Amerikas gespaltene Weihnacht: Wenn der Boom nur oben ankommt

Illustration: KI-generiert

Es ist eine Zeit der bizarren Widersprüche in den Vereinigten Staaten. Während an der Wall Street die Sektkorken knallen, kämpfen Millionen Amerikaner an der Ladenkasse um ihre Würde. Die US-Wirtschaft im Dezember 2025 gleicht nicht mehr einer Einheit, sondern einem Riss, der sich durch die Gesellschaft zieht – die sogenannte K-Kurve wird zum Symbol einer Ära, in der Prosperität und Prekariat so nah beieinanderliegen wie selten zuvor.

Es hat etwas fast Zynisches, wenn Politiker der regierenden Partei kurz vor dem Fest der Liebe eine einfache Botschaft an das Volk richten: „Entspannt euch.“. Speaker Mike Johnson und Vizepräsident JD Vance predigen Geduld und Gelassenheit, versichern, dass der Aufschwung unmittelbar bevorstehe. Doch für den Durchschnittsbürger, der im Supermarkt steht und überlegt, ob er sich das Weihnachtsessen noch leisten kann, klingen diese Worte nicht beruhigend, sondern wie Hohn. Die Diskrepanz zwischen der politischen Rhetorik aus Washington und der gelebten Realität in den Vororten von Pennsylvania oder den ländlichen Gebieten des Mittleren Westens könnte kaum größer sein.

Wir blicken auf eine Nation, die ökonomisch in zwei verschiedene Geschwindigkeiten zerfallen ist – eine Entwicklung, die Ökonomen treffend als „K-förmige Erholung“ bezeichnen. Der obere Arm des K zeigt steil nach oben: Wer Vermögenswerte besitzt, wer im KI-Sektor investiert ist oder Immobilien sein Eigen nennt, erlebt goldene Zeiten. Der untere Arm jedoch weist gnadenlos abwärts. Hier kämpfen untere und mittlere Einkommensschichten gegen eine Inflation, die sich hartnäckiger hält als jeder politische Slogan.

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Der Kampf um die Deutungshoheit: „Hoax“ gegen Realität

Im Zentrum dieses wirtschaftlichen Dramas steht Präsident Donald Trump, der sich in einem Dilemma befindet, das er selbst mit erschaffen hat. Einerseits möchte er die Lorbeeren für die Umgestaltung der US-Wirtschaft durch Zölle und Steuersenkungen ernten. Andererseits muss er erklären, warum die Preise weiterhin steigen, obwohl er versprochen hatte, die Inflation „am ersten Tag“ zu beenden. Seine Strategie ist ein narrativer Drahtseilakt: Er bezeichnet die Bezahlbarkeitskrise schlicht als „Hoax“, als einen Schwindel der Demokraten. Gleichzeitig reist er jedoch eilig nach Pennsylvania – in jenen Bundesstaat, den er nur knapp gewann und wo die Sorgen um Lebensmittelpreise besonders virulent sind –, um seinen Kampf gegen eben jene Inflation zu inszenieren, deren Existenz er anderswo leugnet.

Die Zahlen sprechen eine Sprache, die sich nicht als Täuschung abtun lässt. Die jährliche Inflation liegt bei 3 Prozent, ein Anstieg gegenüber dem Frühjahr, als Trumps umfassende Importzölle in Kraft traten. In Philadelphia stagniert die Wirtschaft, Neueinstellungen bleiben aus. Dass der Präsident in Kabinettssitzungen verkündet, man habe „die Inflation behoben und fast alles andere auch“, wirkt vor diesem Hintergrund wie eine Realitätsverweigerung. Es ist der Versuch, die gefühlte Wahrheit der Wähler durch eine alternative Realität zu überschreiben – ein Manöver, das Trumps ehemaliger Berater Stephen Moore ungewollt entlarvt, wenn er zugibt, dass Familienmitglieder wütend reagieren, wenn man ihnen vorrechnet, wie gut es ihnen eigentlich gehen müsste.

Die Anatomie des K: Luxusrausch und Discounter-Elend

Wie tief der Riss in der Gesellschaft ist, offenbarte sich exemplarisch am „Black Friday“. Auf den ersten Blick scheinen die Rekordumsätze von fast 12 Milliarden Dollar im Onlinehandel die These einer robusten Wirtschaft zu stützen. Doch wer tiefer blickt, erkennt das Muster der Spaltung. Ein Großteil des Umsatzwachstums ist schlicht der Inflation geschuldet – die Menschen kaufen nicht mehr, sie bezahlen nur mehr. Und während das Luxussegment floriert und wohlhabende Amerikaner trotz Preiserhöhungen Schmuck und Exklusivreisen buchen, herrscht am anderen Ende des Spektrums der Zwang zur Genügsamkeit.

Discounter wie Dollar General verzeichnen Rekordgewinne, weil immer mehr Menschen gezwungen sind, jeden Cent umzudrehen. Die Mittelschicht, einst das Rückgrat des amerikanischen Konsums, bröckelt. Das zeigt sich auch in den Strategien der großen Konzerne. Unternehmen wie Coca-Cola setzen auf eine „Premiumisierung“ für die Zahlungskräftigen und führen gleichzeitig Mini-Dosen für jene ein, deren Budget geschrumpft ist. Es ist eine Ökonomie der zwei Klassen, in der Best Buy-CEO Corie Barry feststellt, dass die oberen 40 Prozent der Konsumenten inzwischen zwei Drittel des gesamten Konsums bestreiten. Die untere Hälfte der Bevölkerung besitzt hingegen gerade einmal 1,1 Prozent des Aktienvermögens und profitiert somit nicht von der Rallye an den Märkten, die durch den Hype um Künstliche Intelligenz befeuert wird.

Die Zoll-Falle und das Märchen vom Industrie-Boom

Ein wesentlicher Treiber dieser Dynamik ist die aggressive Handelspolitik der Administration. Die durchschnittlichen US-Zölle sind von 2,4 Prozent im Januar auf 16,8 Prozent im November gestiegen – der höchste Wert seit den 1930er Jahren. Ökonomen und Märkte reagieren gleichermaßen nervös, denn diese Kosten werden, anders als in der politischen Rhetorik behauptet, an die Verbraucher weitergereicht. Das Versprechen, durch Protektionismus eine Renaissance der amerikanischen Fabriken einzuleiten, entpuppt sich bisher als Illusion.

Die verarbeitende Industrie schrumpft seit neun Monaten in Folge. Statt neuer Fabriken sehen wir sinkende Auftragszahlen und steigende Inputkosten. Selbst in der Landwirtschaft, traditionell eine Bastion republikanischer Wähler, herrscht Katerstimmung. Sojabauern blicken auf das dritte Verlustjahr in Folge , und die versprochenen Milliardenhilfen aus den Zolleinnahmen lassen auf sich warten. Die Frage, warum Landwirte überhaupt einen „Bailout“ benötigen, wenn Zölle doch angeblich so segensreich wirken, bleibt unbeantwortet. Es ist eine Politik, die Inflation importiert und Wachstum exportiert, wobei die Zeche jene zahlen, die am wenigsten Ausweichmöglichkeiten haben.

Blindflug im Nebel: Der Daten-Blackout und die Fed

Erschwerend kommt hinzu, dass die USA derzeit in einem statistischen Blindflug navigieren. Ein „Shutdown“ der Regierung hat die Erhebung essenzieller Wirtschaftsdaten verzögert oder ganz verhindert. Die Federal Reserve (Fed), deren Mandat es ist, Preisstabilität und Vollbeschäftigung zu sichern, muss Entscheidungen von enormer Tragweite treffen, ohne ein klares Bild der Lage zu haben.

Dieser Mangel an verlässlichen Daten ist brandgefährlich. Während offizielle Stellen noch von einer Arbeitslosenquote von 4,4 Prozent sprechen , senden private Datenanbieter wie ADP Warnsignale: Die Privatwirtschaft baute im November 32.000 Stellen ab. Besonders alarmierend ist, dass dieser Abbau vor allem kleine Unternehmen trifft – die „Mom-and-Pop“-Läden, die oft als Frühwarnsystem der Konjunktur gelten. Wenn die Fed nun, getrieben von politischen Druck oder veralteten Daten, die Zinsen zu früh senkt, riskiert sie, die Inflation erneut anzufachen oder eine Vermögenspreisblase weiter aufzupumpen, ohne der Realwirtschaft zu helfen. Senkt sie die Zinsen nicht, könnte der Arbeitsmarkt, der sich bereits abkühlt, vollends einbrechen.

Die stille Krise: Schulden, Pfändungen und der Verlust des amerikanischen Traums

Hinter den glänzenden Fassaden der Börsenindizes braut sich eine private Schuldenkrise zusammen, die beängstigende Parallelen zur Zeit vor der Finanzkrise 2008 aufweist. Die Kreditkartenschulden der Amerikaner haben mit 1,23 Billionen Dollar einen historischen Höchststand erreicht. Doch anders als damals sind es nicht die Hausbesitzer, die spekulieren, sondern Familien, die Kredite nutzen, um ihren Alltag zu finanzieren.

Besonders dramatisch ist die Lage auf dem Automarkt. Der Durchschnittspreis für einen Neuwagen hat die Marke von 50.000 Dollar durchbrochen, die monatliche Rate liegt bei unfassbaren 749 Dollar. Die Folge: Mehr als 2,2 Millionen Autos wurden in diesem Jahr bereits gepfändet, bis Jahresende könnten es über drei Millionen sein. In einem Land, in dem Mobilität oft Voraussetzung für Erwerbsarbeit ist, bedeutet der Verlust des Autos oft den Verlust des Jobs – ein Teufelskreis. Auch die Grundversorgung ist gefährdet: 14 Millionen Amerikaner sind mit ihren Strom- und Wasserrechnungen so weit im Rückstand, dass Inkassobüros eingeschaltet wurden.

Gleichzeitig greifen immer mehr Konsumenten auf „Buy Now, Pay Later“-Dienste zurück – ein klares Indiz für fehlende Liquidität. Das Sicherheitsnetz wird dünner, und das Auslaufen von Steuergutschriften für den Affordable Care Act droht, die Gesundheitskosten für Selbstversicherer in Pennsylvania um über 21 Prozent in die Höhe zu treiben. Dies sind reale Einkommensverluste, die keine Lohnerhöhung derzeit kompensieren kann.

Politische Ironie und das Risiko für die Republikaner

Politisch betrachtet entbehrt die Situation nicht einer gewissen Ironie. Trump, der seinen Wahlkampf darauf aufbaute, Bidens Wirtschaftspolitik für die Inflation verantwortlich zu machen, bedient sich nun fast exakt derselben Argumentationsmuster wie sein Vorgänger. Auch Biden sprach von „vorübergehenden“ Effekten und machte externe Faktoren verantwortlich. Nun hören wir von JD Vance, dass es „wahnwitzig“ sei zu erwarten, alle Probleme in zehn Monaten zu lösen. Analysten bezeichnen diese argumentative Pirouette treffend als „eerie“ (unheimlich) und „weird“ (seltsam).

Doch Wähler haben ein langes Gedächtnis, wenn es um ihren Geldbeutel geht. In Pennsylvania, einem Schlüsselstaat für jede nationale Wahl, geben 70 Prozent der Wähler an, „sehr besorgt“ über Lebensmittelpreise zu sein. Dass Trump hier nun versucht, das Ruder herumzureißen, zeigt, wie nervös die Partei mit Blick auf die kommenden Midterm-Wahlen ist. Wahlergebnisse in lokalen Rennen, wie etwa in Tennessee, wo der republikanische Vorsprung drastisch schmolz, sind erste Warnschüsse. Das Thema Bezahlbarkeit ist, so ein ehemaliger Biden-Berater, Trumps „Kryptonit“. Seine Anhänger mögen ihm kulturelle Fehltritte verzeihen, aber sie wissen genau, was ein Liter Milch kostet.

Fazit: Ein Tanz auf dem Vulkan

Die US-Wirtschaft im Dezember 2025 ist ein fragiles Gebilde. Sie wird derzeit fast ausschließlich vom Konsumrausch der oberen zehn Prozent und den Investitionen in künstliche Intelligenz getragen. Doch ein Wachstum, das auf einer so schmalen Basis steht, ist nicht nachhaltig. Wenn der „untere Arm“ des K weiter an Kaufkraft verliert, wenn die Zahlungsausfälle zunehmen und der Arbeitsmarkt für Geringverdiener wegbricht, wird dies zwangsläufig auch die Gewinne der Unternehmen treffen, die derzeit noch jubeln.

Die Strategie der Regierung, Probleme zu leugnen („Hoax“), symbolische Schecks zu versprechen, die nicht ankommen , oder irreale Lösungen wie 50-Jahres-Hypotheken ins Spiel zu bringen, wirkt hilflos gegen die strukturelle Wucht der Inflation. Sollte der Massenkonsum einbrechen, wird auch der Reichtum an der Spitze nicht immun sein. Dann könnte aus dem K sehr schnell ein L werden – eine lange Phase der Stagnation, für die es dann keine Ausreden mehr gibt.

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