Der Eis-Coup: Wie Trumps Grönland-Obsession die globale Ordnung demontiert

Illustration: KI-generiert

Die Absurdität der modernen Geopolitik offenbart sich selten in theoretischen Abhandlungen, sondern vielmehr in den bizarren Kollisionen der Realität. Es ist das vorletzte Februarwochenende des Jahres 2026, als sich vor der eisigen Küste Grönlands ein dramatischer, aber im militärischen Alltag durchaus üblicher Vorfall ereignet: Ein amerikanischer U-Boot-Matrose gerät in eine akute medizinische Notlage. Die Rettung kommt nicht aus Washington, sondern aus Dänemark. Ein Seahawk-Helikopter des dänischen Joint Arctic Command evakuiert den US-Soldaten sieben Seemeilen vor der Hauptstadt Nuuk und bringt ihn sicher in ein lokales Krankenhaus. Es ist ein leises, aber kraftvolles Beispiel für das reibungslose Funktionieren westlicher Allianzen.

Doch während der Soldat in grönländische Obhut übergeben wird, entspinnt sich im digitalen Raum eine völlig andere, geradezu surreale Parallelwelt. Der amerikanische Präsident Donald Trump ignoriert die reale Rettung seines eigenen Mannes vollends. Stattdessen greift er zu seiner Plattform Truth Social und verkündet mit der ihm eigenen Dringlichkeit, er werde ein „großartiges Hospitalschiff“ nach Grönland entsenden. Sein erklärtes Ziel: Er wolle sich um die vielen Menschen kümmern, die dort angeblich krank seien und nicht versorgt würden. Mit einem lapidaren „Es ist auf dem Weg!!!“ setzt er einen virtuellen Flottenbefehl ab, der in den Hauptstädten Europas ungläubiges Kopfschütteln auslöst. Es ist, als würde man einem Dirigenten zusehen, der mit dem Rücken zum Orchester steht und eine Melodie dirigiert, die nur in seinem eigenen Kopf existiert.

Phantom-Schiffe und gekränkter Stolz

Die Reaktionen aus dem hohen Norden lassen nicht lange auf sich warten und entlarven die präsidentielle Inszenierung mit kühler nordischer Präzision. Jens-Frederik Nielsen, der grönländische Premierminister, quittiert das unerbetene Hilfsangebot mit einem trockenen „Nein danke“. In einer Mischung aus diplomatischer Fassungslosigkeit und feiner Ironie verweist er auf das öffentliche Gesundheitssystem Grönlands, in dem die Behandlung für alle Bürger kostenlos ist. Es ist eine bewusste gesellschaftliche Entscheidung, betont Nielsen, und schiebt eine scharfe Spitze in Richtung Washington hinterher: So funktioniere es eben nicht in den USA, wo der Gang zum Arzt Geld koste. Auch die dänische Premierministerin Mette Frederiksen sekundiert dieser Haltung. Sie preist auf Instagram das Privileg, in einem Land mit freiem und gleichem Zugang zur Gesundheitsversorgung für alle zu leben – ein System, das nicht von Versicherungen und Reichtum abhänge und exakt so auch in Grönland existiere.

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Betrachtet man die nackten Fakten hinter Trumps großspuriger Ankündigung, zerfällt das nautische Versprechen vollends zu Staub. Die maritime Realität der Vereinigten Staaten sieht gänzlich anders aus: Die US-Marine verfügt exakt über zwei Hospitalschiffe, die USNS Mercy und die USNS Comfort. Keine dieser schwimmenden Kliniken pflügt derzeit durch die Wellen des Nordatlantiks. Beide Schiffe liegen fernab jeglichen Eises in einem Trockendock der Alabama Shipyard in Mobile, tief im amerikanischen Süden. Das Pentagon hatte bereits Monate zuvor millionenschwere Verträge für ausgedehnte Wartungsarbeiten unterzeichnet. Die USNS Mercy saß noch Ende Januar fest im Trockendock. Die Bilder, die Trump seinem Beitrag anfügte, zeigten folglich keine reale Mission, sondern wirkten wie eine KI-generierte Illustration der Mercy. Es ist eine Politik der optischen Täuschung, bei der das Bild einer Handlung die tatsächliche Handlungsfähigkeit ersetzen soll.

Der Statthalter ohne Mandat – Gumbo-Diplomatie im ewigen Eis

Um diesen bizarren Expansionsdrang institutionell zu verankern, hat das Weiße Haus eine Figur installiert, die wie ein Fremdkörper in der feingliedrigen Welt der internationalen Diplomatie wirkt: Jeff Landry. Der republikanische Gouverneur von Louisiana wurde im vergangenen Jahr von Trump zum Sondergesandten für Grönland ernannt. Der Präsident habe ihm anvertraut, wie sehr er die Grönländer liebe und wie er Grönland „wieder großartig machen“ wolle. Doch Landry, ein treuer Gefolgsmann ohne jegliche außenpolitische Erfahrung, füllt diese Rolle auf eine Weise aus, die zwischen provinzieller Naivität und anmaßender Ignoranz schwankt.

Seine diplomatischen Bemühungen sind ein Zeugnis eklatanter Sprachlosigkeit. Bis weit in den Januar hinein hatte Landry weder den Kontakt zum grönländischen Vertreter in den USA, Jacob Isbosethsen, noch zum dänischen Botschafter Jesper Moller Sorensen gesucht. Auch zentrale parlamentarische Figuren wie Kuno Fencker, Per Berthelsen oder die dänische Parlamentsabgeordnete Aaja Chemnitz warteten vergeblich auf einen Anruf des Sondergesandten. Landrys Begründung für diese Funkstille offenbart sein Weltbild: Er sei nicht daran interessiert, in eine Botschaft zu gehen und mit Diplomaten zu sprechen. Zudem fürchte er die Sprachbarriere – nicht nur zu Grönländisch oder Dänisch, sondern selbst innerhalb der USA.

Statt den mühsamen Weg echter politischer Verhandlungen zu gehen, setzt Landry auf eine fast schon tragikomische Strategie, die er selbst als „kulinarische Diplomatie“ bezeichnet. Er schwärmt in amerikanischen Fernseh- und Radiosendungen davon, dass Louisianer und Grönländer natürliche Freunde seien, weil beide gerne fischen und jagen. Sein Masterplan zur Eroberung der grönländischen Herzen: Man könne den Einheimischen beibringen, wie man eine grönländische Version des Eintopfs Gumbo kocht. Rufus Gifford, der unter Barack Obama als US-Botschafter in Dänemark diente, zerlegt diese Idee mit beißendem Spott: Wer ernsthaft glaube, dass Gumbo ein Volk dazu bewege, sich kaufen zu lassen, dem stehe ein böses Erwachen bevor. Wie tief das Misstrauen gegenüber Landry im Norden bereits verwurzelt ist, zeigt sich an der gesellschaftlichen Ächtung: Eine Einladung zu einem prestigeträchtigen nationalen Hundeschlittenrennen wurde nach massivem öffentlichen Druck, der die äußere politische Einmischung als inakzeptabel brandmarkte, hastig wieder zurückgezogen.

Landry versucht, seiner Mission einen historischen Anstrich zu geben, indem er Parallelen zum Louisiana Purchase von 1803 zieht. Weil die französischsprachigen Cajuns damals unter die Herrschaft der USA kamen und davon profitierten, könne dies auch für Grönland gelten. Historiker wie Peter Kastor entlarven diesen Vergleich jedoch als geschichtsblinden Unsinn. Frankreich wollte sein Territorium damals nach dem Zusammenbruch seiner imperialen Visionen aktiv verkaufen. Und vor allem: Im 19. Jahrhundert schoben Imperien Ländereien noch ohne die Zustimmung der dort lebenden Menschen hin und her – eine Praxis, die im 20. Jahrhundert von den Völkern entschieden zurückgewiesen wurde. Die 57.000 Einwohner Grönlands sind keine Handelsware. Ein aktueller nationaler Befund zeigt unmissverständlich: Nur sechs Prozent der grönländischen Bevölkerung hegen den Wunsch, Teil der Vereinigten Staaten zu werden.

Kaufrausch und Geschichtsklitterung

Um diesen Widerstand zu brechen, bedient sich die aktuelle US-Administration einer beispiellosen Geschichtsklitterung. Trump posaunt auf internationalen Bühnen, die USA hätten Grönland nach dem Zweiten Weltkrieg behalten sollen.

Diese Lesart zeugt von einer Weltsicht, in der das Recht des Stärkeren die historische Wahrheit diktiert. Wahr ist: Nach dem Fall Dänemarks an Nazideutschland unterzeichnete der dänische Gesandte in den USA, Henrik Kauffmann, 1941 eigenmächtig ein Verteidigungsabkommen. Dieses räumte dem amerikanischen Militär tiefgreifende Spielräume ein, um auf der Insel Verteidigungsinfrastruktur zu errichten. Doch dieses Abkommen war kein Freifahrtschein zur Annexion; es erkannte die uneingeschränkte Souveränität Dänemarks über Grönland ausdrücklich an. Dieser Status wurde im Jahr 2004 durch ein weiteres Abkommen, das die grönländische Selbstverwaltung einbezog, erneut bekräftigt.

Dennoch stellt Trump die dänischen Rechtsansprüche mit einer fast schon kindlichen Trotzigkeit in Frage. In Botschaften an nordische Regierungschefs sinniert er, warum Dänemark überhaupt ein Eigentumsrecht besitze. Er behauptet, es gäbe keine schriftlichen Dokumente, sondern lediglich Boote, die vor Hunderten von Jahren dort gelandet seien – und amerikanische Boote hätten dort schließlich auch angelegt. Der dänische Forscher Ulrik Pram Gad nennt diese Boot-Analogie schlicht „bizarr“, landeten doch dänische und norwegische Wikinger bereits vor Jahrtausenden auf dem Eispanzer. Die rechtliche Faktenlage ist erdrückend und strahlt aus einer tiefen Vergangenheit: Ein Vertrag aus dem Jahr 1814 übertrug Dänemark die Eigentumsrechte. Als die USA 1917 die Dänisch-Westindischen Inseln erwarben, erklärte der damalige US-Außenminister Robert Lansing feierlich, man werde sich den dänischen Interessen an ganz Grönland nicht widersetzen. Selbst der Ständige Internationale Gerichtshof bestätigte 1933 die dänische Zugehörigkeit, und die Generalversammlung der Vereinten Nationen untermauerte diesen Status mit einer Resolution im Jahr 1954. Es mangelt nicht an Dokumenten; es mangelt im Weißen Haus an der Bereitschaft, sie zu lesen.

Zwar gab es in der amerikanischen Geschichte durchaus expansionistische Phantasien – etwa in den 1860er Jahren, 1910 durch ein absurdes Tauschangebot gegen die Philippinen oder 1946 unter Präsident Truman. Doch stets prallten diese Ansinnen auf eine felsenfeste Ablehnung. Man kann ein Territorium nutzen, man kann Verträge schließen – aber man kann das Land und seine Menschen im 21. Jahrhundert nicht einfach wie ein Grundstück aufkaufen.

Mafio-Rhetorik gegen Alliierten-Solidarität

Weil die Geschichte und das Völkerrecht nicht auf seiner Seite sind, greift Trump zu den Instrumenten der Einschüchterung. Sein Umgang mit Dänemark – immerhin ein treuer NATO-Bündnispartner der ersten Stunde, dessen Soldaten in Kriegen wie im Irak oder in Afghanistan an der Seite der Amerikaner geblutet haben – gleicht einer toxischen Mischung aus Erpressung und Realitätsverweigerung. Aus dem Oval Office dringen unverhohlene Drohungen, Grönland notfalls mit militärischer Gewalt zu erobern. Mit einem mafiaähnlichen Duktus warnt er: Wenn man es nicht auf die einfache Tour mache, werde man es eben auf die harte Tour tun.

Gleichzeitig kreiert Trump eine narrative Illusion. Er verkündet stolz, man habe bereits das „Rahmenwerk eines zukünftigen Deals“ ausgehandelt. Doch in Kopenhagen und Nuuk weiß man von keinem Deal. Grönlands Souveränität sei nicht verhandelbar, lautet die stoische Antwort. Dieser Herrschaftsstil, der Fakten durch präsidentielle Dekrete zu ersetzen versucht, zieht sich wie ein roter Faden durch die Administration. Es ist dieselbe anmaßende Geisteshaltung, die den Präsidenten dazu treibt, anzuordnen, dass während des traditionellen Army-Navy-Footballspiels kein anderes Spiel im Fernsehen übertragen werden dürfe – ein Vorstoß von höchst zweifelhafter rechtlicher Natur. Trump erklärt Sachverhalte zur nationalen Sicherheit, womit rechtliche Bedenken in seiner Weltauffassung obsolet werden. Er schert sich nicht um gewachsene Strukturen, solange er nur im Zentrum des Geschehens steht.

Das Russland-Paradoxon – Wenn „Trump First“ alle isoliert

Die Zerstörungskraft dieser außenpolitischen Doktrin beschränkt sich jedoch nicht auf das transatlantische Bündnisgefüge. Trumps zügelloser Egozentrismus demontiert traditionelle Partnerschaften ebenso verlässlich, wie er die Hoffnungen autokratischer Gegenspieler enttäuscht. Nirgendwo zeigt sich dies deutlicher als in den zerplatzten Träumen des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Als Trump in das Weiße Haus zurückkehrte, schien Putins langes Pokerspiel endlich aufzugehen. Der Kremlherrscher hatte darauf gewettet, dass der neue US-Präsident den Krieg in der Ukraine – ganz im Sinne seiner Behauptung, ihn in „24 Stunden“ beenden zu können – fallen lassen würde. In Moskau träumte man von einer schleichenden Wiederherstellung der amerikanisch-russischen Beziehungen, von einer Kooperation in der Arktis bis in den Nahen Osten. Doch ein Jahr nach diesen hochfliegenden Erwartungen ist die Ernüchterung total. Die viel beschworene Bromance der beiden Führer hat sich für Russland als völlig wertlos erwiesen; es gibt nicht einmal Fortschritte bei grundlegenden diplomatischen Beziehungen oder der Entsendung eines US-Botschafters nach Moskau.

Die „Trump First“-Maxime verträgt schlichtweg keine Partner auf Augenhöhe, und so hat Trump den geopolitischen Ambitionen Putins eine brutale Abfuhr erteilt. Als Putin im Anschluss an amerikanische Luftschläge gegen den Iran seine Vermittlerdienste anbot, stieß Trump ihn unverhohlen zurück. Schlimmer noch: Beim Gipfeltreffen in Ägypten zur Feier eines wackeligen Waffenstillstands in Gaza stand Putin nicht einmal auf der Gästeliste. Die Demütigung war so eklatant, dass der russische Präsident ein eigenes arabisch-russisches Treffen verschieben musste. Statt eine große Machtachse zu schmieden, rät Trump dem Kremlchef arrogant, doch erst einmal den eigenen Krieg zu beenden, bevor er sich andernorts einmische.

Trumps Außenpolitik greift tief in die ökonomischen Lebensadern Russlands ein. Er hat Sanktionen gegen russische Ölgesellschaften verhängt, einen unter russischer Flagge fahrenden Tanker festgesetzt und massiven Druck auf Indien ausgeübt, den Kauf von russischem Rohöl einzustellen. In Moskau wächst die panische Erkenntnis, dass dieser amerikanische Präsident die Weltwirtschaft dominieren will.

Die endgültige Entlarvung dieser vermeintlichen Männerfreundschaft offenbarte sich beim Konstrukt des neuen amerikanischen „Board of Peace“. Zwar erhielt Putin eine Einladung, doch Trump krönte sich selbst kurzerhand auf Lebenszeit zum Vorsitzenden und machte unmissverständlich klar, dass dies allein seine Bühne sei. Für ein Russland, das nach globaler Parität strebt, kam dieser Akt der Unterordnung einer schallenden Ohrfeige gleich. Moskau blieb der konstituierenden Sitzung fern. Trumps wahnhafter Solipsismus duldet schlicht keine Gleichgestellten. Er treibt Putin dazu, seinen katastrophalen Krieg weiterzuführen und die Ressourcen seines Landes in den Abgrund zu reißen.

Die wahre Arktis-Strategie geht im Lärm unter

Inmitten dieses lauten, egozentrischen Säbelrasselns geht die eigentliche, drängende sicherheitspolitische Notwendigkeit völlig unter. Die Arktis ist längst zum neuralgischen Punkt der globalen Geopolitik avanciert. China und Russland strecken ihre Fühler massiv in den eisigen Norden aus, getrieben von der Gier nach unerschlossenen Rohstoffen, neuen Handelsrouten und potenziellen Angriffsvektoren. Längst rüstet das US-Verteidigungsministerium nach, investiert in Eisbrecher und trainiert für den Kampf in der Kälte. Das amerikanische Militär hat tiefe historische Wurzeln in Grönland; bereits 1958 kreuzte das erste atomgetriebene U-Boot der USA unter dem ewigen Eis.

Doch Trumps erratisches Vorgehen konterkariert jeden ernsthaften strategischen Ansatz. Sein manischer Wunsch, Grönland zu „kaufen“, entspringt keinem geopolitischen Masterplan, sondern bedient einzig sein verletzliches Ego – es ist das Schmollen eines Mannes, der gekränkt ist, weil man ihm den Friedensnobelpreis verwehrt hat. Er verwechselt die Führung einer Supermacht mit der feindlichen Übernahme eines Immobilienunternehmens.

Es bleibt eine Weltordnung, in der Vertrauen zu einer knappen Ressource verkommt. Wenn der amerikanische Präsident den Verstand der Verbündeten beleidigt, Phantom-Schiffe in den Norden schickt und selbst skrupellose Diktatoren mit unberechenbaren Eskapaden überzieht, offenbart sich ein erschütterndes Vakuum an Respekt. Doch es gibt einen schwachen Hoffnungsschimmer in diesem Chaos: Sobald der Gegenwind – wie im Falle Grönlands – stark genug ins Gesicht bläst, weicht Trump von seinen Maximalforderungen zurück. Er versteht tief im Inneren, dass Erfolg auch von der Wahrnehmung der anderen abhängt. Bis dahin jedoch gleicht die US-Außenpolitik einem tonnenschweren Gefährt auf abschüssiger Strecke, bei dem niemand weiß, wer eigentlich noch die Bremsen bedient.

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