
Es ist ein stilles, beinahe unscheinbares Setting für ein historisches Novum. Im beschaulichen Chappaqua, einem ruhigen Vorort nördlich von New York City, versammeln sich Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses hinter verschlossenen Türen. Vor ihnen sitzt das einst mächtigste Paar der globalen Politik: Bill und Hillary Clinton. Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten wird ein ehemaliger Präsident dazu gezwungen, vor dem Kongress unter Eid auszusagen. Offiziell geht es um die unaufhaltsame Forderung nach Gerechtigkeit und Aufklärung im Fall des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein. Doch unter der Oberfläche dieses juristischen Vorgangs brodelt ein politisches Kalkül, das unweigerlich an die erbitterten Grabenkämpfe der neunziger Jahre erinnert. Es ist, als würde ein altes, toxisches Playbook der Republikaner neu aufgeschlagen – mit dem Ziel, die Dämonen der Vergangenheit für die politischen Kriege der Gegenwart zu instrumentalisieren.
Der beispiellose Präzedenzfall und der Kampf um die Zeugenaussage
Der Weg in das Kongresszentrum von Chappaqua war geprägt von einem monatelangen, erbitterten juristischen Tauziehen. Bereits im vergangenen Sommer hatte der von den Republikanern kontrollierte Aufsichtsausschuss (House Oversight Committee) Vorladungen gegen die Clintons erlassen. Das Ehepaar wies diese Aufforderungen zunächst als rechtlich nicht durchsetzbar und ungültig zurück. Stattdessen boten sie an, eidesstattliche schriftliche Erklärungen abzugeben – eine gängige Praxis in ähnlichen Verfahren, die der Ausschussvorsitzende, der Republikaner James Comer aus Kentucky, jedoch brüsk ablehnte.

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Erst als der Ausschuss im vergangenen Monat formell rechtliche Schritte einleitete und eine Strafverfolgung wegen Missachtung des Kongresses drohte, gaben die Clintons ihren Widerstand auf. Doch sie stellten eine Bedingung: Wenn sie aussagen müssen, dann in aller Öffentlichkeit. Die Republikaner verweigerten dies und bestanden auf einer geschlossenen Sitzung. Bill Clinton kommentierte diese Entscheidung mit scharfer Rhetorik und warf der republikanischen Partei vor, ein geheimes „Känguru-Gericht“ abzuhalten, weil sie schlichtweg Angst vor der öffentlichen Wahrheitsfindung habe. Ein solches Vorgehen, so Clinton, diene weder den Opfern Epsteins noch der Öffentlichkeit, sondern sei reine Parteipolitik.
Der Ausschussvorsitzende Comer bemühte sich derweil, den Anschein einer unvoreingenommenen Untersuchung zu wahren. Kurz vor Beginn der Anhörung betonte er ausdrücklich, dass zum jetzigen Zeitpunkt niemand den Clintons ein Fehlverhalten vorwerfe. Es gehe vielmehr darum, zu verstehen, wie Epstein seinen immensen Reichtum anhäufen konnte, wie er sich mit den mächtigsten Männern der Welt umgab und ob er möglicherweise als Agent für die amerikanische oder eine ausländische Regierung tätig war. Dennoch bleibt der schale Beigeschmack einer gezielten politischen Inszenierung.
Hillarys lebenslange Last: Die Frau an seiner Seite
Besonders drastisch offenbart sich die politische Dimension dieses Tribunals in der Vorladung von Hillary Clinton. Die ehemalige Außenministerin verbrachte den Auftakt der zweitägigen Anhörungen damit, unmissverständlich klarzustellen, dass sie keinerlei Kenntnis von den kriminellen Machenschaften Epsteins oder dessen Vertrauter Ghislaine Maxwell besaß. In einer vorab auf sozialen Medien geteilten Erklärung hielt sie fest, sie habe keine Ahnung von den kriminellen Aktivitäten gehabt und könne sich nicht einmal daran erinnern, Epstein jemals persönlich begegnet zu sein.
Die Faktenlage stützt diese Distanzierung: Der demokratische Abgeordnete James Walkinshaw fasste es prägnant zusammen, als er erklärte, es gebe „null, nullkommanull, nichts, nada“ an Hinweisen, dass die ehemalige Außenministerin von den Verbrechen wusste. Zwar taucht ihr Name in den umfangreichen Epstein-Akten über 700-mal auf, doch dabei handelt es sich fast ausschließlich um Zeitungsartikel über ihren Präsidentschaftswahlkampf 2016, die Epstein zugesandt wurden. Selbst als ein französischer Diplomat im Jahr 2013 versuchte, über Epstein ein diskretes Treffen zwischen dem damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy und Hillary Clinton zu arrangieren, musste Epstein passen – Treffen mit ihr seien nicht leicht diskret zu organisieren, antwortete er.
Die konstruierten Verbindungen, die die Republikaner anführen, wirken beinahe krampfhaft. Comer verweist auf einen Neffen von Maxwell, Alexander Djerassi, der 2008 für Clintons Kampagne und später im Außenministerium arbeitete. Clintons Anwälte stellten umgehend klar, dass sie von dieser Verwandtschaft schlichtweg nichts wusste. Eine weitere Verbindungslinie ist Maxwells bloße Anwesenheit bei Veranstaltungen der Clinton Foundation sowie bei der Hochzeit von Tochter Chelsea Clinton im Jahr 2010.
Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass Hillary Clinton – eine Frau, die acht Jahre im Senat diente, das Außenministerium leitete und zweimal für das höchste Amt im Staat kandidierte – mehr als drei Jahrzehnte später erneut auf die Anklagebank der öffentlichen Meinung gezerrt wird, um für die Bekanntschaften ihres Mannes geradezustehen. Die Szenerie erinnert unweigerlich an das Jahr 1992, als sie im Fernsehen neben ihrem Mann saß, um ihn nach den Enthüllungen von Gennifer Flowers zu verteidigen, und den berühmten Satz sprach, sie sei keine kleine Frau, die wie Tammy Wynette einfach nur zu ihrem Mann stehe. Für die Republikaner scheint die alte „Zwei-für-Einen“-Strategie aus den neunziger Jahren wieder attraktiv: Wer Bill treffen will, versucht stets auch, Hillary zu beschädigen.
Bill Clintons toxische Papierspur und die „Boobooitis“-Files
Während Hillary Clintons Vorladung wie ein politischer Reflex wirkt, offenbart der Blick auf Bill Clintons Verbindungen zu Jeffrey Epstein eine weitaus dunklere, toxischere Papierspur. Die Beziehungen reichen bis in die frühen neunziger Jahre zurück. Epstein spendete damals 1.000 US-Dollar für Clintons ersten Präsidentschaftswahlkampf und steuerte später 10.000 US-Dollar für die Renovierung des Weißen Hauses bei. Auch Hillary Clintons Senatskampagne unterstützte er 1999 mit 20.000 US-Dollar. In den neunziger Jahren war Epstein mehrfach zu Gast im Weißen Haus.
Besonders brisant wurde die Beziehung jedoch nach Clintons Amtszeit. In den Jahren 2002 und 2003 unternahm der ehemalige Präsident mindestens vier, womöglich mehr Reisen im Privatjet des Finanziers. Im Fokus des Ausschusses dürfte vor allem eine zehntägige Afrikareise im Jahr 2002 stehen. Einem FBI-Bericht zufolge befanden sich auf diesem Flug neben Clinton, Maxwell und Schauspielern auch „etwa vier junge Frauen im Alter von 20 bis 22 Jahren“ – darunter eine Masseuse, ein Model und eine Frau, die sich als Ballerina ausgab. Zu den sichergestellten Dokumenten aus Epsteins Nachlass gehört zudem eine gerahmte, handgeschriebene Dankesnotiz Clintons auf dem Briefpapier des Flugzeugs. Darin dankte der Ex-Präsident Epstein dafür, dass er dessen „privaten Raum“ in Beschlag nehmen durfte, da er erschöpft gewesen sei und der Menge habe entfliehen müssen.
Noch tiefer reicht die Verstrickung in das philanthropische Erbe der Clintons. Neu veröffentlichte Akten belegen, dass Ghislaine Maxwell im Jahr 2004 eine substantielle, zentrale Rolle beim Aufbau der Clinton Global Initiative (CGI) spielte. E-Mails zeigen, dass Maxwell tief in Budgetdiskussionen verwickelt war und eine Überweisung von einer Million US-Dollar an die Agentur Publicis für die Ausrichtung der Konferenz arrangierte. Epstein war über diese Zahlung im Bilde und wies Maxwell an: „Frag ihn, warum jetzt 1 Million und wohin das Geld geht“.
Begleitet wurde diese finanzielle und organisatorische Verflechtung von einem zutiefst unprofessionellen, geradezu anzüglichen E-Mail-Verkehr zwischen Maxwell und Clintons damaligem Top-Berater Doug Band. Im Jahr 2002 klagte Maxwell in einer Nachricht über ihre angebliche „Boobooitis“ – einen Zustand, der verzweifelte Rufe in die Nacht nach „Douglas“ auslöse. Band antwortete prompt, auch seine Krankheit nehme epische Ausmaße an, er werde aber sofort nach ihrer Ankunft in „Boobooville“ sein.
Zwar gibt es in all diesen tausenden Dokumenten keinen Beweis für eine strafbare Handlung des ehemaligen Präsidenten. Auch die Aussage der Klägerin Johanna Sjoberg, Epstein habe einmal angedeutet, Clinton möge Mädchen „jung“, ist juristisch kein Schuldbeweis. Dennoch zeichnen diese Fragmente das verheerende Bild eines Ex-Präsidenten, der sich in den Sphären des globalen Jetsets mit katastrophaler Urteilskraft umgab und dessen moralische Kompassnadel einmal mehr versagte.
Der Paradigmenwechsel der Demokraten und die globale Dimension
Die politische Landschaft hat sich jedoch gewandelt. Die Clintons können sich nicht mehr auf die bedingungslose, geschlossene Unterstützung ihrer Partei verlassen. Eine neue Generation demokratischer Politiker weigert sich, die ehemaligen Ikonen aus reiner Parteidisziplin zu verteidigen. Dieser Paradigmenwechsel zeigte sich deutlich im Abstimmungsverhalten: Neun Demokraten im Ausschuss schlossen sich den Republikanern an und stimmten für die Resolution, Bill Clinton wegen Missachtung des Kongresses zu belangen. Bei Hillary Clinton waren es immerhin noch drei demokratische Abweichler.
Der kalifornische Abgeordnete Robert Garcia, der ranghöchste Demokrat im Ausschuss, formulierte die neue Haltung schonungslos: Sowohl republikanische als auch demokratische Regierungen hätten in der Vergangenheit versagt, wenn es darum ging, den Überlebenden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen. Selbst Parteigrößen wie die ehemalige Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, stellten sich auf den Standpunkt, es sei völlig angemessen, jeden zu befragen, der mit Epstein in Verbindung stand. Es sei wichtig, so Pelosi, den Überlebenden zu glauben.
Dieser unaufhaltsame Drang nach Transparenz hat längst die Grenzen Washingtons überschritten. Die Veröffentlichung der Epstein-Akten entfaltet eine globale Sprengkraft. Erst in dieser Woche sah sich Børge Brende, der Präsident des Weltwirtschaftsforums (WEF), gezwungen, von seinem Posten zurückzutreten. Eine interne Überprüfung seiner Verbindungen zu Epstein – Dokumente zeigten gemeinsame Abendessen und Nachrichtenaustausche – hatte den Druck auf den ehemaligen norwegischen Außenminister unerträglich gemacht. Die Aufarbeitung des Epstein-Netzwerks duldet keine Tabus mehr, weder in Davos noch in Chappaqua.
Das Trump-Paradoxon und die verschwundenen Dokumente
Inmitten dieses Sturms operiert Donald Trump als eine treibende, aber zutiefst paradoxe Kraft. Der amtierende Präsident nutzte den Epstein-Skandal schon früh als politische Waffe. Bereits 2015, lange vor seiner ersten Präsidentschaft, befeuerte er bei einem Interview Gerüchte über Bill Clinton und dessen Verbindung zu Epsteins „berühmter Insel“. Fälschlicherweise behauptete Trump später, Clinton sei 28-mal auf dieser Insel gewesen. Im Jahr 2019 verbreitete Trump den Hashtag #ClintonBodyCount und insinuierte, die Clintons hätten den Mord an Epstein in seiner Gefängniszelle in Auftrag gegeben. Jüngst, im Jahr 2025, grub seine Kampagne sogar ein Video aus, das dem Ehepaar weitere Morde anhängen wollte. Trump zögerte auch nicht, Justizministerin Pam Bondi anzuweisen, gezielt Verbindungen von Demokraten zu Epstein zu untersuchen.
Doch Trumps Fixierung auf die Clintons gleicht einem Tanz auf dem Vulkan, denn seine eigene Vergangenheit ist untrennbar mit Epstein verwoben. Er flog selbst in dessen Flugzeug und pflegte eine jahrelange Bekanntschaft. Als Ghislaine Maxwell 2020 verhaftet wurde, schickte er ihr öffentlich die besten Wünsche („I just wish her well, frankly“). Aktuell sieht sich das Justizministerium gezwungen zu überprüfen, ob Dokumente unrechtmäßig zurückgehalten wurden. Presseberichte deuten darauf hin, dass in dem massiven Aktenberg Zusammenfassungen von FBI-Interviews mit einer Frau fehlen, die angibt, in den 1980er Jahren als Minderjährige sowohl von Epstein als auch von Trump sexuell missbraucht worden zu sein.
Diese drohende Gefahr für ihn selbst mag erklären, warum Trump plötzlich unerwartete Empathie für seine alten politischen Erzfeinde zeigt. Es störe ihn, dass jemand hinter Bill Clinton her sei, ließ er verlauten, und bezeichnete Hillary Clinton überraschend als „sehr fähige Frau“. Diese heuchlerische Milde steht in krassem Kontrast zu seinem sonstigen Umgang mit dem Justizapparat. Zeitgleich lässt sein FBI-Direktor Kash Patel dutzende Agenten entlassen, die an Ermittlungen gegen den Präsidenten beteiligt waren, etwa im Fall der gehorteten Geheimdokumente – ein Vorgang, den die FBI-Gewerkschaft als Bedrohung der nationalen Sicherheit einstuft.
Die Falle der Republikaner
Indem die Republikaner den ultimativen Eskalationsschritt wagten und die Clintons ins Kreuzverhör nahmen, könnten sie sich selbst eine historische Falle gestellt haben. Die Clintons sind kampferprobt („battle-tested“) und haben jahrzehntelange Erfahrung darin, politische Skandale zu überleben und gegen ihre Angreifer zu wenden. Als die Republikaner 1998 versuchten, Bill Clinton wegen der Lewinsky-Affäre aus dem Amt zu jagen, erlitten sie bei den Kongresswahlen eine schwere Niederlage, verloren fünf Sitze und ihr Sprecher Newt Gingrich musste zurücktreten. Clintons Zustimmungsraten stiegen damals auf historische 73 Prozent. Ähnlich erging es Hillary Clinton im Jahr 2015: Aus der elfstündigen, live übertragenen Befragung zum Bengasi-Anschlag ging sie politisch gestärkt hervor, während ihre Wahlkampfspenden in die Höhe schnellten.
Der moralische Anspruch des Ausschusses, Gesetze gegen Menschenhandel stärken zu wollen, wird zudem von der Realität Lügen gestraft: Unter der aktuellen republikanischen Führung entließ das Außenministerium 70 Prozent der Mitarbeiter des Büros zur Bekämpfung von Menschenhandel.
Das größte Risiko für die Republikaner ist jedoch der geschaffene Präzedenzfall. Wenn ein ehemaliger Präsident vor den Kongress zitiert werden kann, gibt es kein Halten mehr. Demokraten wie Robert Garcia fordern bereits offen: „Lasst uns Präsident Trump vor unseren Ausschuss holen, um die Fragen zu beantworten, die von den Überlebenden in diesem Land gestellt werden“.
In einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten Flugzeugträger im Nahen Osten verlegen, in indirekten Gesprächen mit dem Iran stehen und die amerikanische Bevölkerung laut aktuellen Umfragen dem amtierenden Präsidenten in Fragen der militärischen und außenpolitischen Urteilskraft massiv misstraut, wirkt die republikanische Fixierung auf die Sünden der neunziger Jahre wie eine groteske Flucht aus der Verantwortung. Der Ausschussvorsitzende Comer wollte die Clintons unbedingt vorführen. Doch wie ein ehemaliger Berater der Clintons treffend resümierte: Comer ist wie der Hund, der das Auto gefangen hat – und für den Hund geht das am Ende nie gut aus. Die Republikaner wollten die Vergangenheit auf die Anklagebank setzen, doch sie könnten damit ungewollt die Zukunft ihres eigenen Präsidenten diktiert haben.


