
Es ist eine Szene von beinahe shakespearescher Tragik, die sich in diesen Tagen im Kabinettsraum des Weißen Hauses abspielt. Während die Ministerrunde Donald Trump in hymnischen Tönen als größten Präsidenten aller Zeiten preist, kämpft der Gehuldigte selbst gegen einen profanen, aber unerbittlichen Gegner: die eigene Müdigkeit. Mitten in den Elogen seines Außenministers Marco Rubio fallen dem 79-jährigen Staatsoberhaupt die Augen zu. Der Mann, der die amerikanische Politik über ein Jahrzehnt lang mit seiner schieren physischen Präsenz dominierte, wirkt Ende 2025 seltsam entrückt, körperlich gezeichnet und weitgehend aus dem operativen Tagesgeschäft zurückgezogen.
Doch wer diesen Moment der Schwäche als Zeichen für eine Entspannung der politischen Lage deutet, unterliegt einem fatalen Irrtum. Denn während der König auf seinem Thron döst, haben die Architekten seiner Macht die Maschinen im Hintergrund längst auf Hochtouren laufen lassen. Die amerikanische Republik befindet sich in einem gefährlichen Paradoxon: Die MAGA-Bewegung ist im Inneren so zerstritten wie nie zuvor, droht an ihren ideologischen Widersprüchen zu zerreißen – und gerade deshalb treibt sie den autoritären Umbau des Staates mit einer noch nie dagewesenen Härte voran. Um die Risse im eigenen Fundament zu kitten, wird der Beton der Herrschaft nach außen hin dicker angerührt. Wir erleben den Übergang von einer populistischen Revolte hin zu einem System des kompetitiven Autoritarismus, in dem Wahlen zwar noch stattfinden, ihr Ausgang aber kaum mehr dem Zufall überlassen bleibt.

US Politik Deep Dive: Der Podcast mit Alana & Ben
Der Bürgerkrieg im Inneren: Wenn die Erben um die Krone kämpfen
Die physische Erosion der zentralen Führungsfigur hat ein Machtvakuum geschaffen, in das nun rivalisierende Fraktionen mit unverhohlener Aggressivität stoßen. Der MAGA-Bürgerkrieg, wie er von Beobachtern in Washington mittlerweile genannt wird, ist kein bloßes Scharmützel um Posten, sondern ein fundamentaler Kampf um die Seele der amerikanischen Rechten. Das einende Band – der gemeinsame Hass auf das liberale Establishment – ist brüchig geworden, nachdem die anfängliche Euphorie der Machtübernahme verflogen ist und die Realität des Regierens Einzug gehalten hat.
Auf der einen Seite stehen die Tech-Barone und Marktfundamentalisten, die den Staat nicht abschaffen, sondern ihn als Instrument für ihre libertären Visionen kapern wollen. Auf der anderen Seite formiert sich eine Allianz aus christlichen Nationalisten und einer neuen, radikalisierten Online-Rechten, den sogenannten Groypers unter der Führung des erst 27-jährigen Nick Fuentes. Diese Gruppe bricht mit den letzten Tabus des amerikanischen Konservatismus: Sie propagiert offenen Antisemitismus, fordert die Exekution von politischen Gegnern und kokettiert unverhohlen mit der Leugnung des Holocausts.
Inmitten dieses Sturms steht Vizepräsident JD Vance, der designierte Erbe, auf verlorenem Posten. Vance, politisch großgezogen von Tech-Milliardären wie Peter Thiel, versucht verzweifelt, die Brücke zwischen den Silicon-Valley-Interessen und der von Verschwörungstheorien getriebenen Basis zu schlagen. Doch ihm fehlt das Charisma Trumps, der es vermochte, widersprüchliche Lager allein durch seine Person zu integrieren. Vances Ehe mit einer Tochter indischer Einwanderer macht ihn in den Augen der rassistischen Groyper-Fraktion zur Zielscheibe; sie werfen ihm Rassenvermischung vor und sehen ihn als Teil jener Elite, die sie vernichten wollen. Dass Vance sich dennoch nicht klar von Extremisten wie Fuentes oder dessen medialem Schutzpatron Tucker Carlson distanziert, sondern stattdessen zur Einheit im Kampf gegen Links aufruft, offenbart seine strategische Schwäche: Wer heute die amerikanische Rechte anführen will, glaubt offenbar, sich moralische Grenzziehungen nicht mehr leisten zu können.
Die Normalisierung des Hasses: Ein Blick in den Abgrund
Wie tief die Erosion demokratischer Normen bereits fortgeschritten ist, zeigt sich nirgendwo deutlicher als in den Nachwuchsorganisationen der Partei. Bei den Young Republicans ist eine Kultur der Militanz eingekehrt, in der brachialer Rassismus, Sexismus und Homophobie nicht mehr als Verfehlungen gelten, sondern als mutiger Widerstand gegen den Mainstream zelebriert werden. Wenn interne Chatprotokolle offenbaren, dass politische Gegner in die Gaskammer gewünscht werden, ist dies kein Ausrutscher mehr, sondern Symptom einer Bewegung, die sich in einer permanenten Belagerungsmentalität wähnt. Für diese Generation ist Radikalität zur Währung geworden, und Figuren wie Nick Fuentes sind ihre neuen Ikonen.
Dieser interne Kampf um Deutungshoheit – darf Antisemitismus Teil der Staatsräson werden? – lähmt die Bewegung politisch, befeuert aber gleichzeitig ihre Aggressivität nach außen. Denn das einzige Mittel, das die verfeindeten Lager – von Marjorie Taylor Greene, der Stimme der Basis, bis zu den elitären Zirkeln um Tucker Carlson – noch einen kann, ist die Eskalation gegen einen gemeinsamen Feind. Und genau hier beginnt die Transformation der amerikanischen Demokratie in ein System, das eher an Viktor Orbáns Ungarn oder Erdoğans Türkei erinnert als an die Vision der Gründerväter.
Die Architektur der Permanenz: Der Plan für 2026
Während sich die Ideologen streiten, schaffen die Technokraten der Macht Fakten. Der Blick richtet sich auf die Zwischenwahlen im November 2026. Das Ziel ist nicht, diese Wahlen abzusagen – moderne Autokraten lieben Wahlen, solange das Ergebnis feststeht –, sondern das Spielfeld so zu manipulieren, dass eine Niederlage der Republikaner rechnerisch und faktisch unmöglich wird.
Donald Trump hat seinen Anhängern versprochen, das System so zu reparieren, dass sie nie wieder wählen müssen. Was wie eine rhetorische Übertreibung klingen mag, wird durch administrative Präzision zur Realität. Das Justizministerium, längst keine unabhängige Instanz mehr, sondern ein politisches Werkzeug, hat begonnen, potenzielle Gegner mit Ermittlungen zu überziehen. Prominente Kritiker wie Adam Schiff oder der ehemalige FBI-Direktor James Comey sehen sich mit Anklagen konfrontiert – eine klare Botschaft an jeden, der erwägt, sich dem Präsidenten in den Weg zu stellen: Der Preis für Opposition ist die eigene Freiheit.
Doch die Repression ist nur eine Säule. Die andere ist die Manipulation der Wahlinfrastruktur selbst. Durch aggressives Gerrymandering – den Neuzuschnitt von Wahlkreisen – und massive Einschränkungen des Wahlrechts in republikanisch dominierten Staaten wird das Wählerpotenzial der Demokraten systematisch entwertet. Es ist ein Spiel mit den Rändern: Da viele Bezirke ohnehin sicher sind, entscheiden wenige tausend Stimmen in einigen wenigen Swing Districts über die Mehrheit im Repräsentantenhaus. Und genau hier setzt die Exekutive den Hebel an.
Der lange Schatten der Bajonette
Besonders beunruhigend ist die schleichende Militarisierung des zivilen Raums. Entgegen der gesetzlichen Tradition, die den Einsatz des Militärs im Inneren streng reglementiert, nutzt die Trump-Administration rechtliche Grauzonen und Notstandsbefugnisse, um Uniformierte in die Städte zu bringen. Nationalgardisten patrouillieren in Washington D.C. und könnten bald auch in anderen demokratisch regierten Metropolen präsent sein – offiziell zur Verbrechensbekämpfung oder zum Schutz vor illegalen Einwanderern, faktisch jedoch als Instrument der Einschüchterung.
Die psychologische Wirkung von Soldaten in Wahlnähe darf nicht unterschätzt werden. Es muss gar nicht geschossen werden; die bloße Präsenz von Bewaffneten, gepaart mit der Rhetorik von Betrugsprävention, reicht aus, um die Wahlbeteiligung in bestimmten Bevölkerungsgruppen zu drücken. Sollte es zu Protesten kommen – und der Widerstand in den urbanen Zentren gegen Massendeportationen hat sich im Laufe des Jahres 2025 bereits verhärtet –, droht der Präsident mit dem Insurrection Act, einem Gesetz, das ihm den Einsatz von Bundestruppen gegen die eigene Bevölkerung erlauben würde.
Gleichzeitig wird das Narrativ des Wahlbetrugs präventiv munitioniert. Die Forderung nach der Abschaffung von Wahlmaschinen und der Rückkehr zu reinen Papierwahlzetteln dient nicht der Sicherheit, sondern der Schaffung von Chaos. Wenn Ergebnisse nicht den Erwartungen entsprechen, steht das Drehbuch bereit: Die Maschinen seien manipuliert, ausländische Hacker am Werk, die Briefwahl per se korrupt. Das Justizministerium fordert bereits jetzt Zugriff auf sensible Wählerdaten der Bundesstaaten, ein Manöver, das weniger der Aufklärung dient als der Konstruktion künftiger Betrugsvorwürfe.
Die letzte Verteidigungslinie: Der lokale Beamte
In diesem Szenario der totalen Politisierung verlagert sich die Frontlinie der Demokratieverteidigung auf die unterste Ebene: die lokalen Wahlvorstände und County Clerks. Hier zeigt sich die ganze Fragilität des dezentralen US-Wahlsystems. Was einst als Schutz vor zentraler Manipulation gedacht war – die Verteilung der Macht auf tausende kleine Bezirke –, erweist sich nun als Achillesferse. Denn die MAGA-Bewegung hat ihre Lektion aus dem Jahr 2020 gelernt: Damals scheiterten Versuche der Einflussnahme oft an der Integrität einzelner republikanischer Beamter, die sich weigerten, falsche Ergebnisse zu zertifizieren.
Diese Fehler wurden korrigiert. Systematisch wurden integre Beamte durch MAGA-Loyalisten ersetzt, oft nachdem die Amtsinhaber durch Drohungen, Doxxing und Belästigung zur Aufgabe gezwungen wurden. Wenn am Wahlabend 2026 das Phänomen der Red Mirage auftritt – also republikanische Kandidaten in den ersten Auszählungen führen, bevor die oft demokratisch tendierenden Briefwahlstimmen ausgezählt sind –, werden diese neuen Beamten bereitstehen, um die Auszählung zu stoppen oder die Zertifizierung zu verweigern. Unterstützt durch eine Flut von Klagen und medialem Dauerfeuer auf Plattformen wie Truth Social, könnte so das Ergebnis in den entscheidenden Bezirken im Sinne des Weißen Hauses korrigiert werden.
Fazit: Der Tanz auf dem Vulkan
Ende 2025 stehen die USA an einem historischen Kipppunkt. Das Scheitern der ursprünglichen Überwältigungsstrategie, die das System in den ersten 180 Tagen durch reine Geschwindigkeit brechen wollte, hat zu einer noch gefährlicheren Phase geführt. Der Widerstand der Zivilgesellschaft ist zwar wach, wie die Proteste in Chicago und die Wahlniederlagen der Republikaner in Staaten wie Virginia oder New Jersey zeigen. Doch genau diese demokratische Resilienz treibt die Machthaber zu immer drastischeren Mitteln.
Die Kontrolle über das Repräsentantenhaus ist für Donald Trump dabei mehr als nur eine Frage der politischen Gestaltungsmacht; sie ist seine Lebensversicherung gegen neue Amtsenthebungsverfahren und Untersuchungsausschüsse. In einer Partei, in der die Nachfolgekämpfe bereits toben und Loyalitäten nur noch so lange halten, wie sie nützlich sind, ist die institutionelle Absicherung der Macht überlebenswichtig.
Es ist ein Tanz auf dem Vulkan: Während im Palast die Intrigen spinnen und der König schwächelt, werden draußen die Mauern der Festung hochgezogen. Die Gefahr für die amerikanische Demokratie geht 2026 nicht mehr von einem spontanen Mob aus, der das Kapitol stürmt. Sie geht von einer bürokratischen Maschinerie aus, die gelernt hat, das Gesetz gegen den Rechtsstaat selbst zu wenden. Der kompetitive Autoritarismus braucht keine Panzer vor dem Parlament, wenn er die Regeln so schreibt, dass er nicht verlieren kann. Die Frage ist nicht mehr, ob das System angegriffen wird, sondern ob die verbliebenen Inseln der Integrität – lokale Gerichte, mutige Beamte und eine wachsame Öffentlichkeit – dem Druck dieses koordinierten Zangenangriffs standhalten können.


