Aufstand im Central Valley: Wie ein progressiver Professor die republikanische Bastion stürzen will

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Im 22. Kongresswahlbezirk brechen die Demokraten mit ihrer zentristischen Tradition. Die Kürzung von Sozialhilfen bietet einem radikalen Herausforderer die Chance, den konservativen Amtsinhaber über existenzielle Sorgen der Wähler anzugreifen.

Vor dem nüchternen Zweckbau der öffentlichen Dienste des Kern County in Bakersfield bricht die politische Tradition des kalifornischen Central Valley auf. Rosie Kidwell, eine Wählerin aus dem Bezirk, diskutiert auf der Straße die harten finanziellen Einschnitte bei den Lebensmittelmarken, die ihre alternden Eltern akut bedrohen. Früher vertraute sie dem republikanischen Kongressabgeordneten David G. Valadao blind. Das ist vorbei. Nun plant sie, den progressiven Herausforderer Randy Villegas zu unterstützen. Und das, obwohl ihr seine politischen Ansichten eigentlich zu radikal erscheinen. Doch seine Herkunft aus der lokalen Arbeiterklasse wiegt für sie schwerer als politische Etiketten. Kidwells Sinneswandel ist symptomatisch für ein gewagtes politisches Experiment. Jahrelang versuchten die Demokraten, den tief verwurzelten Republikaner Valadao mit moderaten Kandidaten aus dem Amt zu drängen. Ein Abgeordneter der Staatsversammlung, der Sohn einer Gewerkschaftslegende und ein Stabschef des Senats scheiterten nacheinander mit dem Versuch, die Wechselwähler der politischen Mitte zu umgarnen. Jetzt wählt die Partei einen fundamental anderen Weg.

Eingebettet zwischen der kargen Diablo Range im Westen und den Gipfeln der Sierra Nevada im Osten, erstreckt sich der 22. Kongresswahlbezirk über eine gewaltige landwirtschaftliche Produktionszone. Auf Hunderten von Farmen werden hier Obst, Nüsse, Milchprodukte und Rinder erzeugt. Diese historische Wiege der amerikanischen Landarbeiterbewegung wird von mächtigen Agrarkonzernen dominiert, die den Takt bei Themen wie Wasserrechten, Zöllen und Arbeitsgesetzen vorgeben. Der massive Wohlstand der Konzerne prallt hier hart auf die Existenzängste der Arbeiter. Der Bezirk verzeichnet landesweit einen der höchsten Anteile an Latino-Wählern und weist einen deutlichen Registrierungsvorsprung für die Demokraten auf. Joe Biden gewann hier 2020 mit komfortablem Abstand. Dennoch konnte Valadao den Sitz 2020 hauchdünn zurückerobern und seine Führung 2024 sogar auf sieben Prozentpunkte ausbauen. Trump und Valadao profitierten von einer hochmotivierten konservativen Basis und von tief sitzenden wirtschaftlichen Abstiegsängsten. Trump bediente die Erzählung eines manipulierten Systems perfekt und griff die Sorgen der Latinos geschickt auf, während das demokratische Establishment den Wählern vergeblich eine florierende Wirtschaft predigte.

Valadao verkörpert die landwirtschaftliche DNA der Region. Geboren und aufgewachsen im Agrarzentrum Hanford, betreibt seine Familie zwei Milchviehbetriebe und baut Mandeln, Mais sowie Weizen an. Bevor er 2012 in den Kongress einzog, vertrat er die Region in der kalifornischen Staatsversammlung. Villegas hingegen lehrt Politikwissenschaft am College of the Sequoias – exakt jener Institution, an der auch Valadao einst studierte – und ist Mitinhaber der familiären Autowerkstatt. Seine Angriffsfläche findet der progressive Professor in einer fatalen Abstimmung des Jahres 2025. Valadao stimmte für den sogenannten „One Big Beautiful Bill“. Dieses Gesetz kürzte die staatliche Medicaid-Krankenversicherung und die Lebensmittelhilfe um eine Billion Dollar. In einem Bezirk, in dem 64 Prozent der Einwohner Medicaid beziehen und 26 Prozent auf staatliche Lebensmittelhilfe angewiesen sind, gleicht diese Entscheidung einem politischen Sprengsatz. Kein anderer republikanischer Wahlkreis verzeichnet eine derart hohe Abhängigkeit von diesen Sozialprogrammen. Villegas macht genau diesen Widerspruch zum Zentrum seiner Kampagne und fordert stattdessen eine allgemeine Krankenversicherung sowie flächendeckende Kinderbetreuung.

Das demokratische Establishment im Repräsentantenhaus versuchte zunächst mit aller Macht, den linken Aufsteiger zu verhindern. Die Wahlkampforganisation der Partei unterstützte in den Vorwahlen gezielt etablierte Kandidaten, darunter Villegas‘ direkten Konkurrenten Jasmeet Bains. Doch Villegas überstand diese parteiinterne Blockade. Er ist bundesweit einer von nur drei Herausforderern, denen dieses Kunststück gelang. Paradoxerweise half ihm dabei auch der politische Gegner. Der republikanische Congressional Leadership Fund pumpte Geld in seinen Vorwahlkampf, da die Konservativen einen radikalen Linken später für leichter besiegbar hielten. Dieser Plan könnte nach hinten losgehen. Inzwischen haben die demokratischen Führungsgremien eine scharfe Kehrtwende vollzogen und Villegas in ihre zentralen Förderprogramme integriert. Der House Majority PAC bereitet eine massive Fernsehwerbekampagne im Wert von 8 Millionen Dollar vor, deren Botschaft auf maximale Konfrontation gebürstet ist. Valadao verteuere das Leben. Villegas hingegen sorge für Entlastung. Er wusste, dass dieser strategische Schulterschluss entscheidend ist. Für Anna Elsasser, Sprecherin des DCCC, ist die Lage eindeutig: Valadao habe sich durch die Medicaid-Kürzungen extrem angreifbar gemacht.

Die Republikaner rüsten sich für eine beispiellose Schlammschlacht und nehmen Villegas‘ polarisierende Positionen ins Visier. Villegas‘ Kritik an Israel, dessen Vorgehen im Gazastreifen er als „Völkermordregime“ verurteilt, dient den Konservativen als Steilvorlage. Sie brandmarken ihn als gefährlichen „Sozialisten“ und bedienen sich der Rhetorik seines einstigen demokratischen Vorwahlgegners, der ihn „radikalen Randy“ nannte. Christian Martinez vom National Republican Congressional Committee wirft Villegas vor, er wolle staatliche Leistungen lieber für illegale Einwanderer sichern, als Medicaid für bedürftige Familien zu erhalten. Die Republikaner investieren ebenfalls knapp 8 Millionen Dollar in Werbespots für Valadao, im vollen Bewusstsein der historischen Gefahr. Bereits 2018 verlor Valadao seinen Sitz vorübergehend an einen Demokraten, und der Wahlbezirk wurde 2025 durch eine Reform leicht zugunsten der Demokraten verschoben. Villegas wischt die ideologischen Angriffe derweil kühl beiseite. Für die Wähler seien Begriffe wie Progressivismus oder Populismus völlig bedeutungslos. Es gehe nicht um rechts gegen links, so Villegas, sondern schlicht um ein „Wir gegen die“.

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