
Es ist der 16. Februar 2026. Wenn man wissen will, wie es um das Schicksal der Ukraine bestellt ist, muss man seinen Blick teilen. Man muss gleichzeitig in zwei Abgründe schauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch durch eine unsichtbare Kausalkette fatal miteinander verbunden sind.
Der erste Blick führt in den Osten, an die 1200 Kilometer lange Narbe, die sich quer durch den Kontinent zieht. Dort herrscht eine Kälte, die nicht metaphorisch ist, sondern physisch, brutal und tödlich. Bei Temperaturen von minus 20 Grad gefriert nicht nur der Boden, sondern auch die Hoffnung. Drohnen, diese omnipräsenten Augen des modernen Krieges, fallen blind vom Himmel, weil ihre Kameras vereisen und die Batterien im Frost kapitulieren. Soldaten berichten, dass Verwundete nicht mehr nur an Schrapnellen sterben, sondern schlichtweg erfrieren, bevor Hilfe sie erreichen kann – der Tod als letzte Gnade in einer gefrorenen Hölle.
Doch der zweite Blick, der in die gut beheizten Konferenzsäle des Westens führt, offenbart eine Kälte, die noch gefährlicher ist als der Frost von Saporischschja. Während die Ukraine am 1454. Tag dieses Krieges buchstäblich um ihr Überleben zittert, wird in Budapest, München und Genf eine neue Realität geschmiedet. Es ist eine Realität, in der Immobilienmakler Friedenspläne zeichnen und amerikanische Außenminister Autokraten den Hof machen. Wir erleben in diesen Tagen eine zynische Gabelung der Geschichte: Auf dem Schlachtfeld gelingen den Verteidigern gerade jetzt, im Februar 2026, unerwartete taktische Wunder. Doch auf der geopolitischen Bühne wird das Fundament unter ihren Füßen weggezogen.
Die Achse Trump-Rubio-Orbán: Eine neue europäische Ordnung
Man muss die Szenen, die sich gestern in Budapest abspielten, genau betrachten, um die tektonische Verschiebung zu verstehen, die gerade stattfindet. Marco Rubio, der Außenminister der Trump-Administration, stand dort nicht als Mahner demokratischer Werte, sondern als Herold einer neuen Zeitrechnung. Seite an Seite mit Viktor Orbán verkündete er eine Botschaft, die in Kiew wie ein Todesurteil hallen muss: Ihr Erfolg ist unser Erfolg.
Dies war keine bloße diplomatische Floskel. Rubio pries die engen persönlichen Beziehungen zwischen Donald Trump und dem ungarischen Premier und sprach von einer Verbindung, die den Unterschied in der Welt ausmacht. Orbán, der Architekt des illiberalen Staates, wird von Washington nicht mehr als Störfaktor in der EU gesehen, sondern als zentraler Ankerpunkt der US-Interessen in Mitteleuropa. Das ist der Stoff, aus dem Albträume für die liberale Demokratie gemacht sind. Orbán selbst sprach von einem goldenen Zeitalter der Beziehungen und nutzte die Bühne, um die Ukraine direkt anzugreifen. Er warf Kiew mit brutaler Offenheit vor, sich in den ungarischen Wahlkampf einzumischen, wohl wissend, dass im April Wahlen anstehen und sein Herausforderer Peter Magyar ihm gefährlich werden könnte.

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Diese Achse ist kein Zufallsprodukt, sondern Strategie. Nur einen Tag zuvor, auf der Münchner Sicherheitskonferenz, hatte Rubio Töne angeschlagen, die man eher von der extremen Rechten in Europa erwartet hätte. Er warnte vor einer zivilisatorischen Auslöschung durch Massenmigration und forderte, Europa dürfe sich nicht länger von Schuld und Scham fesseln lassen. Es ist eine Rhetorik, die sich kaum von der der AfD unterscheidet und die deutlich macht: Die Trump-Administration sucht ihre Partner nicht mehr in Paris oder Berlin, sondern bei Figuren wie Orbán oder dem slowakischen Premier Robert Fico, den Rubio ebenfalls besuchte. Fico, der offen befürchtet, die Ukraine könne die Druschba-Pipeline als Druckmittel nutzen, ist Teil dieses neuen Netzwerks, das die Unterstützung für Kiew nicht nur infrage stellt, sondern aktiv sabotiert.
Immobilienmakler des Friedens: Die Genfer Farce
Während sich die ideologische Landkarte Europas neu ordnet, bereitet sich die Welt auf das vor, was euphemistisch als Friedensverhandlungen bezeichnet wird. In Genf sollen in dieser Woche Gespräche stattfinden. Doch ein Blick auf die Personalien genügt, um zu erkennen, dass es hier nicht um Diplomatie geht, sondern um eine Geschäftsabwicklung.
Die US-Delegation wird nicht von erfahrenen Diplomaten geleitet, die die Feinheiten des Völkerrechts oder die Geschichte Osteuropas kennen. Stattdessen schickt Washington Steve Witkoff und Jared Kushner – Männer, deren Expertise im Immobiliensektor liegt, im Aushandeln von Deals, wo Quadratmeterpreise und Renditen zählen. Ihnen gegenüber sitzt Wladimir Medinski, ein Mann, der Geschichtsbücher schreibt, in denen der Ukraine das Existenzrecht abgesprochen wird. Es ist eine groteske Besetzung: Auf der einen Seite Propagandisten, die die Vernichtung wollen, auf der anderen Seite Geschäftsleute, die einen schnellen Abschluss suchen.
Der Druck auf Wolodymyr Selenskyj ist immens. Washington signalisiert unmissverständlich: Gib Territorien ab, akzeptiere den Verlust des Donbass bis Juni, oder wir sind raus. Dieser Zeitplan folgt keiner militärischen Logik, sondern dem Takt des amerikanischen Wahlkampfes. Trump braucht einen Sieg, eine Trophäe für die Wahlen im November. Die Ukraine ist dabei nur Manövriermasse. Sicherheitsgarantien, das eigentliche Lebenselixier für eine Nachkriegsordnung, werden dabei zynisch als Hebel benutzt: Erst die Kapitulation, dann die Sicherheit.
Wie hohl diese Verhandlungen wirken, zeigt das Schicksal einer Familie in Bohoduchiw. Während die Diplomaten ihre Koffer für Genf packten, verbrannten dort Iwan, Wladyslaw und Myroslawa – zweijährige Zwillinge und ihre einjährige Schwester – in ihrem Bett, als eine russische Drohne ihr Haus traf. Ihr Vater starb mit ihnen, die schwangere Mutter überlebte schwer verletzt. Dies ist die Realität, die am Verhandlungstisch in Genf ignoriert wird: Dass man mit einem Regime verhandelt, das montags Kinder verbrennt und mittwochs über Pufferzonen debattiert.
Das Wunder von Saporischschja: Taktik schlägt Strategie
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet in dem Moment, in dem der Westen wankt, die ukrainische Armee beweist, wozu sie fähig ist, wenn das Spielfeld auch nur annähernd ausgeglichen ist. Mitte Februar 2026 geschah etwas, das die Dynamik an der Front radikal veränderte: Elon Musk schaltete das Starlink-Netzwerk für die russische Armee ab. Was wie ein technisches Detail klingt, hatte verheerende Folgen für die Invasoren.
Russland, das sich stark auf Starlink-Terminals vom Schwarzmarkt verlassen hatte, verlor schlagartig sein wichtigstes Kommunikationsmittel. Ohne digitale Datenübertragung brachen die russischen Drohnenverbände zusammen, Befehle konnten nur noch über unsichere Funkgeräte gebrüllt werden, die leicht zu stören waren. Die einst so gefürchtete Logistik der Russen degenerierte zu einem traurigen Schauspiel: Um den Drohnen auszuweichen, musste der Nachschub auf bemannten Autos, Motorrädern und sogar Quads an die Front gebracht werden – leichte Beute für die ukrainischen Verteidiger.
Die Ukraine nutzte dieses Chaos meisterhaft. Bei Huljajpole und an anderen Frontabschnitten starteten sie lokale Gegenoffensiven. Das Ergebnis: Elf Dörfer wurden befreit, russische Einheiten mussten über den Fluss Hajtschur fliehen. Sogar das Institute for the Study of War bestätigt Vorstöße von bis zu 9,5 Kilometern. Es ist ein taktischer Triumph, der zeigt, dass der russische Koloss auf tönernen Füßen steht, sobald ihm die technologische Krücke entzogen wird. Die Verluste der Angreifer sind astronomisch: 1180 Mann an einem einzigen Tag, insgesamt 1,3 Millionen Verluste seit Kriegsbeginn. Moskau verheizt seine Männer in einer Art, die selbst hartgesottene Militärs schaudern lässt – schlecht ausgerüstet, oft betrunken rekrutiert, in den sicheren Tod getrieben.
Die Erosion von innen: Korruption und Kälte
Doch so beeindruckend diese militärischen Erfolge sind, so fragil ist das Hinterland. Die Ukraine kämpft nicht nur gegen Russland, sondern gegen eine innere Erosion, die ihre Verhandlungsposition massiv schwächt. Der Fall Midas wirft einen langen Schatten auf Kiew. Herman Haluschtschenko, der ehemalige Energieminister, wurde festgenommen – ausgerechnet beim Versuch, das Land zu verlassen.
Die Vorwürfe sind monströs: Geldwäsche, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, über 112 Millionen Dollar aus dem Energiesektor, die über Briefkastenfirmen auf den Marshallinseln und Konten in der Schweiz gewaschen wurden. Ein Netzwerk, in dem Frau und Kinder als Strohmänner dienten. Solche Nachrichten sind Gift. Sie sind genau die Munition, die Kritiker im Westen brauchen, um Hilfsgelder zu blockieren.
Gleichzeitig steht die Infrastruktur vor dem Kollaps. Witalij Klitschko, der Bürgermeister von Kiew, warnt mit einer Dringlichkeit, die man nicht überhören kann: Die Stadt steht am Rande der Katastrophe. Nach Monaten russischer Angriffe sind 70 Prozent der Energieanlagen im Land zerstört oder beschädigt. In Kiew allein sind über 1200 Wohnhäuser ohne Heizung – bei minus 20 Grad. Die UN warnen vor einer neuen Fluchtbewegung von über 325.000 Menschen, die schlichtweg fliehen müssen, um nicht zu erfrieren. Die Spannungen zwischen dem Präsidenten und dem Bürgermeister, die sich gegenseitig Versäumnisse vorwerfen, sind dabei mehr als nur politisches Geplänkel; sie sind Symptome eines Systems, das unter dem extremen Druck Risse bekommt.
Die russische Agonie und der hybride Krieg
Aber auch der Gegner blutet, und das nicht nur an der Front. Wenn man verstehen will, was dieser Krieg mit Russland macht, muss man weit weg schauen, bis nach Kamtschatka, in das Dorf Sedanka. Es ist ein Ort des Elends, in dem Bären im Müll wühlen und Schimmel an den Wänden blüht. Fast alle Männer des Dorfes zogen in den Krieg, verführt von Geld und Propaganda. 19 von ihnen sind tot oder vermisst.
Der Gouverneur versprach den Titel Dorf der militärischen Tapferkeit, doch gekommen ist nichts außer einer Ladung Feuerholz. Statt Heldenmut herrscht Alkoholismus; das Geld der Toten wird vertrunken. Die Parallele zum Zweiten Weltkrieg, die Putin so gerne zieht, klingt hier hohl. Der Krieg dauert nun schon länger als der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion, und die Frage „Wofür sind unsere Jungs gestorben?“ wird immer lauter.
Doch ein sterbendes Imperium ist gefährlich. Russland exportiert seinen Zerfall und seinen Terror längst in den Westen. Die USA reagieren mit Strafzöllen von über 132 Prozent auf russisches Palladium, doch Moskau antwortet asymmetrisch. Ehemalige Rekrutierer der Wagner-Gruppe, die früher Kanonenfutter für Bachmut suchten, bauen nun Netzwerke in Europa auf, um Sabotageakte zu verüben. Sie rekrutieren über Telegram Kriminelle für Brandstiftungen an Hilfslieferungen und für Angriffe auf Politiker.
Der Krieg kennt keine Grenzen mehr. Er erreicht selbst jene, die glaubten, ihm entkommen zu sein. In North Carolina wurden die 21-jährige ukrainische Geflüchtete Kateryna Towmasch und ihr amerikanischer Partner brutal ermordet. Auch wenn die Polizei von einem persönlichen Motiv spricht, ist es symbolisch für das Trauma, das diese Generation verfolgt: Es gibt kein sicheres Hinterland mehr.
Das Fazit: Der Preis der Unterschrift
Wenn man all diese Fäden zusammenführt – den diplomatischen Verrat in Budapest, die Farce von Genf, den heldenhaften, aber verzweifelten Kampf im Schlamm von Saporischschja und die korrosive Korruption in Kiew – ergibt sich ein düsteres Bild. Das Jahr 2026 könnte als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem die Ukraine nicht auf dem Schlachtfeld besiegt wurde, sondern am Verhandlungstisch verloren ging.
Die Trump-Administration scheint entschlossen, den Krieg zu beenden, nicht indem sie den Aggressor stoppt, sondern indem sie das Opfer zwingt, die Vergewaltigung zu akzeptieren. Wenn Marco Rubio in Budapest Hände schüttelt und Jared Kushner in Genf Karten neu zeichnet, dann geht es nicht um Frieden. Es geht um einen Deal, der Wahlen gewinnt und Immobilien sichert.
Europa steht dabei nackt da. Das Vertrauen in die amerikanische Sicherheitsgarantie ist nicht nur erschüttert, es ist pulverisiert. Dass Polens Präsident nun offen über ein eigenes Atomwaffenprogramm nachdenkt, ist kein Säbelrasseln, sondern der letzte Schrei eines Verbündeten, der realisiert hat, dass er allein ist. Die Ukraine kauft uns mit dem Blut ihrer Soldaten Zeit – Zeit, die wir im Westen gerade verschwenden, indem wir zulassen, dass eine Allianz aus Zynikern und Autokraten unsere Zukunft verhökert. Der Frieden, der sich hier anbahnt, wird nur eine Pause sein. Und der Preis dafür wird nicht in Dollar oder Rubel gezahlt, sondern in der Freiheit eines ganzen Kontinents.


