
Donald Trump feiert das Ende der US-Mission im Irak als historischen Befreiungsschlag nach zwei Jahrzehnten des Scheiterns. Doch während Washington den Abzug der letzten Soldaten als Sieg deklariert, hinterlassen die Vereinigten Staaten ein gewaltiges Vakuum, das der Erzrivale Iran mit über zweihunderttausend Milizionären mühelos ausfüllt. Zeitgleich liegen Amerikas Stützpunkte in der Golfregion nach monatelangem Raketenbeschuss in Trümmern. Was das Weiße Haus als Ende ewiger Kriege inszeniert, besiegelt in Wahrheit den sicherheitspolitischen Bankrott der Supermacht im Nahen Osten.
Es klang wie der finale Triumph über ein verhasstes Gespenst der jüngeren Geschichte. Vor jubelnden Zuhörern im Weißen Haus trat Donald Trump ans Rednerpult, um einen Schlussstrich unter Amerikas verlustreichstes Trauma seit Vietnam zu ziehen. Der Abzug der letzten Einheiten aus dem Irak sei geordnet vollzogen, das Land vom Terror befreit und eine unerträglich teure Irrfahrt durch die Hölle endlich ausgestanden. Doch hinter den polternden Worten verbirgt sich kein strategischer Weitblick, sondern das überhastete Ausweichen vor einer selbst geschaffenen Katastrophe.
Während die letzten 2.500 amerikanischen Soldaten ihre Posten räumten und das Hauptquartier der Anti-IS-Koalition von Erbil ins benachbarte Jordanien verlegt wurde, vollzieht sich im Schatten dieses Rückzugs eine tektonische Verschiebung. Washington verabschiedet sich nicht aus einer Position der Stärke, sondern kapituliert vor den Konsequenzen zweier Dekaden verfehlter Großmachtpolitik.

USA Politik Leicht Gemacht: Politik in den USA – einfach erklärt.
Das Erbe der Hybris: Ein 23-jähriger Trümmerhaufen
Der historische Sündenfall datiert auf das Frühjahr 2003, als eine Koalition der Willigen unter George W. Bush und Dick Cheney das Regime in Bagdad überrannte. Gestützt auf fabrizierte Geheimdienstberichte über Massenvernichtungswaffen sollte ein autoritärer Staat gewaltsam in eine westliche Musterdemokratie verwandelt werden. Der Diktator stürzte in wenigen Wochen, doch die Besatzungsbehörden zerstörten mit fahrlässiger Arroganz das Fundament des Landes.
Zivilverwalter Paul Bremer löste die 400.000 Mann starke irakische Armee und den gesamten Beamtenapparat per Dekret auf. Über Nacht fanden sich Hunderttausende gedemütigte Soldaten ohne Sold und gesellschaftliche Würde wieder – der ideale Nährboden für einen erbitterten sunnitischen Aufstand.
Die materielle und menschliche Bilanz dieser Hybris raubt jeden Atem: Bis zu 210.000 irakische Zivilisten bezahlten die Invasion mit ihrem Leben. 4.599 amerikanische Soldaten kehrten in Zinksärgen heim. Die Schandflecke von Abu Ghraib und das Massaker an Zivilisten in Haditha brannten sich unauslöschlich in das Gedächtnis der Region ein. Über 2,8 Billionen Dollar verschlang der Kriegseinsatz bis heute.
Schon Barack Obama versuchte 2011 einen Abzug, der das Land prompt dem Terror des Islamischen Staates auslieferte. 2014 kehrte das US-Militär an der Spitze einer internationalen Allianz zurück. Dass nun auch das deutsche Bundeswehr-Lager im kurdischen Erbil geräumt ist, markiert das ernüchternde Ende einer zwölfjährigen Mission, die zwar das Kalifat zerschlug, den Frieden jedoch niemals sichern konnte.
Triumph der Milizen: Bagdads erdrückende Schattenmacht
Die eigentlichen Erben dieses Abzugs tragen keine westlichen Uniformen, sondern die Insignien schiitischer Brigaden. Was einst als loser Aufstand gegen fremde Truppen begann, bildet heute unter dem Dach der Volksmobilmachungskräfte eine straff organisierte Streitmacht von über 200.000 Kämpfern. Finanziert aus der Staatskasse Bagdads, gehorchen diese Verbände bedingungslos den Befehlen aus Teheran. Sie stellen längst nicht mehr nur militärische Macht dar, sondern bilden das organisatorische Rückgrat des irakischen Staates. Schlüsselressorts wie das Innenministerium und der Polizeiapparat stehen fest unter Kontrolle proiranischer Parteien.
Iraks Premierminister Ali al-Zaidi, den Trump vor Kameras gönnerhaft als engen Freund rühmte, steht vor einer unlösbaren Mission. Al-Zaidis feierliches Versprechen, das Gesetz des Dschungels zu beenden und alle Waffen unter staatliche Disziplin zu zwingen, ist Makulatur. Das von Washington geforderte Ultimatum zur Entwaffnung der Milizen bis zum Abzugsstichtag musste Bagdad stillschweigend auf Mitte 2027 vertagen.
Die Kommandeure quittieren staatliche Vorgaben mit offener Verachtung. Kataib-Hisbollah-Führer Abu Mujahid al-Assaf drohte der Regierung unumwunden mit dem gewaltsamen Sturz, sollte sie amerikanische Sanktionen gegen Teheran umsetzen. Unter dem Jubelruf „Wir behalten euch nicht hier“ feierten bewaffnete Einheiten den US-Abzug auf Bagdads Straßen als eigenen Sieg über die Besatzer.
Zerbrochene Schutzschirme: Die verlassenen Partner im Norden
Nirgendwo trifft das Ende der westlichen Präsenz auf größere Bestürzung als in der autonomen Region Kurdistan. Seit den Neunzigerjahren galten die Kurden als treuester Sicherheitspartner Washingtons. Mit dem Abzug der verbliebenen Koalitionseinheiten aus Erbil verliert die Region ihren wichtigsten Schutzschirm: die amerikanischen Flugabwehrsysteme.
Über tausend Raketen- und Drohnenangriffe prasselten während der jüngsten Feindseligkeiten auf kurdisches Gebiet nieder. Die Führung in Erbil warnt vor einem schutzlosen Himmel. Sie fürchtet, nach dem Vorbild Nordsyriens zwischen den Ambitionen Bagdads und den Drohgebärden Teherans aufgerieben zu werden.
Gleichzeitig liegt die irakische Staatssouveränität an allen Flanken in Trümmern. Proiranische Milizen nutzten irakisches Territorium ungehindert als Abschussrampe für Angriffe gegen die saudische Ost-West-Pipeline, was vier Prozent des weltweiten Öltransports zeitweise lahmlegte. Israelische Kommandos operierten verdeckt von Wüstenposten aus, während türkische Verbände seit Jahren Grenzstreifen im Norden kontrollieren.
Washington verfügt kaum noch über diplomatische Hebel im Land. Das einzige Druckmittel, das der Supermacht bleibt, ist rein monetärer Natur: die Drohung, physische Dollar-Transporte einzufrieren, die aus irakischen Öleinnahmen über Konten der Federal Reserve nach Bagdad fließen.
Brennende Basen: Amerikas Überdehnung in der Golfregion
Trumps Beteuerung, die Ära kostspieliger Nahost-Interventionen beendet zu haben, wird am Persischen Golf von einer harten Realität eingeholt. Sieben Monate nach dem Beginn der Operation „Epic Fury“ – dem US-Angriffskrieg gegen Iran – kollabiert die bisherige Stationierungsdoktrin. Sämtliche Warnungen arabischer Partner, Teheran werde die Seewege sperren, hatte das Weiße Haus ignoriert. Die Folge ist eine anhaltende Strangulierung der Straße von Hormus, gegen die auch Gegenblockaden der US-Marine nichts ausrichten.
Weit folgenreicher sind die verheerenden Einschläge auf US-Stützpunkte. In Bahrain, dem jahrzehntelangen Hauptquartier der 5. Flotte und Anker amerikanischer Seemacht, zerstörten iranische Raketen Treibstoffdepots, Reparaturdocks und Führungszentralen. Über 1.500 Soldaten und Familienangehörige mussten in Panik evakuiert werden und ihr Hab und Gut zurücklassen.
Admiral Daryl Caudle stellte nüchtern fest: Eine Rückkehr ist auf absehbare Zeit ausgeschlossen. Zur Versorgung der Kriegsschiffe müssen die Streitkräfte auf den 3.500 Kilometer entfernten Stützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean ausweichen. Der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln kreuzte 250 Tage unter zermürbenden Bedingungen im Dauereinsatz, ehe er erschöpft nach San Diego beordert werden musste. Selbst erfahrene Strategen wie General David Petraeus fordern ein radikales Umdenken: Die bisherigen Stützpunkte sind militärisch nicht mehr zu verteidigen.
Teherans neue Ordnung: Ein Triumphzug mit östlicher Rückendeckung
Am Flughafen von Bagdad, an jener Stelle, an der die USA 2020 den Revolutionsgardisten Qasem Soleimani gezielt liquidierten, trat Irans Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf vor die Mikrofone: Die Widerstandsfront habe die Oberhand gewonnen. Teherans Kalkül geht auf. Tief in den Fels gegrabene Rüstungskomplexe schützten die Waffenfabriken vor Luftangriffen und ermöglichten es, Arsenale trotz schwerer Angriffe rasch wieder aufzufüllen.
Die beängstigende Treffsicherheit der iranischen Schläge auf US-Militäranlagen – wie die Zerstörung eines E-3-AWACS-Aufklärers in Saudi-Arabien oder der Angriff auf das jordanische Muwaffaq Salti – verdankt das Regime direkter Schützenhilfe aus Moskau und Peking. Russische Spionagesatelliten und Bilddaten chinesischer Firmen steuerten die Koordinaten bei. Moskau transferierte Gefechtserfahrungen aus dem Ukrainekrieg in iranische Drohnensysteme, während Peking elektronische Schlüsselkomponenten lieferte.
Die traditionellen Verbündeten am Golf ziehen daraus ihre Konsequenzen. Saudi-Arabiens Kronprinz verbot den US-Streitkräften die Nutzung des saudischen Luftraums für maritime Schutzoperationen und sucht Beistand in Ankara und Islamabad. Zwar betonen Diplomaten wie Anwar Gargash aus den Emiraten, dass die Präsenz der Supermacht formal essenziell bleibe. Doch die bittere Ironie ist offensichtlich: Washington schützt am Golf vor allem seine eigenen, schwer getroffenen Verbände, während seine Partner die Zeche für Trumps Eskalationen zahlen.
Zweiundzwanzig Jahre nach dem Fall von Bagdad schließt sich ein verhängnisvoller Kreis. Was als Feldzug zur Demonstration weltweiter Hegemonie begann, endet in der schleichenden Räumung des Nahen Ostens. Washington hinterlässt weder Stabilität noch Ordnung, sondern ein Machtgefüge, dessen Koordinaten fortan in Teheran, Moskau und Peking bestimmt werden. Trumps proklamierter Triumph ist in Wahrheit die Quittung für eine überdehnte Großmacht, die ihre eigenen Kriege nicht mehr gewinnen kann.


