
Es ist eine Szene, die wie ein Brennglas wirkt, unter dem sich die Fragilität und der Zynismus dieser neuen politischen Ära bündeln. Während draußen ein brutaler Wintersturm weite Teile der Vereinigten Staaten in den Ausnahmezustand versetzt und Eisregen gegen die Fenster der Macht peitscht , versammelt sich im Inneren des Weißen Hauses eine illustre Gesellschaft in schwarzer Abendgarderobe. Sie sind gekommen, um einen Film zu sehen. Nicht irgendeinen Film, sondern das ultimative Werk der Selbstinszenierung: „Melania“. Die Gastgeberin, First Lady Melania Trump, empfängt Tech-Titanen wie Apple-CEO Tim Cook und Kulturikonen wie den ehemaligen Boxer Mike Tyson. Es ist ein Abend der geschlossenen Türen, abgeschirmt von der Presse, eine private Feier der Macht, während das Land draußen nicht nur meteorologisch, sondern auch gesellschaftlich friert.
Im Zentrum dieses Sturms steht ein einziger Satz, den die First Lady im Trailer ihres Films mit einem leichten Lächeln in die Kamera spricht, während sie sich auf den Weg zur zweiten Vereidigung ihres Mannes macht: „Here we go again“. Es ist mehr als nur eine Floskel. Es ist die programmatische Ankündigung einer Frau, die genau weiß, was sie tut, und die in ihrer zweiten Amtszeit entschlossen scheint, die Regeln des politischen Spiels neu zu definieren. Doch dieser Film, der nun weltweit in die Kinos drängt, ist weit mehr als das biografische Porträt einer oft missverstandenen Figur. Er ist das teuerste Lobby-Instrument der modernen US-Geschichte, ein 75 Millionen Dollar schweres Symbol für die Verschmelzung von Staatsamt, Konzerninteressen und Unterhaltungsindustrie, bei der die Grenzen zwischen Propaganda und Dokumentation nicht nur verschwimmen, sondern bewusst eingerissen werden.
Die Währung der Macht: Amazon und die Logik des Überflusses
Wenn man verstehen will, was dieser Film wirklich bedeutet, darf man nicht auf die Leinwand schauen. Man muss in die Bilanzen blicken. Die ökonomischen Eckdaten dieses Projekts spotten jeder Marktlogik und erzählen eine ganz eigene Geschichte über Einflussnahme in Washington. Amazon, der Gigant des Online-Handels, hat sich die Rechte an diesem Werk stolze 40 Millionen Dollar kosten lassen. Um die Absurdität dieser Summe zu begreifen, muss man sie ins Verhältnis setzen: Das nächste Gebot, das von Disney kam, lag ganze 26 Millionen Dollar darunter. Wir sprechen hier nicht von einem Blockbuster mit garantierten Einspielergebnissen, sondern von einer Dokumentation – einem Genre, dessen Produktionsbudgets üblicherweise selten die 5-Millionen-Dollar-Marke überschreiten.
Doch Amazon begnügte sich nicht damit, die Rechte zu kaufen. Der Konzern pumpt weitere 35 Millionen Dollar in eine Marketingkampagne, die selbst für Hollywood-Verhältnisse gigantisch anmutet. Fernsehwerbung während der NFL-Playoffs, eine simulierte Premiere in 25 Kinos gleichzeitig – das Budget für die Vermarktung übersteigt das vergleichbarer hochkarätiger Dokumentationen um das Zehnfache.

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Warum tut ein Unternehmen so etwas? Warum investiert ein kühl kalkulierender Konzern insgesamt 75 Millionen Dollar in ein Projekt, das Branchenanalysten bereits vor dem Start als großes Risiko einstufen und dessen Ticketverkäufe am Eröffnungswochenende voraussichtlich kaum die 5-Millionen-Dollar-Grenze erreichen werden? Die Antwort liegt nicht in den Kinokassen, sondern im Oval Office. Ted Hope, der einst maßgeblich am Aufbau der Filmsparte von Amazon beteiligt war, findet dafür drastische Worte. Für ihn ist dieses Budget nichts anderes als der Versuch, sich Gunst zu erkaufen, wenn nicht gar eine „offene Bestechung“.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Amazon-Gründer Jeff Bezos, dem auch die Washington Post gehört, in der Vergangenheit ein angespanntes Verhältnis zu Donald Trump pflegte. Dieses Filmprojekt wirkt wie der ultimative Friedensschluss, bezahlt in harter Währung und medialer Reichweite. Dass Amazon-CEO Andy Jassy und Studio-Chef Mike Hopkins persönlich beim privaten Screening im Weißen Haus erschienen, unterstreicht die politische Dimension dieses Deals. Es geht nicht darum, ob die Kunden den Film lieben, wie Amazon in seinen spärlichen Statements behauptet. Es geht um den Zugang zur Macht. Mitarbeiter in Amazons Unterhaltungssparte, so berichten Insider, wurden angewiesen, an dem Projekt zu arbeiten; politische Bedenken seien kein Grund für eine Weigerung, da das Projekt von der Führungsspitze mandatiert sei. Hier wird Kulturkapital nahtlos in politisches Kapital umgewandelt, und die Währung ist die Geschichte der First Lady.
Regie der Rehabilitation: Ein Pakt der Außenseiter
Dass ausgerechnet Brett Ratner auf dem Regiestuhl Platz nahm, verleiht dem Projekt eine weitere, fast zynische Ebene. Ratner, einst ein gefeierter Produzent von Hits wie „Rush Hour“, ist in Hollywood seit 2017 weitgehend eine Persona non grata. Im Zuge der #MeToo-Bewegung hatten ihn mehrere Frauen des sexuellen Fehlverhaltens beschuldigt. Seitdem hatte er keinen Film mehr gedreht. Nun kehrt er zurück, nicht durch die Hintertür, sondern durch das Hauptportal des Weißen Hauses, handverlesen von der First Lady und protegiert vom Präsidenten, der Paramount Berichten zufolge sogar drängte, Ratner für „Rush Hour 4“ in Betracht zu ziehen.
Es ist ein Pakt zweier Figuren, die sich vom Establishment ungerecht behandelt fühlen und nun gemeinsam ihre Rehabilitation inszenieren. Für Ratner ist der Film ein „Erlösungsvehikel“. Für Melania Trump ist er das Instrument, um die Deutungshoheit über ihr Leben zurückzugewinnen. „Dieses Mal“, so suggeriert der Trailer, gibt es keine Zweifel mehr, wem sie ähnelt: nur sich selbst. Sie ist nicht mehr die Frau, die mit einem versteinerten „Reh-im-Scheinwerferlicht“-Blick bei der ersten Vereidigung stand. Sie ist die Regisseurin ihrer eigenen Wahrnehmung.
Kritiker wie die Regisseurin Julie Cohen, die selbst für Amazon gearbeitet hat, sprechen dem Werk daher jegliche journalistische oder künstlerische Integrität ab. Wenn das Subjekt der Dokumentation „direkte und kreative Kontrolle“ über den Inhalt hat, wird der Dokumentarfilm zur Dauerwerbesendung. Im Film sehen wir Melania Trump nicht als passives Anhängsel, sondern als „assertive Kraft“ im Leben ihres Mannes. Sie redigiert seine Reden, interveniert, wenn er sich nur als „Friedensstifter“ bezeichnen will, und besteht auf den Zusatz „und Vereiner“. Diese Szenen, unterlegt mit anschwellender Instrumentalmusik , sind sorgfältig komponierte Gegenentwürfe zur Realität der ersten Amtszeit, in der sie vor allem durch das berüchtigte „I REALLY DON’T CARE, DO U?“-Jackett in Erinnerung blieb.
Das Amt als Geschäftsmodell: Die Kommerzialisierung der First Lady
Was diesen Vorgang so präzedenzlos macht, ist nicht nur die propagandistische Natur des Werks, sondern die unverhohlene Kommerzialisierung des Amtes selbst. Es ist höchst ungewöhnlich, dass eine amtierende First Lady und ihre Familie derart direkt von einem Medienprodukt profitieren, während sie im Weißen Haus residieren. Experten wie die Historikerin Katherine Jellison weisen darauf hin, dass Präsidentenfamilien normalerweise tunlichst vermeiden, während ihrer Amtszeit externen Geschäften nachzugehen, um Interessenkonflikte auszuschließen. Doch bei den Trumps scheinen diese ethischen Schranken längst gefallen zu sein.
Melania Trump hat sich in den letzten Jahren konsequent als Marke positioniert. Was mit dem Verkauf von Schmuck und Hautpflegeprodukten begann , hat sich zu einem breit angelegten Geschäft mit ihrer Zeit als First Lady entwickelt – von ihren Memoiren, die zum Bestseller wurden , bis hin zu digitalen Sammlerstücken und Weihnachtsschmuck. Der Film ist der vorläufige Höhepunkt dieser Strategie. Sie nutzt die Plattform ihrer öffentlichen Rolle, um ein Produkt zu vermarkten, das wiederum ihre öffentliche Rolle stärken soll. „Meine Fans und die Leute würden gerne mehr von mir hören“, sagt sie selbstbewusst in einem Interview. Das Amt wird nicht als Dienst an der Öffentlichkeit verstanden, sondern als Bühne für eine globale Fangemeinde.
Dass Amazon MGM Studios die Dokumentation nach dem Kinostart exklusiv streamen wird, schließt den Kreis. Die Plattform profitiert von der Kontroverse und der Nähe zur Macht, die First Lady profitiert von der massiven Reichweite und der finanziellen Ausstattung, und der Bürger bleibt zurück mit der Frage, wo genau die Grenze zwischen staatlichem Handeln und privater Bereicherung verläuft. Wenn Melania Trump sagt, sie wolle „das Leben der Amerikaner beeinflussen“, dann scheint dies untrennbar mit dem Verkauf ihrer eigenen Geschichte verbunden zu sein.
„Let them eat cake“: Die Premiere im Schatten der Krise
Die Diskrepanz zwischen der glanzvollen Selbstfeier der Trumps und der Realität im Land könnte kaum größer sein. Der Zeitpunkt der privaten Filmvorführung im Weißen Haus hätte kaum unsensibler gewählt sein können. Nur wenige Stunden zuvor hatte ein Grenzschutzagent in Minneapolis den 37-jährigen Krankenpfleger Alex Pretti erschossen. Es war bereits der zweite tödliche Schusswaffeneinsatz von Bundesagenten gegen US-Bürger in diesem Monat, nach dem Tod von Renée Good. Während die Administration die Opfer als „inländische Terroristen“ brandmarkte und Ministerin Kristi L. Noem behauptete, friedliche Protestierende würden keine Waffen tragen , zeigten Videos ein anderes Bild und Demokraten sprachen von „Mord am helllichten Tag“.
Inmitten dieser aufgeheizten Stimmung, in der ein Government Shutdown drohte, weil Demokraten die Finanzierung des Heimatschutzministeriums blockieren wollten, und während ein Wintersturm über das Land zog, hielt der Präsident eine „Movie Night“ ab. Die Kritik ließ nicht auf sich warten. Alexandria Ocasio-Cortez brachte es auf den Punkt: „Was macht der Präsident? Er veranstaltet einen Filmabend. Er ist ungeeignet.“.
Diese Szenen erinnern fatal an historische Momente der Entrückung, an Herrscher, die den Kontakt zu ihrem Volk verloren haben. Während draußen die Menschen protestieren und um ihre Sicherheit fürchten, lassen sich die Trumps im Scheinwerferlicht feiern. Die Umbenennung des Kennedy Centers in „Trump Kennedy Center“ für die öffentliche Premiere setzt dem Ganzen die Krone auf. Es ist ein symbolischer Akt der Aneignung, der deutlich macht: Institutionen sind nur so lange wertvoll, wie sie den Namen des Herrschers tragen. Die Realität der Schüsse in Minneapolis und die Wut der Demonstranten verkommen dabei zu bloßem Hintergrundrauschen, das die perfekt inszenierte „Melania“-Show nicht stören darf.
Diplomatische Kollateralschäden: Der Fall Südafrika
Doch die Propagandamaschine stößt an ihre Grenzen, sobald sie den geschützten Raum der eigenen Anhängerschaft verlässt. Das zeigt sich nirgendwo deutlicher als im diplomatischen Debakel rund um den Filmstart in Südafrika. Eigentlich sollte „Melania“ auch dort in den Kinos anlaufen, doch der Verleih Filmfinity zog die Notbremse und sagte den Start kurzfristig ab. Offiziell sprach man vage von „jüngsten Entwicklungen“, doch der Kontext ist unmissverständlich politisch.
Die Beziehungen zwischen den USA und Südafrika sind auf einem Tiefpunkt, seit Präsident Trump falsche Behauptungen über einen angeblichen Genozid an der weißen Minderheit im Land verbreitete und Strafzölle verhängte. Was in Washington als innenpolitisches Manöver funktionieren mag, führt auf der globalen Bühne zu realen Verwerfungen. Südafrikanische Kinobetreiber erhielten wütende E-Mails von Kunden, und die Stimmung im Land ist derart anti-amerikanisch aufgeladen, dass ein Film, der die First Lady verherrlicht, schlicht nicht mehr vermittelbar ist.
Hier zeigt sich, wie „Soft Power“ in ihr Gegenteil verkehrt wird. Ein Kulturprodukt, das eigentlich das Image der USA (oder zumindest das der First Lady) aufpolieren soll, wird zum Symbol für die Arroganz und Ignoranz der Administration. Dass Amazon Millionen in das Marketing pumpt, hilft nicht, wenn die politische Botschaft als feindselig wahrgenommen wird. Der Film wird nicht als Unterhaltung konsumiert, sondern als Propaganda abgelehnt. Auch in Europa zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: In einem Multiplex im englischen York wurden für das gesamte Eröffnungswochenende gerade einmal sechs Tickets verkauft. Die Welt scheint nicht bereit zu sein, für die Trump-Show Eintritt zu zahlen.
Melanias Agenda 2.0: Zwischen Mythos und Realität
Was bleibt also, wenn man den Glanz der Premiere und den Lärm des Marketings beiseite schiebt? Wer ist Melania Trump in dieser zweiten Amtszeit wirklich? Der Film konzentriert sich auf die 20 Tage vor der Inauguration 2025 , zeigt ihren Sohn Barron, der inzwischen 19 Jahre alt ist und das College besucht, und suggeriert eine Frau, die endlich ihre Prioritäten ordnet.
Politisch versucht sie, sich Nischen zu suchen, die weniger kontrovers erscheinen, aber dennoch Wirkung entfalten. Sie setzt sich für den „Take It Down Act“ ein, der die Veröffentlichung intimer Bilder ohne Zustimmung kriminalisiert – ein Thema, das in Zeiten von Rachepornos und Deepfakes durchaus Relevanz hat. Sie schreibt Briefe an Wladimir Putin, um die Zusammenführung von durch den Krieg getrennten Kindern zu erreichen, eine Geste, die humanitär wirkt, aber angesichts der brutalen Realität des Konflikts auch naiv oder kalkuliert erscheinen kann.
Ihr Selbstbild als „Peacemaker und Unifier“ steht jedoch in krassem Widerspruch zur Politik ihres Mannes, der im Inneren wenig Neigung zeigt, das gespaltene Land zu vereinen. Während Melania im Film davon spricht, dass ihre Popularität ungebrochen sei und die Menschen mehr von ihr hören wollen, zeigen Umfragen ein differenzierteres Bild: Etwa vier von zehn Erwachsenen haben gar keine Meinung zu ihr oder kennen sie kaum. Sie bleibt ein Mysterium, und vielleicht ist genau das ihr größter Trumpf.
In einer Schlüsselszene des Trailers ruft sie ihren Mann an, um ihm zu gratulieren. Auf seine Frage, ob sie das Ereignis im Fernsehen verfolgt habe, antwortet sie trocken: „Ich werde es in den Nachrichten sehen“. Es ist dieser Moment, der vielleicht am ehrlichsten ist. Er zeigt eine Distanz, eine kühle Souveränität, die sich nicht von den Emotionen des Augenblicks mitreißen lässt. Melania Trump inszeniert sich als Beobachterin, die über den Dingen steht – selbst wenn sie mitten im Zentrum der Macht agiert.
Das neue Drehbuch der Macht
„Melania“ ist am Ende weniger ein Film für das Volk als vielmehr ein Artefakt für die Geschichtsbücher, geschrieben von den Siegern, solange sie noch an der Macht sind. Amazon hat nicht 75 Millionen Dollar gezahlt, um Kinotickets zu verkaufen. Der Konzern hat für den Zugang bezahlt, für die Normalisierung der Beziehungen zu einem Präsidenten, der Unternehmen ebenso schnell vernichten wie fördern kann. Und Melania Trump nutzt diese Plattform, um ihre Rolle als First Lady endgültig von den traditionellen Erwartungen zu lösen. Sie ist keine „Mutter der Nation“ mehr, sondern eine globale Marke, die ihre eigene Geschichte kontrolliert, monetarisiert und als Schutzschild gegen Kritik einsetzt.
Wenn im Abspann des Films der MGM-Löwe brüllt – nun ein „gefangenes Tier“ im Besitz von Amazon – dann ist das vielleicht die passendste Metapher für diesen ganzen Vorgang. Die wilden, unberechenbaren Kräfte der Politik und der Kunst sind gezähmt worden, eingespannt in den Dienst eines Narrativs, das keine Widerworte duldet. Wir sehen nicht die Realität. Wir sehen das, was Melania Trump uns sehen lassen will. Und während draußen der Sturm tobt und die politischen Gräben tiefer werden, läuft im Weißen Haus der Film weiter. „Here we go again“, in der Tat. Es ist eine Wiederaufführung, aber dieses Mal führt sie allein Regie, und der Preis für die Eintrittskarte ist höher, als wir vielleicht ahnen.


