
Von Kiew bis Washington tickt eine Uhr, deren Zeiger sich unerbittlich auf ein Datum zubewegen: Thanksgiving. Was in den USA ein Fest der Dankbarkeit ist, droht für die Ukraine zum Tag einer historischen Zäsur zu werden. Ein neuer, 28 Punkte umfassender Friedensplan der US-Administration liegt auf dem Tisch – nicht als Vorschlag, sondern als Ultimatum. Er zeichnet die Konturen einer Nachkriegsordnung, die weniger einem diplomatischen Kompromiss gleicht als einer geopolitischen Neuvermessung auf Kosten des Angegriffenen. Es ist, als würde man dabei zusehen, wie das Fundament der europäischen Sicherheitsarchitektur mit einem Vorschlaghammer bearbeitet wird, während die Architekten in Berlin und Paris vor verschlossenen Türen stehen. Der Plan, der aus dem direkten Umfeld von Donald Trump stammt, markiert eine radikale Abkehr von der bisherigen Doktrin der Unverbrüchlichkeit westlicher Unterstützung. Er ist ein Geschäftsvorschlag in der brutalen Sprache des Immobilienmarktes, übertragen auf das blutigste Schlachtfeld Europas seit 1945. Die Botschaft an Kiew ist unmissverständlich: Unterschrift oder Untergang. Wer nicht spurt, verliert die Unterstützung.

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Die Geografie der Kapitulation
Im Kern fordert der Plan von der Ukraine nichts Geringeres als die Amputation ihrer territorialen Integrität. Die geforderte de facto-Anerkennung der russischen Kontrolle über Donezk, Luhansk und die Krim ist diplomatisch verbrämter Realismus, der jedoch eine gefährliche Präzedenz schafft. Es ist nicht der Frieden, der hier skizziert wird, sondern die Legitimierung des Rechts des Stärkeren. Durch die Festschreibung dieser Gebietsverluste verschiebt sich das geopolitische Gleichgewicht dauerhaft zugunsten Moskaus. Russland hätte sein strategisches Ziel erreicht: den dauerhaften Zugriff auf das industrielle Herz der Ukraine und die Kontrolle über das Schwarze Meer via Krim. Die geplante Pufferzone, jener entmilitarisierte Streifen Land, der die Konfliktparteien trennen soll, wirkt dabei wie ein fragiles Pflaster auf einer klaffenden Wunde. Ohne die physische Präsenz von NATO-Truppen – die der Plan explizit ausschließt – bleibt diese Zone ein Vakuum. In der Geschichte der modernen Kriegsführung waren solche Zonen oft weniger Barrieren für Aggressoren als vielmehr Einladungen zum nächsten Vorstoß, sobald sich der politische Wind dreht. Wer soll diese Leere füllen? Wer soll garantieren, dass die Waffen schweigen, wenn die einzige Sprache, die der Kreml versteht, die der Stärke ist?
Der NATO-Traum zerplatzt
Noch gravierender als der Landverlust wiegt der Eingriff in die staatliche Souveränität der Zukunft. Der Plan verlangt von Kiew, den Verzicht auf eine NATO-Mitgliedschaft in der Verfassung zu verankern. Dies ist mehr als eine diplomatische Geste; es ist die Zementierung der Ukraine als geopolitisches Niemandsland, als Pufferstaat zwischen den Blöcken. Für die langfristige Sicherheitsarchitektur Europas hat dies fatale Konsequenzen. Die NATO-Grenze endet faktisch an der polnischen Ostgrenze, während die Ukraine in einer grauen Zone der Unsicherheit verbleibt. Das Versprechen, dass die NATO sich nicht weiter ausdehnen wird, ist ein direkter Kotau vor den russischen Vorkriegsforderungen. Es signalisiert, dass der Westen bereit ist, das Prinzip der freien Bündniswahl zu opfern, wenn der Preis für deren Verteidigung zu hoch erscheint. Die Ukraine wäre damit auf Jahrzehnte hinaus schutzlos den Launen ihres großen Nachbarn ausgeliefert, gefangen in einer Neutralität, die sie nicht gewählt hat, sondern die ihr diktiert wurde.
Eine Armee in Ketten
Militärstrategisch gleicht der Plan einer Zwangsjacke für die Verteidigungsfähigkeit Kiews. Die Begrenzung der ukrainischen Streitkräfte auf 600.000 Mann erscheint auf dem Papier als vertrauensbildende Maßnahme, entpuppt sich bei näherer Betrachtung jedoch als asymmetrisches Risiko. Während Kiew seine Wehrhaftigkeit deckeln muss, sieht der Plan keine vergleichbaren, verifizierbaren Abrüstungsschritte für die russische Föderation vor. Angesichts der unerschöpflichen menschlichen Ressourcen, die der Kreml in diesen Krieg geworfen hat, und der fortgesetzten Militarisierung der russischen Gesellschaft, ist eine Obergrenze für die ukrainische Armee eine existenzielle Gefahr. 600.000 Soldaten mögen viel klingen, doch für die Verteidigung einer Frontlinie, die sich über tausende Kilometer erstreckt, gegen einen Gegner, der Verluste rücksichtslos in Kauf nimmt, könnte dies im Ernstfall zu wenig sein. Es ist, als würde man einem Boxer vor dem nächsten Kampf eine Hand auf den Rücken binden und dies als Fair Play verkaufen. Die militärische Realität an der Front, wo ukrainische Einheiten bereits jetzt unter massivem Personalmangel leiden und strategisch wichtige Städte wie Pokrowsk zu fallen drohen, macht diese theoretische Obergrenze zu einer zynischen Pointe.
Die Einsamkeit der Europäer
Das Dröhnen der Stille aus Washington ist in den europäischen Hauptstädten ohrenbetäubend. Der Ausschluss der engsten Verbündeten – Deutschland, Frankreich, Großbritannien – aus dem Entstehungsprozess dieses Plans ist ein diplomatischer Affront von historischer Tragweite. Dass Kanzler Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer offenbar erst informiert wurden, als das Papier bereits Fakten geschaffen hatte, offenbart tiefe Risse im transatlantischen Bündnis. Es zeigt eine neue amerikanische Politik, die Europa nicht mehr als Partner auf Augenhöhe, sondern als landschaftliches Beiwerk betrachtet. Die Sicherheitsinteressen Berlins und Paris, für die eine stabile und souveräne Ukraine unverzichtbar ist, werden in einem bilateralen Deal zwischen Washington und Moskau schlicht übergangen. Europa steht am Spielfeldrand und sieht zu, wie über seine eigene Sicherheit verhandelt wird. Diese Ausgrenzung sendet ein verheerendes Signal der Schwäche an den Kreml: Der Westen spricht nicht mehr mit einer Stimme. Er zerfällt in einen deal-orientierten Hegemon und einen bedeutungslosen Chor europäischer Zuschauer.
Das Geschäft mit dem Wiederaufbau
Doch der Plan ist nicht nur geopolitische Strategie, er ist auch ein knallhartes Finanzgeschäft. Besonders augenfällig wird dies bei der Klausel zum Wiederaufbau. Ein internationaler Fonds, gespeist aus beschlagnahmten russischen Vermögenswerten, soll die Ukraine wiederaufbauen. Der Haken: Die USA beanspruchen 50 Prozent der möglichen Gewinne aus diesem Fonds für sich. Hier zeigt sich das wahre Gesicht der America First-Diplomatie. Der Wiederaufbau eines zerstörten Landes wird zur Renditequelle degradiert. Es ist eine ökonomische Interessenpolitik, die den moralischen Anspruch der westlichen Hilfe untergräbt. Die USA lassen sich ihre Führungsrolle bezahlen – direkt und in bar. Gleichzeitig soll Russland schrittweise wieder in die Weltwirtschaft integriert werden, bis hin zur Wiederaufnahme in den Kreis der G7, die dann wieder zur G8 würde. Dies sendet ein fatales Signal bezüglich der Wirksamkeit westlicher Sanktionen: Wer lange genug durchhält und brutal genug agiert, wird am Ende doch wieder an den Tisch der Mächtigen gebeten. Die wirtschaftliche Rehabilitation Moskaus würde die Opfer der letzten Jahre entwerten und den Preis für Aggression nachträglich senken.
Ein Präsident in der Zange
In Kiew trifft dieses Ultimatum auf einen Präsidenten, dessen politische Rüstung Risse bekommen hat. Wolodymyr Selenskyj steht mit dem Rücken zur Wand. Nicht nur die russischen Vorstöße im Donbass setzen ihm zu, sondern auch ein Feind im Inneren: Der Energo-Korruptionsskandal erschüttert das Vertrauen der Bevölkerung und der westlichen Partner gleichermaßen. Wenn Millionenbeträge im Energiesektor versickern, während an der Front die Munition fehlt, schwindet die moralische Autorität der Regierung. Dieser Skandal kommt für die US-Administration wie gerufen. Er schwächt Selenskyjs Verhandlungsmacht dramatisch. Wie soll ein Präsident, der im eigenen Haus aufräumen muss, einem globalen Diktat widerstehen? Die Drohung, die Hilfen einzustellen, trifft auf ein System, das ohne diese Infusionen kollabieren würde. Die innenpolitische Stabilität steht auf der Kippe. Würde Selenskyj einem Plan zustimmen, der ukrainisches Territorium als russisch abschreibt, droht ihm der Aufstand der Nationalisten und der Armee. Lehnt er ab, droht der finanzielle und militärische Kollaps durch den Entzug der US-Hilfe. Es ist ein unlösbares Dilemma, das den politischen Überlebenskünstler Selenskyj vor seine größte Prüfung stellt.
Die Illusion der Garantien und die geteilte Souveränität
Um die bittere Pille der Gebietsabtretungen zu versüßen, verspricht der Plan verlässliche Sicherheitsgarantien. Doch wie viel sind diese wert? Die Erinnerung an das Budapester Memorandum von 1994, in dem Russland, die USA und Großbritannien der Ukraine im Gegenzug für den Atomwaffenverzicht ihre Grenzen garantierten, wirkt wie ein böses Omen. Ohne konkrete Mechanismen – und vor allem ohne die physische Präsenz westlicher Truppen oder die automatische Beistandspflicht der NATO – bleiben diese Garantien Papierworte. Die Drohung, dass bei einem erneuten Angriff alle Sanktionen wieder in Kraft treten, dürfte im Kreml kaum Angstschweiß auslösen. Sanktionen haben den Krieg nicht verhindert und nicht beendet. Sie als primären Abschreckungsmechanismus zu verkaufen, ignoriert die Lehren der letzten drei Jahre. Es fehlt der Tripwire, der Stolperdraht in Form alliierter Soldaten, dessen Überschreiten direkte militärische Konsequenzen hätte. Ohne diesen bleibt die Ukraine in einer Sicherheitsarchitektur aus Glas, die beim nächsten Steinwurf zerspringen kann. Ein besonders bizarres Detail des Plans, das die Aushöhlung der Souveränität verdeutlicht, betrifft das Atomkraftwerk Saporischschja. Es soll unter die Kontrolle der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) gestellt werden, wobei der produzierte Strom zwischen der Ukraine und Russland aufgeteilt wird. Was wie ein technokratischer Kompromiss klingt, ist ein massiver Eingriff in die Energiesouveränität der Ukraine. Kiew müsste akzeptieren, dass ein Teil seiner kritischen Infrastruktur, auf eigenem Boden, den Aggressor mit Energie versorgt. Es ist eine Normalisierung des Diebstahls unter internationaler Aufsicht.
Der Schatten eines Diktatfriedens
In der Summe unterscheidet sich dieser US-Plan erschreckend wenig von den russischen Maximalforderungen zu Kriegsbeginn oder den Ergebnissen, die Moskau schon bei den gescheiterten Istanbuler Gesprächen 2022 anstrebte. Damals wie heute geht es um Neutralität, Entmilitarisierung und Landnahme. Der Unterschied ist: Jetzt kommt der Druck nicht aus Moskau, sondern aus Washington. Das Zeitultimatum bis Thanksgiving erfüllt dabei rein taktische Ziele. Es erzeugt einen künstlichen Handlungsdruck, der komplexe Abwägungen unmöglich macht und Gegner des Deals überrumpeln soll. Es ist die Taktik des Überfallkommandos: Unterschreib, bevor du nachdenken kannst. Die Einrichtung eines Friedensrates unter dem Vorsitz von Donald Trump, der die Einhaltung des Abkommens überwachen soll, setzt dem Ganzen die Krone auf. Der Frieden wird zur Marke, zum persönlichen Projekt eines Präsidenten, dessen Erfolg an der Unterschrift gemessen wird, nicht an der Gerechtigkeit oder Dauerhaftigkeit der Lösung.
Szenarien einer düsteren Zukunft
Sollte dieser Plan umgesetzt werden, steht auch der EU-Beitritt der Ukraine auf wackeligen Beinen. Zwar erlaubt das Papier den Beitritt, doch wie soll ein Land mit unklaren Grenzen, besetzten Gebieten und einer demilitarisierten Pufferzone in die Union integriert werden? Die territoriale Ungewissheit wäre ein ständiger Störfaktor, ein Einfallstor für Instabilität in die EU selbst. Welche Alternativen bleiben Kiew? Die Weigerung, zu unterzeichnen, käme einem Kamikaze-Akt gleich, solange Europa nicht bereit oder fähig ist, den Ausfall der US-Hilfe vollständig zu kompensieren. Doch die Zustimmung könnte das Land innerlich zerreißen. Die ukrainische Gesellschaft, die zehntausende Tote für die Freiheit und Integrität ihres Landes geopfert hat, wird einen solchen kalten Frieden kaum akzeptieren. Es droht eine Phase der inneren Unruhen, die das Land noch verwundbarer macht, als es der Krieg ohnehin schon getan hat. Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Dieser Plan beendet vielleicht das Sterben an der Front für den Moment, aber er sät die Drachensaat für zukünftige Konflikte. Er belohnt den Aggressor, demütigt das Opfer und degradiert die Verbündeten zu Statisten. Es ist ein Deal, kein Frieden. Und der Preis dafür wird nicht in Dollar gezahlt, sondern in der Währung der Freiheit und Sicherheit eines ganzen Kontinents.


