
Es sind oft die scheinbar nebensächlichen Details, die den Beginn einer neuen, dunkleren Epoche ankündigen. Wenn man begreifen will, was sich tief im Inneren der amerikanischen Rechten vollzieht, muss man seinen Blick auf die Straßen von Chicago und Minneapolis richten. Dort vollzog Greg Bovino, ein leitender Beamter der US-Grenzschutzbehörde, bei chaotischen Razzien seinen Dienst in einer überaus bemerkenswerten Uniform. Er trug einen Mantel mit breitem Revers, verziert mit Messingknöpfen und Sternen entlang eines Ärmels – ein Kleidungsstück, das exakt so aussieht, als hätte man es in den 1930er Jahren einem Offizier der deutschen Wehrmacht von den Schultern gestreift.
Diese modische Entscheidung ist weit mehr als nur ein geschmackloses Rollenspiel eines Mannes, der Härte demonstrieren will. Sie ist das sichtbare Symptom einer schleichenden Normalisierung. Die faschistische Ästhetik zieht bis in die Bundesbehörden ein. Das US-Arbeitsministerium etwa hängte ein gigantisches Banner mit dem Gesicht von Donald Trump an seinem Hauptquartier auf, was unweigerlich an das Straßenbild von Berlin im Jahr 1936 erinnerte. Garniert wurde diese Inszenierung in den sozialen Medien mit Slogans wie „America is for Americans“ – einer kaum verhüllten Adaption der nationalsozialistischen Parole „Deutschland den Deutschen“ – und dem Schriftzug „Americanism Will Prevail“ in einer Typografie, die direkt aus Dokumenten des Dritten Reiches stammen könnte. Es ist, als würde man dabei zusehen, wie bei einem gigantischen Gefährt die Bremsen gelöst werden – und niemand in der Führungsebene der Republikanischen Partei scheint den Fuß auf das Pedal setzen zu wollen. Die Partei hat ein massives, unübersehbares Nazi-Problem.
Der intellektuelle Dammbruch: Wenn Elite-Denkfabriken einknicken
Wie tief diese Fäulnis bereits in das intellektuelle Fundament des Konservatismus eingedrungen ist, zeigt sich in den noblen Konferenzräumen Washingtons. Die Heritage Foundation, einst das unumstrittene intellektuelle Rückgrat der Republikaner, durchläuft eine beispiellose Metamorphose. Ihr Präsident, Kevin Roberts, hat die Organisation strategisch umpositioniert, um sie zur ideologischen Vorhut der MAGA-Bewegung zu machen.

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Der Lackmustest für diesen neuen Kurs offenbarte sich, als der ehemalige Fernsehmoderator Tucker Carlson dem weißen Nationalisten Nick Fuentes eine mehr als zweistündige Plattform bot. Fuentes ist ein Mann, der unumwunden seine Bewunderung für Adolf Hitler und den Massenmörder Josef Stalin äußert und vor dem „organisierten Judentum in Amerika“ warnt. Anstatt diese toxische Ideologie zu ächten, stellte sich Roberts schützend vor Carlson, bezeichnete ihn als engen Freund seiner Stiftung und attackierte die Kritiker als „giftige Koalition“ und Teil einer „globalistischen Klasse“.
Es formierte sich zwar Widerstand – alteingesessene Konservative wie Ted Cruz und Mitch McConnell verurteilten die Sympathien für Antisemiten scharf. Der angesehene Professor Robert P. George trat aus Protest sogar aus dem Kuratorium der Heritage Foundation zurück, da eine konservative Bewegung unmöglich Rassisten und Antisemiten beherbergen könne. Doch diese Stimmen wirken zunehmend wie Relikte einer vergangenen Ära. Der Damm ist längst gebrochen. Wenn die intellektuelle Elite einer Partei den Schulterschluss mit Holocaust-Relativierern wagt, verliert sie nicht nur ihre moralische Kompassnadel, sondern legitimiert den Extremismus für die breite Masse.
Die junge Garde und der leise Vormarsch der „Groypers“
Es scheint etwas zu knirschen zwischen den Generationen, ein Konflikt, der die Zukunft der Partei radikal neu zeichnet. Wer glaubt, der Flirt mit dem Faschismus sei das letzte Aufbäumen einer überalterten Wählerschaft, irrt gewaltig. Die Nachwuchskader zeigen ein Gesicht, das an Zynismus und Brutalität kaum zu überbieten ist. In einer aufgedeckten Telegram-Chatgruppe tauschten sich junge republikanische Funktionäre im Alter von 24 bis 35 Jahren völlig ungeniert aus. Sie fantasierten darüber, politische Gegner in Gaskammern zu stecken, bezeichneten Schwarze als Affen und „Wassermelonen-Menschen“ und sprachen davon, ihre Feinde zu vergewaltigen.
Die Reaktion der Parteispitze auf diese erschütternden Abgründe? Vizepräsident J. D. Vance zuckte schlicht mit den Schultern. Er tat die rassistischen und antisemitischen Ausbrüche erwachsener politischer Akteure als „dumme Scherze“ und „kantige“ Witze von „Kindern“ und „jungen Jungs“ ab, deren Leben man wegen eines Fehltritts nicht ruinieren dürfe. Diese kalkulierte Verharmlosung ist kein Versehen, sie ist Strategie. Vance weiß genau, wie abhängig die Partei von dieser radikalisierten Jugend ist. Insider schätzen, dass Anhänger von Nick Fuentes – die sich selbst „Groypers“ nennen – mittlerweile 30 bis 40 Prozent der jungen Generation von Mitarbeitern im Kongress und in der Regierung ausmachen.
Die tektonischen Platten verschieben sich. Unter den Republikanern, die älter als 65 Jahre sind, sympathisieren noch 79 Prozent stärker mit Israel als mit den Palästinensern. Bei den unter 44-Jährigen bricht diese Zustimmung auf magere 40 Prozent ein. Es wächst eine Generation heran, für die eiserne, menschenverachtende Prinzipien kein Tabu mehr sind, sondern ein politisches Versprechen.
Die Architektur der Heuchelei: Antisemitismus als politisches Werkzeug
Nirgendwo zeigt sich der moralische Bankrott drastischer als in der instrumentellen Nutzung des Antisemitismus. Die amtierende Führungsriege betreibt eine beispiellose politische Doppelmoral. Auf der einen Seite nutzt die Regierung den Vorwurf der Judenfeindlichkeit als scharfe Waffe gegen politische Gegner: Universitäten und Krankenhäusern wurden Fördermittel in Höhe von mindestens 4,5 Milliarden Dollar gestrichen und Strafen in dreistelliger Millionenhöhe auferlegt, unter dem Vorwand, sie würden Antisemitismus auf ihren Campussen tolerieren.
Auf der anderen Seite rollt man im eigenen Haus den roten Teppich für Extremisten aus. Donald Trump nominierte mit Paul Ingrassia einen Mann für ein hohes Amt, der offen mit seiner „Nazi-Ader“ prahlte. Als der Senat sich weigerte, diese Personalie zu bestätigen, beließ Trump ihn schlichtweg in einer Position als Verbindungsmann im Weißen Haus. Auch das Interview von Tucker Carlson mit dem Antisemiten Fuentes rechtfertigte der Präsident auf geradezu banale Weise: Carlson habe im Laufe der Jahre eben „gute Dinge“ über ihn gesagt. Loyalität zum Anführer übertrumpft jede zivilisatorische Grundregel.
Diese toxische Saat geht in der Wählerschaft auf. Eine erschreckende Umfrage belegt, wie weit die Enthemmung fortgeschritten ist: Fast die Hälfte der Befragten, die Trump unterstützen, gab an, dass sie einen Kandidaten auch dann noch wählen würden, wenn dieser öffentlich erklärt hätte, Adolf Hitler habe „einige gute Dinge“ getan. Der Kampf der Rechten gegen den Hass entpuppt sich als reine Inszenierung – eine hohle Phrase, die man nur dann bemüht, wenn sie dem politischen Gegner schadet.
Der Bürgerkrieg an der Basis: Ein Blick in die Wälder Idahos
Um die Mechanik dieser feindlichen Übernahme zu begreifen, muss man das Mikroskop auf die lokale Ebene richten. In Nord-Idaho, einer Region, die lange Zeit gegen ihr dunkles Erbe als Rückzugsort der militanten „Aryan Nations“ ankämpfte, wiederholt sich die Geschichte in neuem Gewand. Die weiße Vorherrschaft tritt hier nicht mehr in Nazi-Kluft im Wald auf, sondern trägt Anzug und sitzt in den Führungsgremien der lokalen Republikanischen Partei.
Ein erbitterter Kampf tobt um die Seele des Konservatismus. Traditionelle Republikaner versuchen verzweifelt, den Einfluss von Hardlinern wie Brent Regan, dem Vorsitzenden des lokalen Parteikomitees, zurückzudrängen. Regan schreckt nicht davor zurück, Figuren wie Dave Reilly zu unterstützen – einen rechten Propagandisten, der Holocaust-Revisionismus verbreitete und das Judentum als „Religion des Antichristen“ schmähte. Die Folgen dieses extremistischen Flächenbrandes sind für die Bevölkerung ganz real und schmerzhaft: Medizinisches Fachpersonal, angewidert und verängstigt von der radikalisierten Atmosphäre, flieht aus der Region. Das einzige Krankenhaus der Stadt Sandpoint musste bereits seine Geburtsstation schließen. Wenn Extremismus die kommunale Basis erobert, zerbricht die grundlegende Infrastruktur einer Zivilgesellschaft.
Echos aus der Dunkelheit: Die historischen Wurzeln des Hasses
Wer glaubt, dieser rasante Verfall sei ein völlig neues Phänomen, ignoriert die tiefen, historischen Wurzeln der Bewegung. Die Rhetorik der heutigen Wortführer gleicht bis aufs Haar den Publikationen amerikanischer Nazis aus den 1970er Jahren. Schon damals wetterte die faschistische „National Youth Alliance“ in ihrem Magazin ATTACK! gegen ein vermeintlich von Liberalen und Kommunisten unterwandertes FBI und ein weichgewordenes Militär. Man schürte panische Ängste vor einer bevorstehenden Konfiszierung aller Schusswaffen durch die Regierung. Heute hallt exakt dieses Vokabular durch rechte Podcasts, über Parteibühnen und durch die Hallen des Kongresses.
Wie konnte eine der großen Volksparteien Amerikas so anfällig für diese Geister der Vergangenheit werden? Der ehemalige Parteistratege Stuart Stevens benennt den Rassismus als die Erbsünde der modernen Republikaner. Alles begann mit Richard Nixons zynischer Kalkulation in den späten 1960er Jahren, enttäuschte, rassistische weiße Wähler aus dem Süden mit Rufen nach „Law and Order“ anzulocken. Diese bewusste Erweiterung des politischen Zeltes aus reiner Wahltaktik schuf dunkle, unbeobachtete Ecken, in denen verabscheuungswürdige Ideologien ungestört wuchern konnten. Heute ernten die Republikaner, was sie jahrzehntelang stillschweigend gesät haben.
Das Sterben der schützenden Mangroven
Was wir derzeit beobachten, ist der Kollaps des gesellschaftlichen Immunsystems. In funktionierenden Demokratien wirken ungeschriebene Normen und Anstand wie ein schützender Mangrovenwald, der die Wucht toxischer Flutwellen bricht und abwehrt. Werden diese moralischen Barrieren jedoch von den obersten Repräsentanten einer Gesellschaft eigenhändig abgeholzt, gibt es keinen Halt mehr.
Wir erleben eine grassierende Epidemie der moralischen Feigheit. Politiker, die es besser wissen müssten, schweigen aus Angst vor Wählerverlusten, anstatt klare rote Linien zu ziehen. Sie normalisieren das Unfassbare, um an der Macht zu bleiben. Doch wie der Theologe Dietrich Bonhoeffer einst angesichts des aufziehenden Terrors warnte: „Schweigen im Angesicht des Bösen ist selbst böse. […] Nicht zu sprechen ist Sprechen. Nicht zu handeln ist Handeln.“
Dass Möchtegern-Nazis heute wieder selbstbewusst durch die Hallen der Macht und die Straßen amerikanischer Städte patrouillieren, liegt einzig und allein daran, dass man ihnen das Gefühl gegeben hat, dort willkommen zu sein. Es ist eine historische Illusion zu glauben, man könne Extremisten als nützliche Idioten für die eigenen politischen Zwecke einspannen, ohne dabei selbst von ihnen verschlungen zu werden. Die einzige Antwort auf diesen Verfall kann nur die radikale gesellschaftliche Ächtung und die Bestrafung an der Wahlurne sein. Denn der braune Schatten, der sich über die Partei Lincolns gelegt hat, verdunkelt längst die gesamte amerikanische Idee.


