Der kalte Hauch von Mar-a-Lago: Trumps Friedensplan ist ein Scheidungsantrag an Europa

Illustration: KI-generiert

Es ist ein Dokument, das nicht wie ein diplomatischer Vorschlag wirkt, sondern wie eine Geschäftsauflösung. Das durchgesickerte 28-Punkte-Papier der US-Administration sendet Schockwellen durch die Kanzlerämter des alten Kontinents und stellt Kiew vor eine existenzielle Wahl. Eine Analyse des Endes der transatlantischen Romantik.

Wenn Geschichte geschrieben wird, geschieht dies selten mit Paukenschlägen, sondern oft im Stillen, verborgen in unscheinbaren Aktennotizen. Doch das Papier, das in diesen Tagen zwischen Washington, Kiew und den europäischen Hauptstädten zirkuliert, hat die Sprengkraft einer geopolitischen Bombe. Es handelt sich um jenen 28-Punkte-Plan, mit dem die Administration unter Donald Trump den blutigsten Konflikt auf europäischem Boden seit 1945 beenden will. Was auf den ersten Blick wie ein pragmatischer Ausweg aus der militärischen Sackgasse wirken mag, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine Zäsur, die das Gefüge der westlichen Welt dauerhaft verschieben könnte. Es ist, als würde man dabei zusehen, wie das Fundament der transatlantischen Sicherheitsarchitektur Risse bekommt, die nicht mehr zu kitten sind.

Das Papier atmet den Geist einer Ära, in der Allianzen nicht mehr auf Werten basieren, sondern auf der kalten Logik der Bilanzbuchhaltung. Für die Ukraine bedeutet der Plan ein Ultimatum, das an Brutalität kaum zu überbieten ist: Entweder sie akzeptiert den Verlust ihrer territorialen Integrität und ihrer geopolitischen Freiheit, oder sie verliert ihren wichtigsten Partner. Für Europa hingegen liest sich der Entwurf wie ein Scheidungsantrag. Die Botschaft aus den USA ist unmissverständlich: Wir machen den Deal, ihr zahlt die Rechnung – und tragt das Risiko.

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Die Kommodifizierung des Friedens: Sicherheit als Geschäftsmodell

Im Zentrum des Plans steht eine fast schon obszöne Vermischung von Friedenspolitik und Profitstreben. Der Vorschlag sieht die Einrichtung eines 100-Milliarden-Dollar-Wiederaufbaufonds vor. Doch die Struktur dieses Fonds offenbart das wahre Wesen der aktuellen US-Außenpolitik: Während die europäischen Staaten aufgefordert sind, weitere 100 Milliarden beizusteuern und somit die finanzielle Hauptlast zu tragen, behalten sich die USA vor, den Fonds zu verwalten – und dabei satte 50 Prozent der Profite einzustreichen.

Es ist eine Logik, die den Wiederaufbau eines zerstörten Landes nicht als humanitäre Pflicht oder strategische Notwendigkeit begreift, sondern als Investmentmöglichkeit. Die USA ziehen sich aus der finanziellen Verantwortung, sichern sich aber den Zugriff auf die Erträge. Dies spiegelt eine radikale Verschiebung wider: Die Solidarität der Allianz wird durch transaktionale „Deals“ ersetzt. Washington agiert nicht mehr als Schutzmacht, sondern als Makler, der seine Provision auch dann einfordert, wenn das Haus noch brennt. Diese Haltung degradiert die europäischen Partner zu Zahlmeistern einer Strategie, an deren Ausarbeitung sie nicht beteiligt waren und deren Früchte sie nicht ernten werden.

Das Ende der NATO-Illusion und das Sicherheitsvakuum

Vielleicht noch schwerwiegender als die finanziellen Details ist die sicherheitspolitische Dimension des Papiers. Der Plan fordert faktisch den Verzicht der Ukraine auf einen NATO-Beitritt. Damit wird eine der zentralen Säulen der westlichen Strategie der letzten Jahre eingerissen. Statt harter Sicherheitsgarantien durch das Bündnis soll eine diffuse Neutralität treten, abgesichert durch europäische Truppen an der Waffenstillstandslinie.

Hier zeigt sich die ganze Paradoxie des Vorschlags: Europa soll Soldaten in eine Zone schicken, in der es keinen Frieden gibt, sondern nur einen eingefrorenen Konflikt, ohne dass diese Soldaten durch den nuklearen Schutzschirm der USA gedeckt wären. Denn amerikanische Truppen, so sieht es der Plan vor, sollen nicht zur Friedenssicherung entsandt werden. Die Botschaft an den Kreml könnte kaum verheerender sein: Der osteuropäische Raum wird zur Grauzone erklärt, in der die USA keine vitalen Interessen mehr geltend machen.

Sicherheitsexperten wie Carlo Masala warnen eindringlich, dass dieser Rückzug nicht den Frieden bringt, sondern lediglich die Bedingungen für den nächsten Krieg schafft. Der Vergleich zum Versailler Vertrag drängt sich auf – jenem Friedensschluss, der den Keim des nächsten Konflikts bereits in sich trug. Ein „Diktatfrieden“, der dem Aggressor erlaubt, seine Wunden zu lecken und seine Reserven aufzufrischen, während das Opfer demilitarisiert und diplomatisch isoliert wird, ist keine Lösung, sondern eine Atempause. Wenn Putin heute Zeit gewinnt, wird er sie nutzen. Die Gefahr, dass Russland in zwei Jahren den nächsten Angriff startet, dann gegen eine noch schwächere, von den USA verlassene Ukraine, ist greifbar.

Kiews Dilemma: Würde oder Überleben

Für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gleicht die Situation einem politischen Albtraum. Ihm wird, so berichten Insider, die Pistole auf die Brust gesetzt: Eine Frist bis Donnerstag, um dem Abkommen zuzustimmen, andernfalls droht der sofortige Stopp der US-Unterstützung. Selenskyj selbst fasste diese Zwangslage in einer dramatischen Videoansprache zusammen, in der er davon sprach, dass die Ukraine entweder ihre „Würde oder einen wichtigen Partner“ verlieren werde.

Die Innenpolitik Kiews steht vor dem Kollaps. Das Land ist ausgezehrt. An der Front mangelt es an Soldaten, die Staatskassen sind leer, und im Hintergrund schwelt eine massive Korruptionskrise, die das Vertrauen der Bevölkerung in die Führung erodiert. In dieser Situation ist die Erpressbarkeit Kiews maximal. Akzeptiert Selenskyj den Plan, kapituliert er vor den russischen Forderungen nach Gebietsabtretungen und einer Reduzierung der Armee. Lehnt er ab, riskiert er den Staatsbankrott im Frühjahr 2026 und den militärischen Zusammenbruch.

Die geforderte Reduzierung der ukrainischen Militärgröße ist dabei ein besonders perfider Punkt. Sie würde dem Land genau jenes Instrument nehmen, das es bisher vor der vollständigen Vernichtung bewahrt hat. Eine wehrlose Ukraine, ausgeschlossen aus der NATO und mit einer dezimierten Armee, wäre auf Gedeih und Verderb dem guten Willen ihrer Nachbarn ausgeliefert – und der Geschichte nach zu urteilen, ist dieser gute Wille in Moskau nicht existent.

Die europäische Apathie und das böse Erwachen

In Berlin, Paris und Brüssel herrscht derweil Entsetzen, gemischt mit einer bitteren Erkenntnis: Man hat sich verkalkuliert. Jahrelang verließ man sich auf die Prämisse, dass die USA der Garant der europäischen Sicherheit bleiben würden. Diese „Apathie“, wie es Beobachter nennen, rächt sich nun brutal. Europa zahlt den Preis für seine strategische Faulheit.

Die hektischen diplomatischen Bemühungen der letzten Tage – Telefonate zwischen Kanzler Merz, Macron und Starmer – wirken wie die Zuckungen eines Patienten, der zu spät erkennt, wie ernst seine Krankheit ist. Dass ein direktes Gespräch zwischen dem Bundeskanzler und Donald Trump zunächst nicht zustande kam und später nur kurz ausfiel, angeblich wegen einer Grippe Trumps, ist mehr als nur eine diplomatische Unhöflichkeit. Es ist eine Demonstration der Machtverhältnisse. Washington redet nicht mehr mit Europa, es diktiert. Oder schlimmer noch: Es ignoriert.

Die Europäer stehen nun vor der fast unlösbaren Aufgabe, das entstehende Vakuum zu füllen. Doch wie soll das gelingen? Die Idee, eingefrorene russische Staatsgelder – immerhin 140 Milliarden Euro, die in Belgien liegen – für die Ukraine zu nutzen, scheitert bislang an rechtlichen Bedenken und der Angst vor Haftungsrisiken. Sollte hier keine Lösung gefunden werden, müsste das Geld anderswo herkommen, womöglich über neue EU-Schulden. Ein Weg, den Kanzler Merz eigentlich kategorisch ausgeschlossen hatte. Doch Dogmen fallen schnell, wenn die Realität anklopft.

Moskaus stiller Triumph

Während der Westen streitet und taumelt, gibt man sich im Kreml betont unbeteiligt. Offiziell erklärt Putins Sprecher Peskow, man kenne den Plan nicht und er sei nicht mit Moskau abgestimmt. Doch westliche Diplomaten halten dies für eine Nebelkerze. Die Vermutung liegt nahe, dass russische Quellen das Papier gezielt durchgestochen haben, um den Druck auf Selenskyj zu maximieren und die Spaltung des Westens voranzutreiben.

Für Russland ist der Plan, so wie er vorliegt, ein strategischer Hauptgewinn. Er legitimiert die militärischen Eroberungen, verhindert die NATO-Erweiterung und sät Zwietracht zwischen den USA und Europa. Taktisch erlaubt das „Leaking“ des Plans dem Kreml, sich zurückzulehnen und zuzusehen, wie die ukrainische Regierung unter dem Druck ihrer Verbündeten zerbricht. Selbst wenn Moskau den Plan am Ende offiziell ablehnen sollte, hat er seinen Zweck bereits erfüllt: Er hat gezeigt, dass die Unterstützung des Westens endlich ist und dass die USA bereit sind, über die Köpfe der Ukrainer hinweg zu verhandeln.

Signale an die Welt: Das Recht des Stärkeren

Die fatalste Wirkung dieses Plans reicht jedoch weit über die Grenzen der Ukraine hinaus. Wenn die größte Militärmacht der Welt bereit ist, die Souveränität eines Verbündeten für einen wirtschaftlich vorteilhaften Deal zu opfern, was bedeutet das für Taiwan? Für die baltischen Staaten? Für Israel?

Das Signal ist verheerend: Aggression lohnt sich wieder. Grenzen können mit Gewalt verschoben werden, solange der Aggressor einen langen Atem hat und der Beschützer des Opfers die Lust verliert. Die im Plan angedachten Sanktionsverschärfungen gegen Russland wirken vor diesem Hintergrund wie ein Feigenblatt. Wie realistisch ist es, dass die US-Regierung, die gerade einen profitablen Wiederaufbau-Deal mit Russland im Nacken aushandelt, gleichzeitig die wirtschaftlichen Daumenschrauben anzieht? Es ist ein Widerspruch, der kaum aufzulösen ist.

Fazit: Ein Diktat der Realität

Wir stehen an einem Wendepunkt. Der „Friedensplan“ ist weniger ein Plan für Frieden als eine Kapitulationsurkunde vor der neuen geopolitischen Realität. Er offenbart die tiefe Abhängigkeit Europas von US-amerikanischer Führung und militärischer Logistik. Ohne die USA ist Europa militärisch zahnlos und strategisch blind.

Das Frühjahr 2026 könnte zum dunkelsten Kapitel in der jüngeren Geschichte der Ukraine werden. Sollte der Plan abgelehnt werden und die US-Hilfe versiegen, droht nicht nur die militärische Niederlage, sondern der Staatsbankrott. Die Ukraine stünde vor dem Nichts. Europa hingegen muss sich fragen, ob es bereit ist, endlich erwachsen zu werden. Der Scheidungsantrag liegt auf dem Tisch. Die Unterschrift mag noch fehlen, aber die Trennung ist im Geiste bereits vollzogen. Was bleibt, ist die Kälte einer Welt, in der Sicherheit kein Recht mehr ist, sondern eine Ware, die sich nur der leisten kann, der stark genug ist, sie selbst zu verteidigen.

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