
In diesen Tagen legt sich über das politische Berlin jener trügerische Glanz, den nur die Vorweihnachtszeit zu erzeugen vermag. Im Kanzleramt werden Hände geschüttelt, Schultern geklopft und diplomatische Formeln ausgetauscht, die wie Balsam auf den geschundenen Nerven einer kriegsmüden Öffentlichkeit wirken sollen. Friedrich Merz, der Bundeskanzler, spricht mit einer fast beschwörenden Zuversicht davon, dass ein Waffenstillstand „zum ersten Mal seit Kriegsausbruch vorstellbar“ sei. Donald Trump, der aus der Ferne die Fäden zieht, lässt verkünden, man sei einer Einigung „näher als je zuvor“. Es ist eine Inszenierung der Hoffnung, ein diplomatisches Krippenspiel, bei dem der Frieden pünktlich zum Fest als Geschenk unter den Baum gelegt werden soll.
Doch wer den Blick von den gut ausgeleuchteten Bühnen des Berliner Regierungsviertels abwendet und in die Dunkelheit der ukrainischen Winterrealität blickt, erkennt schnell, dass dieser vermeintliche Durchbruch auf einem Fundament aus Sand gebaut wird. Während in Berlin Papiere über Sicherheitsgarantien und eingefrorene Gelder kursieren, kämpft Kiew gegen den totalen Kollaps. Die Sirenen heulen weiter, und die Dunkelheit in den ukrainischen Wohnzimmern ist nicht besinnlich, sondern existenzbedrohend. Was uns hier als pragmatische Lösung verkauft wird – ein Deal zwischen erschöpften Europäern, transaktionalen Amerikanern und einer in die Ecke gedrängten Ukraine – trägt bereits jetzt den Keim des nächsten, womöglich noch verheerenderen Konflikts in sich. Wir erleben keinen Frieden, sondern die Architektonik einer gefährlichen Illusion.
Die „Platin“-Garantie und das Kleingedruckte der Macht
Im Zentrum der Berliner Verhandlungen steht ein Versprechen, das glänzt wie edles Metall, bei näherem Hinsehen jedoch schnell Rost ansetzen könnte. Die Rede ist von Sicherheitsgarantien für die Ukraine, die den ominösen „Artikel-5-Status“ der NATO spiegeln sollen, ohne formell eine Mitgliedschaft zu bedeuten. Es ist das politische Äquivalent zur Quadratur des Kreises: Kiew soll auf den NATO-Beitritt verzichten, im Gegenzug aber einen Schutzschirm erhalten, der so robust ist, dass Wladimir Putin es nie wieder wagen würde, die Grenze zu überschreiten.

US Politik Deep Dive: Der Podcast mit Alana & Ben
Die amerikanischen Unterhändler, Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und der Sondergesandte Steve Witkoff, haben ein Papier auf den Tisch gelegt, das US-Regierungskreise intern als „Platin“-Standard bezeichnen. Trump sei sogar bereit, diese Garantien vom US-Senat ratifizieren zu lassen, um ihnen maximale rechtliche Bindung zu verleihen. Das klingt nach einem historischen Durchbruch, nach einer unüberwindbaren Brandmauer gegen den russischen Imperialismus. Doch wie so oft im politischen Geschäft lauert die Wahrheit im Detail – oder vielmehr in dem, was nicht gesagt wird.
Denn während Washington Garantien auf Papier druckt, bleibt die physische Last der Abschreckung fast vollständig an Europa hängen. Trump hat unmissverständlich klargemacht: Es wird keine amerikanischen Bodentruppen in der Ukraine geben. Stattdessen soll eine „multinationale Truppe“, angeführt von europäischen Staaten, die Sicherheit vor Ort gewährleisten. Eine „Koalition der Willigen“ soll in der Ukraine operieren, den Luftraum sichern und die Häfen schützen. Die USA ziehen sich auf die Rolle des unterstützenden Logistikers und Aufklärers zurück, während europäische Soldaten im Fadenkreuz der russischen Artillerie stehen würden.
Es ist eine gewagte Wette auf die Zukunft. Europa, das bereits Mühe hat, seine eigenen Verteidigungsausgaben zu stemmen und dessen Rüstungsindustrie nur langsam hochfährt, soll zum Garanten eines Friedens werden, den Russland gar nicht will. Ursula von der Leyen spricht zwar blumig vom „Stahl-Stachelschwein“, zu dem die Ukraine werden müsse , und man plant eine ukrainische Friedensarmee von 800.000 Soldaten. Doch ob ein solches Konstrukt ohne die physische Präsenz der US-Army eine echte Abschreckungswirkung auf den Kreml entfaltet, ist mehr als fraglich. Es droht ein Szenario, in dem die USA den Ruhm des Friedensstifters einheimsen, während Europa das Risiko eines direkten Kriegseintritts schultert, sollte Putin die neuen Linien testen. Und dass er sie testen wird, daran zweifelt in Osteuropa niemand.
Der Preis des Schweigens: Das Donbass-Dilemma
Noch gravierender als die Frage der Garantien wiegt der Preis, den die Ukraine für dieses Papier zahlen soll. Die amerikanische Delegation drängt Kiew mit einer Härte, die an Erpressung grenzt, zu territorialen Zugeständnissen, die weit über den Status quo hinausgehen. Es geht nicht nur darum, den Verlust der bereits besetzten Gebiete faktisch zu akzeptieren. Die Forderung aus Washington und Moskau zielt darauf ab, dass die Ukraine auch jene Teile des Donbass aufgibt, die ihre Soldaten noch unter blutigen Opfern halten.
Wir sprechen hier von einem Gebiet, das etwa ein Viertel der Oblast Donezk umfasst. Doch es ist nicht einfach nur Land. Es ist der strategische Festungsgürtel der Ukraine. Städte wie Kostjantyniwka, Slowjansk und Kramatorsk sind keine bloßen Punkte auf der Karte, sondern zu Festungen ausgebaute Anhöhen, an denen sich die russische Armee seit Jahren die Zähne ausbeißt. Diese Positionen kampflos zu räumen, wie es der Druck der USA nahelegt, käme einer strategischen Selbstentwaffnung gleich.
Für Wolodymyr Selenskyj ist dies das ultimative Dilemma. Einerseits benötigt er die westlichen Sicherheitsgarantien, um das Überleben seines Staates zu sichern. Andererseits würde die Aufgabe dieser noch freien Gebiete nicht nur militärisch eine Flanke öffnen, die kaum mehr zu schließen wäre, sondern auch sein politisches Schicksal besiegeln. Eine Mehrheit der Ukrainer mag zähneknirschend den Verlust bereits besetzter Gebiete hinnehmen, doch die Abtretung von gehaltenem Territorium, von Städten, in denen ukrainische Flaggen wehen, lehnt die Bevölkerung strikt ab.
Es ist eine bittere Ironie: Um einen Frieden zu erhalten, der auf dem Papier Sicherheit verspricht, soll die Ukraine genau jene geografischen Vorteile aufgeben, die ihre physische Sicherheit garantieren. Der Plan sieht vor, dass sich Kiew auf Linien zurückzieht, die topografisch schwerer zu verteidigen sind, während Russland eine Atempause erhält, um seine Kräfte neu zu formieren. Friedrich Merz mag versprechen, den „Fehler von Minsk“ nicht zu wiederholen, doch genau das zeichnet sich ab: Ein Diktatfrieden, der den Aggressor belohnt und das Opfer schwächt, garniert mit Sicherheitsversprechen, deren Einlösung im Ernstfall ungewiss bleibt.
Cowboy-Diplomatie und die Trump-Connection
Dass dieser Friedensprozess einen so eigenartigen, fast geschäftsmäßigen Charakter trägt, liegt nicht zuletzt an den Akteuren, die ihn vorantreiben. Es sind nicht die erfahrenen Diplomaten des State Department, die hier die feinen Linien der Geopolitik ziehen. Stattdessen erleben wir den Einzug der „Cowboy-Diplomatie“. Jared Kushner und Steve Witkoff, Immobilienunternehmer und Vertraute Trumps, führen das Wort. Ihr Ansatz ist transaktional, geprägt von der Mentalität des New Yorker Immobilienmarktes: Alles ist verhandelbar, jeder hat seinen Preis, und Moral ist eine Variable, die man aus der Gleichung streichen kann, wenn sie dem Deal im Weg steht.
Dieser Stil, der Expertenwissen oft als hinderlichen Ballast betrachtet, führt zu gefährlichen Vereinfachungen. Man nähert sich einem jahrhundertealten Konflikt wie einer Firmenübernahme. Es mehren sich zudem die Hinweise, dass hinter dem Eifer der Trump-Gesandten mehr steckt als nur der Wunsch nach Frieden. Kritiker wie US-Senator Chris Murphy warnen offen davor, dass der vorliegende 28-Punkte-Plan weniger ein Friedensvertrag als vielmehr ein „Geschäftsabschluss“ sei, konzipiert, um das Umfeld von Trump zu bereichern.
Die Indizien sind beunruhigend. Es gibt Berichte über Investoren aus dem Trump-Orbit, die bereits ihre Fühler nach lukrativen Wiederaufbau-Projekten ausstrecken, nach Beteiligungen an russischen Gasprojekten und der Übernahme von Infrastruktur wie Nord Stream 2 – Geschäfte, die nur möglich werden, wenn die Sanktionen fallen. Auch die Krypto-Interessen der Trump-Familie scheinen eine Rolle zu spielen, während man im Hintergrund an einer Neuordnung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland arbeitet.
Wenn Diplomatie zum Business-Case verkommt, bleibt die strategische Weitsicht auf der Strecke. Diese Akteure denken in Quartalszahlen und Wahlergebnissen, nicht in den historischen Dimensionen europäischer Sicherheitsarchitektur. Für sie ist der Krieg ein „Asset“, das „distressed“ ist und saniert werden muss. Dass dabei die Souveränität einer Nation und die Prinzipien des Völkerrechts unter die Räder kommen, scheint als Kollateralschaden eingepreist zu sein. Es ist eine Politik der kurzen Wege und der schnellen Abschlüsse, die langfristig jedoch einen hohen Preis fordern wird – einen Preis, den nicht die Immobilienmakler in Florida zahlen werden, sondern die Menschen in der Ukraine und in Europa.
Der Raubzug der Gerechten: Europas Finanz-Poker
Während die Amerikaner die politischen Linien ziehen, soll Europa die Rechnung begleichen – und zwar mit einem Finanzinstrument, das an Kreativität kaum zu überbieten ist, aber auch immense Risiken birgt. Um die Ukraine in den kommenden zwei Jahren über Wasser zu halten und ihre Verteidigung zu finanzieren, will die EU auf die eingefrorenen russischen Vermögenswerte zugreifen. Wir sprechen hier von rund 210 Milliarden Euro, die größtenteils im belgischen Euroclear-System feststecken.
Der Plan klingt auf den ersten Blick genial: Man nutzt Putins Geld als Sicherheit für Kredite in Höhe von bis zu 90 Milliarden Euro. Ursula von der Leyen preist dieses Vorgehen als „absolut innovativ“. Doch hinter den Kulissen tobt ein Nervenkrieg. Belgien, das kleine Land, auf dessen Schultern diese titanische finanzielle Last ruht, blockiert und zögert. Die Regierung in Brüssel fürchtet nicht zu Unrecht die Rache des Kreml.
Russland hat den Plan bereits als „Diebstahl“ gebrandmarkt und die Rhetorik verschärft. Sergej Lawrow zieht groteske Vergleiche zum Nationalsozialismus , während die russische Zentralbank bereits Klage gegen Euroclear eingereicht hat. Die Sorge der Belgier – und vieler Finanzexperten – ist real: Ein solcher Zugriff auf staatliche Souveränvermögen ist ein Präzedenzfall, der das Vertrauen in den Euro als Reservewährung erschüttern könnte.
Es ist ein finanzpolitischer Hochseilakt ohne Netz. Die europäischen Kassen sind leer, die Schuldenbremsen angezogen. Der Zugriff auf das russische Geld ist der einzige Weg, die Ukraine weiter zu finanzieren, ohne den eigenen Wählern schmerzhafte Opfer abzuverlangen. Doch sollte das juristische Konstrukt wanken oder Russland mit Cyberattacken und Beschlagnahmungen westlicher Assets reagieren, könnte das Kartenhaus zusammenbrechen. Europa pokert hier mit seinem Ruf als sicherer Finanzhafen, getrieben von der Notwendigkeit, Stärke zu simulieren, wo die eigenen Ressourcen längst am Limit sind.
„Nein, Nein und nochmals Nein“: Die Moskauer Mauer
All diese Pläne, Garantien und Finanzkonstrukte leiden jedoch an einem fundamentalen Webfehler: Sie basieren auf der Annahme, dass Russland ein rationaler Partner sei, der an einer Einigung interessiert ist. Doch die Signale aus Moskau strafen den Optimismus in Berlin Lügen. Während Merz und Trump den Frieden beschwören, macht der Kreml unmissverständlich klar, dass er nicht gedenkt, von seinen maximalistischen Zielen abzurücken.
Der russische Vize-Außenminister Sergej Rjabkow formulierte es mit einer Brutalität, die keine Interpretationsspielräume lässt: Auf die Frage nach NATO-Truppen oder auch nur europäischen Sicherheitskräften in der Ukraine antwortete er mit einem dreifachen „Nein, nein und nochmals nein“. Für Moskau bleibt jede Form westlicher militärischer Präsenz auf ukrainischem Boden eine rote Linie, deren Überschreitung nicht toleriert wird.
Wladimir Putin hat kein Interesse an einem Kompromiss. Er sieht sich auf der Siegerstraße. Seine Armee rückt, wenn auch langsam, vor, und seine Rüstungsindustrie läuft auf Hochtouren. Warum sollte er einem Deal zustimmen, der seinen Vormarsch stoppt und die Ukraine durch westliche Garantien langfristig dem russischen Zugriff entzieht? Experten sind sich einig: Putin braucht keine Friedenslösung. Er setzt darauf, dass der Westen einknickt, dass die Unterstützung bröckelt und er seine Ziele militärisch erreichen kann.
Der Krieg tobt indes mit unverminderter Härte weiter. Russland feuert monatlich rund 5000 Langstrecken-Drohnen auf sein Nachbarland ab. Die Ukraine versucht verzweifelt, Stärke zu demonstrieren, etwa durch den ersten erfolgreichen Einsatz einer neuartigen Unterwasser-Drohne gegen ein russisches U-Boot im Schwarzen Meer. Doch diese Nadelstiche ändern nichts an der strategischen Asymmetrie. Während der Westen in Berlin verhandelt, schafft Russland Fakten am Boden. Die Diskrepanz zwischen der diplomatischen Wunschwelt und der militärischen Realität könnte kaum größer sein.
Winter als Waffe: Die humanitäre Sollbruchstelle
Vielleicht ist der größte Hebel, den Putin in der Hand hält, gar nicht seine Armee an der Front, sondern der Winter selbst. Russland führt einen systematischen Krieg gegen die zivile Infrastruktur der Ukraine, mit dem Ziel, das Land unbewohnbar zu machen. Die Angriffe auf das Stromnetz haben eine neue, perfide Qualität erreicht. Es geht nicht mehr nur um Stromausfälle; Russland versucht, das ukrainische Übertragungsnetz physisch zu zerschneiden und das Land in isolierte „Energie-Inseln“ zu zerlegen.
Die Folgen sind verheerend. In Kiew haben die Menschen teilweise bis zu 16 Stunden am Tag keinen Strom. Man stelle sich das vor: Hochhäuser ohne Aufzüge, in denen alte Menschen und Mütter mit Kindern im 15. Stock gefangen sind. Kühlschränke, die zu Brutstätten für Bakterien werden, weil der Strom ständig ausfällt. Es ist eine psychologische Folter. „Man lacht, um nicht zu weinen“, beschreibt eine junge Frau in Kiew ihre Gemütslage. Es ist der Versuch, Normalität zu simulieren, wo keine mehr ist.
Selenskyj hat die Verzweiflung erkannt und sogar einen „Energie-Waffenstillstand“ angeboten – ein Ende der Angriffe auf Raffinerien im Tausch gegen Ruhe für das ukrainische Stromnetz. Doch Moskau lehnte kalt ab. Der Kreml will keinen Waffenstillstand, er will die Kapitulation durch Kälte erzwingen. Diese humanitäre Katastrophe ist der dunkle Hintergrund, vor dem die Verhandlungen in Berlin stattfinden. Wenn Selenskyj dem Druck der USA nachgibt und schmerzhafte Kompromisse eingeht, dann nicht, weil er dem Frieden traut, sondern weil sein Volk friert und der Kollaps droht. Es ist Erpressung, getarnt als Diplomatie.
Fazit: Das Fundament für den nächsten Krieg
Wenn wir die Puzzleteile dieses „Berliner Friedens“ zusammensetzen, ergibt sich ein Bild, das mehr beunruhigt als beruhigt. Wir sehen einen Plan, der von transatlantischer Ungeduld und europäischer Hilflosigkeit getrieben ist, nicht von strategischer Weisheit. Wir sehen Sicherheitsgarantien, die im Ernstfall von einem militärisch schwachen Europa eingelöst werden müssten, während sich die USA zurückziehen. Wir sehen eine Ukraine, die gezwungen wird, ihre besten Verteidigungslinien aufzugeben, im Tausch gegen Versprechen, die schon einmal gebrochen wurden.
Ursula von der Leyen warnte kürzlich davor, dass ein Friedensabkommen nicht den „Nährboden für den nächsten Konflikt“ bereiten dürfe. Sie erinnerte an 2014, als ein schwaches Abkommen Russland nur Zeit gab, sich neu zu formieren. Doch genau dieser Fehler scheint sich nun, in weit größerem Maßstab, zu wiederholen.
Dieser Deal, sollte er so kommen, ist kein Frieden. Er ist eine Atempause für den Aggressor und eine Beruhigungspille für das westliche Gewissen. Er verschafft Donald Trump den schnellen PR-Sieg, den er braucht. Er verschafft Europa die Illusion, handlungsfähig zu sein. Aber er lässt die Ukraine in einer grauen Zone der Unsicherheit zurück, geschwächt, amputiert und abhängig vom guten Willen eines Nachbarn, der ihr Existenzrecht bestreitet. Wenn die Lichter in Berlin ausgehen und die Delegationen abgereist sind, wird die Kälte in der Ukraine bleiben. Und mit ihr die Gewissheit, dass dies nicht das Ende des Krieges war, sondern nur das Ende des Anfangs.


