Der Bondi-Faktor: Wenn staatliche Rachejustiz auf exekutives Versagen trifft

Illustration: KI-generiert

Es war eine Szene, die sich in die Netzhaut der amerikanischen Demokratie einbrennen dürfte, nicht wegen ihrer Würde, sondern wegen ihres gellenden Mangels daran. Im Februar 2026 verwandelte sich der Sitzungssaal des Justizausschusses im Repräsentantenhaus in eine Arena, in der die Lautstärke der Verteidigung die Schwere der Vorwürfe übertönen sollte. Im Vordergrund stand Pam Bondi, Generalstaatsanwältin der Vereinigten Staaten, die schrie, gestikulierte und Demokraten beschimpfte. Im Hintergrund, fast wie Statisten in einem Stück, das eigentlich von ihnen handeln sollte, saßen die Opfer von Jeffrey Epstein – schweigend, ignoriert und erneut gedemütigt.

Ein Jahr nach ihrem Amtsantritt markiert dieser Auftritt Bondis mehr als nur einen schlechten Tag im Kongress. Er ist das Symptom einer tiefgreifenden institutionellen Kernschmelze. Das Justizministerium, einst das stolze Fundament der Rechtsstaatlichkeit, scheint unter dem Druck des America First-Mandats in zwei Teile zu zerfallen: Eine ideologisch geschärfte Waffe gegen politische Gegner auf der einen Seite und eine operativ dysfunktionale Bürokratie auf der anderen. Wer verstehen will, wie sich die amerikanische Exekutive unter Donald Trumps erneuter Präsidentschaft verändert hat, muss nicht auf Wahlkampfparolen hören. Er muss nur Pam Bondi zuhören, wie sie den Dow Jones als Maßstab für Gerechtigkeit anführt, während hinter ihr Missbrauchsopfer auf eine Entschuldigung warten, die niemals kommen wird.

Die Strategie des Burn Book: Verteidigung durch totale Eskalation

Man muss die Strategie der Generalstaatsanwältin als das begreifen, was sie ist: Ein Ausweichmanöver, das Inkompetenz durch Aggression maskiert. Bondi kam nicht in den Kongress, um Rechenschaft abzulegen. Sie kam bewaffnet mit einem Skript voller Beleidigungen, das eher an den Pausenhof einer Highschool erinnerte als an den höchsten juristischen Posten des Landes.

Als sie mit Fragen zur Handhabung der Epstein-Akten konfrontiert wurde – einem Thema, das ihre Amtszeit wie ein dunkler Schatten begleitet –, wählte sie nicht den Weg der juristischen Argumentation. Stattdessen griff sie in die rhetorische Trickkiste des Populismus. Ich werde mich mit diesen Leuten nicht in die Gosse begeben, rief sie wiederholt, nur um im nächsten Atemzug genau dort ihren rhetorischen Standpunkt zu markieren. In einem besonders entlarvenden Austausch beschimpfte sie Jamie Raskin, den führenden Demokraten im Ausschuss, als abgehalfterten Verlierer-Anwalt, der nicht einmal ein Anwalt sei.

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Diese Ausbrüche sind kein Zufall. Sie sind das Destillat einer politischen Kultur, in der Sachlichkeit als Schwäche gilt. Bondi weiß genau, an wen sich ihre Performance richtet. Ihr Publikum saß nicht im Ausschussraum, sondern im Weißen Haus oder vor den Bildschirmen der MAGA-Basis. Sie inszenierte sich als Chef-Beschützerin des Präsidenten, eine Prätorianerin im Hosenanzug, die bereit ist, jede Kritik am Führer niederzuschreien. Als sie auf die Verbindungen von Regierungsmitgliedern zu Epstein angesprochen wurde, wich sie aus oder verfiel in eisiges Schweigen. Doch sobald die Sprache auf Trump kam, loderte ihr Eifer auf. Sie sitzen hier und greifen den Präsidenten an, und das werde ich nicht zulassen, donnerte sie.

Die Absurdität gipfelte darin, dass sie auf Fragen nach sexuellem Missbrauch und Justizversagen mit dem Verweis auf den Aktienmarkt antwortete. Der Dow Jones habe die 50.000-Punkte-Marke überschritten, dozierte sie, als würde ein hoher Börsenkurs das moralische Versagen ihrer Behörde aufwiegen. Es ist eine Logik, die Kritiker mittlerweile als Bondi-induziertes explodierendes Kopf-Syndrom bezeichnen: Wenn Fakten fehlen, wird der Charakter des Gegners attackiert; wenn das nicht reicht, wird die Realität einfach umgedeutet.

Das Epstein-Debakel: Wenn Inkompetenz zur Waffe wird

Doch hinter dem Lärm der Anhörung verbirgt sich ein viel stillerer, aber ungleich gravierenderer Skandal. Das Justizministerium unter Bondi hat bei der Veröffentlichung der Epstein-Akten nicht einfach nur Fehler gemacht. Es hat, wie Beobachter und Abgeordnete gleichermaßen feststellen, eine groteske Fehlleistung vollbracht, die an Bösartigkeit grenzt.

Der Auftrag war klar: Transparenz schaffen, die Öffentlichkeit informieren, aber die Privatsphäre der Opfer schützen. Das Ergebnis war das genaue Gegenteil. In einer Mischung aus Schlamperei und Desinteresse lud das Ministerium Dutzende ungeschwärzte Bilder auf seine Website hoch, darunter Nacktaufnahmen junger Frauen und möglicherweise Minderjähriger. Es ist schwer vorstellbar, wie man Opfer noch effektiver im Stich lassen könnte, als ihre intimsten Verletzungen der Weltöffentlichkeit auf einem Silbertablett zu servieren. Repräsentant Thomas Massie, ein Republikaner, der eigentlich auf Bondis Seite stehen sollte, fasste es mit vernichtender Klarheit zusammen: Buchstäblich das Schlimmste, was man Überlebenden antun konnte, haben Sie getan.

Während die Würde der Opfer durch schlampige Arbeit mit Füßen getreten wurde, zeigte das Ministerium an anderer Stelle eine erstaunliche Präzision im Schützen von Geheimnissen. Kritiker weisen darauf hin, dass fast 80 Prozent des Materials weiterhin verborgen bleiben – insbesondere die Identitäten von sechs wohlhabenden, mächtigen Männern. Das Ministerium operiert hier mit einer selektiven Effizienz: rücksichtslos gegenüber den Ohnmächtigen, aber fast zärtlich besorgt um den Ruf der Elite. Bondi, die im Vorjahr noch in Fox-News-Interviews suggeriert hatte, eine Kundenliste liege quasi auf ihrem Schreibtisch, musste nun kleinlaut zurückrudern. Es gebe keine Liste, keine neuen Enthüllungen.

Die Szene, in der die demokratische Abgeordnete Pramila Jayapal Bondi aufforderte, sich bei den im Raum anwesenden Opfern zu entschuldigen, offenbart die ganze Kälte dieses bürokratischen Apparats. Bondi weigerte sich. Sie drehte sich nicht um. Stattdessen diffamierte sie die Bitte als Theatralik und forderte im Gegenzug eine Entschuldigung der Demokraten an Donald Trump. In Bondis Weltbild sind nicht die missbrauchten Frauen die Opfer, sondern der mächtigste Mann der Welt.

Der Rachefeldzug: Die Justiz als Instrument der Vergeltung

Diese Verdrehung der Opfer-Täter-Rolle ist kein Ausrutscher, sondern Programm. Bondis Amtszeit ist geprägt von dem Versuch, das Justizsystem in ein Werkzeug politischer Vergeltung umzuschmieden – eine Retribution Agenda, die direkt aus dem Oval Office gesteuert zu sein scheint.

Nur Stunden vor ihrem Auftritt im Kongress erlebte das Ministerium jedoch eine spektakuläre Niederlage, die zeigt, dass die Brandmauern des Rechtsstaats noch nicht gänzlich niedergerissen sind. Das DOJ hatte versucht, eine Anklage gegen sechs demokratische Abgeordnete zu erwirken, die in einem Video Militärangehörige dazu aufgerufen hatten, illegale Befehle zu verweigern. Es war der Versuch, politische Meinungsäußerung zu kriminalisieren, ein Exempel zu statuieren. Doch eine Grand Jury in Washington – jenes Gremium aus normalen Bürgern, das als Filter vor staatlicher Willkür dienen soll – weigerte sich, die Anklage zuzulassen.

Diese außergewöhnliche Rüge durch eine Grand Jury ist ein seltenes Ereignis und ein vernichtendes Urteil über die juristische Substanz der Vorwürfe. Doch sie hindert Bondi nicht daran, weiterzumachen. Repräsentant Raskin brachte es auf den Punkt: Trump bestellt Anklagen wie Pizza, und Sie liefern jedes Mal. Ob es Ermittlungen gegen den ehemaligen CIA-Direktor John Brennan sind oder Drohungen gegen andere Kritiker – das Muster ist eindeutig. Die Justiz wird nicht mehr eingesetzt, um Verbrechen zu ahnden, sondern um Gegner zu zermürben.

Selbst in den eigenen Reihen duldet dieses System keinen Widerspruch. Als der republikanische Abgeordnete Thomas Massie wagte, kritische Fragen zum Epstein-Debakel zu stellen, wurde er von Bondi nicht als Kollege behandelt, sondern als Patient. Sie diagnostizierte ihm kurzerhand das Trump Derangement Syndrome und nannte ihn einen gescheiterten Politiker. Loyalität ist in diesem System keine Einbahnstraße, sie ist eine Sackgasse: Wer nicht bedingungslos folgt, wird überrollt.

Das Memo NSPM-7: Die Kodifizierung des Kulturkampfes

Während die öffentlichen Auftritte Bondis oft chaotisch wirken, vollzieht sich im Hintergrund eine stille, bürokratische Revolution, die weit gefährlicher ist als jedes geschriene Wort im Kongress. Ein internes Memorandum des Generalstaatsanwalts vom 4. Dezember 2025 mit dem Betreff Implementing National Security Presidential Memorandum-7: Countering Domestic Terrorism and Organized Political Violence liefert den Bauplan für diesen Umbau.

Dieses Dokument liest sich wie eine Kriegserklärung an Teile der eigenen Bevölkerung. Unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung werden politische Einstellungen kriminalisiert. Das Memo weist Bundesanwälte an, Antifa-nahe Extremisten und Gruppen, die radikale Gender-Ideologie vertreten, ins Visier zu nehmen. Es konstruiert eine direkte Verbindung zwischen der Ablehnung traditioneller Werte – etwa in Bezug auf Familie, Religion und Moral – und inländischem Terrorismus.

Die Sprache des Memos ist verräterisch. Es übernimmt unkritisch das Vokabular des Kulturkampfes. Wer sich gegen Law Enforcement stellt oder extreme Ansichten zugunsten von Massenmigration vertritt, rückt in den Fokus der Joint Terrorism Task Forces. Diese Spezialeinheiten, eigentlich für die Abwehr schwerster Bedrohungen konzipiert, sollen nun genutzt werden, um Netzwerke politischer Gegner zu zerschlagen und aufzulösen, ähnlich wie man es beim organisierten Verbrechen tut.

Die Perfidie liegt im Detail: Das Memo fordert nicht nur strafrechtliche Verfolgung, sondern auch den Einsatz steuerrechtlicher Waffen. Das DOJ soll untersuchen, ob Non-Profit-Organisationen, die solche extremistischen Ansichten fördern, den Internal Revenue Service betrogen haben. Es ist der Versuch, die Zivilgesellschaft finanziell auszutrocknen. Zudem wird der Begriff Faschismus so umgedeutet, dass antifaschistischer Widerstand per se als Gewaltakt gegen den Staat interpretiert wird, da diese Gruppen legitime Regierungsautorität als faschistisch brandmarken würden. Hier wird der Staatsschutz zum Ideologieschutz umfunktioniert.

Risse im Monolithen: Die Grenzen der Loyalität

Doch trotz dieser massiven Machtkonzentration zeigt Bondis Auftritt, dass das Fundament bröckelt. Die aggressive Inkompetenz, die sie an den Tag legt, sorgt selbst im konservativen Lager für Unbehagen. Zwar loben Hardliner wie Jim Jordan Bondi für die Rückkehr zu Kernmissionen wie der Bekämpfung von Gewaltkriminalität und illegaler Einwanderung. Doch der offene Bruch mit Politikern wie Massie zeigt, dass der monolithische Block der Republikaner Risse bekommt.

Beobachter werten Bondis Verhalten zunehmend als Zeichen von Schwäche, nicht von Stärke. In konservativen Zirkeln wird sie bereits als Leichtgewicht gehandelt, das dem Druck des Amtes nicht gewachsen ist. Ihre Unfähigkeit, Fragen souverän zu parieren, ohne in Hysterie zu verfallen, lässt sie wie eine wütende Irre wirken – ein Bild, das keine Administration gerne in die Welt sendet.

Der Konflikt spiegelt sich auch auf lokaler Ebene wider, etwa im Senatswahlkampf in Texas, wo Loyalität zum Trumpismus mittlerweile wichtiger ist als persönliche Integrität. Figuren wie Ken Paxton, der trotz Korruptionsvorwürfen von konservativen Gruppen unterstützt wird, stehen sinnbildlich für diesen neuen Typus: Der Charakter zählt nicht mehr, solange man bereit ist, den Linken ins Gesicht zu schlagen. Bondi ist die nationale Entsprechung dieses Phänomens – eine Loyalistin, deren Hauptqualifikation ihre bedingungslose Gefolgschaft ist, selbst wenn dabei die Professionalität auf der Strecke bleibt.

Der menschliche Preis: Opfer zweiter Klasse

Am Ende dieser politischen Analyse darf man jedoch eines nicht vergessen: den menschlichen Preis dieses Zynismus. Die Anhörung im Februar 2026 war nicht nur ein politisches Spektakel, sie war eine Tragödie. Als eine demokratische Abgeordnete die anwesenden Epstein-Opfer bat, die Hand zu heben, wenn sie jemals von Bondis Ministerium kontaktiert worden seien, hoben sich Hände in die Luft, um eine beschämende Stille zu bezeugen: Niemand hatte mit ihnen gesprochen.

Während Bondi öffentlich verkündete, Ghislaine Maxwell solle hoffentlich im Gefängnis sterben, wusste sie offenbar nicht einmal, dass diese bereits in eine Haftanstalt mit niedrigerer Sicherheitsstufe verlegt worden war. Ein Detail, das wie Hohn in den Ohren der Betroffenen klingen muss und Spekulationen nährt, die Trump-Administration behandele die Beteiligten des Epstein-Rings mit Samthandschuhen.

Es ist diese Mischung aus Desinteresse und aktiver Schädigung, die Bondis Amtszeit so verheerend macht. Sie schlagen sich auf die Seite der Täter und ignorieren die Opfer, warf ihr Jamie Raskin vor. Es ist schwer, ihm zu widersprechen, wenn man sieht, wie das Ministerium Ressourcen darauf verwendet, demokratische Abgeordnete wegen eines Videos zu verfolgen, während es gleichzeitig unfähig – oder unwillig – ist, die Identität missbrauchter Frauen zu schützen.

Der moralische Bankrott

Was wir erleben, ist, um es mit den Worten des Kolumnisten David French zu sagen, eine Singularität aus Inkompetenz und Korruption. Pam Bondi verkörpert ein Justizministerium, das seinen moralischen Kompass zertrümmert hat, um Platz für die Launen eines Präsidenten zu machen.

Die Gefahr liegt nicht nur in den schreienden Schlagzeilen oder den viralen Clips einer tobenden Ministerin. Sie liegt in den stillen Paragraphen des NSPM-7-Memos, in den geschwärzten Namen der Mächtigen und in den entblößten Fotos der Opfer. Bondi ist nicht nur eine loyale Soldatin in Trumps Kulturkampf; sie ist die Architektin einer Justiz, die nur noch einem Herrn dient: dem Machterhalt. Wenn der Generalstaatsanwalt der Vereinigten Staaten nicht mehr zwischen dem Schutz der Verfassung und dem Schutz des Präsidenten unterscheiden kann, dann ist das mehr als ein politischer Skandal. Es ist der Bankrott des Rechtsstaats. Die Grand Jury hat bewiesen, dass das System noch Reflexe besitzt. Doch wie lange diese gegen eine Führung standhalten können, die Inkompetenz zur Strategie und Rache zur Staatsräson erhoben hat, ist die bange Frage, die über Washington schwebt.

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