie altehrwürdiger Institutionen niederschlägt. Gelder des National Endowment for the Humanities wurden zeitweise blockiert, und der politische Druck auf Einrichtungen wie die Smithsonian Institution wächst stetig, um unliebsame Perspektiven zu tilgen. Ein präsidialer Erlass zur angeblichen Wiederherstellung von Wahrheit und geistiger Gesundheit im März 2025 markierte den aggressiven Startschuss für diesen Versuch, die behördliche Wissensvermittlung zentral zu steuern.
Besonders perfide äußert sich dieser Kulturkampf in der systematischen Dämonisierung des National Park Service, dessen Ranger plötzlich als Ausführende angeblich subversiver und unpatriotischer Aktivitäten gebrandmarkt werden. Diese Unterstellung ist ein grotesker Vorwurf gegenüber Staatsdienern, die sich der professionellen Bewahrung lokaler und nationaler Geschichte verschrieben haben. Wer das Wesen solcher föderalen Behörden kennt, weiß um ihre behäbige und schwerfällige Bürokratie; die Vorstellung einer von Historikern heimlich orchestrierten Unterwanderung des Staates ist schlichtweg absurd. Dennoch wurden im vergangenen Sommer gezielt Anweisungen an verschiedene Parks verschickt, Listen mit potenziell problematischen und kritischen Ausstellungsstücken zu erstellen, um einen administrativen Säuberungsprozess vorzubereiten.
Diese offene und rücksichtslose Missachtung der akademischen und institutionellen Freiheit offenbart ein zutiefst bedenkliches Verständnis von staatlicher Loyalität. Es wird ein Klima der Einschüchterung kultiviert, in dem jegliche kritische historische Reflexion reflexartig als illegitim und unamerikanisch diffamiert wird. Man will die historische Uhr mit aller Gewalt zurückdrehen, um jene komfortable, von allen schmerzhaften Widersprüchen gereinigte Legende der 1950er Jahre wiederzubeleben. Doch der Versuch, eine so gewaltige, aus tausenden lokalen Erzählungen bestehende Verwaltung von oben herab gleichzuschalten, erweist sich zunehmend als zähes und fehleranfälliges Unterfangen.
Das Phantom der „Wokeness“ und das Wesen wahrer Vaterlandsliebe
Wer die ideologischen Scheuklappen ablegt und den Blick auf die heutige Bildungslandschaft richtet, erkennt sofort, dass sich die amerikanische Gesellschaft unumkehrbar weiterentwickelt hat. Die historische Erzählung, die in Klassenzimmern und an Gedenkstätten vermittelt wird, ist zweifellos breiter, inklusiver und intellektuell weitaus feingliedriger als die starren, hygienisierten Lehrpläne vergangener Jahrzehnte. Unangenehme Fragestellungen, insbesondere das komplexe Geflecht aus Sklaverei und institutionellem Rassismus, werden nicht länger verschwiegen, sondern als essenzielle Bestandteile des nationalen Werdegangs schonungslos analysiert. Dieser Wandel entspringt keiner elitären Verschwörung, sondern einem legitimen Bedürfnis nach ungeschönter Wahrheit in einer diversen Gesellschaft.
Die konservative Behauptung, diese moderne Geschichtsschreibung sei durch und durch antiamerikanisch oder ein feindlicher Akt der „Wokeness“, verkennt die Realität der patriotischen Tiefe dieser Werke völlig. Bücher renommierter Historiker wie Jill Lepore oder tiefgründige Biografien der Gründerväter dominieren die Bestsellerlisten und zeugen von einem gewaltigen bürgerlichen Hunger nach fundierter historischer Substanz. Selbst popkulturelle Beben wie das Hit-Musical „Hamilton“ beweisen eindrucksvoll, dass die schonungslose Auseinandersetzung mit einer vielschichtigen Vergangenheit einen tiefen, liberalen zivilgesellschaftlichen Stolz generiert. Wahre Vaterlandsliebe erfordert eben keine blinde Heldenverehrung, sondern die charakterliche Reife, die Fehler und Brüche der eigenen Nation zu erkennen und intellektuell auszuhalten.
Das Konstrukt der „Wokeness“ fungiert im politischen Diskurs der Gegenwart ohnehin lediglich als leeres Schreckgespenst, als rhetorische Waffe zur Durchsetzung einer restriktiven Agenda. Wie fern diese Kampfbegriffe von der emotionalen Wahrheit der Autoren sind, zeigt das Beispiel von Nicole Hannah-Jones, deren essayistische Arbeit oft als Epizentrum dieses Kulturkampfes stilisiert wird. Sie selbst gestand kürzlich ein, dass sie beim Verfassen ihrer scharfen historischen Analysen von einem tiefen Gefühl des Patriotismus erfüllt war, maßgeblich geprägt durch den militärischen Dienst ihres eigenen Vaters. Diese tiefe Verbundenheit mit den Idealen des Landes wird im Lärm der politischen Polarisierung jedoch systematisch überhört und niedergebrüllt.
Welche fatalen Konsequenzen diese politische Hybris in der Praxis nach sich zieht, lässt sich am President’s House in Philadelphia auf bestürzende Weise beobachten. Dort gestattete ein Gerichtsbeschluss der amtierenden Regierung kürzlich die rigorose Entfernung jener Ausstellungsstücke, die explizit das Schicksal der von George Washington versklavten Menschen beleuchteten. Die neuen Informationstafeln mögen das Thema Sklaverei noch abstrakt streifen, doch sie verbannen konkrete, menschliche Schicksale wie das der mutigen, geflohenen Sklavin Ona Judge kaltblütig aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit. Es ist ein physischer Akt der Auslöschung, ein verzweifelter Versuch, die strahlende Aura eines Gründervaters vor dem Schmutz der historischen Wahrheit zu bewahren.
Bronze, Stein und die archaische Sicherung der Macht
Am schärfsten und sichtbarsten manifestiert sich dieser ideologische Grabenkrieg an den steinernen Monumenten der Konföderation, die seit über einem Jahrhundert wie stumme Wächter einer zutiefst rassistischen Epoche über das Land blicken. Ein eklatantes Paradebeispiel für diese reaktionäre Symbolpolitik ist der feste Vorsatz des Präsidenten, ein massives Konföderierten-Denkmal auf dem Nationalfriedhof Arlington wiedererrichten zu lassen. Dieses spezifische Monument, einst 1914 von Woodrow Wilson mit großem Pomp eingeweiht, war erst im Dezember 2023 nach einer akribischen Prüfung durch eine vom Kongress eingesetzte Kommission demontiert worden. Dass dieses Relikt nun mit staatlichem Nachdruck rehabilitiert werden soll, gleicht einer bewussten und unmissverständlichen Provokation der Bürgerrechtsbewegung.
Die eifrig vorgetragene konservative Verteidigungslinie, solche Statuen stünden als hehre Symbole für die nationale Versöhnung zwischen den einst verfeindeten Staaten des Nordens und Südens, ist historisch völlig haltlos und zynisch. Die treibenden Kräfte hinter diesen Errichtungen, allen voran die reaktionäre Organisation der „United Daughters of the Confederacy“, hatten niemals auch nur das geringste Interesse an einer echten Aussöhnung. Ihr vorrangiges Ziel war die Glorifizierung der abtrünnigen Südstaaten, wofür sie die afroamerikanische Erfahrung gezielt verzerrten und aus dem kollektiven Gedächtnis tilgten. Das Denkmal in Arlington illustriert dies in erschreckender Reinkultur, indem es das groteske Bild einer loyalen Sklavin zeichnet, die ergeben das weiße Kind eines konföderierten Offiziers hütet und beschützt.
Ein genauerer Blick auf die historische Chronologie offenbart unweigerlich die brutale strategische Natur dieser scheinbar nostalgischen Bauwerke. Die überwältigende Mehrheit dieser konföderierten Ehrenmäler wurde eben nicht in den unmittelbar von Trauer geprägten Jahren nach dem Ende des Bürgerkriegs aus dem Boden gestampft. Vielmehr erlebten sie zwei massive Baukonjunkturen: Die erste Welle fiel präzise in die 1890er und 1900er Jahre, um die rassistischen Jim-Crow-Gesetze in den Städten buchstäblich in Stein zu meißeln. Die zweite Hochphase folgte in den 1950er und 1960er Jahren als trotzige, architektonische Kriegserklärung der weißen Vorherrschaft gegen die rasant erstarkende Bürgerrechtsbewegung.
Der gegenwärtige, flächendeckende Abbau dieser Denkmäler, der gerade in vielen südlichen Kommunen zu beobachten ist, stellt somit keineswegs eine hysterische oder radikale Überreaktion dar. Er ist vielmehr die längst überfällige und gesunde Konsequenz eines demokratischen Reifeprozesses innerhalb der amerikanischen Zivilgesellschaft. Afroamerikanische Bürger verfügen in ihren Heimatgemeinden nun endlich über die politische Macht und administrative Repräsentation, um das Antlitz ihrer Städte nach Jahrzehnten der Ausgrenzung selbst zu gestalten. Es als antiamerikanisch zu verunglimpfen, wenn eine Gesellschaft die überlebten Symbole ihrer eigenen Unterdrückung abräumt, zeugt von einer eklatanten Ignoranz gegenüber den grundlegendsten demokratischen Prinzipien.
Der Schatten Lincolns und das Gewicht von zweieinhalb Jahrhunderten
Wenn man nach dem unerschütterlichen Fundament des amerikanischen historischen Selbstverständnisses sucht, führt absolut kein Weg an der intellektuellen und moralischen Statur Abraham Lincolns vorbei. Der wohl größte und am tiefsten verehrte Präsident der Nation begriff mit beispielloser Schärfe, dass die Institution der Sklaverei kein marginales wirtschaftliches Problem war, sondern das dunkle, pochende Herz der amerikanischen Identität darstellte. Seine gesamten politischen Schriften, angefangen bei frühen philosophischen Reden im Jahr 1838 bis hin zu den epochemachenden Erlassen während der blutigsten Kriegsjahre, zeugen von einem lebenslangen, ringenden Versuch, diese nationale Erbsünde zu überwinden. Ihn aus dem gegenwärtigen Kulturkampf herauszuhalten, hieße, den wichtigsten Kronzeugen der historischen Wahrheit endgültig zum Schweigen zu bringen.
In seiner berühmten Zweiten Antrittsrede, die viele Historiker als sein unübertroffenes rhetorisches Vermächtnis betrachten, wich Lincoln vor der grausamen Realität nicht einen einzigen Millimeter zurück. Er benannte das abgrundtiefe Übel der Sklaverei unmissverständlich und verwies mit prophetischer Wucht darauf, dass diese menschenverachtende Praxis bereits seit zweieinhalb Jahrhunderten ungestraft auf amerikanischem Boden wütete. Seine tiefgründige, theologische Argumentation gipfelte in der erschütternden Feststellung, dass das endlose Blutvergießen des Bürgerkriegs womöglich das gerechte göttliche Urteil für eben dieses gewaltige Jahrhundertunrecht sei. Diese Worte waren kein flüchtiger politischer Kompromiss, sondern eine schonungslose moralische Abrechnung mit der gesamten bisherigen Geschichte der Republik.
Angesichts dieser profunden und schmerzhaften Auseinandersetzung auf dem absoluten Höhepunkt der amerikanischen Präsidentschaftsgeschichte wirkt der heutige Vorwurf geradezu absurd. Zu behaupten, die kritische Beschäftigung mit Rassismus sei erst durch eine elitäre ideologische Welle im Jahr 2017 in das Land geschwappt, ist eine kindische und intellektuell unaufrichtige Verzerrung der unumstößlichen Tatsachen. In Wahrheit gab es über Jahrzehnte hinweg einen massiven, systemisch verankerten Versuch, exakt jene drängenden Fragen zu ignorieren, die Lincoln der Nation so eindringlich zur Lösung aufgetragen hatte. Die heutige Debatte ist somit kein fremder Import, sondern die zwingende, längst überfällige Wiederaufnahme eines Dialogs, den das Land viel zu lange kollektiv verdrängt hat.
Die Konstruktion eines Helden aus Blut und Mythos
Wie rasant und gnadenlos historische Tatsachen jedoch geglättet und zu einer strahlenden, erbaulichen Legende geformt werden, lässt sich auch an den unantastbaren Ikonen der Nordstaaten ablesen. Das Leben und das tragische Sterben des Colonel Robert Gould Shaw ist ein faszinierendes, schillerndes Lehrstück über die effiziente Mechanik der amerikanischen Mythenbildung. Geboren im Jahr 1837 in die priviligierten Kreise einer elitären Bostoner Familie von entschiedenen Abolitionisten, übernahm Shaw 1863 das Kommando über das renommierte 54. Massachusetts. Dieses Regiment war die allererste im Norden regulär rekrutierte schwarze Kampfeinheit und schrieb durch seinen beispiellosen Mut unter schwerstem Beschuss rasch Militärgeschichte.
Als Shaw im Juli 1863 bei dem waghalsigen, verlustreichen Sturmangriff auf Fort Wagner vor den Toren Charlestons an der Spitze seiner Männer fiel, stieg er in den Augen der Öffentlichkeit fast augenblicklich zu einem überlebensgroßen Märtyrer der Emanzipation auf. Sein Tod ereignete sich in einem historischen Vakuum von gewaltiger Tragweite, exakt zu dem Zeitpunkt, als Lincolns Emanzipationsproklamation den strategischen und moralischen Kern des gesamten Krieges unwiderruflich veränderte. Doch diese umgehende Heiligsprechung geschah nicht von selbst; sie wurde maßgeblich und äußerst geschickt von seiner eigenen Mutter sowie den loyalen schwarzen Veteranen seines Regiments nach dem Krieg orchestriert und vorangetrieben. Es war eine frühe, hochwirksame Form der politischen Imagepflege, die den gefallenen Sohn zum perfekten, unfehlbaren Symbol für die gerechte Sache des Nordens stilisierte.
Das popkulturelle Bild, das visionäre Filmemacher Jahrzehnte später in filmischen Meisterwerken wie „Glory“ zeichneten, bedient die tiefe, menschliche Sehnsucht nach purer moralischer Eindeutigkeit auf der Kinoleinwand. Es präsentiert uns den jungen Colonel als einen fehlerfreien, geradezu prophetischen Abolitionisten, dessen dramatischer Weg an die Spitze dieses schwarzen Regiments als schicksalhaft und vollkommen unausweichlich schien. Die dokumentierte Realität jedoch offenbart einen weitaus zerrisseneren, menschlicheren Charakter, geplagt von tiefen familiären Konflikten und historischen Zufällen, die seinen holprigen Weg auf das Schlachtfeld in Wahrheit säumten. Diese makellose Heldengeschichte zeigt exemplarisch, wie bereitwillig und widerstandslos Gesellschaften menschliche Komplexität opfern, wenn das Bedürfnis nach einem tröstenden und vereinfachenden Narrativ übermächtig wird.
Die Resilienz der amerikanischen Seele
Trotz all des ohrenbetäubenden politischen Lärms, der unaufhörlich aus Washington an die äußere Peripherie des Landes dringt, offenbart sich kurz vor dem großen Nationaljubiläum eine tief ermutigende Wahrheit. Das kollektive Gedächtnis dieser riesigen Republik ist weitaus zu ungestüm, zu weitläufig und zu stark dezentral organisiert, um sich einer monokausalen, regierungsamtlichen Staatshistorie zu beugen. Der verzweifelte Versuch, im Zeitalter des unbegrenzten Informationsflusses eine zentralisierte, reaktionäre Erzählung strikt von oben herab zu erzwingen, gleicht einem aussichtslosen Kampf gegen Windmühlen. Die amerikanischen Kommunen, die diversen Bundesstaaten und die vielschichtigen Bürokratien auf lokaler Ebene widersetzen sich der ideologischen Gleichschaltung mit einer bemerkenswerten und stillen Hartnäckigkeit.
Wenn das Land also in wenigen, entscheidenden Wochen den 4. Juli feiert, wird die erlebte Realität der normalen Bürger kaum etwas mit den lautstark inszenierten PR-Spektakeln der Hauptstadt zu tun haben. Die wahre Feier der amerikanischen Idee findet an der Basis statt, meilenweit abseits der toxischen politischen Echokammern und ideologischen Schützengräben. Bei kleinen Nachbarschaftsfesten, Paraden auf den Main Streets und lokalen Gedenkveranstaltungen bietet sich die unschätzbare Gelegenheit, tief verwurzelte politische Differenzen für einen kurzen Moment ruhen zu lassen. Dort zeigt sich die ungebrochene Fähigkeit der Amerikaner, sich auf verbindende Werte zu besinnen und die beachtlichen historischen Errungenschaften der letzten zweieinhalb Jahrhunderte gemeinsam und friedlich zu würdigen.
Eine gefestigte und vitale Demokratie benötigt absolut keine kindlichen Mythen oder staatlich bereinigten Heldengeschichten, um ihre existenzielle Stärke nach innen und außen zu demonstrieren. Sie erträgt den ungeschönten, kritischen Blick in den großen Spiegel ihrer eigenen Vergangenheit, mitsamt all der hässlichen Narben, der historischen Fehltritte und eklatanten Widersprüche. Die gegenwärtige, extrem aggressive Politisierung der Geschichte durch die amtierende Trump-Regierung mag eine belästigende und bisweilen hochgradig toxische Begleiterscheinung des Jahres 2026 sein. Doch das intellektuelle Fundament der Nation, getragen von einer zunehmend kritischen und aufmerksamen Bürgerschaft, ist längst robust genug, um diesem temporären Ansturm aus dem Weißen Haus souverän standzuhalten.
Die Dezentralisierung der Erinnerung
Je drastischer und lauter die aktuelle Administration in Washington versucht, das historische Gedächtnis der Nation in ein starres, parteipolitisches Korsett zu zwängen, desto deutlicher offenbart sich die fundamentale Schwäche dieses dirigistischen Ansatzes. Ein nationales Narrativ lässt sich im Amerika des Jahres 2026 schlichtweg nicht mehr von oben herab diktieren. Je fester der propagandistische Griff der Regierung um die offizielle Geschichtsschreibung wird, desto feinkörniger rieselt die historische Wahrheit durch ihre Finger. Die hochtrabende, staatlich orchestrierte „Freedom 250“-Kampagne mit all ihrem finanziellen Pomp und ihren präsidialen Dekreten zerschellt unweigerlich an der robusten Realität des amerikanischen Föderalismus und dem tief verwurzelten Unabhängigkeitsstreben der einzelnen Kommunen. Es ist eine faszinierende Ironie der politischen Gegenwart: Ausgerechnet der aggressive Versuch, einen unkritischen, hygienisierten Super-Patriotismus staatlich zu verordnen, weckt an der gesellschaftlichen Basis einen geradezu rebellischen Drang zur intellektuellen und historischen Wahrhaftigkeit.
Während auf der großen politischen Bühne verbissen um die Deutungshoheit von nationalen Monumenten wie in Arlington oder um die Zensur von Ausstellungen in Philadelphia gestritten wird, vollzieht sich abseits der Kameras eine viel entscheidendere Entwicklung. In den zahllosen lokalen Archiven, den zivilgesellschaftlichen Geschichtsvereinen und nicht zuletzt an den Küchentischen der Nation findet eine leise, aber unaufhaltsame Demokratisierung der Erinnerung statt. Die mündigen Bürger lassen sich ihre Geschichte nicht mehr aus den Händen nehmen oder von einem Regierungsapparat vorkauen. Sie recherchieren die Biografien ihrer eigenen Vorfahren, sie dokumentieren die dunklen und die leuchtenden Kapitel ihrer lokalen Nachbarschaften und weben so einen dichten, widerstandsfähigen Teppich aus unzähligen, authentischen Einzelperspektiven. Diese Graswurzelbewegung der Erinnerungskultur ist organisch, vielstimmig und von keiner zentralen Machtfülle kontrollierbar – und genau darin liegt ihre gewaltige, nicht zu unterschätzende politische Sprengkraft.
Letztlich wird das historische Vierteljahrtausend-Jubiläum in diesem Sommer keine homogene, makellose Machtdemonstration der amtierenden Präsidentschaft werden, sondern ein gigantischer, schonungsloser Spiegel der amerikanischen Seele. Dieser Spiegel reflektiert eine Republik, die heftig, lautstark und mit ungebrochener Leidenschaft mit sich selbst ringt. Nichts könnte dem wahren Geist jener komplexen, widerborstigen Gründungsära näherkommen als dieser offene, ungezähmte Streit um den moralischen Kern der Nation. Der gegenwärtige Versuch, das nationale Gedächtnis zu kapern und ideologisch weichzuzeichnen, wird am Ende nicht als der triumphale Wendepunkt der amerikanischen Identität in die Annalen eingehen. Er wird vielmehr als eine weitere, überaus lehrreiche Episode in exakt jenem dicken, widersprüchlichen Geschichtsbuch verzeichnet werden, das heute so verzweifelt umgeschrieben werden soll. Amerikas wahre Überlebenskraft liegt eben nicht in der autoritären Leugnung seiner tiefen Narben, sondern in der mutigen, schmerzhaften Kraft, sie im grellen Licht der Gegenwart als untrennbaren Teil des eigenen Körpers zu akzeptieren.


