Der Krieg der zwei Fronten: Wie Europas Zaudern Kiews Überlebenskampf gefährdet

Illustration: KI-generiert

Es ist der 23. Februar 2026, und auf den Tag genau seit 1461 Tagen verteidigt sich die Ukraine gegen eine russische Vollinvasion, die einst als rascher Enthauptungsschlag geplant war. Wenn an diesem vierten Jahrestag des Krieges die Spitzen der Europäischen Union – Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa – nach Kiew reisen, um ihre Solidarität zu bekunden, dann betreten sie eine Bühne, auf der sich längst mehr als nur ein militärisches Drama abspielt. Es ist eine Tragödie der politischen Zermürbung. Hinter den symbolträchtigen Gesten und den hochkarätigen Besuchen verbirgt sich eine dramatische Realität: Dieser Krieg wird längst nicht mehr allein in den gefrorenen Schützengräben des Donbass entschieden. Er wird ebenso gnadenlos in den Hinterzimmern von Brüssel geführt und durch die geopolitischen Beben in Washington bestimmt.

Die Ukraine führt einen existenziellen Überlebenskampf an zwei Fronten. Während die Soldaten an der Kontaktlinie unerbittlich Gelände verteidigen und zurückerobern, droht das Fundament dieses Widerstands durch die diplomatische Erpressung im Herzen Europas und das bange Warten auf verlässliche, amerikanische Institutionen rissig zu werden.

Der Mythos des unbesiegbaren Bären

Lange Zeit dominierte das Narrativ einer unaufhaltsamen russischen Übermacht die internationale Wahrnehmung – ein Mythos, den der Kreml bei jeder sich bietenden Gelegenheit sorgfältig pflegte. Doch die Realität auf dem Schlachtfeld zeichnet im fünften Kriegsjahr ein fundamental anderes Bild. Ein Blick auf die nackten Zahlen der militärischen Demografie offenbart einen historischen Wendepunkt: Im Jahr 2025 überstiegen die russischen Verluste erstmals die Zahl der Rekrutierungen. Rund 418.000 russische Soldaten wurden im vergangenen Jahr getötet oder verwundet. Dem stand eine Mobilisierungs- und Einberufungszahl von lediglich 406.000 Männern gegenüber. Es ist, als würde ein gigantischer Motor langsam, aber unüberhörbar ins Stottern geraten, weil ihm der Treibstoff ausgeht.

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Gleichzeitig hat die ukrainische Armee, entgegen aller Unkenrufe über ihre Erschöpfung, die Initiative an wichtigen Frontabschnitten zurückerobert. Im Süden des Landes, entlang der Grenze der Regionen Saporischschja und Dnipropetrowsk, starteten die Landesverteidiger eine ambitionierte Gegenoffensive. Die Angaben über das Ausmaß dieses Vorstoßes variieren, doch die Tendenz ist eindeutig. Der ukrainische Armeechef Oleksandr Syrskyj und Präsident Wolodimir Selenskij sprechen von 300 bis 400 Quadratkilometern befreitem Territorium sowie der Rückeroberung von acht Siedlungen. Unabhängige westliche Analysten des Institute for the Study of War (ISW) haben Beweise für mindestens 168,9 Quadratkilometer befreites Gebiet seit dem 1. Januar 2026 gesammelt. Selbst wenn Nachrichtenagenturen wie AFP diese Zahlen auf einen ukrainischen Netto-Gewinn von 63 Quadratkilometern korrigieren, bleibt die strategische Botschaft unverändert: Die ukrainischen Streitkräfte sind trotz enormer personeller und materieller Engpässe zu erfolgreichen Vorstößen fähig. Der Krieg ist für Kiew keineswegs verloren.

Asymmetrie und der tiefe Schnitt ins russische Hinterland

Weil die Ukraine den quantitativen Nachteil an der Front nicht durch schiere Masse ausgleichen kann, greift sie zu den Mitteln der asymmetrischen und technologischen Kriegsführung. Es sind gezielte Nadelstiche, die tief in das Fleisch der russischen Kriegswirtschaft schneiden.

Ein eindrucksvolles Beispiel für diese strategische Reichweite ereignete sich in der russischen Republik Tatarstan. Ukrainische Drohnen des Inlandsgeheimdienstes SBU attackierten die Öl-Pumpstation „Kalejkin“ nahe der Stadt Almetjewsk. Die geografische und logistische Dimension dieses Schlages ist immens: Das Ziel liegt mehr als 1200 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Diese Station ist kein gewöhnliches Ziel, sondern ein strategischer Hauptknotenpunkt der Druschba-Pipeline, an dem Rohöl aus Westsibirien und der Wolga-Region für den Export gemischt wird.

Diese Schläge beschränken sich nicht auf das russische Kernland. Auf der temporär besetzten Halbinsel Krim zerstörten ukrainische Truppen unlängst einen Raketendivision der 15. separaten Küstenraketenbrigade der russischen Schwarzmeerflotte, die mit „Bastion“-Komplexen bewaffnet war. Hinzu kommt eine technologische Verwundbarkeit der Invasoren: Als der Zugang zu den Satellitenterminals von Starlink und damit zum Internet blockiert wurde, verschlechterte sich die Koordinationsfähigkeit der russischen Armeeführung dramatisch. Die russische Militärmaschinerie ist massig, aber sie ist keineswegs unverwundbar gegen technologische und präzise Sabotage.

Der Feind im eigenen Haus

Doch während die Ukraine auf dem Schlachtfeld eine unerwartete Resilienz beweist, wird ihr Überlebenskampf auf politischer Ebene von vermeintlichen Verbündeten sabotiert. Die Europäische Union präsentiert sich am vierten Jahrestag tief gespalten. Die Regierungen Ungarns und der Slowakei fungieren zunehmend als Bremser, wenn nicht gar als geopolitische Geiselnehmer.

Im Zentrum des Streits steht ein lebenswichtiges EU-Darlehen in Höhe von 90 Milliarden Euro. Dieses Geld ist existenziell, um den dringendsten Finanzbedarf Kiews bis Ende 2027 zu decken. Doch Ungarn und die Slowakei blockieren die Auszahlung. Ungarn verhindert zudem im Alleingang den Beschluss des 20. Sanktionspaketes gegen Russland. Der offizielle Vorwand beider Länder für diese Blockadepolitik: Die Ukraine blockiere angeblich die Lieferung von russischem Erdöl über die Druschba-Pipeline in ihre Länder. Kiew verweist darauf, dass die Lieferungen aufgrund russischer Bombardierungen der Infrastruktur seit Ende Januar unterbrochen seien.

Die Eskalation treibt seltsame Blüten. Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico wies den nationalen Netzbetreiber an, die Notstromlieferungen an das durch russische Angriffe ohnehin stark geschwächte ukrainische Stromnetz einzustellen – eine drastische Maßnahme als Reaktion auf den ausbleibenden Öltransit. In Brüssel herrscht ob dieser Sabotage blankes Entsetzen. EU-Ratspräsident António Costa mahnte in einem scharfen Brief an Viktor Orbán den Grundsatz der loyalen Zusammenarbeit an und forderte ein Ende der Blockade. Der polnische Außenminister Radosław Sikorski warf Ungarn einen geradezu schockierenden Mangel an Solidarität vor, während der deutsche Außenminister Johann Wadephul konstatierte, Ungarn verrate seinen eigenen Kampf für die europäische Souveränität. Es scheint etwas fundamental zu knirschen in der europäischen Architektur, ein stiller Konflikt, der die Glaubwürdigkeit der gesamten Union untergräbt.

Putins innerer Albtraum

Um die Unnachgiebigkeit Moskaus zu verstehen, muss man den Blick auf die innere Verfasstheit Russlands richten. Wladimir Putin hat mit seinem Feldzug nie nur die Ausweitung des eigenen Staatsgebietes im Sinn gehabt. Sein tiefstes, strategisches Motiv war stets die Verhinderung eines Gegenentwurfs: Er fürchtete eine freie, demokratische und wirtschaftlich prosperierende Ukraine, die der russischen Bevölkerung als Vorbild dienen könnte. Die albtraumhafte Vorstellung des Kremls ist der Satz im eigenen Land: „Denen geht es besser“.

Doch dieser Präventivkrieg gegen ein demokratisches Modell frisst nun die wirtschaftliche und gesellschaftliche Substanz Russlands auf. Nach Jahren eines scheinbaren Booms, der künstlich durch eine massive staatliche Kriegswirtschaft befeuert wurde, steht das Land nun vor einer schweren Wirtschaftskrise. Das Wachstum stagniert, die Staatseinnahmen erodieren, und die Frustration der Bevölkerung wächst rasant. Es sind nicht nur Luxusgüter, die unerschwinglich werden. Elementare Lebensmittel des täglichen Bedarfs – Brot und Milch, Kartoffeln und Gurken – sind drastisch teurer geworden.

Damit gerät der fundamentale, inoffizielle Gesellschaftsvertrag des neuen Russlands ins Wanken: Die Bevölkerung hält sich aus der Politik heraus, und der Staat garantiert im Gegenzug einen vollen Kühlschrank. Weil der Staat seinen Teil der Abmachung kaum noch einlösen kann, greift er zu immer härteren Repressionen. Das Misstrauen gegenüber der eigenen Bevölkerung ist so groß wie nie. Beliebte Kommunikationskanäle wie WhatsApp und Telegram werden gedrosselt, internationale Kontakte werden stigmatisiert. Es ist eine toxische Mischung aus wirtschaftlicher Stagnation und paranoider Überwachung.

Terror, Erschöpfung und der schmerzhafte Preis des Krieges

Auf der anderen Seite der Grenze, in der Ukraine, ist der Preis des Krieges in einer Währung aus Blut, Zerstörung und blankem Terror zu zahlen. Moskau kompensiert seine Schwächen an der Front mit einer beispiellosen Bombardierungskampagne. Die nackten Zahlen einer einzigen Woche sind erschütternd: Russland setzte über 1300 Kampfdrohnen, mehr als 1400 Gleitbomben sowie 96 Raketen und Marschflugkörper ein. Das Gesundheitssystem wird gezielt ins Visier genommen; die Weltgesundheitsorganisation verzeichnete für 2025 einen Anstieg der Angriffe auf die medizinische Versorgung um fast 20 Prozent.

Wie tief der russische Terror in den zivilen Alltag eindringt, zeigte sich auf brutale Weise in der westukrainischen Stadt Lwiw. Dort platzierte eine 33-jährige Ukrainerin, die zuvor über den Messengerdienst Telegram von russischen Geheimdiensten rekrutiert worden war, selbstgebaute Bomben in Mülleimern nahe der Altstadt. Der Anschlag war perfide als Falle für anrückende Sicherheitskräfte konzipiert. Zwei Explosionen rissen eine 23-jährige Polizistin in den Tod und verletzten 25 weitere Menschen. Solche Taten sollen die Moral brechen und das Gefühl von Sicherheit selbst fernab der Frontlinien zerstören.

Die finanziellen Wunden, die diese Zerstörungswut hinterlässt, sind kaum noch zu fassen. Internationale Schätzungen gehen davon aus, dass der Wiederaufbau der Ukraine in den nächsten zehn Jahren unfassbare 588 Milliarden US-Dollar kosten wird. Allein die direkten Schäden durch russische Bombardierungen belaufen sich bereits auf über 195 Milliarden US-Dollar.

Das diplomatische Schachbrett und die Frage der Institutionen

Gibt es einen Ausweg aus diesem zermürbenden Abnutzungskrieg? Die diplomatischen Mühlen mahlen extrem langsam. Zwar finden unter US-Vermittlung in Genf trilaterale Friedensgespräche statt, doch diese verliefen bislang ergebnislos. Moskau rückt von seinen Maximalforderungen nicht ab, solange es noch auf militärische Geländegewinne hoffen kann.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij steht territorialen Zugeständnissen kategorisch ablehnend gegenüber. Die Forderung, rund 20 Prozent der Region Donezk sowie Teile der besetzten Provinzen Cherson und Saporischschja an Russland abzutreten, würde bedeuten, Hunderttausende Menschen aufzugeben. Selenskij argumentiert messerscharf, dass ein solcher Landverzicht die ukrainische Gesellschaft tief spalten würde. Zudem sieht er in territorialen Zugeständnissen keine Friedenslösung, sondern lediglich eine strategische Atempause für den Kreml. Während europäische Partner schätzen, dass Putin drei bis fünf Jahre zur militärischen Erholung bräuchte, befürchtet Selenskij, dass Russland bereits in zwei Jahren bereit für die nächste Aggression wäre.

Daher sucht Kiew nicht nach einem fragilen Waffenstillstand, sondern nach belastbaren, jahrzehntelangen Sicherheitsgarantien – idealerweise für 30 Jahre. Selenskij verlässt sich dabei bezeichnenderweise nicht auf die Launen einzelner Politiker, wie etwa Donald Trump, sondern auf die Beständigkeit demokratischer Institutionen. „Präsidenten kommen und gehen, aber Institutionen bleiben“, so sein Kalkül; ein Sicherheitsabkommen muss vom US-Kongress getragen werden, um wirklich dauerhaft Schutz zu bieten.

Der lange Schatten der Gerechtigkeit

Am Ende dieses blutigen Konflikts darf es keinen Frieden geben, der den Aggressor ungeschoren davonkommen lässt. Die ukrainische Führung beharrt aus gutem Grund auf der juristischen und finanziellen Aufarbeitung der Kriegsschäden. Kyrylo Budanow, Leiter des ukrainischen Präsidialamtes, fordert unmissverständlich Reparationszahlungen.

Hinter dieser Forderung steht weit mehr als der bloße Wunsch nach materiellem Ausgleich. Es geht um die zukünftige Weltordnung. Ein Friedensschluss, der für Moskau ohne spürbare Konsequenzen bliebe, käme einer fatalen Einladung gleich – einer globalen Ermutigung für jedes autoritäre Regime auf dieser Welt. Es wäre das endgültige Signal, dass das Recht des Stärkeren triumphiert, frei nach dem zynischen Motto: „Überfalle, töte, zerstöre, und es wird dir nichts passieren“.

Der Ausgang dieses Krieges und die Bedingungen seines Endes werden somit nicht nur die Landkarten in Osteuropa neu zeichnen. Sie werden das globale Verständnis von Recht, Souveränität und Gerechtigkeit für kommende Generationen definieren. Europas Zaudern darf in dieser historischen Stunde nicht das letzte Wort sein.

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