
Es gibt Momente in der Geschichte einer Supermacht, in denen die Masken der diplomatischen Konvention und der strategischen Zurückhaltung unwiderruflich fallen. Solche Augenblicke wirken wie ein Brennglas, das den psychologischen Zustand einer Führungselite schonungslos offenlegt. Die aktuelle amerikanische Kriegsführung gegen den Iran markiert exakt einen solchen Bruch. Der klassische amerikanische Militärgestus, so fehlerhaft er in der Vergangenheit auch gewesen sein mag, trug stets ein Korsett aus formalen, strategischen und moralischen Elementen. Als die Vereinigten Staaten im Jahr 2003 in den Irak einmarschierten, hüllten sie die Invasion, passend benannt als „Operation Iraqi Freedom“, noch in das Gewand einer erhofften Demokratisierung – dem Versuch eines militärisch erzwungenen Regimewechsels, der zumindest noch den Anschein ziviler Werte wahren wollte. Heute, unter der Führung von Pete Hegseth, weicht diese moralische Fassade einem vulgären, apokalyptischen Spektakel. Der Krieg wird nicht länger als tragische Notwendigkeit begriffen, sondern als ein rauschhaftes Ereignis inszeniert, das christlich-nationalistischen Fanatismus mit performativer toxischer Männlichkeit verschmilzt und die nackte Zerstörungslust als nationales Unterhaltungsprogramm feiert.
Der Krieg als sadistisches Spiel
Die Terminologie allein verrät den Geisteszustand der Planer: Der Angriffskrieg gegen den Iran firmiert unter dem Namen „Epic Fury“ – ein Titel, der weniger nach geopolitischer Strategie als nach der eskalativen Entfesselung destruktiver Gewalt klingt. Es ist eine Rhetorik, die sich nicht an das Völkerrecht klammert, sondern den Gegner mit einer beispiellosen Freude an der Gnadenlosigkeit vernichten will. Hegseth selbst tritt vor die Presse und verkündet die unbarmherzige Botschaft, dass Amerika vernichtend und „ohne Gnade“ gewinne. Die Feindesnation wird in den Briefings des Ministeriums nicht als komplexes geopolitisches Gebilde analysiert, sondern spöttisch auf das Niveau eines heillos überforderten Football-Teams reduziert, das nicht einmal mehr wisse, wie man sich im Huddle aufstellt oder Spielzüge ansagt.

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Es ist eine Arroganz der Macht, die blind macht für die Realität. Mit süffisantem Lächeln wird verkündet, der Iran sei bereits nach vier Tagen militärischer Operationen „Toast“. Doch was in dieser martialischen Pose völlig ausgeblendet wird, ist der Abgrund, der sich hinter dem Horizont des schnellen Triumphs auftut. Es fehlt jegliches Bewusstsein für die enormen Herausforderungen, die ein Konflikt mit einer Nation von 90 Millionen Einwohnern mit sich bringt, die an sieben andere Länder grenzt. Die potenziellen Folgen – von innerer Fragmentierung über humanitäre Katastrophen und eine gefährliche Insurrektion bis hin zur globalen wirtschaftlichen Zerrüttung – scheinen in der gedanklichen Welt dieses Feldzugs schlicht nicht zu existieren. Kriege, die triumphierend beginnen, enden selten wie geplant. Doch statt strategischer Weitsicht regiert die Häme. Man ergötzt sich vielmehr daran, auf den Gegner einzuschlagen, während er am Boden liegt, und deklariert dies mit kaum verhohlenem Stolz zur ultimativen Norm des legitimen Handelns. Traditionelle Verbündete, die angesichts solcher Gewaltanwendung moralische Bedenken äußern, werden derweil verhöhnt und als Perlen klammernde Zauderer abgetan.
Die Theologie der Vernichtung
Um diese beispiellose Entfesselung zu legitimieren, bedient man sich nicht der Sprache der Diplomatie, sondern eines endzeitlichen Sounds der eschatologischen Naherwartung. Die Rechtfertigung für die Bombardements speist sich direkt aus der Offenbarung des Johannes aus dem Neuen Testament. Die militärische Intervention wird zu einem kosmischen Drama von Vernichtung und Heilserwartung überhöht. In dieser düsteren Erzählung fungiert der amerikanische Präsident als eine von Jesus gesalbte Figur, deren Bestimmung es sei, im Iran das Signalfeuer zu entzünden, um das Armageddon auszulösen und die Wiederkunft Christi auf die Erde zu markieren.
Hier offenbart sich der Kern einer bedenklichen Zerstörungslust: Im entfachten Inferno soll der religiöse Feind, der Islamismus, durch das Christentum vernichtet werden. Es ist der alttestamentarische Gotteszorn, der sich nun in der Gestalt des US-Präsidenten Bahn bricht und unbarmherzig über das Unrecht richtet. Es überrascht in diesem Kontext wenig, dass der oberste Befehlshaber im Kriegsministerium eine Tätowierung trägt, die offen auf die Epoche der Kreuzzüge verweist. Diese brachiale religiöse Aufladung eines staatlichen Krieges hat das militärische Gefüge bereits tief erschüttert; über hundert offizielle Beschwerden aus den Reihen der Streitkräfte zeugen von dem tiefen Unbehagen gegenüber diesem heiligen Krieg. Die neutestamentliche Apokalypse wird hier nicht als Warnung verstanden, sondern von der MAGA-Bewegung als historische Entscheidungssituation instrumentalisiert: Man wartet nicht länger auf das rettende Eingreifen Gottes, sondern schreitet selbst zur vernichtenden Tat.
Der Kreuzzug gegen die zivile Ordnung
Kriege, so lehrt es die Geschichte, werden oft aus einer Position der innenpolitischen Schwäche vom Zaun gebrochen. Auch dieser Konflikt dient als gigantisches Ablenkungsmanöver von desaströsen Umfragewerten und einer Bevölkerung, die der einst verhassten „endlosen Kriege“ völlig überdrüssig ist. Um das Volk dennoch auf Entbehrungen und Verluste einzuschwören, wird der Krieg nach innen als erbarmungslose kulturelle Säuberungsaktion inszeniert. Das US-Militär soll von seinen zivilen Fesseln befreit werden.
Der symbolträchtige Akt, das Verteidigungsministerium per Dekret des Präsidenten wieder in ein „Kriegsministerium“ umzubenennen, war der Startschuss für diesen reaktionären Rollback. Es ist ein wütender Feldzug gegen die vermeintlich „woke“ Kultur, gegen das Dulden von trans Personen in Uniform, gegen den „toxischen ideologischen Müll“ von Diversitäts-Büros, Klimawandel-Fokus und „Typen in Kleidern“. Der Soldat soll wieder auf seine archaische Rolle reduziert werden: Er soll vor allem wieder ein Mann sein, ein Krieger, getrieben von „maximaler Tödlichkeit“ statt von „lauwarmer Legalität“.
In dieser hypermaskulinen Vision werden Drill-Sergeants ermutigt, Rekruten wieder physisch anzugehen; die gefürchteten „Shark Attacks“ in der Grundausbildung sollen zurückkehren, um das Militär wieder „beängstigend“ und unerbittlich zu machen. Kriege, die auf politische Korrektheit oder lästige Übungen in Demokratieaufbau Rücksicht nehmen, werden mit offener Verachtung gestraft; es herrschen keine „dummen Einsatzregeln“ mehr. In dieser Weltanschauung, die Foucault einst als ein „Träumen von Gesellschaft“ beschrieb, vollzieht sich die erhoffte Erlösung einzig und allein durch die destruktive Energie der kriegerischen Tat.
Der unernste Krieger und sein Narzissmus
Doch die Tragödie dieses martialischen Pathos liegt in seiner tiefen, performativen Unseriosität. Wer dem Tod vom Himmel herab applaudiert, offenbart gleichzeitig eine erschreckende Leichtfertigkeit im Umgang mit Macht. Es entbehrt nicht einer gewissen bizarren, beinahe surrealen Komik, wenn sensible militärische Angriffspläne versehentlich über einen simplen Messenger-Dienst an den Chefredakteur eines Magazins geleitet werden, oder wenn der höchste Kriegsbeamte des Landes in den sozialen Medien das Bild einer Zeichentrick-Schildkröte postet, die auf Narco-Terroristen zielt – garniert mit dem Kommentar, dies sei für die Weihnachts-Wunschliste.
Hinter der unerbittlichen harten Fassade verbirgt sich das Bild eines rastlosen, von inneren Dämonen getriebenen Charakters, der offen von seiner „schwierigen Vergangenheit“ spricht und mit Vorwürfen von finanziellem Missmanagement, Alkoholmissbrauch sowie sexuellem Fehlverhalten konfrontiert ist. Der krampfhafte Versuch, sich durch demonstrative Härte zu beweisen, wirkt wie das laute Kompensieren tiefer persönlicher Brüche. Hegseth hegt tiefe Ressentiments gegen das Militär, das ihn einst „ausgespuckt“ habe, und setzte sich in der Vergangenheit vehement für die Begnadigung von verurteilten Kriegsverbrechern und Blackwater-Söldnern ein, die irakische Zivilisten ermordet hatten.
Besonders verstörend ist in diesem Licht die spirituelle Nähe zu Figuren wie Douglas Wilson – einem christlich-nationalistischen Pastor, der sich selbst als Paleo-Konföderierten bezeichnet, das Frauenwahlrecht offen ablehnt und die sexuelle Unterwerfung der Frau als gottgegeben predigt, in der der Mann erobert und kolonisiert, während die Frau sich ergibt. Gleichzeitig sperrt sich der unbändige Narzissmus des US-Präsidenten ohnehin gegen die Vorstellung, er sei bloß das demütige Werkzeug eines höheren Glaubenssystems, was die Inszenierung als dienender Gotteskrieger umso abstruser erscheinen lässt.
Hollywood im Pentagon
Die amerikanische Bevölkerung soll diesen Krieg derweil nicht nur ertragen, sie soll ihn regelrecht konsumieren und genießen. Das Weiße Haus verwandelt den tödlichen Ernst des Gefechtsfeldes in ein zynisches, schnell geschnittenes Social-Media-Ereignis. Auf offiziellen Kanälen flimmern wilde Montagen über die Bildschirme: Echte Kommandozentralen und startende Bomber verschmelzen mit fiktionalen „Braveheart“-Szenen, unterlegt mit einem treibenden Beat, der das Gehirn gezielt überfordert und die Wahrnehmung vernebelt. Die feine Linie zwischen realem Pentagon-Material und Hollywood-Illusion kollabiert zu einer gefährlichen Hyperrealität.
Es ist das vulgäre Spektakel eines tyrannischen Mobbers. Wie auf einem brutalen Schulhof, wo die Menge elektrisiert den Schläger anfeuert, der sein Opfer am Boden demütigt, wird die Bevölkerung eingeladen, an der Dominanz und der gnadenlosen Entfesselung amerikanischer Macht genüsslich teilzuhaben. Wenn sich der Minister offen darüber beschwert, dass die tragischen Tode amerikanischer Soldaten die Titelseiten dominieren, wirft er der Presse vor, sie wolle den Präsidenten nur schlecht aussehen lassen; Kritiker seien ohnehin Leute, die gegen ihr eigenes Land fiebern. Es gibt keinen Raum mehr für kritische Reflexion oder Zögern; das Jagen und Töten wird zur kalten, präzisen Show, betrieben ohne jede Reue.
Der Verlust der militärischen Demut
Vergleicht man diese offene Blutlust mit der Haltung wahrhaft großer amerikanischer Kriegsführer, wird der eklatante moralische Verfall in den Schaltzentralen der Macht schmerzhaft deutlich. Dwight D. Eisenhower, der als Oberbefehlshaber die Alliierten durch das gigantische Inferno des Zweiten Weltkriegs führte, verabscheute den Krieg aus tiefster, ehrlicher Seele. Er verstand die Brutalität, die Sinnlosigkeit und die entsetzlichen menschlichen Kosten, weshalb er später als Präsident militärische Gewalt nur mit immenser, spürbarer Vorsicht einsetzte. Ebenso bewahrte sich Abraham Lincoln, der die Nation durch das beispiellose Blutvergießen des amerikanischen Bürgerkriegs steuerte, trotz der existenziellen Härte des Konflikts eine erstaunliche Großmut und ein tiefes, unerschütterliches Mitgefühl.
Diese historischen Ikonen waren widerwillige Krieger. Die Last der organisierten Gewalt wog schwer auf ihren Schultern und drohte sie beinahe zu erdrücken, doch sie fanden stets einen Weg, ihren Schmerz in Empathie zu kanalisieren. Sie bewiesen eindrucksvoll, dass man selbst in den dunkelsten Zeiten, in denen man junge Menschen in die Schlacht schickt, seine grundlegende Menschlichkeit nicht verlieren muss. Weder Lincoln noch Eisenhower ergötzten sich jemals am Leiden ihrer Feinde. Heute hingegen, im Ära von Hegseth, fehlt in den Korridoren der Macht jegliche Demut oder Ehrfurcht vor Fragen über Leben und Tod; die Instinkte sind ausschließlich und erbarmungslos auf reine Aggression gebürstet.
Der Kult der Zerstörung
Am Ende dieses apokalyptischen Aktivismus steht eine erschreckende Parallele zu den dunkelsten, längst vergangen geglaubten Kapiteln der europäischen Geschichte. Wenn die Gegenwart als so unhaltbar empfunden wird, dass keine zivile Reform sie mehr bessern kann, und nur noch die totale Zerstörung als Weg zur Heilung der Welt gepredigt wird, betritt man extrem gefährliches Terrain. Hegseths unverhohlene Preisung der ewigen Bombardierungen, die „Tod und Zerstörung vom Himmel“ bringen und das Zerschlagen des Gegners glorifizieren, lässt eine unheilvolle, tief verstörende Vitalität anklingen.
Es ist genau jene morbide Lebensenergie, die einst die spanischen Falangisten in den 1930er-Jahren in ihrem berüchtigten faschistischen Motto zusammenfassten: „Es lebe der Tod“. Man zelebriert die Destruktion, weil sie einem selbst jene trügerische Vitalität verleiht, die man zum Leben zu brauchen glaubt. Eine Supermacht, die ihre eigene Existenzberechtigung und Lebenskraft nur noch aus der absoluten Vernichtung des Anderen und dem Spektakel der Grausamkeit zieht, feiert am Ende nicht den strategischen Sieg, sondern unweigerlich das Ende ihrer eigenen moralischen Substanz.


