
Die Uhr tickt unerbittlich, und der Finger schwebt bedrohlich nah über dem Abzug. In Washington bereitet sich Donald Trump auf seinen nächsten großen militärischen Coup vor, während im Persischen Golf eine gewaltige Maschinerie in Stellung geht. Es ist, als würde man dabei zusehen, wie bei einem gigantischen, hochgerüsteten Gefährt die Bremsen gelöst werden – und niemand weiß genau, ob es einen Plan für die Fahrt in den Abgrund gibt. Im Gegensatz zum Vorabend des Irakkrieges fehlt diesem Aufmarsch jegliche schlüssige, öffentlich debattierte Begründung. Es ist ein Kriegscountdown, der auf einem gefährlichen Mix aus spontanen Ultimaten, Allmachtsphantasien und dem eklatanten Ignorieren komplexer diplomatischer Realitäten basiert. Willkommen am Rand eines neuen nahöstlichen Flächenbrands, in den die USA gerade schlafwandeln.
Die Armada und das 15-Tage-Ultimatum
Das Wasser um die Arabische Halbinsel füllt sich mit amerikanischem Stahl. Präsident Donald Trump hat dem Iran eine beispiellos enge Frist gesetzt: Lediglich zehn bis 15 Tage bleiben der Führung in Teheran, um einen weitreichenden Deal mit den USA zu erzielen. Läuft diese Frist bis Anfang März ab, werden, so die vage, aber unmissverständliche Drohung aus der „Air Force One“, „sehr schlimme Dinge“ passieren. Um dieser Rhetorik Nachdruck zu verleihen, zieht das US-Militär derzeit die größte Streitmacht in der Region seit der Invasion des Iraks im Jahr 2003 zusammen.
Die schiere Dimension dieses Aufmarsches lässt jeden Gedanken an bloßes Säbelrasseln verblassen. Zwei der weltweit größten Flugzeugträger, die USS Abraham Lincoln und die USS Gerald R. Ford, befinden sich samt ihrer massiv bewaffneten Begleitflotten aus Zerstörern, Kreuzern und U-Booten in der Region oder stehen kurz vor der Ankunft. Ergänzt wird diese maritime Machtdemonstration durch mehr als 50 zusätzliche Kampfflugzeuge – darunter hochmoderne, radarabschirmende F-35, F-22 und F-16 –, die hastig auf Stützpunkte in Kuwait, Bahrain, Saudi-Arabien und Jordanien verlegt wurden. Parallel dazu wurden strategische Bomber des Typs B-2 in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt, flankiert von Dutzenden Tankflugzeugen, die einen lang anhaltenden, intensiven Luftkrieg erst ermöglichen.

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Dieser Aufbau ist keine symbolische Geste. Er ist darauf ausgelegt, maximalen Schaden anzurichten. Militärische Planer haben dem Präsidenten Szenarien vorgelegt, die bis hin zur gezielten Tötung der politischen und militärischen Führung des Irans reichen, um einen Regimewechsel zu erzwingen. Generalstabsoffiziere gehen davon aus, dass die kompletten Streitkräfte, die für einen solchen Schlag nötig wären, bis Mitte März vollständig einsatzbereit sein werden. Trump hält sich jedoch die Option offen, jederzeit, vielleicht schon an diesem Wochenende, loszuschlagen. Es ist eine Architektur der Zerstörung, die geduldig auf den finalen Befehl wartet.
Diplomatie als Feigenblatt? Die Genfer Gespräche
Während die Militärmaschinerie hochfährt, inszeniert das Weiße Haus eine diplomatische Parallelwelt, die zunehmend wie ein reines Feigenblatt wirkt. In Genf pendeln Trumps Sondergesandte, der Geschäftsmann Steve Witkoff und sein Schwiegersohn Jared Kushner, zwischen Verhandlungsräumen hin und her. Unter omanischer Vermittlung versuchen sie, dem Iran in indirekten Gesprächen Zugeständnisse abzuringen. Zwar spricht man vage von einer Einigung auf „Leitprinzipien“ und der Möglichkeit, Entwürfe auszutauschen, doch ein echter Durchbruch bleibt eine Illusion.
Die amerikanische Doppelstrategie ist durchschaubar: Maximaler militärischer Druck soll am Verhandlungstisch weitreichende, ja kapitulationsgleiche Zugeständnisse erzwingen. Washington fordert nicht weniger als den vollständigen und dauerhaften Stopp der Urananreicherung, die Aufgabe des iranischen ballistischen Raketenprogramms und das Ende jeglicher Unterstützung für regionale Milizen wie der Hisbollah oder den Huthis. Für das Mullah-Regime, das sein Raketenarsenal als einzige verbliebene Abschreckung betrachtet, sind diese Forderungen schlichtweg inakzeptabel. Verhandlungen über Themen abseits des Nuklearprogramms schließt Teheran kategorisch aus.
Zudem ist das diplomatische Porzellan längst zerschlagen. Das Misstrauen des Obersten Führers Ayatollah Ali Khamenei gegenüber den USA sitzt tief, gestützt durch bittere Erfahrungen. Es war Trump, der in seiner ersten Amtszeit das mühsam ausgehandelte Atomabkommen von 2015 aufkündigte. Und es war Trump, der erst im vergangenen Juni, während diplomatische Gespräche auf dem Programm standen, iranische Atomanlagen bombardieren ließ. Wer vertraut einem Verhandlungspartner, der Bomben wirft, während er über Frieden verhandeln will? Die Forderungen der USA wirken auf Beobachter weniger wie ernsthafte Friedensbedingungen und mehr wie ein inszeniertes Theaterstück, um am Ende sagen zu können: Wir haben es mit der Diplomatie versucht.
Ein Krieg ohne Mandat, ohne Volk und ohne Alliierte
Das vielleicht Erschreckendste an diesem Countdown ist die politische Stille, die ihn umgibt. Es gibt keine großen Reden an die amerikanische Nation, keine hitzigen Debatten im Kongress, keine Resolutionen, die den massiven Einsatz von Waffengewalt legitimieren würden. Die amerikanische Verfassung sieht vor, dass nur der Kongress formell den Krieg erklären kann – eine Hürde, die stillschweigend ignoriert wird. Dies ist die Art und Weise, wie eine Autokratie in den Krieg zieht: ohne auch nur den Anschein zu erwecken, dass die Zustimmung der Regierten von Bedeutung ist.
Im Gegensatz zum Vorfeld der Irak-Invasion 2003, als die Bush-Administration noch eine massive, wenngleich auf Unwahrheiten basierende Kampagne startete, um die Öffentlichkeit zu überzeugen, verzichtet das jetzige Weiße Haus gänzlich auf diesen Aufwand. Damals befürworteten 72 Prozent der Amerikaner den Krieg. Heute lehnt eine überwältigende Mehrheit ein militärisches Abenteuer ab; weniger als 30 Prozent der Befragten unterstützen militärische Aktionen gegen den Iran. Die Bevölkerung ist nicht bereit, das Leben eigener Soldaten für einen willkürlichen Krieg zu opfern.
Auch auf dem internationalen Parkett steht Trump erschreckend isoliert da. Von einer globalen Koalition ist nichts zu sehen; die engsten Verbündeten der USA wenden sich ab. Hochrangige Vertreter der NATO-Staaten klagten kürzlich darüber, dass sie praktisch keine Details über die amerikanischen Pläne erhalten hätten und äußerten tiefe Skepsis an der Notwendigkeit militärischer Gewalt. Der britische Premierminister Keir Starmer weigert sich Berichten zufolge gar, den USA britische Luftwaffenstützpunkte wie Diego Garcia für Operationen gegen den Iran zur Verfügung zu stellen. Trump ignoriert grundlegende militärstrategische Lehren, indem er multiple, sich teils widersprechende Rechtfertigungen für einen Präventivschlag anbietet: Mal geht es um Nichtverbreitung, mal um den Schutz von Demonstranten, dann wieder um den Sturz des Regimes. Kein klares Ziel, keine Verbündeten, kein Mandat – nur die nackte Macht einer überlegenen Luftwaffe.
Das Trauma im Inneren – Ein Regime kämpft ums Überleben
Um die Explosivität der Situation zu begreifen, muss man den Blick auf die Straßen Irans richten. Das Mullah-Regime tritt nach außen hin extrem aggressiv auf, gerade weil es im Inneren so verwundbar ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das Land ist gezeichnet von tiefer wirtschaftlicher Not und einem kollektiven gesellschaftlichen Trauma. Eine Welle landesweiter Proteste im vergangenen Monat wurde mit beispielloser Brutalität erstickt. Über 7.000 Menschen wurden getötet, mehr als 53.000 in die Kerker des Staates geworfen. Das Land gleicht einem Pulverfass.
Die Brutalität der staatlichen Unterdrückung schnürt den Menschen die Kehle zu. Bürger berichten von täglichen Preissteigerungen, einer einbrechenden Währung und dem lähmenden Gefühl eines drohenden wirtschaftlichen Kollapses. Eine Umfrage aus dem November 2025 – noch vor den verheerendsten Gewaltexzessen – zeigte bereits, dass 92 Prozent der Iraner zutiefst unzufrieden mit den Bedingungen im Land sind. Doch die Angst mischt sich mit einem unauslöschlichen, trotzigen Zorn. Bei den traditionellen Gedenkfeiern, den „Chehelom“, die 40 Tage nach dem Tod eines Menschen abgehalten werden, versammeln sich Hunderte an den Gräbern der getöteten Demonstranten. Dort, im Angesicht der allgegenwärtigen Sicherheitskräfte, hallen Rufe wie „Tod für Khamenei“ über die Friedhöfe und von den Balkonen der Hauptstadt.
In dieser Atmosphäre der Verzweiflung offenbart sich eine tragische Zerrissenheit der Gesellschaft. Ein Teil der Bevölkerung sieht in amerikanischen Bomben zynischerweise die letzte Hoffnung auf Befreiung, eine Erlösung von einem System, das sie aus eigener Kraft nicht stürzen können. „Jedes Land, das sie angreift, wird uns befreien“, lautet die bittere Logik der Enttäuschten. Andere hingegen, ebenso regimekritisch, fürchten, dass amerikanische Luftschläge zu noch mehr Massakern, zu einem Bürgerkrieg und zur völligen Zersplitterung der Nation führen würden. Die iranische Führung nutzt derweil die äußere Bedrohungskulisse rücksichtslos aus, terrorisiert die eigene Bevölkerung weiter, kontrolliert Schulen auf Wunden von Demonstranten und richtet Überwachungspunkte ein, um jeden Keim eines erneuten Aufstands sofort im Blut zu ersticken.
Die Achse des Widerstands und die Mosaik-Verteidigung
Wer glaubt, das iranische Regime würde einen massiven Militärschlag schicksalsergeben hinnehmen, verkennt die militärische und geopolitische Realität völlig. Teheran hat unmissverständlich klargemacht, dass es im Falle einer US-Aggression alle militärischen Stützpunkte, Einrichtungen und Vermögenswerte der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten in der Region als legitime Ziele betrachten wird. Die iranischen Streitkräfte sind auf Gegenwehr gepolt. Um einem amerikanischen Enthauptungsschlag entgegenzuwirken, hat die Revolutionsgarde längst die sogenannte „Mosaik-Verteidigung“ implementiert. Dieses System gewährt lokalen Kommandeuren weitreichende Entscheidungsbefugnisse, sollte die zentrale Befehlskette in Teheran durch US-Bomben zerstört werden. Selbst wenn die Führung fällt, ist der militärische Apparat darauf ausgelegt, eigenständig und unerbittlich weiterzukämpfen.
Gleichzeitig demonstriert das Regime nach außen Geschlossenheit. Im Golf von Oman und im Indischen Ozean halten iranische und russische Streitkräfte gemeinsame Seemanöver ab. In der strategisch essenziellen Straße von Hormus, durch die ein Fünftel des weltweiten Öls transportiert wird, üben Marineeinheiten mit scharfer Munition und feuern Marschflugkörper ab. Die Botschaft an die Weltwirtschaft ist klar: Eine Eskalation wird den globalen Handel massiv treffen. Der Iran verfügt zudem über ein gewaltiges Arsenal von geschätzt 2.000 Mittelstreckenraketen, die israelisches Territorium erreichen können, sowie über zahllose Kurzstreckenraketen, die direkt auf die in der Region stationierten US-Truppen gerichtet sind.
Diese Drohkulisse entfaltet bei den regionalen Akteuren bereits ihre lähmende Wirkung. Die Golfstaaten, traditionelle Partner Washingtons, bemühen sich verzweifelt um Deeskalation. Länder wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate fürchten, unweigerlich in den Sog des Konflikts gezogen zu werden, was ihre Energiesicherheit und Handelsrouten existenziell bedrohen würde. Einige Regierungen haben bereits hastig signalisiert, dass ihre Lufträume und Gewässer nicht für Angriffe auf den Iran genutzt werden dürfen. Gleichzeitig kündigen Irans Stellvertreter, wie die jemenitische Huthi-Miliz, an, bei einem US-Angriff ihre verheerenden Attacken auf den internationalen Schiffsverkehr im Roten Meer sofort wieder aufzunehmen. Ein einziger Funke genügt, um das gesamte Konstrukt in Flammen aufgehen zu lassen.
Israels Forderungen und die Illusion der chirurgischen Präzision
In diesem hochriskanten geopolitischen Gefüge fungiert Israel als treibende, aber auch verwundbare Kraft. Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu drängt Washington vehement zu einem finalen, vernichtenden Schlag gegen Teheran. Seine Forderungen für eine diplomatische Lösung sind absolutistisch: Der Iran müsse nicht nur die Anreicherung stoppen, sondern sein gesamtes angereichertes Uran außer Landes schaffen und die dazugehörige Infrastruktur vollständig demontieren. Netanyahu warnt eindringlich, dass ein Angriff auf Israel mit einer unvorstellbaren Reaktion beantwortet werde, und die israelische Armee hat ihre Alarmbereitschaft für einen möglichen gemeinsamen Militärschlag massiv erhöht.
Doch hinter dieser rhetorischen Härte verbirgt sich eine erhebliche Abhängigkeit. Der sogenannte „Zwölf-Tage-Krieg“ im vergangenen Jahr hat Israels Bestände an lebenswichtigen Abwehrraketen dramatisch erschöpft. Es hat sich damals gezeigt, dass der eiserne Schutzschirm Risse hat und die ballistischen Raketen des Irans nur teilweise von Israels Abwehrsystemen abgefangen werden können. Israel ist heute zwingend auf die Verteidigungssysteme der USA angewiesen. Aus diesem Grund verlegt das Pentagon derzeit eilig hochmoderne THAAD- und Patriot-Luftabwehrsysteme in die Region, um sowohl verbündete Staaten als auch die 30.000 bis 40.000 eigenen Soldaten vor der erwarteten iranischen Vergeltung zu schützen. Gleichzeitig bereitet sich das US-Militär stillschweigend auf den Ernstfall vor: Während einige Einheiten zur Verteidigung ihrer Basen verbleiben sollen, ist geplant, andere Truppenteile nach Europa oder in die USA zu evakuieren.
Es ist ein gefährlicher, intellektueller Trugschluss, zu glauben, man könne die iranische Frage mit ein paar chirurgischen Luftschlägen beenden. Militärexperten warnen eindringlich vor der Fehleinschätzung im Weißen Haus, wo militärische Interventionen gern nach dem Vorbild der schnellen, zeitlich begrenzten Aktionen in Venezuela oder dem Jemen bewertet werden. Eine Kampagne gegen den Iran wäre von einer völlig anderen, brutaleren Natur. Ein massiver Angriff würde zwar katastrophale Schäden im Iran anrichten, aber er wäre weder sauber noch schnell vorüber. Der Iran behält die Kapazität, den Angreifern empfindliche Kosten aufzuzwingen. Ein mehrwöchiger Luftkrieg birgt das hohe Risiko vernichtender Raketenschläge auf US-Basen, abgeschossener Piloten und der ungewollten Verwicklung in einen unkontrollierbaren Kriegszustand. „Militärische Operationen sehen schnell und einfach aus – bis sie es nicht mehr sind“, mahnen pensionierte Offiziere treffend.
Der Weg in die Finsternis
Am Ende stehen wir vor einer fatalen Gleichung: Ein amerikanischer Präsident, der sein diplomatisches Desinteresse durch martialische Allmachtsphantasien kompensiert, trifft auf ein diktatorisches Regime, das im eigenen Land zutiefst verhasst ist, aber buchstäblich mit dem Rücken zur Wand steht. Der Glaube, man könne die tief verwurzelten geopolitischen Verwerfungen des Nahen Ostens mit einem simplen „Deal oder Zerstörung“-Ansatz aus der Welt schaffen, ist nicht nur naiv, er ist historisch blind.
Die Führung in Teheran hat verstanden, dass bloße Zurückhaltung im Angesicht amerikanischer Aggression oft als Schwäche gedeutet wird und nur weitere Angriffe nach sich zieht. Ein in die Enge getriebenes Regime reagiert in seiner existenziellen Angst nicht mit Unterwerfung, sondern mit rücksichtsloser Eskalation. Die Idee, durch einen militärischen Enthauptungsschlag das Problem elegant aus der Welt zu schaffen, ist eine absurde Illusion, die das geschundene Land tiefer ins blutige Chaos stürzen und die gesamte Region in einen katastrophalen Konflikt ziehen würde.
Die vom Oval Office gesetzte Frist läuft ab. Die Flotten liegen schwer im Wasser, die Bomber stehen betankt auf den Rollfeldern. Doch während die Generäle gehorsam die Zielkoordinaten programmieren, scheint niemand in der amerikanischen Administration auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, wie der Morgen nach dem ersten Bombenschlag aussehen wird. Es ist eine Fahrt ohne Bremsen – direkt in die Finsternis.


